Aufrufe
vor 9 Monaten

E_1929_Zeitung_Nr.098

E_1929_Zeitung_Nr.098

Ausgabe: Deutsche Schweiz. BERN, Freitag 15. November 1929 Nummer 20 Cts. 25. Jahrgang. — N n 98 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Diemtag und Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. 10.-. Im Ausland unter Portozuschlag, sofern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 REUAKTION n. ADMINISTRATION! Breltenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung 111/414. Telephon Bollwerk 30.84 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Zusammenarbeit Auto und Eisenbahn Wir haben in der Schweiz auf verkehrspolitischen] Gebiete doch einen Fortschritt zu verzeichnen. Wurde noch vor kurzer Zeit das Rückwärtskrebsen der Bahn dem Automobil in die Schuhe geschoben und von bahnamtlicher Seite nur von der Bekämpfung der Automobilkonkurrenz gesprochen, so tritt heute die Frage der Zusammenarbeit zwischen Automobil und Eisenbahn immer stärker in den Vordergrund. Man hat eingesehen, dass das Automobil nicht umzubringen ist und dass eine gedeihliche Entwicklung aller Verkehrsinstrumente nur in ihrer Zusammenarbeit begründet liegt. Agenturmeldungen und Privattelegramme, die hervorheben möchten, dass die Bundesbahn sich immer noch mit der scharfen Camionkonkurrenz zu befassen habe und entsprechende Abwehrmassnahmen treffen müsse, damit die Abwanderung von Transportgütern nicht zunehme,.sind deshalb nicht mehr ernst zu nehmen. Es ist bereits statistisch festgestellt worden, dass durch die Konkurrenz der staatlichen «Sesa» dem freien Gewerbe derart auf den Leib gerückt werden konnte, dass der Bau grosser Lastwagen und deren Anschaffungen gleich Null sind. Dagegen hat der Kleinlastwagen zugenommen, mit dem man nun ebenfalls den Kampf aufzunehmen gedenkt. Auf jeden Fall hat die Gerieräldifektion der Bundesbahnen ülicr den Stückgüterverkehr neuerdings eine Enquete durchgeführt Und zu dessen Sicherung beabsichtigt sie, nun die Domizillieferung einzuführen. Weitere Taxreduktionen auf Stückgütersendungen sollen geprüft werden. Partiesendungen werden zu ermässigten Taxen angenommen. Ferner wird- die Möglichkeit der Gepäcktaxermässigung untersucht. Wer hätte sich noch vor einem Jahr von einer Dqmizillieferung träumen lassen? Was bringt -doch das Automobil nicht alles zustande... Hinsichtlich der Frage der Zusammenarbeit zwischen Eisenbahn und Automobil hat vor kurzem Herr Ingenieur Hohl, der Vizedirektor der Sesa, an der Generalversammlung der Vereinigung der Chefs der Güterexpeditionen der S.B.B. einen beachtenswerten Vortrag gehalten. Er bezeichnete die Zusammenarbeit von Eisenbahn und Automobil im Personenverkehr der Schweiz als bereits hoch entwickelt und hält dafür, dass sich diese Zusammenarbeit noch weiter ausdehnen lasse, ganz besonders diejenige mit Privatautomobil-Unternehmungen in Verbindung FEUILLETON Die Tarnmaschine Unveröffentlichter Roman von Paul Gerhard Lau. (2. Fortsetzung) Endlich hie't der Wagen vor dem Gebäude der Industriegesellschaft. Der Chemiker entlohnte den Chauffeur und betrat das Bureau. «Ich möchte den hier abgebildeten Apparat in kürzester Zeit angefertigt haben», sagte er zu dem herbeieilenden Geschäftsführer, der ihn genau kannte, und rollte die Zeichnungen auseinander. «Wie lange wird das dauern?» Prüfend blickte der Geschäftsführer auf die Skizzen und Berechnungen. «Das kann ich Ihnen nicht so schnell sagen», antwortete er nach einer Weile. «Ich werde es unserem Ingenieur geben, der dann die Zeit feststellen wird.» «Wann wird die Prüfung fertig sein?» fragte Dr. Borel. «In ungefähr einer Stunde», war die Antwort «Gut, ich warte hier», sagte der Chemiker und Hess sich auf einem Stuhl nieder. Er zündete sich eine Zigarette an und blickte sinnend vor sich nieder. So verging fast eine Stunde, bis endlich I mit den Verkehrsbureaux zum Zwecke der Organisation von Ausflügerfahrten' etc. Er warf sogar die Frage auf, ob nicht auch Paralleldienste zwischen Bahn und Automobil eingeführt werden sollten, wo z. B. im Automobilverkehr dichte Zugsverhältnisse dies als gegeben-erscheinen lassen. Es bedeutete dies eine beträchtliche Entlastung der Eisenbahn. Im Güterverkehr haben es in der letzten Zeit die Eisenbahnen an grossen Anstrengunsgen und Kosten nicht fehlen lassen, um'diesen Verkehr durch ebenso oder noch bessere Leistungen als das Automobil wieder an sich zu ziehen. Ausserdem wurde ein Tarifäbbau durchgeführt, um damit das Privatgewerbe zu schlagen. Eine nach volkswirtschaftlichen der Geschäftsführer mit dem Ingenieur zu .ihm trat. «In ungefähr drei Wochen kann der hier abgebildete Apparat fertig sein», sagte der Techniker und wies auf die Zeichnungen. «Ausgeschlossen!» rief Dr. Borel. «In drei Tagen muss der Apparat gebrauchsfertig sein.» Eine Weile stritten die Herren hin und her, bis der Chemiker erreicht hatte, dass der Apparat in der von ihm festgesetzten Zeit fertiggestellt werden sollte. Allerdings musste er fast den dreifachen Preis der Ueberstunden wegen zahlen, was er aber freudig und gern im voraus tat Ein triumphierendes Lächeln auf dem hässlichen Gesicht verliess er das Bureau. In den nächsten drei Tagen war Dr. Borel in seiner Villa nicht anzutreffen. In seinen Stammlokalen, wüsten Kneipen und feudalen Luxusbars trieb er sich mit verkommenen Weibern und zweifelhaften Kavalieren umher. Abwechselnd schlief er in vornehmen Hotels und schmierigen «Privat-Logis». Am dritten Tage aber pünktlich zur angesetzten Zeit hielten ein Auto und ein Lastkraftwagen vor der «Industrie-Gesellschaft». Dr. Borel entstieg dem Mietauto. «Sind wir endlich da?» gröhlte eine heisere Stimme aus dem Wageninnern nach. «Noch nicht!» antwortete der Chemiker, «noch zwanzig Minuten musst du warten.» Erwägungen erstrebenswerte Verkehrsteilung an die beiden Transportmittel kann nach Ansicht von Herrn Direktor Hohl erreicht werden, indem man Massentransporte, Schwertransporte und Transporte auf grössere Entiernungen in der Regel von der Eisenbahn durchführen lässt, dagegen die Leichttransporte auf kürzere Distanzen dem Automobil zuweist, soiern sich dies als wirtschaftlich vorteilhafter zeigt. Die Sesa gedenkt ihren Dienst weiter auszubauen^ indem sie überall die tiirekte Belieferung von und nach dem Domizil gewährleistet und in nächster Zeit auch die Frankolieferung von Haiis zu Haus einführen will. Man erhofft durch diese Massnahme eine weitere wesentliche Erleichterung in der Stückgiiterbeförderung:' Im fer-' nern plant man die Organisierung von Zubringer — und Verteildiensten von und- nach seitwärts gelegenen eisenbahnlosen Gebieten, wie sie bereits im luzernischen Rottal und im Greyerzerland bestehen und wie sie in ähnlicher Weise auch von der Post erstrebt werden. Die Sesa beabsichtigt des fernem ähnlich, wie in andern Ländern, Versuche: mit Containern durchzuführen. Es sind dies mit Gütern gefüllte Behälter, welche direkt von den Strassenfuhrwerken auf die Eisenbahnwagen und ungekehrt überladen werden können, ohne dass mit den Gütern selbst manipuliert werden müsste. Tatsache ist jedenfalls, dass die Zusammenarbeit zwischen Eisenbahn und Automobil mit sichtbarem Erfolg schon weit über die Anfangsstadien hinaus gediehen ist. Diese Zusammenarbeit liegt wohl im Interesse unserer gesamten schweizerischen Volkswirtschaft. Die Redaktion der «Automobil-Revue» war wohl eine der ersten, welche immer wieder auf diese Zusammenarbeit hinwies und sie empfahl, immerhin unter der Bedingung, dass die staatliche oder halbstaatliche Organisation der Sesa das freie Gewerbe der Camioneure nicht ganz unterbinde, sondern Das neue französische Ministerium Tardieu hat auch für uns Schweizer Automobilisten Interesse, weil es doch ein Programm zu verwirklichen beabsichtigt, das für Frankreich die weittragendsten Folgen nach sich ziehen wird. Mit Missgunst empfangen, von links stark bekrittelt, hat Tardieu einen glänzenden Sieg hinter sich. Mit 327 gegen 256 Stimmen ist ihm von der Kammer das Vertrauen ausgesprochen worden. So steht heute der: Spross eines Patrizierhauses, der eine glänzende diplomatische Laufbahn hinter sich hat, der bereits .Kabinettschef bei Waldeck T Rousseau war, der sich als intimster Mitarbeiter Clemenceaus betätigte, an „der Friedenskonferenz als französischer Generalbevollmächtigter eine hervorragende Rolle spielte und in den Kabinetten Poincare und Briand als Minister des Innern stark hervortrat, an der Spitze Frankreichs. In' präziser Form, von aller Phraseologie befreit, hat Tardieu der französischen Kammer* sein Programm vorgelegt, in welchem er seinen realistischen, doch modernen Geist und einen imponierenden Optimismus bekundet. Lautlos hörte ganz Frankreich auf die programmatische Rede, welche die Opposition verblüffte und zum Schweigen brachte. Tardieu schlug sie sarkastisch ins Gesicht und siegte. Was will dieser Mann? Er will den wirtschaftlichen Aufbau seines Landes, die Prosperität seines Volkes. Auf Parteien hat er eigentlich nie stark geschworen. Ueber ihnen steht, ihm das Wohl der grossen französischen Nation. Er hat es in die klassischen Worte gefasst : «Ein prosperierendes Volk ist ein Volk, das parallel zu seiner Gesundheit die Produktion, den Gewinn seiner Unternehmungen und die Löhne der Arbeiter wachsen sieht. Ein prosperierendes Volk ist ein Volk, bei dem das Lebensniveau in allen sozialen Schichten, vor allem aber in den am wenigsten beteiligten Klassen sich regelmässig hebt! Deshalb tnuss der Aufbau der französischen Nation beschleunigt werden. Deshalb budgetiert Tardieu 1750 Millionen Franken für die Hebung der Landwirtschaft, die Als er das Bureau der Gesellschaft betrat, scholl hinter ihm der misstönende Gesang seines Mitfahrers. «Ist der Apparat fertig?» fragte er kurz den Geschäftsführer. «Ja, Herr Doktor», war die Antwort. «Einen Augenblick, bitte, ich werde ihn sofort verladen lassen.» Dr. Borel beobachtete scharf die Verpakkung und das Hinaustragen des ziemlich grossen Apparates. «Ist eine Kopie von der Zeichnung angefertigt?» fragte er den Ingenieur. «Nein.» «Dann geben Sie mir bitte die Konstruktion zurück!» Er erhielt seine Berechnung wieder, gab den Arbeitern ein hohes Trinkgeld und in schneller Fahrt fuhren die beiden Kraftwagen seiner Villa zu. Hier angekommen Hess er den Apparat in sein Laboratorium tragen. Auch seinen betrunkenen Begleiter, der nicht imstande war, sich selbst vorwärts zu bewegen, mussten die Chauffeure in den Arbeitsraum bringen. Dann entHess er sie, nachdem er ihnen noch ein fürstliches Trinkgeld in die Hand gedrückt hatte. Mit vor Erregung zitternden Knien eilte er in die Küche. «•Frau Klenn!» rief er schrillend, und als INSERTIOMS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarif. Inseratenschluss 4 Taue vor Erseheinen der Nummern auch, auf diesem Gebiete dem Wahlspruch huldige « Leben und leben lassen ». Die private Initiative und Unternehmungslust dari auch durch eine noch so vorteilhafte und zweckdienliche Organisation, heisse sie nun Sesa oder anders, nicht ganz unterbunden werden; eine Zusammenarbeit zwischen Automobil und Eisenbahn wird dennoch möelich, sein. — L Grosszügigkeit in Frankreich er als das für das Gleichgewicht der französischen Nation ausschlaggebende Element bezeichnet. Das Land soll der Stadt gleichgestellt werden; die Landflucht muss ein Ende nehmen. Frankreich bedarf zudem einer gesunden Nation, eines sozial und sittlich hochstehenden Volkes. Deshalb sollen 1-450 Millionen Franken der sozialen Politik geweiht sein, wovon einzig 452 Millionen für den Kampf gegen die Tuberkulose. Tardieu weiss aber auch genau, von welch' gewaltiger Bedeutung die Verkehrswege für ein Land sind. Er weiss, wie stark Handel und Industrie von ihnen abhängen. Er bezeichnet die heutigen Verkehrsmittel als ungenügend. Er «opfert» diesem Zweige deshalb nicht weniger als 1797 Millionen Franken; 600 Millionen für den Ausbau des Strassennetzes, 200 Millionen für die Aufhebung gefährlicher Niveauübergänge und weitere Millionen für Verbesserung der. Meerhäfen, für Anlegung von Wasserkraftwerken etc. Tardieu beschreitet damit neue Wege. Er. will nicht nur Quellen verstopfen, er will im Gegenteil neue Quellen erschliessen. Die gewaltigen Summen für das Verkehrswesen werden reiche Früchte tragen und werden der französischen Volkswirtschaft in gleicher Weise zweckdienlich sein, wie das in früheren Jahrhunderten angelegte grossartige und nutzbringende französische*- Kanalisations» netz. Das ist Aufbaupolitik, die zugleich verbunden sein soll mit einer Politik des Steuerabbaues. Der französische Bürger soll vom unerträglichen Steuerjoch befreit werden. ,Dle bereits beschlossenen Abbaumassnahmen im Betrage von rund zwei Milliarden Franken sollen dem Aufschwung des Pariser Finanzmarktes dienen. Doch damit nicht genug. Die. Transportsteuer auf Dünger und Getreide soll aufgehoben, die Luxussteuer auf Automobile und auf pharmazeutische Spezialitäten soll herabgesetzt werden. Eine gleiche Herabsetzung ist auch füt die Immobiliensteuer vorgesehen. Sie umfasst rund eine Milliarde Franken. Trotzdem sollen zu Beginn des konnte, herbeieilte,, sagte er ihr, dass sie für die nächsten acht Tage beurlaubt sei. Vor Freude strahlend zog sich die Alte ihr neues Kleid an und ging zu ihrer verheirateten Tochter, wo sie sich stets glücklich und zufrieden fühlte. Inzwischen begab sich Dr. Borel in sein Laboratorium". Wiederum machte er sich eine Morphiuminjektion und wartete, eine Zigarette nach der andern rauchend, auf die betäubende Wirkung und auf das Gehen seiner Haushälterin. Endlich sah er durch das hohe Fenster, wie sich die alte Frau-mit trippelnden Schritten entfernte. Der Chemiker erhob sich und ging zur Haustür, die er fest verschloss. Ebenso verriegelte er die Tür, die nach dem Garten führte. Hastig vorwärts humpelnd, eilte er in sein Arbeitszimmer zurück, wo sein betrunkener Gast fest eingeschlafen war. Ruhig entnahm er einem Wandschrank eine Flasche Chloroform und betäubte den vor ihm Liegenden. Dann packte er ihn an den Schultern und zog ihn, über den Boden schleifend, in das Laboratorium. Mit fieberhafter Schnelligkeit begann er nun, den Apparat auszupacken. Ohne Wahl zerschnitt und zerriss er die Bindfäden und das Papier, das er mit dem Fuss unter den Tisch stiess. Der nunmehr freigelegte Apparat war die seine alte Haushälterin, so rasch sie nur genaue Nachahmung des kleinen, mit dem er