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E_1930_Zeitung_Nr.028

E_1930_Zeitung_Nr.028

Ausgabe: Deutsche Schweiz BERN, Freitag, 28. März 1930 Siebente Salonnummer Nummer 20 Cts. 26. Jährgang. - N° 28 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5—, jährlich Fr. 10.-. Im Ausland unter Portostuschlag, REDAKTION u. ADMINISTRATION: ßreitenrainstr. 97, Bern sofern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 Kappen. Postcheck-Rechnung III/414. Telephon Bollwerk 39.84 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile ode* deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; lur Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarif. Inseratenschluss 4 Tage vor Erseheinen der Nummern Das Automobilgewerbe kann entsprechend seinem jungen Alter noch nicht über diejenigen statistischen Unterlagen verfügen, welche andere Gewerbegruppen aufzuweisen imstande sind. Die eidgenössische Statistik hinkt hier noch bedenklich hinten nach. Wir wollen ihr deshalb keinen Vorwurf machen, da wir genau wissen, dass sie sich in vermehrtem Masse mit unserem Automobilge- •werbe und seiner volkswirtschaftlichen Bedeutung befasst. Hingegen ist unverkennbar, dass das schweizerische Automobilgewerbe heute bereits einen beachtenswerten Rang innerhalb unserer schweizerischen Volkswirtschaft einnimmt. Wohl haben wir nur wenige Automobil- und Motorradfabriken. Es dürften etwa deren zehn sein. Dagegen hat die Haltung des Fahrzeuges allein bereits tausenden und abertausenden Personen das Brot gesichert. Das Automobilgewerbe umfasst heute nicht nur die Garagen, die Reparaturwerkstätten, die Tankstationen, sondern vor allem jene Karosseriegewerbe, welche zum Teil nicht nur alten gewerblichen Berufen ihre Existenz, sondern sogar einen erneuten Aufschwung gesichert haben. Es sind da zu erwähnen die Sattler, Spengler, Drechsler, Maler, Schweisser, Mechaniker usw., die heute dank der fortwährenden grossen Reparaturen an Motorfahrzeugen eine grosse Arbeiterzahl beschäftigen können. Ueber die Anzahl der im eigentlichen. Automobilgewerbe tätigen Handwerker fehlte bis in letzter Zeit leider jegliche genauere Statistik. Es ist deshalb der «Chambre syndicale du Commerce de l'Automobile et de l'Industrie des garages en Suisse», mit Sitz in Genf, hoch anzurechnen, dass sie versucht hat, durch eine umfassende Enquete bei allen Firmen des Motorfahrzeuggewerbes sich einmal die nötigen statistischen Unterlagen zu verschaffen. Dabei wurden in ganz richtigem Sinne auch die bei Privaten und Unternehmern beschäftigten Fahrzeugführer miteinbezogen. Wenn eine derartige private Statistik auch nicht den Anspruch unbedingter Zuverlässigkeit fordern darf, so geben uns die Resultate doch ein einigermassen genaues Bild über die Bedeutung des Motorfahrzeugwesens in der schweizerischen Verkehrs- und Volkswirt- Noch drei Tage Genfer Salon Automobil schafft Brot schaft und über die Bedeutung dieses Vehikels für das schweizerische Gewerbe. Die vorliegende Statistik ist auf Mitte 1929 abgeschlossen worden. Da wir bereits bald Mitte 1930 zählen, dürften die erreichten Ziffern noch eine etwelche Erhöhung erfahren haben. Die Ergebnisse, die aus der Umfrage hervorgegangen sind, lassen sich in folgende Tabelle zusammenfassen: Betriebe Beschäftigte Personen Personen- und Lastautomobilfabriken 7 200 Motorradfabriken 5 925 Motorenfabriken 2 80 Fabriken für einzelne Bestandteile, Giessereien 14 1120 Zubehör-Fabriken 36 2528 Mechanische Werkstätten und Garagen 10 180 Karosseriewerke 7 285 Händler 4 175 Elektriker für Motorfahrzeugbeleuchtung 31 225 Karossiers 94 560 Maler 49 265 Reparateure für Kühler und Scheinwerfer 10 70 Autospengler 31 135 Autoschmiede 64 90 Pneu-Reparatur-Firmen 17 | 80 Autokoffer-Fabrikanten 8 '50 Auto-Spezialwerkstätten 21 200 Kupfer- u. Bronzegiessereien 7 80 Garagen 125* 8855 Motorrädhändler 120 950 Pneu- und Reifenhändler 66 500 Vertreter und Händler für Autozubehör 73 340 Vertreter für Oele und Fette 13 110 Autokreditbanken 4 40 Bei Privaten oder Unternehmen vollamt'lich angestellte Chauffeure 16000 Total 35,845 beschäftigte Personen. Es tnuss dabei natürlich betont werden, wie aus der Tabelle ersichtlich, dass nicht ohne weiteres diese 35,845 Mann dem eigentlichen Gewerbe zuzuzählen sind. Dagegen umfasst diese Zahl nur diejenigen Firmen, die ausschliesslich in der Automobilbranche tätig sind. Es ist dabei hervorzuheben, dass eine ganze Reihe Handwerker und Gewerbler, die im Lande zu finden sind, sich teilweise stark mit dem Automobilgewerbe befassen, so dass ihre Zahl, die nicht leicht abzuschätzen ist, immerhin 8000 betragen dürfte. Es ist wohl nicht zu weit gegriffen, wenn wir die Zahl der im Autogewerbe tätigen Personen auf rund 50,000 schätzen. Diese Zahl ist um so interessanter, da das Beamten- und Arbeiterheer der Bundesbahnen rund 33,000 Personen beträgt. Der Vergleich der beiden Bestände gibt unserer Auffassung recht, dass die Behauptung falsch ist, bei den Eisenbahnen stünden bedeutend grössere wirtschaftliche Interessen im Spiel als beim Automobil. Die ständig zunehmende Motorisierung der Strasse hat das wirtschaftliche Bild von Grund auf geändert. Es ist Zeit, dass man sich überall dieser Wahrheit bewusst wird. Denn gestützt auf vorliegende Zahlen wird man den Automobilismus ganz anders werten, als dies bis heute der Fall war. Das Automobil ist auch in wirtschaftlicher, nicht nur in verkehrstechnischer Beziehung der Eisenbahn ebenbürtig geworden. Es hat deshalb das Recht, von unsern Behörden in gleicher und nicht zurücksetzender Weise behandelt zu werden. Es verlangt Schutz seiner berechtigten Interessen und muss darin berücksichtigt werden. Verkehrseinschränkungen, wie sie jüngst im Zürcher Kantonsrat wieder postuliert wurden, sind ungerechtfertigt. Sie entspringen Köpfen, welche bahnamtlich einseitig festgelegt sind und welche die Bedürfnisse des heutigen. Verkehrs nicht abzuwägen verstehen. Den Kampf führen wollen gegen das Automobil heisst heute nicht mehr, ihn gegen einige « zigarrenverschlingende» Automobilisten führen, sondern gegen 35,000 Arbeitsbienen, die ebenfalls das Recht auf Existenz und auf Fortkommen besitzen. • Ich und der Salon Eindrücke eines Unbeteiligten. Es gibt Leute, die geschäftlich am Salon zu tun haben, und andere. Solche die ausstellen und solche die kaufen... sollten. Solche die schon ein Auto haben, und solche, die eines... haben möchten. Ich gehöre zu den Letztern. Von Autos verstehe ich nicht viel. Haben Sie deshalb keine Angst, dass ich hier ein durch Fachkenntnis getrübtes Urteil abgebe. Also ich bin wie andere, die ein Auto haben möchten, mit den Bundesbahnen nach Genf gekommen. Nett von den S.B.B., dass sie uns « andere » billig nach Genf fahren lassen — vielleicht um uns abzuschrecken, inwiefern, das werden Sie noch hören. Immer schön der Reihe nach. In Genf bin ich — zu meiner Schande sei's gestanden — mit dem Tram) nach dem Salon gefahren. Ich werde es aber nie wieder tun. Und ich weiss jetzt, warum Genf die automobilreichste Stadt der Schweiz, ist. So ein Genfer Tram ist direkt eine Auf-i munterung zum Autokaufen. Hochbeinig, wacklig und lebensgefährlich! Das Tram schämt sich deshalb auch ganz vor den Salon zu fahren und ich bin bescheiden in einer Nebenstrasse ausgestiegen. Dann habe ich mich in der Richtung des grössten Betriebs vorwärtsbewegt und bin so automatisch vor. den Salon gekommen. A propos: Salon. Von aussen sieht's aus wie die Festhalle am Schützenfest. Nachdem man sich durch die Mühle am Eingang hin-< durchgewunden hat, betritt man das Innere, Da ist nun gleich in der Vorhalle das Auto «des kleinen Mannes» ausgestellt. Das grösste von allen am Salon. Närnlich der Omnibus. Als gelegentlicher Insasse eines solchen Vehikels interessierte es mich zu sehen, dass man inskünftig in einem tipptappen weichen Clubsessel im Omnibus von Bern nach Bümpliz fahren wird. Sogar mit einem eigenen Chauffeur. Ich beschloss, Herrn Grimm den Vorschlag zu machen, einen solchen Plüschsalon anzuschaffen, denn warum soll nicht auch der Arbeiter im Clubsessel nach Hause fahren, wenn er den ganzen Tag sich müde gearbeitet hat. Es lebe der^ Clubsessel-Omnibus. * In der grossen Halle des Salons habe ich! mich zuerst etwas schüchtern an den Ständen der feinen Autos vorübergedrückt. Es waren da alles hochelegante junge Herren, die so aussahen, als würden sie nicht gerne gestört. Und die Besucher sahen alle so drein, wie sie zu Hause schon mindestens zwei Autos hätten. Endlich nahm ich mir ein Herz und fragte einen Adonis, ob man dieses Auto gleich mitnehmen könne, wenn man es bar bezahle — da sah er mich ganz erschrocken an. Das komme nicht vor, dass ein Auto bar bezahlt würde, und dieses hier sei nur für die Ausstellung. Die Gummireifen seien nicht aus Silber, die seien nur für den Salon bronziert worden. Ach so. Und gerade die silbernen Reifen hatten mir so gefallen. Ich wollte noch mehr fragen, aber der Adonis nahm einen Staubwedel zur Hand und staubt© Die Fahrt. Von Upton Sinclair. Wir setzen hier das Kapitel «Die Fahrt» aus dem spannenden Roman « Petroleum », von Upton Sinclair, fort. Das Buch ist in deutscher Sprache im Malik-Verlag erschienen. Vater und Sohn sind bei ihrer Fahrt über den Bergpass .in eine Autofalle geraiten. Oh, ein Abenteuer, das eines Knaben Herz höher schlagen liess. Er wollte sich gerne umblicken und sehen, was es gab, doch begriff er, dass er ganz still sitzen und mit unschuldiger Miene nach vorn schauen müsse. Sie waren in ihrem ganzen Leben nie rascher gefahren als dreissig Meilen in der Stunde, und wenn der Verkehrspolizist geglaubt hatte, sie seien die Anhöhe schneller heruntergefahren, so beruhte dies auf einer optischen Täuschung, auf dem begreiflichen Irrtum eines Mannes, dessen Beruf in ihm jeden Glauben an die Menschheit zerstört hat. Es muss ja schrecklich sein, als Verkehrspolizist alle Menschen zu Feinden zu haben, weil man so niederträchtig ist, sich mit der Stoppuhr in der Hand im Gebüsch zu verstecken, um mit einem Spiessgesellen an einer anderen Stelle der Strasse zu telephonieren und die Autofahrer hereinzulegen. Ja, diese Leute hatten sogar eine besondere Spiegelart erfunden, um die Geschwindigkeit der vorübersausenden Autos zu prüfen. Gegen derartige Uebel musste jeder Autofahrer kämpfen; sobald sich etwas Verdächtiges zeigt, war er gezwungen, die Geschwindigkeit zu verringern, das durfte nicht zu rasch geschehen, musste den Eindruck erwecken, der Fahrer habe eben zufällig bemerkt, dass er für einen Augenblick die gestattete Geschwindigkeit überschritten habe. «Der Kerl wird uns folgen,» erklärte der Vater. Vor ihm war ein kleiner Spiegel angebracht, so dass er derartige Feinde der Menschheit beobachten konnte. Der Knabe jedoch vermochte nicht in den Spiegel zu blicken; sass daher wie auf Nadeln, genoss das Vergnügen gar nicht. « Siehst du etwas? » « Nein, noch nicht. Er weiss, dass wir zu rasch fuhren. Hat sich dort aufgestellt, weil alle Leute an dieser Stelle schnell fahren.» Das bewies deutlich den gemeinen Charakter des Polizisten. Er wählt eine Stelle, wo das rasche Fahren völlig ungefährlich ist, weiss genau, dass jeder Fahrer nach den langen Kurven der Berge und den feuchten Strassen auf der Höhe ungeduldig ist. So fair sind sie, diese Polizisten! Das Auto kroch weiter: dreissig Meilen die Stunde, die gesetzlich gestattete Geschwindigkeit von 1912. Das ganze Vergnügen am Autofahren ging dadurch verloren, kein Termin konnte eingehalten werden. Der Knabe sah im Geist Ben Skutt, den Pachtschnüffler, in der Halle des Hotel Imperial sitzen. Auch andere werden dort warten; auf Vater warten; stets etwa ein Dutzend Leute in geschäftlichen Angelegenheiten; «grosses Geld» stand auf dem Spiel. Der Knabe sah den Vater häufig am Telephon: er schaute auf die Uhr, berechnete die Zahl der zurückzulegenden Meilen, machte danach eine Verabredung aus und musgte dann rechtzeitig dort sein; nichts durfte ihn aufhalten. Erlitt er eine Panne, so nahm er seine Reisetasche, schloss das Auto ab, liess sich von einem vorüberfahrenden Auto bis zur nächsten Stadt mitnehmen, mietete oder kaufte dort das beste Auto, das er finden konnte, fuhr weiter, liess den defekten Wagen in die Stadt schleppen und reparieren. Nichts vermochte Vater aufzuhalten! Jetzt jedoch fuhren sie mit einer Geschwindigkeit von dreissig Meilen! «Was ist denn los?» fragte der Knabe. Er erhielt zur Antwort: «Der Richter Larkey». Freilich, sie befanden sich nun im Bezirk von San Geronimo, wo der furchtbare Richter Larkey jene Fahrer, die sich nicht an die vorgeschriebene Geschwindigkeit hielten, ins Gefängnis werfen liess. Der Knabe würde nie und nimmer den Tag vergessen, da Vater alle seine Geschäfte vernachlässigen, nach San Geronimo zurückfahren, im Gerichtssaal erscheinen und sich von dem ältlichen Autokraten auszanken lassen musste. Meistens freilich entging man einer derartigen Erniedrigung: man zeigte dem Verkehrspolizisten die Mitgliedskarte des Automobil-Clubs, er nickte höflich und gab einem einen kleinen Zettel, auf dem die zu leistende Kaution stand; sie war der Geschwindigkeit, mit der man gefahren war, angemessen. Nachher schickte man dann einen Scheck ein und sah und hörte nichts mehr von der ganzen Sache. Hier jedoch, im Bezirk von San Geronimo, wurden die Polizisten unangenehm. Vater hatte dem Richter Larkey seine Meinung über die in Büschen verborgen lauernden Polizisten gesagt; erklärt, dies sei ein würdeloses Vorgehen, das die Autofahrer dazu veran-i lasse, die Hüter des Gesetzes als Feinde zu betrachten. Der Richter hatte versucht, geistreich zu sein und den Vater gefragt, ob er je auf den Gedanken gekommen sei, dass auch die Einbrecher die Hüter des Gesetzes als Feinde betrachten. Die Zeitungen hatten die ganze erste Seite mit diesem Vorfall ausge^ füllt: «Petroleumindustrieller gegen die Ge-* schwindigkeitsvorschriften: J. Arnold Ross erklärt, er werde das Gesetz umstossen.» Vaters Freunde neckten ihn damit; er je-- doch blieb dabei, dass er früher oder später dieses Gesetz ändern werde. Er tat dies auch und ihm verdanken wir, dass es keine «Fallen» mehr gibt, und dass die Polizisten in Uniform auf den Strassen patrouillieren, so dass man sie im Spiegel sehen und rechtzeitig die Geschwindigkeit vermindern kann.