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E_1929_Zeitung_Nr.097

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Aasgabe: Deutsche Schweiz. BERN, Dienstag, 12. November 1929 Nummer 20 Cts., 25. Jährgang. - N° 97 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischer! Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dienstag und Freitab Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozuschlag, sofern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung III/414. Telephon Bollwerk 39.84 Telegramm-Adresse: Autorevue. Bern Wovon man spricht! Die offene Barriere. Ein Lastauto vom Nachtschnellzug erfasst. Immer weiter, froh und heiter, wäre man versucht, den Schweizerischen Bundesbahnen zuzurufen, wenn die Sache doch nicht allzu tragisch und bedauernswert wäre. Im einen Falle vergibst der Stationsgehilfe die Barriere zu schliessen, im andern Falle geht die Uhr des Barrierenwärter-Stellvertreters ungenau, im dritten Falle, und leider wohl nicht im letzten, ist der Barrierenwärter während der Dienstzeit eingeschlafen, schläft den Schlaf des Gerechten, und die Barrieren bleiben dabei natürlich offen. Das Heranbrausen des Expresszuges Wien-Paris um Mitternach vermag den Träumenden nicht zu wecken — das Unglück ist geschehen. Wo? Auf dem Niveauübergang zwischen Muttenz und Pratteln. Wann? In der Nacht vom Mittwoch auf D.onnerstag, gegen 1 Uhr nachts. Warum? Eben darum — und weil der junge Mann, wie es heisst, erst seit einigen Wochen den Dienst an dieser Barriere versieht — und' am Mittwoch eben erst in den Ehehafen eingelaufen war! Die Strapazen des flocbzeitfestes hatten ihn jedenfalls ermüdet •und der Schlaf hatte ihn übermannt •.. Was hatte sich zugetragen, als der junge Mann wohl mit gelindem Schrecken aus seinem Schlaf jäh erwachte? Von Pratteln her hatte sich um genannte Zeit das grosse Lastauto mit Anhängewagen einer Binninger Speditionsfirma dem Bahnübergang genähert und weil dieser eben offen stand, nicht angehalten. Der Chauffeur verlangsamte das Tempo seines Wagens und fuhr über den ersten und zweiten der drei Schienenstränge, als plötzlich der Vorderteil des Lieferungswagens erfasst und mitgerissen wunde, um 1 inmitten zweier Geleise stehen zu bleiben. Das Werk einiger Sekunden. Der Expresszug" Wien-Paris war in das Auto hineingerannt. Wie die « Basler Nachrichten» schreiben, wurde dem Lastauto durch den heftigen Anprall ein Rad weggerissen, die Vorderachse verbogen und der Kühler demoliert, während die elektrische Lokomotive einen Schaden an der automatischen Bremse zu verzeichnen hatte, «der das Lokomotivpersonal zur Anhaltung des Zuges veranlasste» (!) Wir wollen zu Ehren des Personals annehmen, dass Die Tarnmaschine unveröffentlichter Roman von Paul Gerhard Lau. (i Fortsetzung.) 2. Kapitel. Eine schlaflose Nacht. Dr. Borel betrat sein geräumiges und kostbar eingerichtetes Herrenzimmer. Er liebte es, sich mit dem raffiniertesten Luxus zu umgeben. Dicke Smyrna-Teppiche bedeckten den Fussboden. Bequeme breite Ledersessel standen an dem prächtigen Kamin und davor, auf dem silbernen Rauchtisch, befand sich eine Flasche französischen Kognaks und die feinsten Havanna-Zigarren und Zigaretten. Ein süsser Duft von Flieder und Narzissen erfüllte den Raum, und eine grosse Lampe, kunstvoll von Lila-Seide gearbeitet, gab ihm den Ausdruck einer satten, vornehmen Kultur. Jedoch herrschte hier eine ziemliche Unordnung. Einige Kissen und Bücher lagen auf der Erde und weggeworfene Zigarettenreste hatten an einzelnen Stellen in den kostbaren Teppich Löcher eingebrannt. Dr. Borel ging zu dem breiten, aus dunkler Eiche gearbeiteten Bücherschrank und entnahm ihm einen Band von Schopenhauer. es nicht nur aus diesem Grunde den Zug zum Halten brachte, sondern aus Pflichtbewusstsein und Verantwortungsgefühl heraus wenigstens sich davon überzeugen wollte, was eigentlich geschehen war. Das Unglück ist ja, wenn man so will, recht glimpflich .abgelaufen, indem keine Menschenopfer zu beklagen sind. Ebensogut aber hätte auch dieser Unglücksfall ein weit schlimmeres Ausmass annehmen können. Wir brauchen nur an Stelle des Lastautos einen Personen- oder gar einen Gesellschaftswagen zu setzen. Wer trägt die Schuld? Natürlich der Bahnwärter in erster Linie. Der Vorfall dürfte ihm seine Stelle kosten. Die «bahnamtliche Untersuchung» ist eingeleitet worden. Trägt der Mann aber allein die Schuld? Nein. An einen derart wichtigen Posten stellt man keinen Mann hin, der am Tage vorher ein glückliches Familienfest erlebt hat und dem man aus ganz zwingenden Gründen den Nachtdienst hätte ersparen müssen! Unserer Ansicht nach hat also in diesem Falle das cSystem» wieder einmal gründlich versagt. Wir sind die ersten, die einer straffen Dienstauffassung das Wort sprechen und die sich dagegen auflehnen, dass der Dienst und die Arbeit in salopper Art und Weise ausgeführt werden. Allein, in einem solchen Falle hätte der Vorgesetzte dieses Bahnwärters die eventuellen Folgen voraussehen können und eine ganz einfache nüchterne Uetoerlegung hätte ihn dazu führen müssen, den betreffenden Bahnwärter, wenn er ihm nicht einige Tage « Hochzeitsurlaub » bewilligen konnte, so doch für diese Nacht vom Dienste zu dispensieren. .. Und nun die Anmerkung der Redaktion der «Basler Nachrichten». Sie schreibt: «Unentschuldbar ist natürlich däe Unterlassungssünde des Barrierenwärters, der seinen Posten wohl verlieren dürfte. Aber auch der Chauffeur hätte sein Vehikel, da erst das dritte Geleise für ihn das gefahrdrohende war, bei etwas mehr Aufmerksamkeit vorher zum Stehen bringen können.» Diese absolut nicht stichhaltige Auffassung muss des entschiedensten abgelehnt werden. Sie deckt sich allerdings mit derjenigen des sogenannten Ingenieurs, der nach dem St. Leonard- Unglück in verschiedenen Zeitungen die Ansicht vertrat, dass jeder Automobilist vor einem Bahnübergang schau zu halten habe ! Eine Ansicht, die nicht nur unhaltbar, sondern geradezu lächerlich ist und dazu dient, die Gemüter zu verwirren und die Schuldfrage von den Bundesbahnen abzulenken. Das Manöver ist durchschaut und zieht nicht. Wozu haben wir Barrieren? Eigentlich eine müssige Frage. Der Erstklässler in Hinterfultigen wird sie dahin beantworten, dass sie eben da seien, um beim Passieren des Zuges die Strasse abzuschliessen. Den Erwachsenen, die sich gerne dumm stellen, wollen wir die Antwort dahin präziser beantworten, dass Barrieren den Zweck in sich schliessen, die Benutzer der Strasse vor dem Ueberfahrenwerden zu verschonen und dass sie demzufolge eben rechtzeitig bedient werden müssen. Eine offene Barriere bedeutet für jedermann, dass der Uebergang frei, eine geschlossene Barriere, dass der Uebergang gesperrt sei. Oder wäre jemand auch in der Redaktion der «Basler Nachrichten* gegenteiliger Meinung? Wie wir vernehmen, hat am letzten Sonntag eine Protestversammlung der Stationsbeamten der Walliserlinie stattgefunden, die sich mit dem Unglück von StLeonard beschäftigt hat und wobei das « System» nicht gerade ungeschoren weggekommen sein soll. Die Rubrik «Offene Barrieren» mahnt tatsächlich zum Aufsehen. Es ist höchste Zeit, dass das eidgenössische Eisenbahndepartement zum Rechten sehe. Gangbare Wege sind vorgeschlagen. Wir möchten nochmals mit aller Bestimmtheit hervorheben, dass aus dem Benzinzoll Summen zur Beseitigung der Niveauübergänge flüssig gemacht werden können, auch wenn den Kantonen die Hälfte des Ertrages zugehalten wird. • Zum Bahnunglück von St. Leonhard. Einen Stumpfsinn verzapft ein Eisenbahn- Fachmann in einer der grössten Tageszeitungen unseres Landes; er erklärt zunächst, er;, sei seit einer Reihe von Jahren «auch Automobilist» und weist auf die automatischen Warnungssysteme für unbewachte Bahnübergänge hin, die bekanntlich erst in allerbescheidenstem Massstab im Entstehen begriffen sind. Der Eisenbahnfachmann übersieht dabei vollständig, dass sowohl das grässliche Bahnunglück von St. Leonard, als auch weitaus, die meisten katastrophalen Vorfälle der letzten Jahre durchaus nicht an unbewachten Bahnübergängen entstanden sind, sondern fast ausschliesslich dort, wo Barrieren den Bahnkörper abschliessen sollten, aber durch Unterlassen der Absperrung zur Todesfalle für die Automobilisten wurden. anzuhalten und Aus- Der betreffende Eisenbahnfachmann und Dann löschte er das Licht und begab sich nach seinem Schlafzimmer. Auch hier lag der süsse Duft schwer und berauschend in der Luft. Eine grosse rote Seidenampel gab dem Raum etwas Schwüles, Sinnliches. Nachlässig kleidete Dr. Borel sich aus und warf seine Garderobenstücke achtlos auf den Boden. Er knipste eine kleine Stehlampe auf seinem Nachttisch an, schaltete die rote Lampe aus und drückte auf einen Knopf, der am Kopfende seines Bettes angebracht war. Sofort setzte ein ohrenbetäubendes Klingeln in dem ganzen Hause ein. Dr. Borel lebte nämlich ständig in der Furcht, man würde ihn berauben. Darum hatte er sich eine Alarmglocke anlegen lassen, die er jeden Abend vor dem Schlafengehen ausprobierte. Sehr zum Leidwesen seiner steinalten Haushälterin, die jedesmal aus ihrem unruhigen Schlaf emporschreckte. Befriedigt legte sich Dr. Borel nieder. Er nahm den Schopenhauer-Band vor und begann zu lesen. Doch die Flut seiner Gedanken Hess ihn nicht zur Ruhe kommen; die Buchstaben tanzten vor seinen Augen, und er konnte keine Vertiefung finden. Aergerlich warf er das Buch auf die Erde, so dass sein kostbarer Ledereinband auseinander ging. Er drehte die elektrische Lampe aus und starrte mit weitgeöffneten Augen in das Dunkel. Automobilist sagt dann wörtlich folgendes: Die Hauptsache für die Sicherheit des Strassenverkehrß liegt iu der eigenen Vorsichtigkeit Mit ganzer Kraft packte ihn wieder das verzehrende Gefühl, ein Ausgestossener zu sein. Wohl nahm man ihn als Gelehrten ernst, doch als Mensch zeigte man ihm Mitleid, während sie im Geheimen über seine krumme, hässliche Gestalt und das brandrote Haar lachten. Hatte er sich früher damit abgefunden, so war ihm dieses Bewusstsein seit einigen Monaten immer peinigender geworden. Denn Dr. Borel liebte, liebte mit der ganzen Leidenschaft eines Mannes, der wegen seiner äusseren Gebrechen nie mit einem jungen Mädchen in Berührung gekommen war. Wohl war ihm die Frau nicht fremd. In den elenden Spelunken und in den feinsten Weinlokalen war er ein gern gesehener Gast. Die Klasse der Frauen, denen er hier begegnete, kam ihm gern entgegen, denn er war wohlhabend, ja fast reich zu nennen. Und wegen seines Geldes sahen sie lächelnd über seine Krüppelhaftigkeit hinweg. So steigerte sich auch nicht INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile odef deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarif. Inseratenschluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern des Automobil- bezw. Wagenführers. Wenn jeder Fahrzeugführer vor dem Passieren eines Bahnüberganges, ob geschlossen oder geöffnet, bewacht oder unbewacht, vor demselben halten oder falls er nicht die nötige Uebersicht hat, sich demselben nur langsam nähern würde, so kämen solche Unfälle nicht mehr vor. Nun wissen die Automobilisten also, was sie zu tun haben, sie sollen vor jedem Bahnübergang, einerlei ob geschlossen oder geöffnet, bewacht oder unbewacht, anhalten und selbst den Bahnwächter spielen! Wenn keine Barriere da ist, sichert sich der Automobilfahrer im Interesse seiner eigenen Haut, die er zu Markte trägt, so gut als möglich; wenn aber eine Barriere dasteht, für welche die Bahn Verantwortung und Pflicht des Schliessens hat, so ist der Fahrer eben durch-, aus im Recht, wenn er bei offener Barriere die Sicherheit beim Ueberschreiten ohne weiteres voraussetzt. Bei dem Unfall in Meyriez stand ein Bahnwärterfraueli direkt neben der offenen Barriere, als der unglückliche Kav.-Hauptmann G. Doleyres mit seiner Gattin direkt in den Zug hineinfuhr und zermalmt wurde. Was für Verkehrszustände würden entstehen, wenn die hunderttausend Motorfahrzeuge vor jedem der 5000 Bahnübergänge anhalten müssten, um sich erst zu überzeugen, ob eine Bahnbarriere zu schliessen vergessen wurde oder nicht. Die Automobilisten könnten ja mit dem gleichen Recht den Spiess umkehren und verlangen, dass der Lokomotivführer vor jedem Strassenübergang anhält, um sich zu vergewissern, ob die Schiene frei ist. Der erwähnte Eisenbahnfachmann meint, mit einer Vergesslichkeit, wie sie in St. Leonard vorkam, müsse gerechnet werden, dieselbe sei menschlich. Wir Automobilisten und die gesamte bahnfahrende Bevölkerung sind hingegen der Auffassung, dass die Bahnverwaltung die Pflicht hat, derartige Vergesslichkeiten durch technische Einrichtungen illusorisch zu machen, deshalb verlangen wir die Abschaffung der Niveauübergänge. Den Eisenbahnfachmännern wird diese Forderung allerdings erst dann einmal so richtig mit aller Deutlichkeit zu Gemüte geführt werden, wenn die Opfer nicht nur ein paar Automobilisten, sondern, was bei derartigen Katastrophen in hohem Masse riskiert ist', ein ganzer Zug mit Hunderten von Menschenleben — wovor uns ein gnädiges Schicksal bewahren wolle — zu Schaden kommt. Genug des grausamen Spiels, Ihr Herren Eisenbahnfachleute! Die Bahnen müssen ihr eigenes Trace haben, darum kommt Ihr auf die Dauer nicht herum; deshalb macht Euch schnellstens daran und schafft die lebensgefährlichen Uebergänge ab. Die Sache wird nicht billiger, wenn vorher noch Hunderte von Menschenleben verloren gehen; die Mittel zu dieser Prozedur finden sich ja grösstenteils im Benzinzoll. Wenn der Bund von diesen 30 Millionen jährlich (bald werden es 40 Millionen sein) den Kantonen für Strassenzwecke die Hälfte aushändigt, verbleibt noch eine gewaltige Summe, um alljährlich eine grosse Menge dieser Menschenfallen zu beseitigen. H. S. in R. selten ein harmlos angefangenes kleines Fest von Gleichgesinnten zu wilden Exzessen und wüsten Nächten, bei denen Dr. Borel nichts Menschliches fernblieb. In diesem wilden Trubel suchte er Vergessenheit und Betäubung. Und gingen manchmal auch dabei ungeheure Summen Geldes darauf, so lächelte er nur darüber, denn in seinem Laboratorium stellte er seine Rezepte für die Farbenindustrie her, die ausserordentlich gesucht und begehrt wurden. So lernte er auch Hilde Kley, die einzige, bildhübsche Tochter des unermesslich reichen Fabrikbesitzers Bernhard Kley kennen. • Er hatte damals an den Farbenfabrikanten ein Patent für einige Millionen verkauft und war zum Abendessen in dieses Haus eingeladen worden. Als er Hilde erblickte, war er entzückt von so viel Lieblichkeit, Schönheit und Anmut. Ein wildes Begehren hatte ihn seit jener Zeit gepackt; er musste dieses Mädchen besitzen und ginge es um sein Leben. Er kam seit der Zeit öfters in dieses Haus, doch beachtete ihn Hilde Kley wenig, wenn sie auch stets liebenswürdig ihm gegenüber war. Er war sich bewusst, dass er als Krüppel niemals ihre Hand würde erringen können, aber dennoch hoffte er wie auf ein Wunder, dass er doch noch einmal das Glück haben würde, sie zu besitzen. Zweimal hatte er bei dem Vater um ihre Hand angehalten. Der Fabrikbesitzer aber hatte die Achseln gezuckt und gesagt, dass er die Wahl eines Mannes ganz seiner Tochter überlasse. Darauf hatte er Hilde persönlich seine Liebe gestanden. In feiner, nicht verletzender Art hatte sie ihm seinen Wunsch abgeschlagen.