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E_1930_Zeitung_Nr.006

E_1930_Zeitung_Nr.006

Aasgabe: Deutsche Schweiz. BERN, Dienstag 21. Januar 1930 Nummer 20 Cts. 26. Jahrgang. — N° 6 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozuschlag, Boiern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung HI/414. Telephon Bollwerk 39.84 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Maximalgewichte. Glossen Wir haben in der Schweiz ein sogenanntes Äutomobilkonkordat. Vor Jahren geschaffen, ist es schon ziemlich alt und von Wind und Wetter, von kantonalen Einschränkungen und neuen Bestimmungen arg durchlöchert. Aber es lebt noch und ist trotz seiner Gebrechlichkeit stark genug, um dem aufstrebenden Automobil Hindernisse in den Weg zu legen und es in seiner Auswirkung zu hemmen. Auch der Richter greift noch gerne nach ihm, um gestützt auf Paragraph so und so Bussen und Strafen zu verfügen. In diesem Automobilkonkordat sind auch Bestimmungen über die Höchstbelastungsgrenze von Lastwagen enthalten. Diese Bestimmungen lauten so, dass der schwere Lastwagen Mühe hat, aufzukommen. Sie kamen wohl nicht von ungefähr in das Konkordat hinein. Es lag eine gewisse Absicht darin, eine Absicht, die sich leider Gottes erfüllte und die, wie man es bezweckte, zum Radschuh des schweren Automobil- Lastwagens wurde. Das Totalgewicht voilbelasteter Lastautos darf nämlich, laut Konkordat die neun Tonnen nicht überschreiten, ansonst der Inhaber mit" einem ziemlich hohen Bussenzette) zu rechnen hat. Eine rentable Traktion ist damit beinahe ausgeschlossen. Da ja das Lastautomobil selbst 5—6 Tonnen Eigengewicht aufweist und es damit dem Besitzer genommen ist. .sein Auto voll und ganz auszunützen, um das vorgeschriebene Gewichtsmaximum nicht iu überschreiten, muss er sich, je nach Bestand und Beschaffenheit des Materials, mit einer halben oder Dreiviertelladung begnügen. Erfreulicherweise hat deshalb die Gruppe Kanton Zürich des Verbandes schweizerischer Motorlastwagenbesitzer beschlossen, dem .'Regierungsrat zu befürworten, es sei das tolerierte Gesamtgewicht für Kippwagen auf zwölf Tonnen zu erhöhen. Wir nehmen an, dass die sonst fortschrittliche Regierung des hohen Standes Zürich diese Eingabe voll und ganz würdigen und sich bereit erklären •wird, entgegen den Bestimmungen des vera'teten Konkordats den wirtschaftlichen Bedürfnissen der modernen Zeit entgegenzukommen. Wir wollen heute das Thema «Eisenbahn und Motorlastwagen» nicht neu aufrupfen, müssen aber bei dieser Gelegenheit neuerdings darauf hinweisen, dass der Motorlastwagen seine Daseinsberechtigung längst erwiesen hat und er> aus dem Wirtschaftsleben gar nicht mehr wegzudenken ist. Ein wirtschaftliches Hilfsmittel im. wahrsten Sinne des Wortes, wie der Motorlastwagen eines ist,, sollte nicht mehr durch Bussen in seiner Entwicklung retardiert, sondern eher durch weitsichtiges Entgegenkommen gefördert werden. Verkehrsordnung. Wir stehen auf dem Barfüsserplatz in Basel. Seit 1. Januar hat die schöne Stadt am Rheinknie eine neue Verkehrsordnung. Ellenlang ist sie geworden, mit beinahe 200 Paragraphen. Wer hat sie gelesen? Wohl nur ein kleiner Prozentsatz der städtischen Bevölkerung; von den übrigen fremden Automobilisten, die in der Stadt Basel verkehren, von den fremden Besuchern wohl niemand. Es wird deshalb kein Mensch verlangen können, dass etwa die neue Verkehrsordnung bereits funktioniere, und es wäre tatsächlich verfrüht, heute schon darüber ein Urteil abgeben zu wollen. Der Basler muss nun erst regelrecht zur Verkehrsdisziplin er- :t6g§riwer4en. Es fällt ihm dies vielleicht nicht so leicht, ist er doch von Natur aus an- Selbständigkeit, an eigenes Handeln und •freie individuelle Entwicklung gewöhnt Aber auch der Basler lässt sich erziehen. Bei richtiger Anleitung und Führung sogar mit den besten Erfolgen... So sind wir denn auch gewiss, dass in kürzester Frist die verschiedenen Strassenbenützer sich auf den Richtungspfeil des Autos und auf die ausgestreckte Hand des Verkehrspolizisten eingestellt und die schönste Harmonie wenigstens auf diesem nicht politischen Boden erreicht haben werden. Die Fussgänger werden sich daran gewöhnen müssen, weder auf dem Trottoir noch auf der Fahrbahn in Gruppen zusammenzustehen und grosse politische Diskussionen abzuhalten, und die Velofahrer werden dessen eingedenk sein, dass auch sie Zeichen zu geben und auf diejenigen der Verkehrspolizisten zu achten haben. Die Automobilisten sind nicht immer die unschuldig- sten Engel. Der Fussgänger, der plötzlich ein Volant sein eigen nennt, ist noch kein Automobilist und die sogenannten «geborenen» Automobilisten sind auch in Basel sehr selten. Woran der Automobilismus heute noch ganz allgemein krankt, das ist sein grosses Lärmemachen. Es gibt nur zu viele Neu- ( linge, die glauben, mit der Tute und der Hupe ihre schlechten Fahrereigenschaften verdecken zu müssen. Es wird gut sein, wenn sowohl die Behörden ais auch die Strassenbenützer alle dazu beitragen, dass das heute noch, grassierende Warnsignalisieren langsam zum Verschwinden gebracht wird. Wir hoffen, dass an Stelle des Lärmsignals mehr und mehr das optische treten wird. Basels Autoritäten, nicht die Strassen, ermöglichen unbegrenzte Geschwindigkeiten. Es ist ein Experiment, das sich hoffentlich bewähren wird. < Wir haben keine übersetzten Geschwindigkeiten beobachten können. 99 Prozent der Automobilisten fahren in einem Tempo, das der Sicherheit der Strassenbenützer und dem Bedürfnis des ungehemmten Verkehrs entspricht. Das hat uns gefreut. Eine Frage, die vielleicht noch nicht ganz gelöst ist, betrifft das Stationieren oder Parkieren. Der betreffende Paragraph 22, der ein Rechtsstationieren vorschreibt, ist jedenfalls noch nicht durchgedrungen. Allein auch die Basler Polizisten, nicht nur die Berner, verfügen über Visitenkarten, die einer An- "ieige gleichkommen. Wir können daröb der 'Basler Polizei keinen Vorwurf machen* denn nur eine strikte Handhabe der Verkehrsordnung wird die gewünschte Erleichterung im Verkehr selbst nach sich ziehen. Im übrigen sind wir der Auffassung, dass vielleicht der oder der andere Paragraph der neuen Ordnung nicht so präzis gefasst ist, dass er nicht individuell interpretiert werden könnte Da denke die Basler Polizei daran, dass es schliesslich nicht nur auf den Paragraphen, sondern auf die menschliche Vernunft ankommt. Wenn jedermann — und dies betrifft natürlich nicht nur Basel allein — sein Gewissen schärft, sich seiner Verantwortung bewusst bleibt und an seinem Orte zur Sicherheit des Verkehrs beiträgt, wozu wir besonders das kopflose Laufen oder Rennen und das unnötige Lärmmachen bezeichnen möchten, dann werden bald einmal die Zahlen der Unfallstatistik kleiner und das Automobil um so populärer werden. K. INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für. Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarif. Inseratensehluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Steigende Automobileinfuhr im Jahre 1929. Im vergangenen Jahr konnte um diese Zeit mit Genugtuung eine Abnahme der Eintuhr und eine bedeutende Steigerung der Ausfuhr registriert werden. Das Jahr 1929 war weniger günstig für unsern Aussenhandel. Die Einfuhr beläuft sich total auf 77 324 479 Fr., gegen 75 293 035 Fr. im letzten Jahr. Die Zunahme der Einfuhr beläuft sich auf 2 031444 Franken. Auf Seite der Ausfuhr wird eine schwache Abnahme konstatiert. Während 1929 für 18017 583 Fr. Automobile und Bestandteile ausgeführt wurden, waren es im Jahre 1928 für 18 763156 Fr. Die Abnahme beläuft sich also auf 745 573 Fr. Das Resultat zeigt uns, dass unsere einheimische Industrie ihre Anstrengungen für den Export aufrecht erhalten hat. Im folgenden sollen die Ausfuhr- und Einfuhrziffern für das Jahr 1921 vergleichsweise wiedergegeben sein. Die Erhöhung der Einfuhr 1929 rührt hauptsächlich von der Kategorie Automobile und Chassis von 800—1200 kg, 1200—1600 kg und über 1600 kg her. Kategorien 1929 1928 a) Motorräder mit zwei oder drei Rädern, ohne Sättel 6101486 7161653 b) Motorräder mit Ledersätteln 191944 301138 c) Automobile und Chassis unter 800 kg 2100 877 21900*4 d) id., von 800—1200 kg 26470074 25 721173 e) id., von 1200—1600 kg 25159 954 23311002 f) id.. von mehr *U 1600 kg 16 474 905 16159 368 g) Karosserien aller Art für Automobile 127 524 % 113187 h) Elektrische Automobile 53 256 64 904 i) Traktoren ohne Karosserie 644 459 370 566 Total 77 324 479 75 293 035 Es ist interessant, festzustellen, dass diejenigen Kategorien, die die Zunahme der Einfuhr ausmachen, auch die leichte Abnahme der Ausfuhr 1929 bedingen. Es sind dies Automobile und Chassis von 800—1200 kg, von 1200—1600 kg und über 1600 kg, zu welchen sich die Kategorie Motorräder mit Ledersätteln gesellt. Auf der untenstehenden Tabelle bemerkt man, dass das Jahr 1929 zum erstenmal die Ausfuhr von elektrischen Wagen und Traktoren ohne Karosserie aufweist. F E U I L L E T O N Der eiserne Wagen Kriminal-Roman von Sven Elvestad. (9. Fortsetzung) Ich weiss nicht, ob Asbjörn Krag die Veränderung im Benehmen unseres Wirtes auffiei, jedenfalls schien sie nicht den geringsten Eindruck auf ihn zu machen. Seine Gedanken weilten wieder bei dem Morde. Als wir durch die Zimmer langsam denselben Weg. zurückgingen, den wir gekommen waren, fragte er: «Haben Sie keine Ahnung, wer der Mörder ist?» Gjaernaes blieb stehen und stützte sich mit der Hand auf eine Stuhllehne. «Ich kann es noch immer nicht fassen,» erwiderte er. i «Und ihre Sc.hwester?> «Auch für sie ist es ein Rätsel.» «Und Sie können uns keine Anhaltspunkte geben, die für weitere Nachforschungen von .Wert sein könnten?» «Nein, ganz> und gar nicht. Alles, was ich über den Besuch des Unglücklichen hier mitteilen kann, dient ja nur dazu, die ganze Sache noch rätselhafter erscheinen zu lassen.» «Sie haben | recht,* meinte Asbjörn Krag. Als wir uns von Gjaernaes verabschieden wollten, sagte der Detektiv: «Aber da bleibt noch der Wagen.» Gjaernaes verstand nicht. «Der Wagen?» fragte er. «Ja, wissen Sie das nicht?» erwiderte Asbjörn Krag. «Man hat den eisernen Wagen in der Mordnacht gehört.» Unser Wirt lächelte — ein seltsames, gezwungenes Lächeln. «Die alte Geschichte,» murmelte er. «Natürlich ist die alte Geschichte nun wieder in der lebhaften Phantasie der Leute aufgetaucht. Was halten Sie von dem eisernen Wagen, Herr Detektiv?» «Ich glaube nicht an Spuk,» antwortete Asbjörn Krag, «aber man hat einen Wagen über die öde Heide rollen hören, das ist ganz sicher.» «Ja, und was weiter?» «Dann ist es natürlich ein Wagen gewesen, nicht ein Spukwagen, sondern ein wirkliches Gefährt. Im Umkreise von Meilen haben nur Sie, der Pfarrer und der Amtsvorsteher Pferde. Die Gäule des Pfarrers waren nicht unterwegs, ebensowenig die des Amtsvorstehers.» «Und meine auch nicht,» fügte Gjaernaes sehr rasch hinzu. Im selben Augenblick erblickte er durch das offene Fenster den Verwalter, der noch immer draussen stand und dem Pferde des Amtsvorstehers die Fliegen abwehren half. Er fasste sich an die Stirn und war mit einem Male sehr erregt. «Sie haben einen weiten Weg,» murmelte er, obgleich wir in Wirklichkeit gar nicht weit zu fahren hatten. «Da ist es wohl das beste, Ihrem Pferd etwas Hafer zu geben.» Der Amtsvorsteher widersprach verblüfft und meinte, das sei durchaus nicht notwendig. Aber Gjaernaes ging rasch auf den Hof hinaus und wir hinterher. Jeder konnte nun sehen, dass das mit dem Hafer, eine Ausrede gewesen war — Gott weiss warum, jedenfalls war sie ausserordentlich durchsichtig. Gjaernaes ging auf den Verwalter zu und flüsterte einige hastige Worte, während er das Pferd nervös am Maule kraute, so dass es den Kopf hob und die weissen Zähne zeigte. Wir sahen es beide, der Amtsvorsteher und ich, nur Asbjörn Krag war mit einem Male von etwas anderem gefesselt. Er betrachtete lächelnd einen kleinen, schwarz und weiss gefleckten Rattler, der knurrte und uns sichtlich verärgert mit offenem Maule anstarrte, so dass es rund und schwarz wie die Mündung eines Büchsenlaufes erschien. Endlich stiegen wir auf. Asbjörn Krag winkte Gjaernaes zum Abschied zu. «Leben Sie wohl,» rief er, «ich hoffe, wir sehen uns wieder. Ich wohne im Hotel.» Aber zu gleicher Zeit sah er den Verwalter an, der die Augen niederschlug. Als wir durch die Allee fuhren, bemerkte ich: «Ich begreife nicht, dass Sie nicht auch den Verwalter ausfragten.» «Worüber?» «Natürlich darüber, ob einige von Gjaernaes' Pferden in der Nacht fortgewesen waren.» «Das schien mir ganz unnötig zu sein,» erwiderte der Detektiv. Wir fuhren über die Heide. Asbjörn Krag drückte den Strohhut in die Augen, um sich gegen die unbarmherzig herniederbrennende Sonne zu schützen. Vor ihm auf den Knien schaukelte der unvermeidliche schwarze photographische Apparat. Er schwieg lange, aber ich hatte die Empfindung, dass er unter seinem Strohhut nachdachte, während eT so dasass. Endlich fragte er: «Woran starb er?» «Wer?» «Der alte Mann, sein Vater.» «Er ertrank.» «Er wurde also nicht getötet?» fragte der Detektiv. «Nein,» erwiderte ich. IV. Der Verwalter. Mehrere Tage lang geschah nichts von Bedeutung. Das unheimliche Rätsel von der Heide verbreitete Grauen in dem kleinen Platz, so dass mehrere Sommergäste das Hotel verliessen. Eigentlich musste auch ich abreisen, aber Asbjörn Krag bat mich dringend, zu bleiben, mit der Behauptung, ich könnte ihm helfen. Der Student der Medizin, der einen heimlichen Schwärm für die Künste der Polizei hatte, wurde beinahe grün vor Neid, denn Asbjörn Krag wollte von ihm nichts wissen. Aber wie geTade ich ihm von Nutzen sein konnte, begriff ich wirklich nicht. Bisher hatte ich ihm jedenfalls noch nicht geholfen. Im Gegenteil! Ich hatte mich hie und da ironisch über seine Art zu arbeiten geäussert, denn sie schien mir befremdlich und eines energischen