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E_1929_Zeitung_Nr.111

E_1929_Zeitung_Nr.111

Ausgabe: Deutsche Schweiz. BERN. Dienstag 31. Dezember 1929 Nummer 20 Cts. 25. Jahrgang. — N° lll ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUN Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag und Freitag ' Monatlich „Gelb* LUte" Halbjährlich Fr. 5.—, Jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozuschlag, sofern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 REDAKTION u. ADMINISTRATION! Breitenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Reehnung III/414. Telephon Bollwerk 39.84 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Unser Neujahrsgrass Ein auch auf dem Gebiete des Automobilismus ereignisvolles Jahr liegt hinter uns. Der 12. Mai 1929 vor allem bildet einen Markstein in der Geschichte des schweizerischen Automobilwesens. Er hat gezeigt dass hinter den lOOßOO Motorfahrzeugbesitzern bereits eine Masse von Schweizerbürgern steht, welche die Forderungen der neuen Verkehrsentwicklung in ihrer ganzen Tragweite begriffen hat. In unserer Demokratie reifen die Geschehnisse nur langsam. So ist auch trotz des zielbewassten Kampfes um wichtige automobilistische Forderungen der Tag der Erfüllung noch nicht gekommen. Das Jahr 1930 soll uns einen gewaltigen Ruck vorwärtsführen. Die Antworten auf die vom eidgenössischen Justizdepartement gestellten Fragen liegen nun im Bundeshause. Die grossen automobilistischen Landesverbände haben dazu Stellung genommen. Die kantonalen Baudirektoren haben die Notwendigkeit eines schweizerischen Strassenverkehrsgesetzes ebenfalls erkannt. Die Reihen derjenigen Parlamentarier, welche zur gleichen Ueberzeugung kamen, haben sich verdichtet. Das Jahr 1930 wird uns auf dem Gebiete der Strassenverkehrsgesetzgebung einen grossen Schritt vorwärts bringen. Es braucht dazu aber die Energie aller Motorfahrzeugbesitzer, um zu einer alle Teile befriedigenden Verkehrsregelung zu gelangen. Das- Jahresende 1929 brachte uns allen Jedoch in anderer Hinsicht eine schwere Enttäuschung. Die PosMate Amstalden und Meuli wurden im eidgenössischen Parlamente unter den Tisch gewischt. Die berechtigte Forderung, vom BenzinzoU, oder besser gesagt von der Benzinsteuer, die Hälfte des Betrages an die Kantone abzuliefern zwecks Herstellung und Unterhalt eines modernen tadellosen Strassennetzes, wurde nicht anerkannt. Es gilt deshalb hier den Kampf mit aller Sachlichkeit, aber auch mit aller Entschiedenheit neu aufzunehmen. Im Interesse vorab unseres schweizerischen Touristenverkehrs und damit unserer ganzen Volkswirtschaft muss der Bund sich zur Abgabe der Hälfte des Benzinzolles bereit erklären können. Die gegen diese Forderung angeführten 'Argumente sind nicht stichhaltig. Auch der Automobilist ist zu Opfern gerne Festtreiben In der Weltstadt Von Dr. A. Charasch, Paris. Paris, die Weltstadt, unter alten Städten die Stadt, in eine Budenstadt verwandelt — dem Fremden fehlt der Glaube! Sich die herrlichen grossen Boulevards von Paris, diese unvergleichliche Arterie, deren Lebenspuls Tag und Nacht in unaufhörlicher Aktion ist, von Holzbaracken umsäumt vorzustellen, die sich gelegentlich selbst noch Azetylenlampen bedienen und jedenfalls Artikel feilbieten, die stark nach Grossväter chens Zeiten riechen, nach jener grauen Vergangenheit, die an Stelle des heutigen Paris noch die alte Stadt Lutetia sah, sich im Zeichen der höchsten Errungenschaften der Technik alles das vorzustellen — dazu gehört wahrlich eine starke Anstrengung der Phantasie. Oder aber nur die Vertrautheit mit der Tatsache, dass die Ville-Lumiere, weil sie auch wirklich eine in des Wortes wahrem Sinne historische Stadt ist und weil aus fast jedem alten Stedn zu uns eine tausendjährige Geschichte spricht, dass auch das heutige Paris sich an die Ueberlieferung verbunden fühlt, dass die Tradition hier die Psychologie der Stadt und der Stadtbewohner in einer Weise fest durchwirkt hat, dass selbst die vielfarbige kosmopolitische Flut, die sich über Paris ergiesst und hie und da zweifelsohne Wandel schafft, es dem grossen Seine- Strom und seinen vielgestaltigen Auswirkungen an beiden Ufern doch nichts antun kann. bereit. Aber es geht nicht an, aus ihm Geld herauszupressen, um damit die verschiedensten Löcher im eidgenössischen Finanzhaushalte zu verstopfen. Ohne Kampf wird der Automobilist nicht zu seinem Rechte kommen. Ihn seit 25 Jahren unerschrocken, zielklar und bestimmt geführt zu haben, rechnet sich die «Automobil-Revue» zur hohen Ehre an, ist sie doch die Zeitung des Automobilisten geworden. Sie erwartet für ihre aufopfernde Tätigkeit weder Ruhm noch Lob. Die durch sie erreichten Erfolge sind ihr Dank genug. Eines aber möchte sie verlangen: Treue. Je mehr sie ihren Aktionsradius ausdehnen kann, ie mehr sich die Automobilisten um sie scharen, desto grösser ihr Erfolg und desto nachhaltiger, die Macht ihrer Stimme. Die «Automobil-Revue» ist aber nicht nur die Vorkämpferin automobilistischer Interessen und das umfassendste Sprachrohr der Automobilverbände, ihre Tätigkeit ist gar mannigfaltiger Art. Die Gebiete der Touristik, des Sports, der automobiltechnischen Praxis, der Jurisprudenz und nicht zuletzt der Unterhaltung und Belehrung vielseitigster Art erfahren sorgfältige und gründliche Behandlung. Zahlreiche Zuschriften beweisen uns, dass gerade auf dem Gebiete der Technik die « Automobil-Revue > zum guten Führer und wegweisenden Berater geworden ist. Hunderte und Aberhunderte juristischer Anfragen zeigen, wie gerne sich der Automobilist im juristischen Sprechsaal unseres Blattes beraten und belehren lässt. Gross sind die Anforderungen, die heute an die Berichterstattung automobilistischer Veranstaltungen gestellt werden. Sowohl die aktiven Teilnehmer dieser Veranstaltungen als auch die Tausenden von Zuschauern wollen nicht in irgend einer Zeitung, sondern in der «Automobil- Revue» das massgebende Urteil lesen. Sie wissen, dass sie durch dieses Blatt rasch, umfassend und auf interessante Weise unterrichtet werden. Der «Autler-Feierabend », unsere modern und frisch geschriebene Unterhaltungsbeilage, erfreut sich wachsender Beliebtheit. Er ist zur gern gelesenen Unterhaltungslektüre des Automobilisten geworden. Hier findet er Aufschluss in Wort und Bild über sportliche, touristische, Mode- und Gesellschaftsfragen, eine Der unerbittlichste Feind dieser Budenstadt in der Weltstadt ist wohl der junge und energische Polizeipräfekt von Paris und mit ihm die gesamte Verkehrspolizei. Eine Stadt, in der der Autoverkehr sich in immer ansteigender Proportion entwickelt, eine Stadt, in der seine Regelung auch ohnehin ungeheure Schwierigkeiten bietet, an der die Verkehrsstockungen, die hier den berufstechnischen Namen «Pfropfen > — Embouteillage — erhielten, sich zu einem fast unlösbaren Problem gestalten, derart, dass Arthur Holitscher in einer schwarzen Vision an dieser Stelle den unvermeidlichen Untergang der Weltstadt kommen sieht, — dieses Paris, das, um der unentwirrbaren Verkehrsschlinge zu entrinnen, eine zweite Stadt in der Unterwelt schaufeln muss, bekommt auf einmal, wenige Wochen vor dem Fest, eine Budenstadt aufgehalst, deren Geschäftsumsätz kaum imponierend sein kann, um die sich aber nichtsdestoweniger Hunderte, Tausende von Passanten scharen. Kürzlich erst ging ein Geheul durch die grossen Boulevards: die Polizeibehörden tragen sich mit der Idee herum, auch die Zeitungskioske einzuengen, um jede nur verfügbar zu machende Elle dem gewaltigen Autoverkehr zunutze kommen zu lassen. In Paris, wo die Zeitungsausträgerinnen eine unbekannte soziale Kategorie sind, wo die Morgen-, Mittag- und Abendblätter fast ausschliesslich im Strassenverkauf erhältlich sind, würde die geplante Massnahme tatsächlich eine Gefährdung des Zeitungsgewerbes bedeuten. Im Weltstadttempo, lehrreiche Unterhaltung, die er nicht mehr missen möchte. Verlag und Redaktion der »Automobil- Revue» schrecken vor keiner grossen Aufgabe zurück. Die «Automobil-Revue» ist nicht nur das wertvolle Fachblatt geworden, sondern darüber hinaus eine automobilistische Zeitung, die alle Fragen des Automobilismus in die grossen Zusammenhänge unserer modernen Entwicklung zu stellen weiss. Die « Automobil-Revue » hat, der allgemeinen Preissteigerung trotzend, den sicherlich bescheidenen Abonnementspreis von Fr. 5.— im Halbjahr beibehalten. Wir geben uns deshalb der angenehmen Hoffnung hin, dass die in den nächsten Tagen zum Versand gelangenden Einzahlungsscheine auf liebevolle Aufnahme rechnen können. Jeder Automobilist wird das Seinige dazu beitragen wollen, die ihm liebgewordene Zeitung in ihrer wichtigen Aufgabe zu unterstützen und durch die Einlösung des Semesterbeitrages an seinem Orte für die gute Sache des Automobilismus weiterhin einzustehen. Verlag und Redaktion Automobil-Revue. «L'assurance et les drames de la route». Unter diesem Titel erschien letzter Tage in der «Gazette de Lausanne> eine Besprechung der Antrittsvorlesung des neuernannten Privatdozenten der Lausanner Universität, Dr. jur. Marcel Bridel. Herr Dr. Bridel behandelte in seinem Vortrag sowohl das heute für den Automobilisten bestehende, auf dem Verschuldensprinzip des O.R. aufgebaute Haftpflichtsystem, als auch die in einem zukünftigen Verkehrsgesetz einzuführende Verschuldenshaftung. Wie wir aus den kürzlioh in der Automobil-Revue veröffentlichten Ausführungen von Herrn Dr. R. von Stürler wissen, sind die am Strassenverkehr hauptsächlich interessierten Verbände bereit, in einem neuen Verkehrsgesetze der Verursachungshaftung im Sinne der Eisenbahnhaftpflicht zuzustimmen. Wenn auch diese Neuordnung der Haftpflicht dem Motorfahrzeugführer ganz erhebliche Opfer in Form bedeutend erhöhter Versicherungsprämien auferlegt, haben sich trotzdem die Automobilisten, um einem modernem Verkehrsgesetz den Weg zu ebnen, bereit erklärt, die von ihnen verlangten Mehrleistungen im Interesse der übrigen Strassenbenützer zu übernehmen. Es von einer Riesenmasse von Menschen immer vorwärtsgeschoben, fängt der Passant seine Zeitung fast im Vorüberlaufen auf, wozu die draussen aufliegenden Blätter ein fast unentbehrliches Korrelat bilden. Man denke sich nur den zugefügten Schaden aus, wenn der Nachrichtenhungrige, dem unersättlichen Automobilmoloch zuliebe, der für sich immer mehr und mehr Raum fordert, erst in einen Zeitungsladen eintreten müsste! Nun, auch im Reiche des kühnen Polizeigewaltigen von Paris wird nicht so heiss gegessen wie gekocht, und der grosse Zerstörer selbst geheiligter Traditionen, der wuohtige Brescheschlager, das Auto nämlich, vermag auch hier nur allmählich alles zu einer ihm unterworfenen grossen Fahrstrasse zu weiten. Gelingt die überlieferte... Verkehrsstörung nicht so, so muss sie sich halt anders durchsetzen. Diesmal erhob sich vor dem Fest, inmitten der andern Jahrmarktbuden, noch eine besondere Art von Ständen, die die Polizei mit noch grösserer Mühe würde verhindern können, weil sie von einer festen Panzermauer umgeben sind: von der Mildtätigkeit der Bevölkerung. Gerade in diesen Wochen, da die herannahenden Feiertage grosse Ansprüche an die grossen und noch grössere an die kleinen Portemonnaies stellen, schleicht sich die Wohlfahrt hinein und pocht an allen Türen, aber auch auf offener Strasse, um eine Marke zur Bekämpfung der Schwindsucht in Millionen von Exemplaren abzusetzen. Der Gedanke selbst und die Art seiner Verwirklichung erinnern an unsere Pro-Juventute-Veranstaltungen. INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile ode* deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarif, bueratensehluss 4 Tage vor Erseheinen der Nummern zeugt dies nicht nur von einer grossen Weitsichtigkeit, sondern auch von einem ehrlichen Opferwillen und Entgegenkommen, das allseits grosse Anerkennung verdient Herr Privat-Dozent Dr. Bridel hat die Frage aufgeworfen, ob nicht durch eine allgemeine obligatorische Volksversicherung für die Strassenbenützer noch günstigere Verhältnisse geschaffen werden könnten. Er ist der Auffassung, dass neben der obligatorischen Haftpflichtversicherung des Motorfahrzeugführers, die unverändert bestehen bleiben würde, eine obligatorische individuelle Unfallversicherung des Strassenbenützers, d. h. der Allgemeinheit, treten sollte, die ergänzend zur Haftpflicht des Motorfahrzeugführers in Funktion treten sollte. So einleuchtend an und für sich die von Herrn Dr. Bridel geäusserte Idee auf den ersten Blick auch ist, so schwierig wird sich deren Realisierung in der Praxis gestalten. Nach seiner Auffassung sollte primär stets die Haftpflichtversicherung des Motorfahrzeugfahrers in Kraft treten, während dann die individuelle Volksunfallversicherung der Strassenbenützer auf dem Regresswege gegen die Haftpflichtversicherung der Motorfahrzeugführer vorzugehen hätte. Er glaubt, dass auf diese Weise Prozesse durch gegenseitige Vereinbarungen unter den Versicherungsgesellschaften ausgeschaltet würden. Wir können dieser Auffassung, die theoretisch vielleicht etwelcher Berechtigung nicht entbehrt, deshalb nicht beipflichten, weil sie praktisch nicht, oder nur mit grossen finanziellen Aufwendungen, durchführbar sein würde. Entweder haftet die Haftpflichtversicherung des Motorfahrzeugführers oder es haftet die Versicherung des Strassenbenützers, des Fussgängers. Trifft den Fussgänger das ausschliessliche Verschulden an einem Unfall, wird eben die Haftpflichtversicherung des Motorfahrzeugführers mit Recht die Leistungspflicht verweigern. Dasselbe wird im gegenteiligen Falle die Versicherung des Fussgängers tun. In welcher Weise hier eine Verständigung der Versicherungsgesellschaften Platz greifen soll, ist uns nicht verständlich. Die Idee des Herrn Dr. Bridel würde nur dann praktisch realisierbar sein, wenn es sich bei der Fussgängerversicherung um eine Versicherung handeln würde, die nach dem Grundsatz der Kaskoversicherung aufgebaut wäre, d. h. eine Versicherung, die primär für Nur erhält diese hier eine viel grössere Amplitude, und in diesem Jahre stellen sich in den Dienst der guten Sache auch noch die Pariser Camelots, jene unübertrefflichen Jahrmarktredner, die wohl keine andere Stadt Paris streitig machen könnte. Die Camelots, die ihre rhetorische Begabung, ja selbst ihren Tagesverdienst für eine grössere Verbreitung der Antituberkulosenmarke einsetzen, wollen, mit Verlaub! nicht mehr Camelots geheissen werden, und eine von ihnen abgehaltene berufliche Versammlung schuf die neue Bezeichnung: «Demonstrateur». Was sie in diesen Tagen «demonstrieren», geht über dert Artikel, über die Antituberkulosenmarke, mit der sie ihre Köfferchen füllten, die gestern noch Sctouhsehnürehen, Manchettenknöpfe oder den neuesten Krawattenbinder enthielten, den man eben nur einmal kauft, weil er sich schon beim ersten Male nie bewährt. Sie «demonstrieren» nämlich jene wunderbare volkstümliche Beredsamkeit, die eine alte gallische Gabe ist und die sich uns in immer neuen Entfaltungen offenbart. In einer auf den einen oder andern Passanten, auf diesen schlichten Mann aus dem Volke oder auf jene alte Frau, die seine Bude umstehen, zugeschnittenen Wendung, in Satzbildung wie in Gebärde, ist ein jeder von diesen «Demonstrateurs» eine sehens-, besonders aber eine hörenswürdige Erscheinung. Und eine weitere, typisch pariserisciie Erscheinung, jenes Preisgericht, aus Schauspielern, Schriftstellern und Journalisten zusammengesetzt, das in einem grossen Autocar die grossc Stadt