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E_1929_Zeitung_Nr.094

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Ausgabe: Deutsche Schweiz. BERN, Freitag 1. November 1929 Nummer 20 Cts. 25. Jährgang. - N° 94 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozuschlag, sofern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 Rappen. Postcheck-Rechnung II1/414. Eidgenössischer Finanzhaushalt im Jahre 1930 Der eidgenössische Finanzkarren ist ausunserer Ansicht nach ein Ding der Unmöglichkeit ist, so sollte doch einmal im Bundes- der Defizitperiode herausgerissen. Während im Zeitraum von 1914—1927 das Defizit im haus der entschiedene Wille zum Ausdruck ordentlichen Verkehr auf 600 Millionen Franken anwuchs und die ausserordentlichen Aus- Einhalt zu gebieten. Es gilt nicht nur soziale kommen, den beständigen Zollerhöhungen gaben einschliesslich der Mobilisationskosten Löcher zu verstopfen, sondern lebendige auf 2,3 Milliarden Franken anschwollen, kann Quellen des Lebens zu erhalten. Dies um so erfreulicherweise hinter dieser Defizitperiode, mehr, als gerade wichtige Einnahmequellen, die: uns mit ausserordentlichen Steuerlasten diejenigen der Tabak- und Alkoholbesteuerung, dem eidgenössischen Finanzhaushalt beglückte, ein Schlussstrich gezogen werden. Wir wollen an diesem Orte nicht auf die entzogen wurden, um sie der Alters- und näheren Details des eidgenössischen Voranschlages für das Jahr 1930 eintreten. Die Was den Benzinzoll anbelangt, so haben Hinterlassenenversicherung zuzuführen. Staatsrechnung weist eine Bilanz von 383 sich unsere Erwartungen in vollstem Masse Millionen Franken auf, vorgesehen ist sogar erfüllt. Wenn er im Voranschag für das Jahr ein Einnahmeüberschuss von 110,000 Franken. Dieses günstige Resultat ist zweifellos wurde, so bedeutet dies jedenfalls eine viel 1930 auf 22,6 Millionen Franken angesetzt in allererster Linie der konstanten Erhöhung zu niedrig gegriffene Zahl. Der Benzinzoll der Zölle zuzuschreiben, wobei die Verminderung der Ausgaben des Bundes durch Millionen Franken einbringen. Hält die Ent- des Jahres 1929 dürfte zweifellos seine 30 Rationalisierungsmassnahmen eine gewisse wicklung des Automobilismus an, woran wir Rolle mitgespielt haben dürfte. Das Gesamtergebnis der Einfuhrzölle wird auf 211 Mil- diese Zahl im Jahre 1930 noch wesentlich zu zweifeln keinen Grund haben, so dürfte lionen Franken geschätzt, soll also gegenüber überschritten werden. Die Automobilisten, dem Vorjahre um 7 Millionen Franken höher zu stehen kommen. Von den statistischen Gebühren erwartet man 12 Millionen Franken und von der Stempelsteuer einen Betrag von rund 59 Millionen Franken. Es geht aus diesen wenigen Zahlen klar hervor, in welch hohem Masse unsere Volkswirtschaft durch indirekte Steuern belastet wird. Pflicht unserer verantwortlichen Organe ist es jedenfalls, darauf Bedacht zu nehmen, dass der bereits allzu straff gespannte Bogen nicht endlich einmal springt. In einem Augenblicke, da unsere freien Erwerbsschichten aus Handel, Industrie und Gewerbe mit der ausländischen Konkurrenz einen Kampf aufs Messer auszufechten haben, dürfen ihnen die Existenzbedingungen durch allzu harten Druck nicht noch erschwert werden. Es liegt dies im Interesse des Staates selbst, der seine ganze kulturelle und soziale Arbeit auf dem Rücken der freierwerbenden Volksschichten aufbaut und dessen ganzes Finanzsystem kläglich zusammenbrechen müsste, wenn Wirtschaftskrisen neuerdings unser Land heimsuchen sollten. Bundesrat und Bundesversammlung haben die Pflicht, nicht nur für den kontinuierlichen Abbau unserer Staatsschuld, sondern auch für die Existenzfähigkeit unserer Volkswirtschaft zu sorgen. Ohne einer vollständigen Niederlegung der Zölle das Wort sprechen zu wollen, was für unsere kleine Schweiz FEUILLETON Mörder Simplonexpress Und wenn es der Zufall will, dass man im Expresszug sitzt, dem das schauerliche Unglück begegnet, in Menschen hineinzufahren und sie wie Kotstücke in die Luft zu schleudern? Derartige Ereignisse gehören heute nicht mehr zu den Seltenheiten — und Erscheint jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe Liste" REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Telephon Bollwerk 39.84 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern sind für den Benzinzoll eingetreten, dagegen verlangen sie, dass er auch seinen richtigen Zwecken zugeführt werde. Die heutige Benzinzollverteilung kann in keiner Weise mehr befriedigen. In den Räten ist. nicht zu früh die Forderung nach einer neuen und besseren Benzinzollverteilung erhoben worden. Verschiedene Kantonsregierungen haben an den Bundesrat ihre Eingabe im gleichen Sinne eingereicht. Die verantwortliche Behörde der Eidgenossenschaft wird sich um diese Forderungen nicht herumdrücken können. Werden Handel und Industrie durch die Zollpolitik des Bundesrates in ihrem Existenzkampfe gehemmt, so darf wenigstens verlangt werden, dass ihnen anderseits durch günstige Verkehrsmöglichkeiten, durch ein gut ausgebautes Strassennetz in allen Teilen unseres Landes ein Aequivalent geschaffen werde. Die Kantone können dies von sich aus nicht, deshalb muss der Bund aus diesem Benzinzoll diejenigen Summen an die Kantone abtreten, die sie unbedingt zur modernen Herstellung ihres Strassennetzes benötigen. Die Hälfte des Benzinzolles ist jedenfalls das üusserste Minimum, das gegenwärtig die Kantone vom Bunde verlangen müssen. Es ist dies im Gegensatz zu mancher Millionensubvention ein Stück aktiver Finanzpolitik des Bundes, die ihm selbst reichlich Früchte eintragen dürfte. Denn was an die Strassen geleistet wird, ist nicht verlorenes Geld. Wir der Simplonexpress, der von Paris nach Koustantinopel rast, sieht auf seiner langen Reise gewiss manches, das einen zum Frieren bringen kann. Er ist und bleibt der sensationellste Zug des Erdteils. Einmal bleibt er weit hinten in der Türkei stecken vor einer weggerissenen Brücke — ein andermal fährt er in Serbien unten in eine Herde Kühe hinein oder stösst auf Gegenzüge — und in den vielen Ländern mit offenen Schranken streift er das Leben Tag und Nacht: der schöne, braune Luxuszug. Diesmal war ers nicht: doch der Express Lausanne-Mailand fährt auch seine neunzig Kilometer in der Schweiz und kümmert sich einen Pfifferling um die schönen Buchten, denen er am Genfersee folgen muss, noch um das Wallis, das er der Rhone entlang in drei Stunden durchlauft: die Brücken sind fest und die Weichen gesichert und so kann er rasen, zehn Mal des Tages Italien entgegen und zehn Mal an den Genfersee. Aber dan und wann geschieht doch etwas, während man im Abteil seine Zeitung liest oder die grandiose Hochgebirgsgegend vorüberziehen sieht: und heute geschah es, grauenerregend und blutig. Man hatte eben gezählt ... Schloss Chillon, das berühmte... unendliche Sicht auf das Blau des Genfersees. „. Leysin hoch oben, wo die Lungenkranken in den Tag sinnen... St. Maurice, Massaker der Thebaischen Legion... Martigny, Grosser St. Bernhard, Pass der Pässe seit den Römerzeiten... und dann: Weinberge, Weinberge, und immer wieder Weinberge und mitten drin das stolze Sitten mit den Burgen — und diese überragt von bläulich-dunstenden Gebirgen und auf einmal... ein ganz leises Geknirr... die wahnsinnig gedrehten Räder der elektrischen Maschine sprühen Feuer... die Gepäckstücke fallen... der Zug hält. Eine kleine Station ist da: St. Leonard, sie steht mitten in der Sonne des herbstlichen Sonntages — ein warmes Dorf dahinter, und Menschen wandern, die zum Sauserbummel wollen. Es ist genau Mittag. Und dann ein Gerenne weiss Gott wohin, Schreckensrufe und Schreie, Menschen bei der Maschine, wo man einen furchtbaren Frauenleichnam befreit. Das ist fast alles. Und dann fährt der Simplonzug weiter: Sierre, Lenk, Brig, Domodossola, Pallanza, Mailand. geben uns deshalb der angenehmen Hoffnung hin,- dass im kommenden Jahre die Neuordnung der Benzinzollverteilung keinen Aufschub erleide, sondern so rasch als möglich neu geregelt werden wird. Nicht nur der günstige Stand unseres Finanzhaushaltes, nicht nur die beständige Einnahmenerhöhung am Benzinzoll, sondern auch, und nicht in letzter Linie, die ausserordentlich wertvollen Dienste des Automobils als Hilfsmittel unseres Erwerbslebens berechtigen zu dieser Forderung. K. Haben wir am Unglücksfall von St. Leonard nicht genug? Wie wir dem «Independant» vom 29. Oktober entnehmen, hätte sich letzten Sonntag, um 14.20 Uhr, beim Niveauübergang von La Gläne eine ähnliche furchtbare Katastrophe wie diejenige von St. Leonard ereignen können. Dank der Geistesgegenwart eines Arbeiters in Freiburg, Namens Alphonse Kolly konnte ein Unglück vermieden und der «mörderischen» Barriere das Handwerk gelegt werden. Herr A. Kolly hörte in der Nähe des Bahnüberganges das Läutesignal. Er gab sich sofort darüber Rechenschaft, dass der Zug, welcher 14.25 in Freiburg ankommt, den Bahn- Nachher liest man in der Zeitung: «Fünf Personen tot. Bei St. Leonard, unweit von Sitten fuhr ein vollbesetztes Automobil in dem Augenblick auf die Geleise der Bundesbahnen, als der Schnellzug Lausanne-Mailand mit 90 Kilometer Geschwindigkeit daherfuhr. Der Zusammenprall war schrecklich. Drei Personen, darunter ein fast neugeborenes Kind, wurden in den Bergbach Lienne geworfen, furchtbar zermalmt, eine weitere Person wurde auf den Bahndamm geschleudert und die fünfte von der Lokomotive bis zur nahen Station geschleppt. Es handelte sich um eine Taufgesellschaft, die gerade aus der Kirche kam: Grossvater, Vater, Kind, Gattin und Hebamme. Als Ursache des Unglücks wurde festgestellt, dass INSERrlONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzellc ode* deren Kaum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentaril. Inseratcnschluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Übergänge endlich verschwinden und durch optische und akustische Signale der Strassenbenützer rechtzeitig auf das Herannahen der Züge aufmerksam gemacht werde. Glücklicherweise ist diese bahndienstliche Nachlässigkeit und Fahrlässigkeit diesmal ohne Unglück abgegangen. Schwere Menschenopfer konnten verhütet, die Bundesbahnen vor erneut schwerem Schaden verschont werden. Wäre dieser brave Arbeiter Kollyi mit seiner Geistesgegenwart nicht zufällig auf der Stelle gewesen, hätte im gleichen Moment ein schweres Lastauto die verhängnisvolle Stelle passiert, so stünden wir vieU leicht kurz nach St. Leonard vor einem noch grösseren Eisenbahnunglück, wobei mehr als nur fünf Menschenopfer zu beklagen wären. Die leitenden Organe der Bundesbahnen sind es dem Volke und sich selbst schuldig, dass für die absolut notwendige Remedur gesorgt und dass das System nicht weiter an den Pranger der Oeffentlichkeit gestellt wird. • Das kommende Automobilgesetz v*) Der dritte Teil des Bundesgesetzes über den Automobil- und Fahrradverkehr befasst sich mit den Vorschriften über die Fahrräder. Wir wollen den Behörden des schweizerischen Radfahrerbundes nicht vorgreifen und ihnen die Regelung der betreffenden Artikel und die Beantwortung der zugestellten Fragen gerne überlassen. Uns interessieren einzig Artikel 50, 51 und 52, die sich mit den Alarmapparaten, der Bremse, der Beleuchtung, der Geschwindigkeit und den Verkehrsvorschriften befassen. Uns scheint es selbstr verständlich zu sein, dass jedes Fahrrad mit einem Alarmapparat, mit einer rasch und sicher wirkenden Bremse und mit einem Schlusslicht versehen sei. Sofern das «Katzenauge» richtig angebracht ist, dürfte es für den Verkehr genügen. Da Verkehrsvorschriften nur dann einen Erfolg versprechen, wenn sie für alle gelten, so halten wir es als selbstverständlich, dass die Bestimmungen, welche den Automobilfahrern auferlegt werden, auch für die Radfahrer Gültigkeit finden. In den Art. 54 bis 62 sind die *) Siehe Nr. 83, 84, 85 und 89 der «Automobil- Revue ». den Simplon den südlichen Seen, den Palmen und Gondeln entgegenfahren: und hier geschieht es — wo alles Sinnen Hoffnung und lockende Ferne ist und das Leben doppelt schön erscheinen muss. In einem frischen Häuschen wartet die junge Mutter, dass man ihr Kind aus der Hand des Priesters zurückbringe — und es erscheint ein bleicher Beamter, der nicht wissen kann, wie er sagen soll: «das Kind ist tot — ein Unglück. Und der Mann ist auch tot. Und der Grossvater auch. Auch die Patin. Und die Hebamme lebt auch nicht mehr — sie liegen alle zermalmt auf dem Bahngeleise. Der Simplonzug kam doch gerade — und er mähte sie in einer halben Sekunde nieder.» Das alles ist dem schnellen Zug vor- die Schranke nicht geschlossen war. Dieausgeeilt: man will ihn jetzt sehen, diesen schuldlosen Mörder, und kommt an die Bahnhöfe — und man steht stumm da und schaut ihm lange nach. Wie sich die Räder wieder wahnsinnig drehen und wie die Stromabnehmer pfeifen! War das Land nicht eben noch weit und blau, waren die Berge fürchterliche Verantwortung hat den schuldigen Beamten halb wahnsinnig gemacht. Die Hebamme ist selber Mutter von elf Kindern ...» Die Tragödie wächst, ohne dass sich deren tatsächliche Umstände erweitern. Da ist ein heller Sonntag, eine Stunde mit Festesbewusstsein, mit sehnsüchtigen Bergen, mit • vielen farbig angetanen Menschen — ein Zug fährt durchs Land, ein Zug wie jeder andere und doch ein ganz anderer: einer mit weitem, blauem Ziel, mit grossen Namen auf seinen Schildern, mit Menschen endlich, die in Reisestimmung und Erwartung durch übergang in wenigen Sekunden passieren müsste. Die Barrieren waren jedoch offen, das Wärterhäuschen blieb geschlossen, niemand waT da, um die Barrieren zu schliessen. Da steltle sich Herr Kolly einige Meter von den Schienen auf, um während den schicksalsschweren Sekunden die Verkehrsregelung zu übernehmen. So gelang es ihm, ein Auto, das durch Herrn Eugene Crotti von Bulle geführt, und ein Motorrad, von einem Schüler Buman gelenkt, anzuhalten. Letzterer kam genau in dem Augenblick an die Schienen, da der Zug den Uebergang durchfahren müsste. Ohne die Geistesgegenwart des Herrn Kolly wäre die Katastrophe unvermeidlich gewesen. Sogleich wurde der Bahnhofvorstand von Freiburg über das Fehlen des Bahnwärters benachrichtigt. Die Untersuchung ergab, dass der Barrierenwärter sich in Urlaub befand. Sein Stellvertreter, ein pensionierter Arbeiter, war zu spät gekommen, um die Barrieren zu bedienen. Wie er erklärte, ging seine Uhr um einige Minuten zurück! Angesichts solcher Vorkommnisse wird man uns wirklich nicht mehr den Vorwurf der Demagogie ins Gesicht schleudern wollen, wenn wir erneut auf die unhaltbaren Zustände hinweisen und mit allem Nachdruck dafür eintreten, dass diese mörderischen Niveau- Strafbestimmungen festgelegt, die im seinerzeitigen Abstimmungskampfe nicht mit Unrecht teilweise sehr hart angegriffen wurden. Bei Uebertretung von Verkehrsvorschriften wurde eine Busse bis zu 200 Fr. stipuliert, bei Rückfall eine qualifizierte Ahndung von 10 Tagen Ge- nicht hell im Gipfelschnee, lachten die Weinhalden nicht? Das erscheint jetzt grau und tot. Und fuhr der Zug nicht in der Richtung Süden, mit viel Ferienmenschen — fuhr er nicht elegant und herrlich durch den festlichen Sonntag? Möge er hinfahren, wo er will: qualvoll ist die Gewalt der Schienen und der Drähte! (Nat-Ztg.)