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E_1930_Zeitung_Nr.001

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18 AUTOMOBIL-KEVUE

18 AUTOMOBIL-KEVUE 1930 - NH , Wir danken unserer Kundschaft für das im verflossenen Jahre bewiesene Zutrauen und hoffen, dasselbe auch in diesem Jahre erhalten u. mehren zu können. Unseren Kunden und Bekannten ein gutes und er~ folgreiches 1930. JUNKER & FERBER vormals ZÜRICH

Bern, Freitag 3. Januar 1930 ///. Blatt der „Automobil-Revue" No. 1 Im heutigen „Äutler-Feierabend": Seite Der Sanntag 13 Der Tote 13 Der Teufel in der Matratze 14 Der Pariser und der ßchiefe Turm 14 Seite der Frau 15 Die Ehe der erwerbenden Frau 15 Tanz 15 Unser Kreuzworträtsel 16 Humor 17 Der Sonntag Ich weiss nicht, ob es eine atmosphärische, akustische oder eine andere Erscheinung ist, aber es ist so: an einem Tag der Woche erwache ich mit einem eigentümlichen Druck im Kopfe, bin von Lebensüberdruss und mit Unlust erfüllt, aus dem Bett zu steigen. Dabei empfinde ich völligen Mangel an Enthusiasmus für jede wie immer geartete Aufgabe oder Arbeit; man könnte eine solche Empfindung Langeweile, Oede oder Spleen nennen. Gewöhnlich plage ich mich so lange damit, die Ursache dieser plötzlichen Depression zu erforschen, bis ich mir schliesslich sage: «Es dürfte Sonntag sein» und es ist tatsächlich Sonntag. Wie gesagt, ich weiss nicht, wieso es mich überfällt: vielleicht ist es ein besonderer atmosphärischer Druck, eine magnetische Störung oder sonst etwas; möglich, dass an Sonn- und Feiertagen im Weltall etwas nicht arbeitet, wodurch die alltägliche Ordnung der Natur zerstört ist. Man sollte wissenschaftlich feststellen, ob Gras und Bäume an Sonn- und Feiertagen wachsen. Oder ist es eine akustische Erscheinung? Man erwacht und hört nicht das ferne und breite Brausen menschlicher Arbeit. Das wirkt so drückend, wie wenn eine Mühle stillsteht. Diese Erklärung ist einfach und infolgedessen unrichtig. Denn ich erwache mit der katastrophalen Ahnung des Sonntags auch in der Einsamkeit der Berge. Und wenn mich der Sturm auf eine einsame Insel trüge, ich wüsste, ich würde eines Morgens mit einem fürchterlichen Gefühl erwachen, auch ohne einen Kalender, dass es Sonntag sei. Ich glaube, dass das Weekend nur eine verzweifelte Flucht vor dieser sonntäglichen Depression ist. Die Menschen glauben, dass sie sich-ermüden müssen, damit sie die niederschmetternde Wirkung des Feiertags vergessen. Wehe ihnen! Denn der Sonntag ist ihnen doch überall auf den Fersen, auch im Theater und auf dem Sportplatz ist er hinter ihnen her. Besser tut der, der ihm in den Strassen der Stadt die Stirne bietet oder ihn zu Hause über sich ergehen lässt. In der Stadt stellt es sich heraus, dass der Sonntag- FEUILLETON „Hüte dich" Eine geheimnisvolle Begebenheit Von James O'Hara. Aus dem Englischen von Hans Landt. Gestatten Sie mir eine Vorbemerkung, ehe ich Ihnen diese überaus seltsame Geschichte erzähle. Ich bin seit vielen Jahren Telegraphist und werde für einen nüchternen und soliden Beamten gehalten. An Spuk, Telepathie, Okkultismus und soloie modernen Dinge glaube ich nicht. Um so mehr musste mich das Erlebnis fesseln, das ich Ihnen schildern will und das einige Jahre zurückliegt. Ich war erst vor einem Jahre an ein Telegraphenamt in einem Londoner Vorort versetzt worden, wo ich von abends sechs bis nachts zwölf Uhr • Dienst hatte. Eines Nachts, kurz vor Dienstschluss, traf eine seltsame Depesche ein. Sie war an einen Herrn in unserem Vorort adressiert und bestand aus den zwei Worten «Hüte Dich!». Der Absender zeichnete nur mit einem H. Das Telegramm wurde dem Boten übergeben, ich hatte mich nicht mehr darum zu kümmern. Zwei belanglose TelegTamme trafen noch ein in dieser Nacht. Dann war Feierabend für mich, und ich konnte mich in meine kleine Wohnung begeben, die drei Häuser vom Telegraphenamt entfernt war. Als ich den Korridor betrat, sah ich, dass im Badezimmer noch Licht brannte, dass man zu loschen vergessen hatte. Ich besorgte es. Bei dieser Gelegenheit wurde ich darauf aufmerksam, dass einer der Wasserhähne nicht ganz zugedreht war, eo dass ein Wassertropfen nach dem anderen auf den Boden der Badewanne fiel. Ich blieb einen Augenblick in der Tür stehen, um dem Fall der Tropfen zu lauschen. Sie kamen in so eigenartiger Weise, gleichsam stossweise, dass ich zu mir selbst sagte: es klingt fast so, als hätten sie etwas zu sagen! Dann fing ich an, mechanisch die Tropfen abzulesen, als wenn es sich um ein Telegramm handelte, und merkwürdig genug klang es wie: «Hüte Dich! Hüte Dich!» vormittag noch recht und schlecht zu ertragen ist. Er hat sogar etwas Feierliches an sich. Die Mädchen sind hübsch und übrigens kann man ja die Sonntagsblätter lesen. Erst am Nachmittag bricht der akute Sonntagszustand aus. Die Stadt atmet bange Schläfrigkeit aus und auf der Strasse begegnet man Menschen, die man sonst nie sieht. Es gibt ihrer Tausende, die vielleicht nur am Sonntag existieren. Man sieht Menschen, die ausschauen, als hätte man sie vor dreissig Jahren in den Kasten gehängt und sie gingen nur Sonntags aus, damit sie die Motten nicht auffressen. Es gibt saubere Sonntagsgesichter, bleich, mit grossen Nasen, bärtig, kupfrig, sommersprossig oder käsig, in der Regel ärmlich aber sauber gekleidet. An allem ist etwas Altvaterisches, besser gesagt: Zeitloses. Gegen vier oder fünf Uhr tauchen Familien auf, das ist auch etwas, was öffentlich nur am Der Tote Galsworthy ist heute nicht nur einer der bedeutendsten Romanciers Englands, sondern de,r Gegenwart. Folgende Legende, die dem im Paul Im Frühling des Jahres 1950 sass ein Rechtsanwalt mit seinem Freund bei einem Glase Wein und Nüssen. Da erzänlte der Rechtsanwalt: «Als ich unlängst in den Akten meines Vaters blätterte, fand ich diesen Zeitungsausschnitt. Er ist vom Dezember 19... datiert. Ein merkwürdiges Dokument. Wenn du willst, lese ich es dir vor.» «Bitte!» sagte der Freund. Der Rechtsanwalt begann zu lesen: «Vor dem Londoner Polizeigericht erregte gestern ein ärmlich gekleideter, jedoch anständig aussehender Mann einiges Aufsehen, als er den Richter um einen Rat bat.. Wir geben das Gespräch wörtlich wieder: «Darf ich an Euer Gnaden eine Frage richten? > «Wenn ich sie beantworten kann.» «Ich möcht' nur wissen, ob ich lebe.» «Machen Sie keine dummen Witze.» «Es ist mir vollkommen ernst damit, Euer Gnaden. Alles hängt für mich davon ab, es zu wissen; ich bin von Beruf Kettenschmied.» «Sind Sie bei Sinnen?» «Ich bin durchaus bei Sinnen, Euer Gnaden.» «Wie kommen Sie dann dazu, eine derartige Frage an mich zu stellen?» «Ich bin arbeitslos, Euer Gnaden.i «Was hat das damit zu tun?» «Gestatten Euer Gnaden, dass ich es erkläre. Seit zwei Monaten bin ich ohne mein Verschulden arbeitslos. Euer Gnaden haben bestimmt gehört, dass es Hunderte und Tausende in meiner Lage gibt.» «Gut, fahren Sie fort.» «Ich gehöre keiner Gewerkschaft an, Euer Gnaden; Sie werden doch wissen, dass mein Gewerbe nicht organisiert ist.» Dann trat eine kurze Pause ein, auf die nur der «H» folgte. Mir wurde ganz eigentümlich zu Mute. Ich zündete die Lampe an. Dann setzte ich mich auf den Rand der Badewanne und lauschte aufmerksam den Tropfen. Dieselben Worte wiederholten sich unaufhörlich. Anfangs erinnerte ich mich nicht recht, wo ich die Worte schon gehört hatte. Wir Telegraphisten haben so viele Depeschen zu befördern, dass wir nur äusserst selten einer besondere Aufmerksamkeit schenken. Plötzlich wurde es mir aber klar, dass die Tropfen den Wortlaut des Telegrammes wiederholten, das ich vor meinem Verlassen des Amtes befördert hatte, und ich kam zu dem Schluss, dass meine Nervosität hier hineinspielte und dass eine Sinnestäuschung meinerseits vorlag. In demselben Hause mit mir wohnte einer meiner Kollegen, und da ich nicht zur Ruhe kam. entschloss ich mich, ihn zu rufen. Er sollte entscheiden, ob ich recht gehört hatte oder nicht. Es war allerdings schon späte Nacht, und er war wohl schon zu Bette gegangen, trotzdem beschloss ich, ihn zu holen. Anfänglich war er denn auch etwas verdriesslich, schliesslich bewog ich ihn aber doch, mir zu folgen. Obgleich ich ihm nicht sagte, wie ich die Sprache der Tropfen auslegte, kam er doch zu demselben Resultat wie ich. Wir standen beide da und lauschten. Er überlegte, woher die Mitteilung kommen mochte und für wen sie eigentlich bestimmt sei. Ich erinnerte mich des Namens der Person nicht mehr, an die das Telegramm adressiert war, und ich sagte auch meinem Kollegen nichts davon. Sonntag existiert. Wann begegnet man am Wochentag einer menschlichen Familie mit unausstehlichen Jungen, die man bei jedem Schritt rügen muss, mit Mädchen, denen die Spitzen der Höschen hervorgucken, mit einer Mutter, die sich wie eine alte Droschke wiegt, mit dem Vater, der Zigarren nur in der Spitze raucht und den Zustand der Gassen und der Neubauten kritisiert? Ich sage dir, das ist die sonntägige Menschheit, die in der ganzen Welt gleich aussieht und Sonntag für Sonntag die ganze Welt in eine Kleinstadt verwandelt. Der Städter flieht am Sonntag nicht in die Stadt und ihr Getöse; er flieht vor der Kleinstadt, die an Wochentagen in Werkstätten, Läden und Haushalten verborgen ist, und die an Sonnund Feiertagen sich der Strassen bemächtigt, als wollte sie sagen: Wir sind da! Wir alten Mädchen, wir Väter und Mütter, Onkel und Tanten. Wir Zeitlosen. Wir Ewigen. (Carl Capek im «Neuen Wiener Journal».) Zsolnay-Verlag, Berlin, erschienenen Bande «Die letzte Karte», entnommen ist, zeigt ihn aLs brillanten Zeitsatyriker. «Ja, ja.» «Euer Gnaden, seit drei Wochen bin ich gänzlich mittellos. Ich habe mein möglichstes getan, Arbeit zu finden, aber es war alles vergebens.» «Haben Sie sich an den Armenrat Ihres Bezirkes gewandt?» «Ja, Euer Gnaden, aber der kann keine weitern Unterstützungen mehr geben.» «Bei ihrer Kirchspielbehörde sind Sie auch schon gewesen?» «Jawohl, t Euer Gnaden, und auch beim Pfarrer.» «Haben Sie keine Verwandten oder Freunde, die Ihnen helfen könnten?» Die Hälfte von denen ist genau so übel dran wie ich, Euer Gnaden, und den andern hab' ich schon alles abgeknöpft.» « Was" haben Sie ?> • -—"•••• • «Ihnen alles abgeknöpft — ihnen alles Entbehrliche abgenommen.» «Haben Sie Frau und Kinder?» «Nein, Euer Gnaden, das ist auch ein Hindernis, überall komm' ich deshalb zuletzt dran.» «Freilich, freilich — aber es ist ja schliesslich noch die Obdachlosenfürsorge da; Sie haben das Recht zu » «Euer Gnaden, ich bin in zwei von diesen Heimen gewesen, aber gestern abend wurden Dutzende von uns wegen Raummangels abgewiesen. Euer Gnaden, ich habe Hunger; hab' ich denn kein Recht zu arbeiten?» «Nur im Armenhaus.» «Ich hab' Ihnen schon gesagt, Sir, dass ich gestern abend nicht mehr hineingekommen bin. Kann ich denn keinen Menschen zwingen, mir Arbeit zu geben?» «Schwerlich.» Nachdem wir uns über das Ganze lustig gemacht hatten, verliess mich mein Freund. Ich begab mich in mein Zimmer, da ich mich aber etwas nervös fühlte, ging ich nicht sofort zu Bett, sondern setzte mich eine Weile an meinen Schreibtisch, wo ich über das Erlebte nachdachte. Nach einiger Zeit stand ich auf und trat an den Spiegel, um meinen Kragen abzubinden. Wie ich, in Gedanken versunken, dastand, erblickte ich im Spiegel eine männliche Person hinter mir. Sie sass am Schreibtisch auf demselben Platz, den ich bis vor kurzem eingenommen hatte. Ich war zu erstaunt, um mich umzudrehen. Ich stand da und starrte das Bild an. Es war ein grosser, schlanker Mann. Sein Antlitz war leichenblass, und ich sah, dass seine Augen von dunklen Ringen umgeben waren. Plötzlich ergriff der Fremde einen Bleistift und schrieb, oder richtiger gesagt, punktierte etwas auf ein Blatt Papier, das auf dem Schreibtische lag. Ich folgte den Bewegungen seiner Hand und sah, dass er ein H schrieb. Dann folgte ein ü, darauf kamen t und e. Nach einer kurzen Pause setzte er fort: d, i, eh. Jetzt machte er längere Zeit Halt. Es schien, als überlege er gründlich, ich wusste, was kommen würde, und richtig, da stand schliesslich das erwartete H. Dann erhob er sich und, als ahne er von meinet Gegenwart nichts, verschwand, ohne sich umzusehen, ja, ohne den Kopf zu bewegen, mit langsamen Schritten durch die offene Tür. Ich stand wie gelähmt da. Schliesslich fand ich meine Besinnung wieder, dass ich mich dem Schreibtisch zu nähern vermochte. Man kann sich denken, welche Gefühle mich ergriffen, als ich einen Blick auf das Papier warf, und es vollständig leer fand — nicht ein Wort enthielt es. Ich trat an die Tür, schloss und verriegelte sie. Dann sank ich in einen Stuhl. Ich war nicht imstande, einen Gedanken zu fassen. Wie lange ich so gesessen hatte, weiss ich nicht. Erst als die Morgensonne durch die Vorhänge schien, kam ich zum Bewusstsein. Aber ich fieberte am ganzen Körper. So trat ich an das Fenster und öffnete es, um frische Luft zu schöpfen. Wie geistesabwesend starrte ich auf die menschenleere Strasse hinab. So früh am Morgen kam es selten vor, dass jemand vorbeiging, und die Fusstritte eines Vorübergehenden hallten immer von Haus zu Haus weiter. Wie ich so hinausschaute, sah ich. wie ein Mann sich drüben auf dem Bürgersteig näherte. Er ging so leise, dass nicht der geringste Laut hörbar war, dabei aber doch in schnellem Tempo. Ich fand dies höchst sonderbar, zumal sein Gang ziemlich schwer war. Als er sich meinem Fenster näherte, sah es aus, als wenn er seine Schritte mässigte. Erst wandte er mir halb den Rücken zu, als wenn er nicht erkannt zu werden wünsche. Dann wandte er sich plötzlich um und starrte mir ins Gesicht. Unsere Augen trafen sich. In seinen Zügen lag ein Ausdruck von Angst und mit der «Euer Gnaden, ich habe argen Hunger. Können Sie mir erlauben, auf der Strasse zu betteln?» «Nein, nein, das kann ich nicht; Sie wissen sehr gut, dass es nicht geht.» «Vielleicht darf ich dann stehlen, Euer Gnaden?» «Aber, aber! Sie halten das Gericht unnötig auf.» «Aber, Euer Gnaden, es ist mir bitter ernst. Ich verhungere buchstäblich, auf Ehre und Gewissen! Können Sie mir nicht erlauben, dass ich* meinen Rock oder meine Hosen verkaufe —» Der Bittsteller knöpfte den Rock auf und enthüllte seine nackte Brust. «Ich habe sonst nichts zu » «Sie dürfen in keinem unschicklichen Aufzug herumlaufen. Gesetzübertretungen kann ich nicht gestatten.» «Bekomm' ich dann wenigstens die Erlaubnis, im Freien zu schlafen, ohne wegen Vagaboindage verhaftet zu werden?» «Ich erkläre Ihnen ein für allemal, dass ich Ihnen nichts dergleichen erlauben kann.» «Was soll ich also tun, Sir? Ich spreche die Wahrheit. Ich will das Gesetz nicht übertreten. Können Sie mir sagen, wie ich ohne Nahrung weiterleben soll?» «Ich wünschte ich könnte das.» «Dann, Sir, muss ich Sie fragen: Bin ich nach der Ansicht des Gesetzes überhaupt am Leben?» «Mein guter Mann, das ist eine Frage, die ich nicht zu beantworten vermag. Für das Gesetz, scheint es, existieren Sie nur dann, wenn Sie es verletzen; aber das werden Sie doch hoffentlich nicht. Sie tun mir wirklich leid; Sie können einen Shilling aus der Sammelbüchse haben. Der nächste Fall!» ...Der Rechtsanwalt hielt inne. «Jawohl,» sagte sein Freund, «das ist ja sehr interessant. Wirklich höchst sonderbar. Merkwürdige Zustände waren das damals!» Der hilfsbereit-galante Franzose. Dem «Petit Parisien» wird aus Toulouse gemeldet: Am Rond-Pöint de Saint-Agne wollte Frau de Meuron aus Genf, welche ihr Auto selbst' lenkte, einem Lastwagen vorfahren. Dabei geriet das Auto auf den Tramschienen ins Schleudern und überschlug sich. Der neben der Lenkerin sitzende Herr de Meuron wurde erheblich verletzt. Frau de Meuron war zwischen Lenkrad und Sitz eingeklemmt. Um sich zu befreien, zog sie ihren kostbaren, 30,000 Franken geltenden Pelzmantel aus, den ihr ein hilfsbereiter Passant abnahm. Als sie sich aus ihrer peinlichen Lage befreit hatte, war der hilfsbereite Mann mit dem wertvollen Mantel verschwunden. Hand winkte er in der Richtung des Vororts. Meine Gemütsstimmung, als ich den Mann wiedererkannte, der mich in der Nacht besucht hatte, lässt sich nicht beschreiben. Ich beugte mich zum Fenster hinaus und rief ihn an. Aber ruhig, ohne sich umzusehen, setzte er seinen Weg fort und verschwand um die nächste Ecke. Ganz ausser mir, stürzte ich die Treppe hinunter und ihm nach. Er war aber wie von der Erde aufgesogen. Mechanisch setzte ich meinen Weg bis zum Telegraphenamt fort. Hier war man erstaunt, als man mich so früh am Morgen eintreten sah. Ich erzählte aber, ich sei so nervös und hätte keinen Schlaf finden können. Dann schlug ich das Buch auf und suchte nach dem seltsamen Telegramm, um mich sofort auf den Weg nach dem Vorort zu machen. Als ich mich dem Hause näherte, in dem der Adressat der Depesche wohnte, fiel mir auf, dass sich eine grosse Menschenmenge davor angesammelt hatte. Ich drängte mich indessen durch die Menge durch. Vor der Haustür standen zwei Schutzleute, die den- Eingang bewachten. Zufällig kannte ich den einen. Ich fragte ihn, was es hier gäbe. «Es ist hier eben ein fürchterlicher Mord begangen worden!» anwortete er, «wenn Sie wünschen, können Sie hineingehen.» Ich trat ein, und man zeigte mir ein ZimmeT, auf dessen Fussboden ein Mann lag. Noch heute sehe ich die Leiche vor mir. Sie war fürchterlich zugerichtet und lag in einer Blutlache. Die Beamten waren im Begriff, die Taschen des Toten zu untersuchen, um, wenn möglich, nähere Aufklärung zu schaffen. Schliesslich fand man ein Papier, und als es entfaltet wurde, zeigte es sich als von mir beförderte Depeche, mit dem Buchstaben «H» unterzeichnet Ich wankte aus dem Zimmer und bestieg den ersten Omnibus, der mich zum Amt brachte. Dort erzählte ich das Erlebte einem Kollegen und zeiet« ihm die Kopie der Depesche. Er verhielt sich meinem Berichte gegenüber aber äusserst skeptisch und schien an meinem Verstande zu zweifeln. Ich beschloss deshalb, nicht wieder hierüber zu sprechen.