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E_1929_Zeitung_Nr.102

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Ausgabe: Deutsche Schweiz. BERN, Freitag 29. November 1929 Unsere Winter-Nummer* Nummer 20 Cts. 25. Jährgang. — N° 102 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozuschlag, soiern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 REDAKTIOX u. ADMINISTRATION! Breitenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung III/414. Telephon Bollwerk 39.84 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Verkehrsgerichte. Der zürcherische Kantonsrat hat am letzten Montag eine etwas stürmische, doch recht interessante Debatte erlebt Sie zeigte überdies, welch grosse Rolle das Automobil im täglichen Leben spielt und wie es schlechterdings ins Zentrum unseres ganzen Verkehrslebens gerückt ist. Der unermüdliche Verfechter des Automobilwesens, Herr Kantonsrat Gassmann, trat anlässlich der Behandlung der Justizdirektion für die Schaffung besonderer Verkehrsgerichte ein. Sein Antrag ging dahin, dass zur raschern Erledigung der gerichtlichen Fälle ein aus ordentlichen Richtern zusammengesetztes Kollegium sich auf diese Fragen zu spezialisieren hätte. Der Antrag, der unbestritten in die Zukunft weist, fand im Zürcher Kantonsrat leider noch nicht allgemeinen Anklang, obwohl von sämtlichen Votanten die Wünschbarkeit einer beschleunigten Untersuchung und eine gewisse Spezialisierung der Richter zugegeben werden musste. Ganz besonders wurde darauf hingewiesen und dies mit vollem Rechte, dass die Zeugeneinvernahme gewöhnlich verspätet vor sich gehe. Eine raschere Einvernahme täte dringend not. Der zürcherische Justizdirektor, Regierungsrat Dr. Hafner, erklärte sich immerhin bereit, das von Kantonsrat Dr. Guhl aufgeworfene Postulat zu prüfen, bei der Bezirksanwaltschaft eine gewisse Spezialisierung durchzuführen und durch eine Reorganisation •der Arbeitsmethoden in der Bezirksanwaltschaft und im Bezirksgerichte Zürich das Tempo im Geschäftsbetriebe zu beschleunigen. Die Frage eigentlicher Verkehrsgerichte ist natürlich von ganz allgemeinem Interesse. Alle Automobilisten werden Herrn Kantonsrat Gassmann dankbar sein, dass er gewagt hat, an seinem Orte diese Frage aufzuwerfen. Tatsache ist, dass die Untersuchung und Beurteilung von Verkehrsunfällen durch den Mangel an Fachkenntnissen vieler Untersuchungs- und richterlichen Behörden stark beeinträchtigt wird. Die Geneigtheit zur fachtechnischen Ausbildung im Rahmen des Möglichen und Zumutbaren ist bei den zuständigen Behörden im grossen und ganzen leider noch sehr gering. Nur zu oft hat es sich aber gezeigt, dass der Mangel an Fachkenntnissen zu einem überwiegenden Einfluss des Experten-Gutachtens auf den Entscheid der Untersuchungsbehörde und später auch des Gerichts geführt hat und dass der Experte zum eigentlichen Richter wurde, indem er den Sachverhalt auch rechtlich prüfte und damit in sehr vielen Fällen die Entscheidung des Gerichts bestimmend beeinflusste. Es kann "bei dieser Gelegenheit darauf hingewiesen werden, dass in verschiedenen Gerichten heute schon gewisse Geschäfte nicht nach der Arbeitslast verteilt werden, sondern T O N Die Tarnmaschine unveröffentlichter Roman von Paul Gerhard Lau. (5. Fortsetzung) Vorsichtig umherspähend, schlich er dem Gitter, das den Garten des kleinen Gebäudes umgab, entlang. Still und friedlich lag die Villa da. Kein Fenster der Strassenfront war erhellt. Der Detektiv ging zu dem. Eingangstor und drückte auf die Klinke, die Tür war verschlossen. Gerade wollte er sich über das Gitter schwingen, als er neben dem Eingang ein grösses Schild erblickte, das mit grossen Buchstaben ankündigte : «Elektrische Alarmanlagen, Selbstschüsse und bissige Hunde». So also schützte Dr. Borel sein Haus vor fremden Eindringlingen. Unschlüssig stand der Detektiv eine Weile lang da. Was sollte er tun? War Dr. Borel wirklich der gesuchte Verbrecher, dann würde er nur zu schnell gewarnt sein, falls Müller bei einem Eindringen mit den Hunden nach der Art des Geschäftes automatisch an eine eigens hiefür bestimmte Stelle gelangen. Der Automobilismus hat auch auf richterlichem Gebiete zu einer ganzen Reihe von Spezialfragen geführt. Es wäre deshalb nur logisch, wenn die Verkehrsunfälle wenigstens einer oder mehreren bestimmten Abteilungen, sei es in den Bezirksgerichten, Amtsgerichten oder Obergerichten, zugewiesen würden. Man hat in verschiedenen Kantonen bereits Jugendgerichte eingeführt oder ist daran, sie einzuführen. Mit gleichem Rechte dürfen die Automobilisten verlangen, dass ihre Fälle von fachtechnisch ausgebildeten Richtern behandelt werden. Sind die Bedenken gegen eigentliche Verkehrsgerichte noch zu gross, so wage man wenigstens den Versuch, einmal innerhalb der Gerichte in angedeutetem Sinne zu spezialisieren. K. Präzisieren wir! Leider sind wir gezwungen, wieder einmal einen Fall in der «Automobil-Revue» zu notifizieren, der auch in den weitesten Kreisen der Automobilisten helle Empörung hervorgerufen hat. Es handelt sich um das Automobilunglück am Limmatquai in Zürich, bei dem drei Menschenleben aufs schwerste gefährdet wurden. Es scheint festzustehen, dass das Unglück auf den betrunkenen Zustand des Automobillenkers zurückzuführen ist, der nach durchkneipter Nacht leider noch wagte, sich Volant zu setzen. Mit der Redaktion derverurteilen gewiss «Automobil-Revue» die (Fortsetzung Seite 2-) zusammengeraten oder die Alarmanlage berühren sollte. Er beschloss zunächst, den andern Tag abzuwarten, genaue Erkundigungen über Dr. Borel einzuziehen — und vielleicht mit Hilfe der Polizei unter irgend einem Vorwand eine Haussuchung vorzunehmen. Gerade wollte er davongehen, als der laute Schrei einer Frauenstimme durch die Nacht scholl. Der Detektiv sprang in den Schatten eines Baumes, riss den Revolver hervor und entsicherte ihn. Abwartend blieb er so stehen. Aus welcher Richtung war der Schrei gekommen? Müller konnte sich auf diese Frage keine Antwort geben und, den Atem anhaltend, hoffte er, dass sich der Hilferuf noch einmal wiederholen würde. Doch eine Stunde lang wartete er vergebens. Still und ruhig lag die Villenstrasse da. Ob der Schrei aus dem Hause des Dr. Borel kam? Vielleicht war es Hilde Kley, die um Hilfe rief? Bis zum Morgengrauen hielt der Detektiv vor der Villa in zäher Ausdauer Wache. Erst Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Automobilverkehrs nimmt von Jahr zu Jahr in immer steiler ansteigender Kurve zu. Dank seiner Anpassungsfähigkeit, Schnelligkeit und Wirtschaftlichkeit hat das Automobil bereits einen grossen Teil des Qesamtverkehrs an sich gezogen. Nächst dem Draht und der elektrischen Welle, Trägern des Wortes, stellt es das Mittel dar, das am meisten zu der Beschleunigung der menschlichen Funktionen beigetragen hat, einer Beschleunigung, die bei der ständig anwachsenden Dichte der Erdbevölkerung nun einmal für den Einzelnen lebensnotwendig ist. Navigare neecsse est, vivere non est necesse — Schiffahrt zu treiben ist notwendig, zu leben ist nicht notwendig — diese alte Weisheit wird man dereinst mit aller Selbstverständlichkeit auch auf den Automobilver-'* kehr anwenden. Angewandt werden darf sie. schon heute. Wir können uns nur schwer mehr die Folgen eines gänzlichen Ausbleibens des Automobilverkehrs vorstellen. Aber wir können uns an die Zeiten des Weltkrieges mit den durch die Brennstoffknappheit bewirkten Verkehrshemmungen erinnern, an die zum grossen Teil dadurch versursachten wirtschaftlichen Nöte. Oder an den Generalstreik, bei dem der Automobilverkehr umgekehrt glänzende Proben seiner Leistungsfähigkeit ablegte und den Verkehr nahezu al- für lein aufrechterhielt. Besserer Beweise seine Bedeutung bedarf es nicht. als die Laternen verloschen, ging er müde und abgespannt seinem Heim zu. • • • Kommissar Fernberg, der die Untersuchung im Fall Kley führte, sass vor einem riesigen Aktenbündel und starrte auf die endlosen Reihen von Worten der umfangreichen Protokolle. Sein Gesicht war gerötet und seine Fäuste schlugen öfters kräftig auf die Platte des Schreibtisches. Hin und wieder stiess er einen langen Seufzer aus und schimpfte vor sich hin. Aergerlich fuhr er auf, als ihm ein Beamter den Privatdetektiv Hans Müller meldete. «Ich denke, Sie haben Ihren Abschied von Herrn Weidlar erhalten?» rief er dem eintretenden Detektiv spöttisch entgegen. «Seien Sie froh, dass Sie damit nichts mehr zu tun haben.» «Und wenn Weidlar mir zehnmal kündigt,» antwortete der Detektiv ruhig, «so werde ich doch den .Fall Kley' zu Ende führen.» «Schon gut,» lachte der Kommissar, «ich wollte Sie nicht kränken. Ich bin aber so beschäftigt, dass ich Sie bitten muss, sich recht kurz zu fassen.» INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarif. Inseratenscbluss 4 Tage vor Erseheinen der Nummern Das Auto im Winter. Das grosse Ziel der Allgemeinheit muss es. deshalb sein, die neue Verkehrsart wo immer möglich zu fördern. Je freier sich der Automobilismus entwickeln kann, umso mehr ge-* winnt das Wirtschaftleben. Ein leuchtendes Beispiel dafür bietet Amerika. Eine der grössten Hemmungen, unter der jeder Strassenverkehr zu leiden hatte, stellte seit jeher der Winter da. In unserem hochgelegenen gebirgigen Land sind wir den Einflüssen der kalten Jahreszeit besonders stark; ausgesetzt. Ohne einen wohlorganisierteu Strassenverkehr laufen aber grosse Teile der Schweiz Gefahr, von der Umwelt während langer Wintermonate vollständig abgeschlossen zu werden. Erst die Maschine, das Automobil, bietet die Möglichkeit, die Blockade entscheidend zu durchbrechen. Die Automobiltechnik hat in den letzten Jahren ungeheure Anstrengungen gemacht, um den Naturgewalten wirksam entgegenzutreten. Die Kälte an sich bedeutet kein Verkehrshemmnis mehr. Im geschlossenen geheizten Wagen kann der Reisende beliebig lange Strecken zurücklegen, er befindet sichgewissermassen in einer rollenden Behausung. Die Motoren arbeiten, zweckentsprechend ausgerüstet, bei den niedrigsten Temperaturen einwandfrei. Die Nebenerscheinungen der Kälte,. Sehne* und Eis, haben ebenfalls viel von ihrer hem.- menden Macht eingebüsst- Strecken, die früher vom Schlittengespann mühsame Tagemärsche erforderten, werden vom kettenbewehrten Auto in Stunden oder Minuten bezwungen. Aber die Maschine kann noch weit mehr: Mit Raupen ausgerüstet, dringt sie über gänzlich unwegsames Gelände vor, bei Schneehöhen, die sonst nur mehr einem Skiläufer ein Fortkommen gestatten. Trotz aller Hochachtung vor solchen Lei- 1 stungen kann aber noch nicht von einem Idealzustand gesprochen werden. Was heute an Winterverkehr auf Fernstrecken geboten wird, hat immer noch etwas den Beigeschmack der Akrobatik: Die Möglichkeit und das Interesse der Allgemeinheit sind vorhanden, aber die Nutzanwendung bewegt sich noch allzusehr in erzwungenen Bahnen und verlangt zu viel Kunstfertigkeit vom Ausübenden. Der Grund dafür liegt darin, dass die Anstrengungen bisher fast nur von einer Seite ausgegangen sind, der Seite der am Automobilverkehr Interessierten. Gerade bei uns, einem Land, das von der besten Ausnützung irgendwelcher Verkehrsmöglichkeiten mehr zu profitieren hat als irgend ein anderes, hat die Allgemeinheit erst sehr wenig beigetragen, um den Winterverkehr auch ihrerseits zu erleichtern. Sie steht den Anstrengungen (Fortsetzung Seit; 2.) «Ja, so kurz wie möglich», erwiderte Müller. «Herr Kommissar, ich bitte Sie, eine Haussuchung in der Villa des Chemikers Dr. Borel vorzunehmen.» Fernberg fuhr überrascht zurück. «Und warum?» fragte er. Müller erzählte nun dem Kommissar die wiederholten Anträge Dr. Boreis um die Hand von Fräulein Kley und von dem Schrei, den er heute nacht in der Näh© der Borelschen Villa gehört hatte. Der Polizeikommissar lachte laut auf. «Deswegen soll ich eine Haussuchung bei diesem Ehrenmann Dr. Borel vornehmen lassen? Ja — sind Sie denn toll? Wissen Sie denn gar nicht, dass Dr. Borel heute abend ein grosses Fest gibt, zu dem die grössten Kapazitäten der Wissenschaft erscheinen? «Nein!» sagte Müller kurz. «Nun, dann hören Sie mal zu: Dr. Boret wurde von der technischen Hochschule, der er eine hohe Summe zum Bau und zur Einrichtung eines riesigen Laboratoriums schenkte, zum Doktor-Ing. h. c. ernannt. Gleichzeitig erhielt er von der Universität Berlin den Ruf als Professor auf den Lehrstuhl für