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E_1930_Zeitung_Nr.019

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Ansgabet Deutsche Schweiz. BERN, Freitag, 7. März 1930 Gelbe Liste Nummer 20 Cts. 26. Jährgang. - N° 19 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. 10.-. Im Ausland unter Portozuschlag, sofern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag lür postamtliche Bestellung 30 Rappen. Postcheck-Rechnung III/414. Studium der Ersatzbrennstoffe Die Frage der Ersatzbrennstoffe bildet ohne Zweifel ein nationalwirtschaftliches Problem. Schon seit Jahren macht sich in sehr vielen Landern eine Bewegung geltend, die darauf hinausgeht, sich im Bezug solcher Brennstoffe vom überseeische» Import die Unabhängigkeit zu wahren, wobei neben den mitspielenden nationalpolitischen Erwägungen ganz besonders das wirtschaftliche Moment, eigene Landesprodukte soweit als irgendwie angängig an deren Stelle zu verwerten, ausschlaggebend ist. An Studiengesellschaften, systematischen Nachprüfungen aller technischen und kommerziellen Faktoren, an programmässigen Versuchsfahrten, Wettbewerben, Demonstrationen, Prämierungen usw. hat es nicht gefehlt. Und doch will die Sache nicht recht vorwärts gehen. Wir erinnern ganz speziell an die Gründung der Schweizerischen Gesellschaft für das Studium von Ersatzbrennstoffen im Juli des vergangenen Jahres. Ueber die Notwendigkeit der Gründung einer solchen Gesellschaft herrschte nur eine Auffassung, wie dies die damalige gründliche Auseinandersetzung deutlich bewies. Die Anwesenheit der verschiedensten Kreise und Wirtschaftsschichten zeigte die Opportunität einer solchen Gesellschaft ohne weiteres. Aus der damaligen Statutenbereinigung ging eine Satzung hervor, die sich in klarer Weise über Zweck und Ziel und über den Aufbau der Gesellschaft ausspricht Einer technischen Kommission wurde die Aufgabe übertragen, das Problem der Ersatzbrennstoffe nach allen Kanten hin genau zu prüfen und damit auf einem wichtigen Gebiete die wirtschaftliche Unabhängigkeit zu fördern und vor allem die wichtigen Abfallprodukte unserer Forstwirtschaft nutzbringend zu verwenden. Wir wissen, dass ganz besonders die schweizerische Forstwirtschaft in die Zwangslage versetzt wurde, für ihre minderwertigen Produkte nach neuen Absatzgebieten Umschau zu halten und es ist einleuchtend, dass ein solches von fast unbegrenzter Aufnahmefähigkeit gerade durch die Förderung von Holzkohle als Betriebsstoff geschaffen werden könnte. An diesbezüglichen Vorarbeiten hat es nicht gefehlt. Von Erfolgen hat man leider bis heute nicht viel gehört. Das Warum entzieht sich unserer Kenntnis. Es kann angenommen werden, dass es eventuell für die Prüfung der gesamten Ersatzbrennstoff-Frage an den nötigen Finanzen gefehlt hat. Erscheint jeden Dienstag und Freitafl Monatlich „Gelbe liste" REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Telephon Bollwerk 39.84 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Man hat seinerzeit, es mögen zwei Jahre her sein, auch von einem neuen Ersatzbrennstoff gehört, mit dem sich unsere kriegstechnische Abteilung eingehend befasste und der durch eine Mischung von Alkohol mit Benzin sogar die Vorräte des Benzins um das Doppelte, ja Drei- bis Vierfache zu strecken vermöge. Die diesbezüglichen Versuche brachten recht vorzügliche Resultate. Daneben machte auch die bekannte Automobilfabrik Martini in St. Blaise interessante Versuche mit einem neuen Motortriebstoff, der auf ganz einfachem Wege hergestellt wurde und mit welchem man bei allen Versuchen gesteigerte Leistungen erzielte. Der Erfolg des sogenannten Steiger - Betriebsstoffes besteht darin, dass er nicht nur eine Mischung von Alkohol mit Wasser und sonstigen Flüssigkeiten, sondern eine feste chemische Bindung erreicht und eine Erhöhung der Bremsleistung der Motoren ergibt. Im Augenblick, da das Schweizervolk daran geht, sich über die neue Alkoholvorlage zu entscheiden, gewinnt das ganze Problem erneut an Interesse. Wir wissen heute ja zur Genüge, wie gross unsere Alkoholproduktion im Lande und wie gross zudem noch unsere Einfuhr ist. Man fragt sich deshalb nicht ohne Grund, weshalb in einem Augenblicke, da die Revision des Alkoholmonopols neu in Angriff genommen wurde, man der Frage der Verwendung des Alkohols als Betriebsstoff aus dein Wege ging. Wir wissen ganz genau, dass unser Finanzhaushalt sich ausschliesslich auf unser Zollsystem aufbaut, dass der heute erhobene Benzinzoll der schweizerischen Eidgenossenschaft riesige Summen zur Verfügung stellt und dass dadurch den Kantonen die Durchführung ihrer Strassenbauprojekte teilweise wenigstens erleichtert wird. Allein diese Tatsache sollte die Behörde doch nicht davon abhalten, die Frage immer neu zu prüfen, ob nicht durch eine erhöhte Verwendung von Sprit als Motorenbetriebsstoff neben der Lösung des Alkoholproblems auch diejenige einer eminent wichtigen wirtschaftlichen Frage erreicht werden könnte. Es bedingte dies allerdings eine wesentliche Herabsetzung der Spritpreise von Seiten unserer Alkoholregie. Ob dies in ihrem Willen oder ob es nicht im Bereich der Möglichkeit liegt, sei hier nicht näher untersucht. Da über alle diese Fragen tiefe Dunkelheit gebreitet liegt, ist es überaus begrüssenswert, dass im Nationalrat der Waadtländer Abgeordnete und bekannte Automobilfreund, Herr Vallotton, eine Interpellation eingereicht hat, die sich nach dem Stande der Lösung des Problems unseres nationalen Brennstoffes erkundigt. Die Antwort auf die Interpellation wird endlich darüber Klarheit schaffen, ol sich unsere Behörden überhaupt noch mit diesem Problem beschäftigen und wenn ja, wie weit es heute als abgeklärt betrachtet werden kann. Die Begründung der Interpellation wird weiter darüber Klarheit schaffen, ob neben der Verwendung von Holz und Kohle auch die Verwendung des Sprits näher ins Auge gefasst wird oder nicht. Jedenfalls ist es erfreulich, dass durch die Interpellation die eidgenössischen Räte erneut auf die ausserordentliche Bedeutung des Brennstoffproblems gelenkt werden und dass die ganze Frage dadurch einen neuen Anstoss erhalten wird. Unser aller Bestreben, die wirtschaftliche Unabhängigkeit unseres Landes nach Möglichkeit zu fördern und sicherzustellen, verlangt gebieterisch, dass dieses wichtige Problem keine stiefmütterliche Behandlung erfährt. Mit der Frage ist nicht nur unsere schweizerische Industrie, unser schweizerisches Automobilwesen, sondern auch unsere Volksgesundheit aufs engste verbunden. Das Problem ist von derart weittragender, umfassender Bedeutung, dass es jedenfalls eines gründlichen Studiums wert ist. ©• Moderne Unfall-Bekämpfungsmethode. Eine ebenso moderne wie einleuchtende Methode zur Bekämpfung und Aulklärung der -Verkehrsunfälle wendet die Kriminalpolizei der Stadt Potsdam an, indem, sie ihre Beamten im Führen und Behandeln der verschiedensten Verkehrsmittel praktisch ausbilden lässt. Sicher ist, dass ein sachverständiges Dezernat für Verkehrsunfälle völlig anders urteilt, als wenn Beamte nur vom Paragraphen-Standpunkte aus richten. Man hat schon bei mehreren Gelegenheiten auf diese Notwendigkeit hingewiesen, wahrscheinlich hat es aber an der Initiative gefehlt. Vielleicht glaubte man auch die Tätigkeit eines Kriminalbeamten nicht mit der eines Taxameterchauffeurs oder eines Tramführers vereinigen zu können; gewiss spielt auch die weitverbreitete Meinung mit, es handle sich hier um ein Geschick,,richtig Vernehmungen zu führen und nicht um Sach kenntnis. Man darf auf jeden Fall diese mo derne Polizei begrüssen, die sich in die Men talität des Fahrenden hineinzuversetzen ver sucht. INSERTTONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile ode» deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; lür Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentaril. Inseratenscbloss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Der Kommissar der Kriminalpolizei betonte, dass sich bei Zeugenaussagen meist die Angaben nur unvollständig decken. Dia Polizei hat jedoch in erster Linie hier Klarheit zu schaffen. So wurde bei der Potsdamer Polizei schon vor zwei Jahren ein© Einrichtung geschaffen, die sich sehr gut bewährte. Wenn irgendwo ein Verkehrsunfall vorkommt, so ist für den diensttuenden nächsten Beamten das Wichtigste, das Situationsbild nicht zu verändern. Die rasch eintreffende Polizei nimmt die Stelle photographisch auf. Im Unfalldezernat wird nach den gemachten Aufnahmen das Strassenbildi genau rekonstruiert, und zwar mit Hilfe eines Baukastens. Da erstehen Häuser, Trottoirs werden gelegt, Schienen gezogen, Litfassäulen aufgestellt und Wagen auf die Strass© gesetzt. Vor dem genauen plastischen Bild müssen die Zeugen ihre Angaben machen, und hier schwinden Unstimmigkeiten rasch. Damit sind aber Verkehrsunfälle noch nicht verhindert. Es galt, genaue Kenntnisse vom den Lagen und den Schwierigkeiten eines« Automobilisten oder Tramiführers zu bekommen. Und so absolvierten die Beamten längere Kurse, übernahmen die Verantwortung der richtigen Führung von Strassenbahneo und öffentlichen Autocars. So kamen die Kriminalbeamten bald dazu, einzusehen, dass sich vom Führersitz aus die Welt sehr oft anders! darbietet ails vom grünen Tisch. Dies© Neueinrichtung in Potsdam nenn^ sich « Dezernat zur Bekämpfung der Ver-» kehrsunfälte». Dieses Frühjahr sind die Beamten mit der völligen Ausbildung fertig, und man darf wotol gespannt sein, was für Urteile zukünftig diese richterlidie Tribun« über die Frage der Schuld fällt. mb. Die Tätigkeit des Rechts* beraters ist vielseitig Vor dem A. C. S. Be'rn hielt am letzten Montag Herr Dr. von Stürler, Rechtsberater der Sektion Bern des A. C. S., einen Vortrag über seine Erfahrungen als Leiter der Rechtsauskunftstelle der Sektion Bern. Die Rechts-i auskunftstelle der Sektion Bern wurde vor zwei Jahren gegründet. In dieser Zeit sind dem Referenten eine grosse Zahl von Anfragen gestellt worden und in vielen Fällen wurde seine Hilfe vor Gericht in Anspruch ge-» nommen. Vielseitige Tätigkeit. Es wäre ein Irrtum, zu glauben, die Tätig-« keit der Rechtsauskunftstelle sei eine einseitige. Im Gegenteil, die zu bearbeitenden Fällö FEUI O N Der eiserne Wagen Kriminal-Roman von Sven Elvestad. (22. Fortsetzung) Von Schlaf konnte nun keine Rede mehr sein. Ich wollte hinunter ans Meer gehen, um den Lärm der Boote zu hören, die von der Brücke abstiessen, um zu den Fischfangplätzen zu rudern. Ich mochte nicht länger diese grenzenlose Stille ertragen. Die Tür war nicht verschlossen. Gott sei Dank, dachte ich, dass ich das nicht heute nacht wusste, denn es wäre eine neu© Quelle des Schreckens für mich gewesen. Ich ging rings um das Haus zum Fenster hin, mass mit den Augen den Abstand von der Erde zum Fensterblech und war mir sofort klar darüber, dass ein mittelgrosser Mann, der unterhalb des Fensters stand, gerade so hoch reichen musste, wie das Gesicht, das ich heute nacht hinter der Scheibe gesehen hatte. Das war ein sonderbarer Zufall. Unterhalb des Fensters befand sich ein kleiner Fleck von weicher Erde, auf dem ein paar kümerliche Apfelbäume aus dem schwarzen Boden hervorwuchsen, dicht an der Wand lag ein Blumenbeet, wo die Blumen wegen des Schattens nur verkümmert und spärlich fortkamen. Ich schaue auf dieses Blumenbeet, und plötzlich ist es mir, als ob ein leichter Nachklang des Schreckens dieser Nacht in mich fährt. Mitten im Blumenbeet — deutlich im schwarzen Boden abgezeichnet — stehen zwei Fussabdrücke. Ich biege die Zweige der Bäume beiseite, um näher hinzusehen. Jawohl, ganz richtig, hier hat erst vor kurzem ein Mensch gestanden. Ich drücke meinen linken Fuss daneben ein, und wie ich ihn zurückziehe, sehe ich, dass mein Fuss ein wenig, etwa ein halbes Zentimeter oder so, länger ist als die beiden Abdrücke. Sonst ist keinerlei Unterschied zwischen den drei Fussspuren, die sich gleich deutlich auf der Erde vor mir abzeichnen. Gerade das beweist mir, dass hier ein Mensch erst ganz kürzlich gestanden und durch mein Fenster hereingeblickt haben musste, vor wenigen Stunden erst. Heute nacht? Ich knie nieder und untersuche- das Gelände näher. Da finde ich viel Spuren, ich kann sehen, wie er vom Wege, der über die Granitplatten hinführt, abgebogen ist. Hier ist er gegangen... und auch hier. So kam er bis zu dem kleinen Gartenflecke, hat die Zweige beiseitegebogen und seinen Platz mitten im Blumenbeet eingenommen. Da hat er längere Zeit,, mehrere Minuten, vielleicht eine halbe Stunde gestanden. Ich erkenne dies an den beiden Fussspuren, die tiefer als die anderen sind, er hat unbeweglich stillgestanden... und in mein Zimmer hineingeblickt. Ohne mir darüber klar zu werden, warum ich das tue, zertrampele ich die Fussspuren, fahre wild mit meinen Füssen im Beet umher, wühle die Erde auf und zerknicke die Stengel. Als ich fertig bin, lache ich über meine eigene Aufregung — dann stelle ich mich an die Wand und sehe durch das Fenster. Ein Zittern überfällt mich. Ich erwarte, dass ich irgend etwas in meinem Zimmer zu sehen bekomme, und stelle mir vor, dass es nun da drin ganz anders ist als vorher, als ich es verliess. Ich habe ein Vorgefühl von dem Schrecken, der etwa einen Menschen befallen muss, wenn er an den Spiegel tritt und ihm ein anderes Gesicht als sein eigenes aus dem Glas entgegenschaut. Aber das Zimmer war nicht im mindesten verändert. Dort stand der Tisch, da der Stuhl, dort das Bett; an der Wand hingen dieselben Bilder, die Oeldrucke und die norwegischen Nationalhelden von 1905. Nun stand ich da und blickte durch die unterste Scheibe im Fenster. Ich erinnere mich, dass ich gerade in dieser Scheibe das Antlitz des Toten vor der kohlschwarzen Finsternis erblickt hatte. Der-getötete Forstmeister Blinde war genau so gross wie ich. Es stimmte. Der Tote hatte vor meinem Fenster heute nacht gestanden. Eilends ging ich vom Hause weg. Die Fussspuren, diese unantastbare Wirklichkeit, verwirrten mich und zerstörten alle meine Schlüsse. So war es also doch keina Sinnestäuschung gewesen! Aber der Forstmeister war ja tot, der Erschlagene war tot und begraben, wie konnte er da draussen vor meinem Fenster in der Nacht stehen und zu mir hineinschauen?. Ich schlug den Weg längs des Strandes ein und ging dabei schwerfällig, denn obwohl die Sonne noch nicht zwischen den Wolken hervorgekommen war, lag die Hitze drükkend auf dex Erde. Ich wusste, es würde ein glühendheisser Tag werden. Menschen waren noch nicht zu sehen, aber unten vom Strande hörte ich allerlei Lärm, Fussbretter wurden zurechtgelegt, Boote leergeschöpft. Die rotgestrichenen Speicherhäuschen am Meer schienen mir röter als gewöhnlich zu sein, denn der Abendnebel vom Meere hatte sich auf die Erde gelegt. Die See war ganz ruhig, als klebte sie an den Klippen und Schären fest Nun glitt ein Ruderboot aus dem Schatten dicht unter Land hervor; es wurde von einem alten Manne gerudert, bewegte sich langsam, während die Dollen ächzten, und verursachte leichte Wellen in der ganzen Bucht. (Fortsetzung folgtJ