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E_1929_Zeitung_Nr.107

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20 AUTOMOBIL-REVUE —

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107 - 1929 AUTOMOBIL- REVUE Meiner Mutter Ich bin an einem schönen Feste. Frohe Tafel, reizende Gaste. Ich plaudere und scherze und lache, Und alles, was ich mache, Ist gut und schön. Ich weiss, Dass alle mir zusehn. Mir wird ganz heiss. Und plötzlich fällt es dunkel Auf alles Gefunkel: Ich bin so schrecklich allein, Kindlich und klein. Herb und schwer Fasst mich wehe Sehnsucht Mit äbermässigem Triebe, Und macht das Herz mir traurig und leer — Nach meiner Mutter, meiner ersten und letzten Liebe. Ko. Auf Weihnachten fuhr ich heim Es war schon spät in der Nacht, als ich endlich vor meinem Elternhause stand. Ich läutete. Es blieb ruhig. Nach einigen Minuten wurde Licht oemacht. Langsam näherte sich jemand der Tür und öffnete endlich. « Bist du doch da? » sagte meine Mutter. Ich trat ein. Im Korridor war es verändert. Der Schrank war weg und die Tapete war neu. «Ihr habt geändert!» sagte ich. «Ja.» Mutter kochte Kaffee. Wir sassen uns gegenüber. «Ich habe ein wenig Kaffee mitgebracht. Aus dem Geschäft. Wir haben ihn ja billiger,» sagte ich. «Dass du doch gekommen bist!» sagte meine Mutter. « Denkst du noch hie und da an uns? » « Wie geht es denn hier? » « Oh, es ist immer das gleiche.» « Ja, es ist immer das gleiche. Alle Tage sitzt meine Mutter in ihrem Zimmer und schaut hinaus. Sie denkt an ihren Mann und an ihren Sohn, — —. wie er früher war. Sie erinnert sieh, wie er an ihr Bett getreten war, wenn sie Kopfschmerzen gehabt hatte, wie er ihr tagelang Umschläge gemacht hatte,- wie er gefragt hatte « geht es jetzt ein wenig besser», wobei er in seine Stimme so viel von der überströmenden Zärtlichkeit seines kleinen Herzens gelegt hatte als ihre Unentwickeltheit zuliess. Daran dachte meine Mutter. ,«Ich habe jetzt die erhoffte Beförderung;* sagte ich noch.,«Ich bin jetzt Abteilungschef.» ;« Ja.» ' Wir sassen noch lange zusammen. Der Kaffee in meiner Tasse war kalt geworden. Meine Mütter schaute vor sich hin. Ihr Haar war jetzt schneeweiss. Tiefe Furchen zogen sich zu ihren schmalen Lippen. Hinter ihrer zerarbeiteten Stirn wanderten ihre Gedanken zurück, zurück... Die Bekreuzigung Ich küsste meinen eben erwachten ,Buben äui den Mund, der duftete wie frisches Brot, wie Qräser des Feldes. Ich fuhr ihm mit unaufhörlicher Bosheit in den zerzausten Haaren herum, bis aus seiner Kehle ein Lachen von. Aufruhr und Freude zugleich herauf gurgelte, das die Wände, des Hauses ; schüttelte und bis ans Ende der Welt weitertönte;, ich hielt ihn im Nacken und stürzte seinen Kopf hintenüber und ergötzte mich so lange an seinen beiden molligen Wangen, bis ich nicht mehr wusste, ob ich ein winziges Menschengesicht vor Augen habe oder eine geheimnisreiche, aufgegangene Blüte, voll unbegrenzten Schwunges kommenden Lebens (was weiss ich, vielleicht eine riesenhafte Magnolie aus dem Garten Gottes zur Zeit der Schöpfung). Aber all dieser Rausch von Vaterliebe ist nicht die stille und tiefe Freude wert, die nÜT, von der meinigen umschlossen, die Hand Georgs gibt: Ein kleines Fleischklümpchen, dessen Formen ich mit meinen Fingern ständig abtaste und das ich auf einmal und ohne Grund so fest drücke, dass mein Bub meint, ich rufe ihn und sich plötzlich wendet und fragt : « Was willst du, Vater ? » Nichts will ich, mit ihm zusammen, ohne Gedanken, ganz als Bub, diesen klaren Spätnachmittag im Herbst geniessen, der auf alle Dinge — auf die fernen Berge, auf das Tal hier unten, auf die Bäume, auf die Häuser, sogar auf unsere Strasse, die gerade in die weite Ebene läuft — einen so durchsichtigen und gläsernen Schimmer giesst, dass es mir ist, als ob die Sonne aus dem Herzen der Erde herleuchte und nicht von weit drüben, vom Himmel. Meine Freude bezahle ich damit, dass ich von Zeit zu Zeit in meiner Hand den Pulsschlag meines Sohnes spüre, den Pulsschlag, der das Blut von einem Finger in den andern jagt, in die äusserste, ausgezackte Grenze des jungen Menschleins. Und Georg soll nicht sprechen, dass die kristallene Stunde nicht einen Riss bekommt, wenn er die Stimme erhebt. Wir gehen still nebeneinander her, und beide ohne ein Ziel: wie zu einer Begegnung mit dem einbrechenden Abend. Da rührt sich die Hand Georgs in der meinen... kaum wahrnehmbar ist die Bewegung; und doch empfinde ich sie so klar, dass ich sie so beschreiben kann, wie wenn sie meine Augen im dumpfen Dunkel der beiden Hände erspäht hätten: Sachte legt sich der Zeigfinger auf den Daumen und zeichnet dort ein ganz kleines Kreuz, so dass die andern Finger des Knaben sich auch nicht um Geringes bewez- Ich sass ihr gegenüber. Ihr, meiner Matter. Als ich im Zug hergefahren war, hatte ich immer an sie denken müssen. Wie sie früher gewesen war, in meiner Jugendzeit. Wie ich sie an mich gedrückt hatte, bereit, jederzeit alles für sie zu geben.., Und wie sie jetzt war: Eine einsame alte Frau, die zurückdachte} zurück... Nun. sass ich ihr gegenüber, mit einem schweren Herzen. Was hatten die letzten Jahre alles gebracht! Meine mühsam errungene Selbständigkeit hatte sich endlich festigen lassen... Nun war der geheimste Gedanke meines Herzens, sie nun teilnehmen zulassen am Erfolg, den ich mühsam erobert hatte... für — sie... Aber sie war weit weg, weit weg. Eine Uhr schlug zwölf. « Fröhliche Weihnachten, Mutter. > «Fröhliche Weihnachten!» Ko. Aus dem italienischen, von Paul Fred Flückiaer ten. Ein geheimes Zeichen, aber wenn die Lage der Hand sich nicht im geringsten verändert hat, so sehe ich da wie das letzte Verebben einer neuen, jenem geheimen Zeichen entsprungenen, beschwingten Freude die Augen Georgs benetzt und fange noch die Worte des heiligen Brauches auf, die, kaum angedeutet, aber erkenntlich waren in einem stummen Zittern des Knabenmundes, das ich überrascht; vor dem Erlöschen. iäcn-wende mich um: So hat Georg ein armseliges, bäurisches Holzkreüz gegrüsst, das, auf einem Stein in der Biegung der Strasse aufgestellt, mit der Leiter, dem Seil, den Nägeln, der Dornenkrone und dem Hammer behangen, das einzige ist, was der unendlichen Süsse der Stunde entgegenwirkt und das, wenn man es von unten betrachtet, sich aufwirff zu einer hässlichen Ausstreichung in der lichten Seite des Himmels- Wartrni muss sie so geheimnisvoll, warum so heimlich sein, jene Bewegung Georgs? Sie sollte von drei Buben seines Alters, Nachbarssöhnen und Spielkameraden, nicht gesehen werden. Sie sassen auf dem Sockel des Kreuzes in der Krümmung der Strasse und hatten Georg, kaum sie ihn erblickten, von weitem mit einem langen und stummen Augenzwinkern gegrüsst: sie waren von, meiner Gegenwart eingeschüchtert, man merkte es genau, denn keiner wagte es, näher zu kommen. Georg hat in der Schule gelernt, dass ein Gläubiger sich bekreuze, wenn er bei einer Kirche oder bei einem Heiligenbild, bei Sinnbildern seines Glaubens vorbeigehe; auf irgendeine Art, wenn er die Hand nicht zu Stirne, Brust und Achseln führen könne, weil ihn jemand sehen und seine Gebärde verlachen könnte, so genüge es, wenn er sich mit dem Daumen auf der Höhe der Brust bekreuze oder in der Hand mit einem Finger auf den andern. Wer sieht's, wenn ein Kreuzzeichen so gemacht wird? Das alles weiss ich nicht von meinem Sohn, der nie gewagt hat, mir davon zu sprechen; nein, mein Herz, das Herz sagt es mir, das in Bestürzung geriet, das fast zerriss bei jenem geheimnisvollen Erschauern einer Kinderhand in der meinigen, und meine eigene Erinnerung sagte es mir, die sofort wach geworden. «Wer sieht denn das, ein Kreuzbild, das man mit der Hand auf die Brust zeichnet?» So fragte man auch mich, als ich mich eines Tages (ich hatte damals gerade das Alter O) (7) (7) CD G) (7) Georgs) anschuldigen musste, den Mut zu meinem Glauben nicht zu haben: «Die Leute schauen, Pater, die Leute lachen ...» murmelte ich zwischen den Zähnen hervor und wagte nicht, die Augen zum alten Priester zu erheben, der mir zusprach, der mir aus einer fernen Welt von Wachs zu kommen schien, so bleich war sein Gesicht und so leer sein Blick... Wer weiss, wie lange schon er wieder in jene Welt von Wachs gekehrt sein mag? Und doch ist er da, der alte Priester, durch eine kleine Geste ist er v zurückgerufen ins Leben, an den Anfang meines Weges unter die Menschen; leibhaftig und mit erwartender Gebärde ist er da, er mit seinen armseligen Worten vom Glauben, die ihm auf seine Hände hinuntergefallen sind wie die Inschriften, die in Landkirchen auf einem Pergament den Heiligenbildern vor dem Schoss schweben. — Wenn ich mich heute meiner verlebten Tage entsinne, so beginnen sie alle dort, bei seinem Antlitz, dem Antlitz, das mich sicherlich bei meiner Rückkehr stumm und gespenstisch erwartet und den Schüler von damals zur Rechenschaft zieht über die Fruchtlosigkeit der erteilten Lehre. Ja, und wenn vielleicht jene erste Scham des Kindes, jene Scham, seinen Glauben zu bekennen, der Ursprung war der später folgenden Empörungen, der Verletzungen eines viel umfassenden Glaubens, mit welchem der bleiche, weltferne Priester meine Segel für immer zu blähen glaubte; wenn ich vielleicht ein ganzes Schicksal verfehlte, weil der Knabe, der sich geschämt hatte, deü Worten des Lehrers zu glauben, als Mann sich schämte, an das Leben zu glauben? Wie werde ich dann mein Gesicht erheben können zum wächsernen Antlitz, das mich erwartet? Ich. schaue meinen Sohn an und sehe wie- Vater und Sohn