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E_1930_Zeitung_Nr.014

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Ausgabe: Deutsche Schweiz. BERN, Dienstag 18. Februar 1930 Nummer 20 Cts. 26. Jahrgang. - N° 14 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag unä Freitag . Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.-. Im Ausland unter Portonischlag, soiern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnuns II1/414. Telephon Bollwerk 39.S4 . , Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Das Auto hat seine besondere Krankheit «Das Auto hat seine besondere Krankheit in die Welt gebracht. Eine ansteckende Seuche ist's. Ihr Erreger konnte zwar noch in keinem Gütterli gefangen werden; sie lässt sich aber an einzelnen Merkmalen gut feststellen. Merkwürdigerweise liegt ihr Wesen im Namen des Vehikels selbst begründet. Auto heisst «von selbst beweglich», also ohne Vorspann eines Pferdes oder Esels. In diesem «Vonselbst» liegt die Gefahr. Zunächst verleitet das Vonselbst den Menschen zur Bequemlichkeit. Er lässt sich in das weiche Polster seines Wagens niederfallen, als gälte es, in bequemsten Klubsesseln zu thronen. Er drückt auf einige Knöpfe und es geht von selbst. Halb liegend, eine riesige Zigarre im Gesicht oder gar mit dem einen Arme die holde Begleiterin umschlossen, rast man «von selbst» davon. Wie mancher gibt sich auch der Täuschung hin, als ob der rassige Motor, der die grosse Arbeit auf sich nimmt, auf den Lenker selbst abfärbe. Er träumt von seinen Leistungen, die er hinter sich hat, in so wenigen Tagen so viele Kilometer, so viele Pässe und Länder hinter sich. Eine Leistung, was? Nein, das «Vonselbst» erzieht zur Bequemlichkeit. Die meisten meiner Autobekannten sind dick geworden. Feriengäste, die den Wagen mitnehmen, lassen sich für grosse Bergtouren, für richtige Fusswanderungen nicht mehr gebrauchen. Sie können es bequemer haben. Es geht jetzt auto — vq% selbst. Noch schlimmer wirkt sich aber die Autokrankheit aas, wenn sie Blähungen im Gehirn erzeugt und selbstüberhebenden Hochmut hinterlässt. Wie oft darf ich als es. Das Elaborat richtet sich von selbst, wir brauchen diese verfehlte Logik nicht zu widerlegen. Zieht der Herr die richtigen Fussgänger im Strassengraben meine Zuflucht suchen, weil der vorbeiflitzende Herr Schlussfolgerungen aus seiner Betrachtung, die Strasse für sich selbst beansprucht. Sein so wird er in Zukunft keine Eisenbahn, noch höheres Recht liegt einzig darin, dass er E T O Der eiserne Wagen Kriminal-Roman von-Sven Elvestad. (17. Fortsetzung) «Haben Sie etwa das Geheimnis entdeckt?» «Ja.» «Und den Wagen gefunden?» «Nein, aber es wird nicht mehr viel Zeit vergehen, bis ich ihn gefunden habe. Wenn Sie nun wieder ganz gesund sind, so gehen wir zusammen auf ein neues Unternehmen aus, und dann werden wir den eisernen Wagen finden.» «Ein neuse Unternehmen...?» brummte ich und sah den Detektiv unsicher forschend an. Er lächelte abermals. «Ich errate Ihre Gedanken,» sagte er; «Sie scheuen sich nur zu fragen.» Das war richtig. Ich fürchtete mich zu fragen. Deutlich sah ich im Geiste vor mir den toten Mann draussen auf der Heide, den alten Gjaernaes, der angeblich schon vor vier Jahren ertrunken war. Ich musste geträumt haben, allerdings furchtbar deutlich und lebenswahr. Der ganze Sonnenaufgang kam mir wieder zum Bewusstsein, ich konnte mir alle «von selbst» Auto dahinfährt, während ich meine Beine gebrauche. Wie oft auch, fern von aller Polizei, wird jegliches elementarste Verbot übertreten: Wahnsinnige Raserei durch Ortschaften, Vorfahren, Auspuff, ewiges Tuten vor Wirtschaften, Nachtlärm, alles Rücksichtslosigkeiten, die das Auto, das Vonselbst mit Sich bringt. Wenn man nicht mehr gerade stehen und gehen kann, so reicht es noch aus, um sich aufs Steuerrad zu legen und loszufahren. Es geht ja von selbst. Sonntags von früh bis spät ziehen ganze Kolonnen durchs Dorf. Alles zieht los zu sonntäglichen Vergnügungen. Wie ist die Welt doch reich geworden. Die Autokrankheit muss in ihren tiefsten Wurzeln bekämpft werden. Sie reicht hinab ins Seelenleben. Hier müssen wir den Hochmut des Herrenmenschentams wieder fahren lassen, den Wahn, als könnten wir «von selbst» alles erreichen. Wir müssen neu den Mut aufbringen uns das eigene Unvermögen einzugestehen, damit wir -ÖHS an höhere Hilfe und Kräfte halten.» Damit wollen wir das Zitat abbrechen. Diese nette Moralgeschichte findet sich aufgezeichnet im «Alpenhorn» Nr. 38 der Sonntagsbeilage zum «Emmentaler Blatt» d£s 72. Jahrganges im Jahre des Heils 1929. Sie wurde geschrieben von einem Pfarrherrn, .der mit R. M. unterzeichnet und der jedenfalls mit wirtschaftlichen Kenntnissen allzu beschwert sein dürfte. Ein Pfarrherr hat dieses Zerrbild des Automobilisten der Drückerschwärze übergeben, der vielleicht in Hinterpommern oder in Hinterfärnrigen oder bereits auf der zehnten Stufe der Himmelsleiter sitzt. Wir wollen mit dem Manne deshalb nicht scharf ins Gericht gehen. Der Pfarrherr hat Zeit zu stillen Betrachtungen, und fast wäre man geneigt, anzunehmen, da ihm das ewige Tuten vor den Wirtschaften auf die Nerven schlägt, dass er seine stillen Gedanken vor seinem eigenen Gütterli spinnt. Er will irgend eine Bibelstelle interpretieren, das ist sein gutes Recht und seine Pflicht, aber er entwirft dabei ein derartiges Zerrbild und verallgemeinert menschliche Schwächen auf derart skrupellose Weise, dass sie mit aller Eindeutigkeit zurückgewiesen werden müssen. Der Herr Pfarrer hasst das Automobil und hassen ist nicht, die, Aufgabe eines Pfarrherrn. Ob er sich wohl über sein, tun und Schreiben Rechenschaft gegetfeS: hat, als er sich zu diesen Aeusserungerf schriftlich hinreissen Hess? Wir bezweifeln ein von einem Pferd oder Esel, gezogenes Bernerwägeli mehr besteigen. Er wird sich des Alkohols und des Rauchens enthalten und jeglichen pfarrherrlichen weichgepolsterten Lehnstuhl vermeiden. Er wird Askese üben. Glücklicherweise denken nicht alle Pfarrherren wie der genannte Amtsbruder. Wir haben erst in letzter Zeit einen Brief von einem bernischen Pfarrherrn erhalten, dessen Gemeinde sich mit dem Gedanken einer An- spitze, so hätte er sich sagen müssen, jede grosse .Bewegung, jede techniche Neuheit Bringt Missstände mit sich. Diese Missstände aber treten zurück vor dem gewaltigen Fortschritt, den jede Neuerung mit sich bringt. Welch gewaltige Rolle spielt heute das Automobil gerade in charitativen Werken. Denke der Herr Pfarrer einmal nur an das Krankenautomobil, mit dessen Hilfe der Schwerkränke oder Schwerverletzte in kürzester Zeit und auf bequemste Art ins Krankenhaus verbracht werden kann. Denke der Herr beispielsweise an den Brand seines eigenen Pfarrhauses oder seiner Kirche, und wie froh dürfte er sein, wenn ihm die Motorspritze in kürzester Zeit, den heiss ersehnten Wasserstrahl zur Verfügung stellt. Denke der Herr Pfarrer an seine Amtskollegen in einer weiten zerstreuten Kirchgemeinde und welch grosse Hilfe das Auto für die seelsorgerischen Funktionen sein kann. In kürzester Frist ist er am Totenbett, in relativ kurzer Zeit kann er seine obligaten Funktionen erledigen und der Gemeinde, sofern er dazu willens ist, INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarif. Inseratenscliluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern ' wirklich nicht nur zum Kanzelredner, sondern zum eigentlichen Seelsorger werden. Auf die mannigfaltigen wirtschaftlichen Vorteile, die das Automobil mit sich bringt, wollen wir in diesem Zusammenhange nicht näher eintreten. Nur eines sei noch hervorgehoben. Wie dankbar wird auch derjenige Pfarrherr dem. Auto sein, mit dessen Hilfe seine Gemeinde einer neuen wirtschaftlichen Blüte entgegensteuern kann, wie dankbar wird derjenige sein, dessen Berggemeinde vielleicht durch das Automobil neuen Verdienst erhält. Letzterer dürfte zudem vielleicht indirekt auch dem Pfarrherrn zugute kommen ... Wir glauben deshalb mit aller Entschiedenheit betonen zu dürfen, dass gerade der pfarrherrliche Stand keinen Grund hat, sich gegen das Automobil aufzulehnen oder gar das Volk gegen dieses wichtige volkswirtschaftliche Hilfsmittel aufzureizen. «Richte nicht, auf dass du nicht gerichtet werdest.» Dieses Wort möchten wir dem Seelsorger des «Alpenhorn» zur Selbsterdauerung ins Gewissen rufen. D Der schweizerische Charakter einer Autostrasse Bern-Thun Wie maji. weiss, hat der Autostrassengedanke dureh, das Schlagwort «Hafrabam» eine ständige Niederlassung gefunden, ob- $chon der ;grpss§^^ Begeisterungstaumel um ^das grosszügige internationale Äütostras'senprojekt Deutschland-Schweiz-Italien beträchtlich abgeflaut ist. Für einsichtige Verkehrsfachleute war dies keine Enttäuschung, denn der an sich gute Gedanke war damals durch einen unaufhaltsamen Sensationsdrang umgarnt und zum Teil stark verzerrt worden. Die Sache selbst steht darüber und hat nicht gelitten. Auch in unserem.Lande ist einer neuen Verkehrsmöglichkeit, der reinen Autostrasse, das Feld geebnet und der Weg gewiesen worden, wie ihre Verwirklichung zu erfolgen hat. Solange der Staat seine Mittel nicht für die Errichtung reiner Autostrassen einsetzen kann — weil der Ausbau und die Verbesserung des bestehenden Strassennetzes vorläufig noch viel dringender sind — müssen pri- schaffung eines Autos beschäftigt, um dievate Kräfte an die Sache herantreten. Dies bedingt, dass in jeder Beziehung nach rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten vorgegangen werde. Das heisst, es muss eine Strecke gewählt werden, die neben technisch vor allem wirtschaftlich günstige Voraussetzungen aufzuweisen hat. Durch diese'Sachlage wird — mehr noch Seelsorge ihres Pfarrherrn in der grossen Gemeinde zu erleichtern. Der genannte Pfarrherr äussert darob seine grosse Freude und erkundigt sich über die verschiedensten autofachmännischen Fragen. Die Denkart sowohl des betreffenden Kirchgemeinderates, als auch ihres Seelsorgers sticht himmelweit von den Aeusserungen des erstgenannten autofeindlichen Pfarrherrn ab. Und hätte er ein bisschen weiter gedacht als seine Kirchturm- Einzelheiten ins Gedächtnis zurückrufen, die Grasplätze in der Heide, die Baumstämme, die wie Silber im ersten Morgenlicht leuchteten, den Anzug des Toten", der aus gestreiftem Tuch bestand — aber das alles musste ja ein Traum sein! «Ich muss abreisen,» sagte ich, «ich fange an, mich vor diesen Aufregungen zu fürchten.» «Ja, Sie sind nicht so kräftig, wie ich anfangs glaubte,» erwiderte der Detektiv. «Dieses letzte Ereignis hat Sie ziemlich stark mitgenommen; wenn ich Sie nicht in meinen Armen aufgefangen hätte, wären Sie glatt hingestürzt.» Ich erhob mich halb im Bett. Ah, nun merkte ich, dass es in meinem Hirn noch unklar brauste. «Seien Sie aufrichtig zu mir,» b'at ich inständig, und erzählen Sie mir, was wir in dieser Nacht zusammen erlebt haben.» «Dessen entsinnen Sie sich ebensogut wie ich selbst.» Ich wollte nicht geradewegs auf die Sache losgehen, daher fragte ich: «Haben Sie mit dem jungen Gjaernaes gesprochen?» «Ja,» sagte der Detektiv, «er ist soeben nach Hause gefahren.» «Allein?» «Allein, wenigstens als einziger Lebender.» Der Detektiv stand auf und ging nachdenklich im Zimmer auf und ab. «Lieber Krag,» fuhr ich fort, «wollen Sie wirklich behaupten, dass wir in der Tat alles das erlebt haben, was ich nur erlebt zu haben glaube?» Der Detektiv blieb vor mir stehen und sah mich lange schweigend an. «Ja,» sagte er, «wir haben heute nacht seltsame Dinge erlebt.» «Mir kommt es so vor, als ob wir einen Toten gefunden hätten.» «Ja.» «Einen alten Mann. Und zwar fanden wir ihn genau an derselben Stelle, wo wir vor drei Wochen den erschlagenen Forstmeister Blinde gefunden hatten.» Asbjörn Krag nickte. «Genau dort, wo wir glaubten, dass der eiserne Wagen zum Meere heruntergerollt sei.» Er nickte wiederum. «Aber jener alte Mann,» stammelte ich, «jener alte Mann... aber das ich doch unmöglich, lieber Krag... es kann einfach nicht möglich sein —» als im Ausland — bei unserem hügeligen oder gar gebirgigen Gelände, der dichten Besiedelung und dem schon bestehenden engmaschigen Verkehrsnetz, der Bau einer langem Durchgangsstrecke zum vornherein in Frage gestellt. Nur kürzere, stark frequentierte. Durchgangsstrecken können durch eine besondere Autostrasse entlastet werden. Eine solche ist Bern-Thun, für die ein erstei schweizerisches Autostrassenprojekt in baureifer Gestalt ausgearbeitet worden ist Infolge seines abklärenden Wertes auf einem der brennendsten Verkehrsgebiete unserer Zeit erheischt es das Interesse aller Verkehrskreise. Es ist zudem kein blosses Verkehrsinteresse, denn alle früheren, wesentlichen Verbesserungen auf dem Verkehrsgebiete haben sich auch in hohem Masse, auf das wirtschaftliche und das zivile Leben ausgewirkt. Das Projekt Bern-Thun eignet sich für die Verwirklichung als erste schweizerische Musterautostrasse in ganz besonderer Weise, weil das der Aare entlang führende Trasse technisch und wirtschaftlich Vorteile aufweist, wie man sie kaum irgendwo anders in so hohem Masse vereinigt finden kann: Wenig Unter- und Ueberführungen bestehender Verkehrswege, wenig Kunstbauten und Erdbewegungen, Schonung des Kulturlandes sind die hauptsächlichsten Auswirkungen. Daneben weist die bestehende Staatsstrasse eine aussergewöhnlich hohe Verkehrsfrequenz auf. Es wird nicht mehr lange dauern, so werden auch an der «stillsten» Stelle dieser Verkehrsader tausend vorbeifahrende Motorfahr- «Jener alte Mann,» fuhr der Detektiv fort, «war der Vater des jungen Gjaernaes.» «Aber der ist ja vor vier Jahren ertrun« ken!» «Nein, das ist eben unmöglich.» «Unmöglich —?» «Das liegt doch auf der Hand,» erwiderte der Detektiv, «wenn er doch ganz bestimmt noch heute nacht um zwei Uhr am Leben gewesen ist!» Das Boot trieb draussen in den Schären kieloben an Land,» murmelte ich. «Und seine Mütze schwamm auf dem Wasser,» fuhr der Detektiv fort, während er an das Fenster trat und "die Vorhänge beiseite zog. «Alle Mätzchen waren in Ordnung.» Ich dachte nach und begann zu ahnen, wohinaus der Detektiv wollte. «Sie glauben also,» fragte ich, «dass der alte Gjaernaes den ganzen Unfall selber in Szene gesetzt hatte?» «Ja.» «Dass er flüchtete, von der Bildfläche verschwand — und die Leute absichtlich in dem Glauben Hess, er sei ertrunken?» «Ja.» Fortsetzung siehe AuÜer-Feierabend.