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E_1929_Zeitung_Nr.095

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Ausgabe: Deutsche Schweiz. BERN, Dienstag 5. November 1929 Nummer 20 Cts. 25. Jährgang. — N° 95 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozuschlag, sofern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung II1/414. Telephon Bollwerk 39.84 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Schuld und Sühne Von Rechtsanwalt Dr. Der Tragödie zweiter Teil. Am 16. September 1925 endete mit dem Sturz in den Abgrund der erste Teil des grausigen Dramas an der FuTka, das mit dem Todesopfer von vier blühenden Menschenleben den Zenit erreicht hatte. Vier gute Freunde, die Ehegatten Dr. Grob, Frau Dr. Lichtenhahn und Dr. P. Plattner waren am Morgen frohen Mutes in Chur ausgezogen, um kurz nach Mittag unterhalb Belvedere an der Furka in den Tod zu gehen. Der Tragödie zweiter Teil aber setzte ein, als die Witwe von Dr. Plattner für sich und ihre zehn Kinder, von denen mittlerweile eines verstorben ist, gegen die verwaisten zwei Kinder der Eheleute Dr. Grob eine Klage anstrengte mit dem Rechtsbegehren, sie seien als Erben, gestützt auf Art. 41 ff. OR. zu verpflichten, den Klägern wegen des Verlustes ihres Versorgers eine Entschädigung im Gesamtbetrage von Fr. 130 000.— nebst 5 % Zins seit 1. Mai 1926, eventuell eine nach richterlichem Ermessen zu bestimmende Summe zu bezahlen. Schon vor erster Instanz wurde vom Gerichte ein Augenschein angeordnet, und es legte jede Partei ein Privatgutachten vor, Expertisen, die über die Frage des Verschuldens zu widersprechenden Resultaten gelangten. Der klägerische Sachverständige beiahte die Schuldfrage in der Hauptsache deshalb, weil Dr. Grob nicht die nötige Vorsicht prästiert und insbesondere die Wageninsassen nicht aufgefordert habe, im rechten Momente auszusteigen.. Der Experte der Beklagten gelangte umgekehrt in seinem Resume dahin, aus den Akten und den lokalen Verhältnissen würden sich keinerlei schlüssige Anhaltspunkte ergeben, dass Dr. Grob fahrtechnisch nicht auf der Höhe war, oder gar unvernünftig oder leichtfertig gehandelt habe. Die Möglichkeit des Unfallereignisses wurde vielmehr der falschen Anlage der Kurve, dem G. Brennwald, Zürich, verständigen und verneinte gleichfalls ein Verschulden des Wagenlenkers Dr. Grob. Das Bezirksgericht- Plessur als erste Instanz wies daraufhin die Klage in vollem Umfange kostenfällig ab, worauf die Beklagten auf dem Wege der Appellation an das Kantonsgericht von Graubünden gelangten. Dieses ordnete eine Oberexpertise an und bestellte als Oberexperten einen dem Postkursinspektorat der schweizerischen Postdirektion in Bern zugeteilten Ingenieur, unter Ablehnung des in Frage kommenden Ordinarius der eidg. technischen Hochschule. Auf dessen Gutachten hin, das konstatierte, dass Dr. Grob langsam um die Kurve fuhr und dabei sein Tempo noch verlangsamte, dass er durch die Anlage der Kurve getäuscht wurde, dass er von seinem Sitze aus den Abgrund nicht sehen konnte, dass er glaubte, genügend Abstand vom Strassenrand zu haben, dass er von den linkssitzenden Begleitern nicht gewarnt wurde, dass er vorsichtig fuhr, dass ein Rückwärtsfahren nicht in Betracht kam, dass er sicher schon früher angehalten hätte, falls ihm die tangentiale Lage des Wagens zum Bewusstsein gekommen wäre, dass ein überraschendes Moment: das Anfahren des lin-auslegt, dass damit die äusserste Thule der Urteile den Sorgfaltsbegriff deartig extensiv ken Vorderrades an den Wehrstein und das Interpretationsmöglichkeit zum mindesten erreicht, wenn nicht überschritten sein dürfte. dadurch bedingte Herumreissen der Steuerung nach links erfolgte, wobei der Randstein (Fortsetzung folgt.) nachgab und der Wagen ins Leere fuhr, hob die zweite Instanz das Urteil' auf, weil der Oberexperte in seinen Schlussfolgerungen von der « Verkettung und Aneinanderreihung von ungeeigneten Massnahmen durch den Fahrer » sprach, der « vom Moment des Einfahrens in die Kurve nicht mehr Herr der Situation und nicht Meister über seine Handlungen » war. Diese Schlusskonklusionen stehen, wie ich auch vor Bundesgericht ausführte, in einem logischen Widerspruche zum Gutachten selbst. Man kann natürlich primär nicht sagen, « die Ursachen des Unfalles kön- nicht genau festgestellt werden» und dadurch bedingten Irrtum sowie dem man-negelhaften Unterhalt der losen Strassenböschung, vor allem aber den gänzlich ungenü- Sicherheit anzunehmen, wie der Automobil- weiter behaupten, « noch' viel weniger ist mit genden Sicherungen zugeschrieben. unfall sich tatsächlich zugetragen hat» und Der vom Gericht bestellte offizielle Experte bekannte sich in einem Haupt- und zeugung, dass das Unglück nur möglich war nachher sagen, «ich komme zu der Ueber- Nachtragsgutachten im grossen und ganzen durch die Verkettung und Aneinanderreihung zu der Auffassung des beklagtischen Sach- von ungeeigneten Massnahmen durch den Fahrer ». Was man absolut nicht weiss, da- *) Virl. Automobil-Revue 1925, Nr. 62. ' 1 Nachtfahrt. Sowie es dunkel ist, geht mit dem Wagen eine unerklärliche Veränderung vor. Wir haben bisher seinem halbtiefen Brummen zugehört; er beginnt es einzustellen und dafür steigt von der Strasse auf ein kühles Rauschen. Das Fahrzeug bewegt sich auf einmal auf dem Wasser, sein Kiel durchschneidet die Flut, und zu beiden Seiten fliesst das Element, zerteilt, ab und wieder zusammen. Die Bäume an den Seiten reihen sich dicht aneinander und von Stange zu Stange ist die Dunkelheit aufgehängt. So fährt man zwischen Wänden, und da sich oben der Himmel abzuschliessen beginnt, fühlt man sich schliesslich schon nicht mehr auf dem Wasser, sondern selbst Wasser, das durch einen Schlauch hindürchgetrieben wird. Plötzlich muss ich halten; ein Geschrei erhebt sich, vom Bremsbelag, der an den Innenfelgen tätig ist. Warum bin ich stehen geblieben? Mitten auf der Strasse ragt eine Gestalt auf, da Motorfahrer ohne Licht und Kraft. Er steht da, hingelehnt eigentlich, und ist unwahrscheinlich, weil er stehen muss. Der erhitzte Wagen, im Leergang heftig zitternd, nimmt seinen Lauf vom zweiten Gang aus auf; kaum ist er zu halten. Er gleitet wieder in den Schlauch hinein, und das beleuchtete Armaturenbrett gibt keine Nachricht von der Geschwindigkeit, mit der er sich hindurchpressen lässt. Unsere Lichter genügen gerade, um die nächsten Steine zu zeigen. Diese Fühler stossen immer gerade voraus, in ein widerstandsloses Wesen hinein; es kommt keine Antwort. Irgendetwas muss wiederum verändert sein, soll ich stehen bleiben? Die ganze Strasse hat leuchtende Punkte bekommen, grün wie das Funkeln der Johanniskäfer, aber bös. Dann ein Ruf, und es kommt näher getrappt, ein Hundert Schafe mit zweihundert wilden Augen. Jetzt sehe ich, dass sie leer sind wie Fischaugen und vom Scheinwerfer bis auf den Grund durchstochen. Der Wagen fängt an, mit Mühe zu laufen. Der Gashebel, ganz durchgetreten, verursacht nur ein kraftloses Klopfen. Dem Motor geht der Atem aus, ich muss auf den zweiten Gang zurückschalten, jetzt singen die Getrieberäder und neue Kraft strömt in seine Adern. Die Dunkelheit auf der rechten Seite ist noch blauer geworden, ich sehe in einen Abgrund hinunter; der Wagen nimmt einen Berg und lässt die Tiefe unter sich sinken. Bald nimmt sie ihn wieder auf, der Berg ist überwunden, ich stelle den Motor vollkommen ab und lasse den Wagen seinem eigenen Gewicht nachlaufen. Es ist gefährlich, denn ich weiss nicht, INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts # Grössere Inserate nach Seitentarif. Inseratenschluss 4 Tage vor Erseheinen der Nummern von kann man auch nicht überzeugt sein. Obwohl nach dem Vorausgegangenen der Ex- Rundschreiben des Justizdepartementes an weis für unser Land überflüssig sei. In einem perte mit der Wendung «Verkettung und die Polizeidirektoren der Kantone vom 10. Aneinanderreihung von ungeeigneten Massnahmen » lediglich die den Absturz bedingenpartement nun den kantonalen Regierungen Oktober 1929 gibt das Justiz- und Polizeideden Handlungen meinen und die Schuldfrage bekannt, dass Anfang November Besprechungen stattfinden werden, zwischen ihm und nicht berühren konnte, nahm die zweite Instanz das letztere an und hiess mit Urteil vom den benachbarten Staaten über den Automobilverkehr, und dass dabei auch die Frage des 19.-20.-21. Dezember 1928 die Klage prinzipiell gut und verpflichtete die Beklagten, den internationalen Fahrausweises durchstudiert Erben von Dr. Plattner eine reduzierte Entschädigungssumme von Fr. 50 000.— nebst ment stellt sich auf den Standpunkt, dass der werden soll. Das Justiz- und Polizeideparte- Zins ä 5 % seit 1. Mai 1926 zu entrichten. internationale Fahrausweis nur für Angehörige solcher Staaten obligatorisch erklärt Gegen dieses Urteil erklärten beide Parteien die Berufung an das Bundesgericht, werden sollte, die eine von unsern Landessprachen verschiedene Sprache sprechen. Die wobei die Kläger beantragten, die Entschädigung auf Fr. 70 000 zu erhöhen, die Beklagten, die Klage in vollem Umfange abzuweiweises sei nicht erwiesen. Das Justizdeparte- Notwendigkeit des internationalen Fahraussen. Das Urteil des höchsten Gerichtshofes ment folgt der Anregung des A.C.S. und beantragt den Kantonen die Aufhebung des in- vom 10. Juli 1929 ist von der Presse bekanntgegeben und auch besprochen worden. Da ternationalen Fahrausweises. Die Kantone die schriftlichen Motive — die mit den mündlichen Voten der einzelnen Bundesrichtcr nicht selten wenig kongruent sind — erst vor kurzem erschienen, dürfte die Bekanntgabe und Besprechungen der für das Bundesgericht verbindlichen Begründung um so gebotener sein, als der höchste Gerichtshof in diesem Die Aufhebung des internationalen Fahrausweises.* Die Zentralverwaltung des A.C.S. hat sich kürzlich mit den Behörden in Verbindung gesetzt wegen verschiedener Klagen ausländischer Automobilisten über die Handhabung der Kontrolle des internationalen Fahrausweises in unserem Lande. Die bernischen Polizeibehörden hatten bekanntermassen nämlich Ausländer, die ohne den internationalen Fahrausweis auf dem Gebiete des Kantons Bern angetroffen wurden, gebüsst. Formell war die Polizei im Recht, denn das Konkordat über den Automobilverkehr sieht in Artikel 27 den internationalen Fahrausweis als notwendiges Requisit des ausländischen Fahrers vor. Der A.C.S. stellte sich nun in einer Eingabe an das Eidg. Justizdepartement auf den Standpunkt, dass der internationale Fahraus- * Siehe A.-R., Nr. 75. wie stark und lang die Steigung ist; ob die Bremsen bei ausgedehnter Dauer den Wagen halten werden (während ihn sonst der Motor zügeln könnte). Aber es ist schön, weil es gefährlich sein kann, und man huscht an den Bäumen vorbei, diesmal von einer Naturkraft getrieben, im Grunde von der Erde selber angezogen. Vor uns wird es kompakt schwarz, ein neuer Berg mit einem halbverfallenen Gebäude. Eine Ortschaft? Man weiss es nicht, aus der Ruine sieht eine Frau heraus, die dicken Arme an sich gepresst. Sie eijt vom Fenster weg, man sieht ihre Hand hinter der Gardine, dann wird das Fenster dunkel. Rechts ist ein Lattenzaun, links scheint es in die Tiefe zu gehen, das Haus muss über dem Abgrund gestanden haben. Einige Stimmen melden sich von unten; vorsichtig diesmal im zweiten Gang sind wir vor einem breiten Hof angekommen. Umgestürzte und verlassene Stühle lassen auf eine Wirtschaft schliessen; die Wirtin ist erstaunt über den Besuch, sie öffeiet kaum ihre Türe und beruhigt sich mit unserer Abweisung. Wir fahren durch enge und gewundene Gassen aufwärts, die Lichter hören nicht auf, sich an Ziegelwänden mit aufquellenden Eingeweiden zu stossen. Rechts, links, rechts, links. Schon längst ist der erste Gang eingeschaltet, ßei dem fortgesetzten Zögern musste auch der zweite versagen. Endlich ein Lärmen, wie von einer Zeche. Aber nicht fröhlich von Wein, sondern stumpf. Auf festgepfählten Bänken sitzt eine Trinkgesellschaft, sie nehmen eine drohende Haltung gegen das Auto ein, das mit Herzklopfen bei ihnen Halt gemacht hat. Aus einer erhöhten Türe kommt ein General; er scheint stumm zu sein. Meine Frage nach Quartier verhallt wie ein Ruf im Wasserfall. Die Männer stehen auf und rotten sich zusammen. Ich schalte den ersten Gang ein und mit Gas voraus; aber der Wagen fällt in eine Grube. Der Motor hat sein Lebenslicht ausgehaucht. Die Scheinwerfer nehmen an Licht ab; der ganze Wagen hängt müssen deshalb begrüsst werden, weil die Durchführung der Konkordatsbestimmungen Sache der Kantone ist. Das Justizdepartement hat die Absicht, in den demnächst stattfindenden Verhandlungen unsern Nachbarstaaten vorzuschlagen, gegenseitig auf den internationalen Fahrausweis zu verzichten, für die Angehörigen solcher Grenzstaaten, deren Sprache einer unserer Nationalsprachen entspricht und die im Besitze des nationalen Fahrausweises und der vorgeschriebenen Schilder sind. Eventuell würde die Schweiz auch ohne Gegenseitigkeit auf den internationalen Fahrausweis verzichten, da dies im Interesse unserer Touristik ist. Es ist erfreulich, dass es dem A.C.S. gelungen ist, in dieser, für die Entwicklung unserer Touristik nicht unwichtigen Angelegenheit, bei den Behörden einen Erfolg zu erzielen. g r . Schwyzer Strassenbau-Fragen. Der Strassenbau ist im Kanton Schwyz, wie übrigens in vielen andern Kantonen, zur dringendsten Aufgabe der Regierung geworden. Das kantonale Baudepartement erhielt letztes Jahr von der kantonalen Strassenkommission den Auftrag, ein Gutachten ausserkantonaler Fachmänner einzuholen über die Frage, wie und mit welchen Kosten ein rationeller Ausbau der Schwyzer Strassen möglich sei. Während die regierende konservative Partei der Ansicht war, dass die Aufgabe nur schief wie mit einseitig geplatzten Reifen. Auf einen verzweifelten Druck springt der Motor wieder an, er murrt und möchte sein Gehäuse sprengen. Der Wagen windet sich aus der Grube, eine Rauchwolke ergiesst sich aus dem Verpuff, und es geht langsam aufwärts. Die drohenden Männer sind verschwunden, die Ortschaft selbst hat sich zurückgezogen. Felder rechts und links; es muss da irgendwo weitergehen, zurück, wo Menschen sind, und nicht mehr an der Versammlung vorüber. Der Wagen stellt die Ohren auf, er entschliesst sich für die linke Seite. Aber der Weg wird enger, die Wiesen weichen von ihm ab, und es gibt weder ein Vorwärts noch ein Umkehren. Gras kann man auf den Fahrrinnen wachsen sehen, das ist keine Strasse. Also mit dem Rückwärtsgang zur nächsten Kreuzung zurück. Hinten hat der Wagen keine Augen. Der elektrische Sucher mit abgedrehtem Hals überlegt es sich und wird schwächer; schon liegt das Paar Hinterräder in der Wiese. Die Räder greifen nicht mehr. Wir müssen aussteigen, in der Dunkelheit wankt man, vom Fahren in den Knien gelähmt. Endlich ist die menschliche Maschinerie wieder in Ordnung, aber der Wagen lässt sich nicht von der Stelle bringen. Ja, tiefer hinunter hätte er Lust, sich zu bewegen; alle Kraft dagegen. Ich werde hilflos, in der Dunkelheit, einen Wagen halten und nicht wissen, wohin damit. Der Tag war nicht leicht, die lange Fahrt hat mich geschwächt. Ich wünschte mir, zu Hause zu sein; wie NB. Schlnss der Novelle „Durch die Fenster" befindet sich im Autler-Feierabend