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E_1930_Zeitung_Nr.026

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Ausgabe: Deutsche Schweiz BERN, Dienstag 24. März 1930 Fünfte Salotmummei* Nummer 20 Cts. 2fi. Jährgang, - N° 26 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dienstas und Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. 10.-. Im Ausland unter PortososeMag, REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern solern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 Rappen. Postcheck-Rechnung 111/414. Telephon Bollwerk S9.84 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile ode* deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarif. Inseratenschluss 4 Taoe vor Erscheinen der Nummern ie Ein Fahrtbericht. Genf, Samstag den 22. März. Die vom A. C. S. alljährlich veranstaltete Sternfahrt ist eine Oeschicklichkeits- und Fahrprüfung, welche nicht geringe Anforderungen an die Teilnehmer stellt. Mit den in letzter Stunde eingetroffenen Anmeldungen hatten sich in diesem Jahre genau gleich viele Teilnehmer gemeldet wie letztes Jahr, nämlich 53. Der plötzliche Witterungsumschlag der letzten Tage, der mit einem Rückfall in den tiefsten Winter einsetzte — am Donnerstag hatte es in Bern noch den ganzen Tag geschneit — hatte offenbar die Freude an der Sternfahrt nicht beeinträchtigen können. Besonders von der Sektion Zürich hatten sich in den letzten Tagen noch mehrere Teilnehmer angemeldet. Die Sternfahrt ist für den Fahrer kein Vergnügen wie etwa eine Tourenfahrt. Die Landschaft, die durchfahren wird, kann der Sternfahrer nicht voll geniessen, denn er muss seine Aufmerksamkeit der verlangten Durchschnittsgeschwindigkeit widmen. In diesem Jahre war die Fahrt (wie wir bereits mitteilten) in drei Etappen eingeteilt, die mit verschiedener öeschwindigkeit befahren werden mussten. Alle Fahrer starteten in Bern. Wie sich herausstellte, waren zwei Routen gewählt, für die geraden Nummern die eine, und eine andere für die ungeraden. Die Sternfahrttechnik. Die Organisation unserer Equipe — bestehend aus drei Mann — gestaltete sich folgendennassen: Am Volant sass Herr Huber als Kapitän und Oberstkommandierender. Seine Aufmerksamkeit galt der Strasse und dem Kilometerzähler. Hinten im Wagen sass der Hauptrechner und geographische Leiter. Er hatte auf der Karte die ganze Strecke der Sternfahrt abzustecken und an Hand der Kilometerzahlen und der gegebenen Durchschnittsgeschwindigkeit die Zeitspannen — Zwischenzeiten genannt — zwischen den einzelnen Ortschaften der Fahrtstrecke anzugeben. Neben dem Mann am Volant sass der Berichterstatter. Seine Aufgabe war diejenige einer Kontrollinstanz. Er hatte vorerst die Zeitangaben, die ihm der Geograph machte, auf einer Tabelle fortlaufend zu notieren und von Etappe zu Etappe dem Fahrer die verfügbare Zeit und die Ankunftszeit mitzuteilen. Ferner gehörte die Kontrolle des Kilometerzählers auch zu seinen Pflichten. Aus der tatsächlichen Ankunftszeit und der errechneten ergab sich die Differenz, welche in der nächsten Etappe'(zwischen den nächsten Ortschaften) korrigiert werden musste. Da dieses Jahr auf der Strecke von Bern bis Genf drei verschiedene Durchschnittsgeschwindigkeiten verlangt wurden, ergibt sich, dass die ganze Berechnung dreimal auf anderer Grundlage erfolgte. Aus diesen kurzen Erläuterungen ersieht der Leser, dass eine Sternfahrt keine sehr einfache Sache ist, Die Abfahrt. So können wir denn starten. — Am Samstag gegen 11 Uhr versammelte sich am Startort, der Strassenkreuzung an der Laupenstrasse-Murtenstrasse in Bern, eine Menge Volk, das dem Start der Sternfahrer beiwohnen wollte. Diese selbst plauderten etwas erregt untereinander und warteten auf das Zeichen zum Start. 11 Uhr vorüber. Die ersten Fahrer sind schon gestartet. Wir haben Startnummer sieben und machen uns bereit. 11 Uhr 12 Minuten Abfahrt. Herr Brieger gibt das Zeichen zum Start und wünscht uns gute Fahrt. Unser Routenheft gab uns als Durchschnittsgeschwindigkeit für die erste Etappe: 37,3 km. Lange Gesichter! Auf Dezimalstellen war man nicht vorbereitet. Doch unverzagt macht sich unser Geograph an die Arbeit. porttage am Genfer Salon Die Sternfahrt Bern-Genf (Von unserem Gr-Berichterstatter) Die Route. führte über Gümmenen, Ins, Gampelen, St- Blaise, Neuenburg. Bis dahin verliess alles programmgemäss. Nach Neuenburg wurde es brenzlich, denn jetzt war mit Sicherheit eine Kontrolle zu erwarten. Rechnen, rechnen. Halt, etwas langsamer — 20 Sekunden zu früh. Gut. Weiter! So tönte es zum Kommandositz und der Fahrer kontrollierte beständig am Chronometer seine Fahrt. Dem Neuenburgersee entlang Hess ich hie und da verstohlen einen Blick in die Landschaft schweifen. Grau liegt der See und leichter Rieselregen taucht das ganze Landschaftsbild in einen einförmigen Nebel. Schade... es gab wirklich nichts Besseres als die ganze Aufmerksamkeit auf die Fahrt zu konzentrieren. Es naht Yverdon. Wir durchfahren das Städtchen und wundern uns schon, dass noch immer keine Kontrolle auftaucht. Da plötzlich, bei der Ausfahrt aus dem Städtchen eine Ansammlung Leute und ein weisses Band über die Strasse. Die erste Kontrolle! Herr Decrauzat winkt, und hart stoppt unser Wagen. Uhren vergleichen. Unsere Zeit stimmt, aber die Stoppuhr der Kontrolle zeigt zwei Minuten mehr an als unsere Uhr. Auch stimmen die Uhren der beiden Kontrolleure nicht genau überein. Sonderbar. Kopfschüttelnd und etwas verärgert starten wir zur Weiterfahrt. Zweite Etappe. Durchschnittsgeschwindigkeit: 37 km. Die Fahrt geht weiter über Cressy, Vuarens, Echallens, Chesaux gegen Lausanne. Das fruchtbare Waadtiand, mit seinen grünen Weiden, seinen alten Schlössern und seinen Weinbergen fliegt an uns vorüber. Hie und da erfasst ein rascher Blick einen Zipfel der Landschaft. Doch meist sitzen Geograph und Kontrolleur über ihre Karten und Tabellen gebeugt und der Fahrer hat genug zu tun auf Strasse, Kilometerzahl und Uhr zu schauen. Manchmal begegnen wir einem Fahrer, der mit Interesse unsern Rallye-Wimpel betrachtet. In den Dörfern hat die Jugend schon gemerkt, dass etwas los ist und empfängt uns mit Hallo. Schon nahen wir Lausanne und noch immer keine Kontrolle. In Lausanne geht es um eine scharfe Ecke — Richtungsänderung — und weiter westwärts gegen den See hinab. St-Sulpice. 2 Uhr 31. Langsam fängt der Magen an zu knurren — aber zum Essen hat keiner Zeit. Bald muss wieder eine Kontrolle fällig sein. Da — kaum gedacht, ist sie schon da. In Morges stehen die Kontrolleure und übergeben uns Routenkarte Nr. 3. Durchschnitt: 40,5 km. Diesmal sind wir genau zur errechneten Zeit eingefahren und unsere Uhr stimmt auf die Sekunde mit der Kontrolluhr überein. Befriedigt fahren wir weiter. Auf der schönen Strasse dem See entlang ist die Fahrt weniger anstrengend, denn man braucht keine Angst zu haben, dass man sich verfährt. Nur immer rechnen. Ja nicht zu schnell, aber auch nicht zu langsam fahren. Rolle, Nyon ziehen vorüber. Keine Kontrolle. Nun atmen wir auf, den kurz vor Genf wird wohl nichts mehr zu befürchten sein. Wagen um Wagen überholt uns auf dieser breiten Strasse. Auch einige Sternfahrer sausen grüssend vorbei — die müssen wahrscheinlich verlorene Punkte einholen. Pünktlich in Genf. Schon nahen die ersten Häuser Genfs. Jetzt noch etwas Vorgabe, denn in der Stadt muss man mit Hindernissen rechnen. Zuletzt sind wir doch fast zu früh und gemächlich fahren wir — genau zur errechneten Sekunde: 3 Uhr (Schluss siehe Seite 2) Der Kilometer arrete (Von unserm Bi-Berichterstatter) Trotz Ungunst der Witterung zahlreiches Publikum. — Zwimpfer (Zürich) auf Chrysler fährt in glänzendem Stil die beste Zeit der Tourenwagen (87,17 km). — W. Escher (Zürich) erreicht auf Bugatti beste Zeit der Sportwagen (110,09 km). — Stuber (Bern) auf Bugatti fährt bei den Rennwagen, mit 122,04 km, die beste Tageszeit und stelllt damit den neuen Streckenrekord auf. — Bedauerlicher Unfall der Genfers Sarbach. wohlverdiente Sieg in der Kategorie der Tou-i renwagen zu. Dem Genfer Maurer, der als Solofahrer in der Klasse 5000—8ÖO0 ccm startete, und der nach unseren Aufzeichnungen als einziger für beide Fahrten genau die nämliche Zeit beanspruchte, begleitete als Passagier die internationale Rennkanone Marchand. Sicher haben es die meisten bedauert, dass man nicht Gelegenheit hatte, auch diesen Meister der Rennkunst selbst am Volant zu sehen. Wie wir übrigens erfahren haben, besteht die Möglichkeit, dass Marchand im April die Rekordversuche auf der dazu bestgeeigneten Strecke im Tessin wieder aufnehmen wird. Genf, 23. März. Grau in grau hub der Sonntag an, an welchem die wichtigste sportliche Veranstaltung des Salons durchgeführt wurde, deren Organisation seit Jahren in den Händen der Sektion Genf des A. C. S. liegt. Obwohl ein unfreundlicher, wolkenverhängter Himmel, der zeitweise unwillkommene Regengüsse spendete, keine Aussicht auf eine Besserung der trostlosen Witterung Hess, setzte doch frühzeitig am Morgen die Wanderung nach der Rennstrecke ein, wo, den Umständen angemessen, ein zahlreiches Publikum die Strasse säumte und die Tribüne füllte. Der Genfer « Kilometer-Arrete» ist immer auch ein gesellschaftliches «event», wo sich ein auserwähltes Publikum Rendez-vous gibt. Eine elegante Damenwelt und zahlreiche Offiziere :dßs M. W, D., , welche als Gäste am Salon weilten, gaben der Tribüne eine besonders lebhafte Note. An Prominenten aus Sportsund A. C. S.-Kreisen fehlte es nicht, bemerkten wir doch unter den Anwesenden die Herren Dr. Mende, Zentralpräsident des A. C. S., die Herren Decrauzat, Präsident der nationalen Sportkommission, Chantre, Präsident der Sektion Genf, Hürlimann, der Vorsitzende des Zürcher Clubs, Böhmer vom Basler Vorstand des A. C. S. u. a. m. Herr Oberstdivisionär Grosselin, sowie Herr Oberst Labhart, Chef der Sektion des M. W. D. im Generalstab, vertraten die Spitzen des Militärs. Rennen der Tourenwagen. Von den 34 Nennungen blieb nur eine dem Start fern, dafür wurde der Ausfall durch eine Nachnennung wettgemacht. Dank einer guten Organisation, die mit den denkbar einfachsten Mitteln arbeitete, konnte das Rennen rechtzeitig aufgenommen werden.. Den Reigen eröffneten in der Kategorie der Tourenwagen zwei Militärfahrer, die je in einer Klasse solo starteten. Beide brachten in Anbetracht der Stärke der Wagen sehr respektable Zeiten heraus, die auch die erprobte Fahrtechnik der beiden Vertreter des M.W.D. erkennen Hessen. Der Zürcher Keller legte sich mit seinem Alfa-Romeo in der nächsten Klasse gleich von Anfang an tüchtig ins Zeug und erreichte auch mit beträchtlichem Vorsprung die beste Zeit. So beachtenswert an und für sich die Leistungen auch in den Klassen mit kleineren Motordimensionen sind, so bringen doch naturgemäss erst die grösseren Kaliber den nötigen Schwung in den Rennbetrieb und mit der weiteren Entwicklung des Rennens steigerte sich das Interesse und die lebhafte Anteilnahme des Publikums zusehends. Sehr gut vertreten war die Klasse C (3000—5000 ccm), in der sich der Zürcher Zwimpfer auf einem flotten Chrysler-Cabriolet einen überlegenen Sieg sicherte. Der saubere Start und sichere Fahrweise fanden allgemeine Beachtung und so musste sich selbst der sieggewohnte « Stallgenosse » Duval beugen und mit einem allerdings sehr ehrenvollen zweiten Platz vorlieb nehmen. Auch Guebelin, der dritte im Bund der Chryslerfahrer, legte für die Marke Ehre ein und ist seine Zeit mit 81,4 km Durchschnitt recht achtunggebietend, wenn berücksichtigt wird, dass es sich hier um einen geschlossenen Wagen handelte. Das von Zwimpfer erreichte Mittel von 87,17 km sollte auch in der letzten Klasse, die durch Maurer auf Voisin allein vertreten war, nicht mehr überboten werden, und so fiel dem Zürcher gleich auch der Das Rennen der Sportwagen brachte verschiedene in Autokreisen bestbekannte Sportleute auf den Plan, und Hess die interessante Besetzung einen spannenden Kampf erwarten. Ein Gast des Auto-Clubs du Midi holte sich vor zwei Mitkonkurrenten die Siegespalme in der untersten Klasse. Der populäre Bugattifahrer Escher, Zürich, der, sich immer mit grösster Ruhe und dem nämlichen jovialen Lächeln dem Starter zur Verfügung stellt, steigerte in imponierendem Stil das Tempo als Erster über den « Hundert ter » hinaus und belegte bei einem Mittel von 110,09 den ersten Platz seiner Klasse. Als Zweiter folgte Kessler, der erprobte Kämpe auf Alfa-Romeo. Obwohl sich die Spedition des direkt von der Fabrik kommenden neuen Wagens derart verzögerte, dass der Wagen vor dem Rennen kaum recht ausgepackt werden konnte, so Hess sich Kessler als echter Sportmann nicht abhalten, seine Nennung aufrecht zu erhalten und überraschte noch mit einer Stundenleistung von 101,41 km. Nach der ersten provisorischen Zusammenstellung der Resultate wäre der Kategoriepreis dem später startenden Graf Arco auf Mercedes zugefallen. Allein die technische Kommission entschied, dass der Wagen den Bestimmungen des Reglementes für Sportwagen nicht entspreche, weshalb eine Versetzung zu den Rennwagen erfolgte. So blieb Eschers Zeit weitaus die beste und trug ihm die flotte Fahrt den Kategoriesieg ein. Escher nahm den Kampf in der folgenden Klasse nochmals auf und blieb auch dort Sieger, obwohl er seine erste Zeit nicht mehr erreichte. Bei den Wagen von 3000—5000 ccm beschränkte sich die Konkurrenz auf eine Chrysler-Familienangelegenheit, an der sich wiederum Zwimpfer und Duval beteiligten. Diesmal Hess sich der Genfer nicht unterkriegen und blieb mit knappem Vorsprung Erster. Den Abschluss sollte die Fahrt zweier Mercedes-Benz-Wagen bilden, die, obwohl glänzend absolviert, noch zu einem kleinen Inermezzo führte. Beim Wagen Rosensteins hatte sich auf unerklärliche Weise an der Zündung irgend ein Kabel oder ein Schräubchen gelockert, so dass der Anlasser einfach nicht funktionieren wollte. Darob anfänglich etwas Unsicherheit beim Organisationskomitee, was nun geschehen solle. Rasch wird das internationale Sportreglement pro 1930 konsultiert, worauf Herr Decrauzat in Beachtung der geltenden Bestimmungen entschied, dass der Wagen ausscheiden müsse, indem intakter Anlasser vorgeschrieben ist. Rosenstein fügte sich ohne weiteres, gab das Spiel aber noch nicht verloren und während das Rennen seinen Fortgang nahm, arbeitete er mit seinem Mechaniker fieberhaft, um die Ursache des Schadens festzustellen und ihn zu