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E_1930_Zeitung_Nr.045

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Ausgabe: Beut sehe Schweiz BERN, Freitag, 23. Mai 1930 Nummer 20 Cts. 26. Jahrgang. - N° 45 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe liste" Halbjährlich Fr. 5.-, jährlich Fr. 10.-. Im Ausland unter Portoraschlag, REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern lolern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postaraüiche BssteUung 30 Rappen. Postcheck-Rechnung HI/414. Telephon Bollwerk 39.84 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Fremdenverkehr anderswo und bei uns Wir haben in Nummer 40 über die Schiene der Zukunft geschrieben und uns die Frage an die Bundesbehörden erlaubt, wie lange es wohl noch gehen werde, bis eine weitsichtige Verkehrspolitik den Anstoss zur Verwirklichung der in genanntem Artikel besprochenen Fragen bringen werde. Welch enormes Interesse wir dem Automobilwesen und dem Automobiltourismus entgegenbringen müssen, zeigt uns neuerdings das Vorgehen Frankreichs. Tardieu griff mitten ins Wirtschaftsleben Tourismus hat er ein Oberkommissariat geschaffen und diese Stelle einem Manne übertragen, dessen Tätigkeit sich bereits nach kürzester Zeit auszuwirken beginnt. Wo hat Qaston Qerard, der Oberkommissär, eingesetzt? Von der richtigen Voraussetzung ausgehend, dass zur Hebung des Fremdenverkehrs das betreffende Land den Ruf der Gastfreundschaft Öberkommissär sich zunächst mit einem Rundschreiben an die Hotels gewandt und ihnen sorgfältige Behandlung und aufmerksame Bedienung, gute Küche, vorzügliche Weine und massige Preise ans Herz gelegt. Zudem hat Qerard es erreicht, dass gewisse auf den Touristen lastende Abgaben abge* baut-wurden. So wurde die tandungsstetter aufgehoben, die Rechnungssteuer beseitigt und die Hötelsteuer ermässigt. Der neue Mann hat daneben aber noch etwas Neues geschaffen. In enger Zusammenarbeit mit den Eisenbahngesellschaften, den Hotelierverbänden und den übrigen Verkehrsgesellschaften hat er die « 14 Tage in Frankreich » eingeführt. In 14 Tagen soll auch dem minderbemittelten Ausländer in einem vierzehntägigen Aufenthalt ermöglicht werden, Land und Leute Frankreichs zu erschwinglichen Preisen kennen zu lernen. In jeder ausländischen Verkehrsagentur kann ein Reiseheft zu 2500 Fr., d. h. zu 500 Schweizerfranken, gekauft werden, das zu einem sechstägigen Aufenthalt in Paris und zu einer siebentägigen Reise durch die französische Provinz berechtigt. In den 500 Schweizerfranken sind Reisekosten, Hotelkosten, Theaterbesuch, sonstige Vergünstigungen, ja sogar das Trinkgeld inbegriffen. Während der sechs Tage Paris wird dem Inhaber des Reiseheftchens alles mögliche geboten, Ausflüge im Autocar, eine Rundfahrt durch die Stadt, die Besichtigung der Schlösser von Versailles und Fontainebleau, ja sogar der Besuch der Grossen Oper, der Gom&Iie- Francaise, das Vergnügen eines Boulevardtheaters usw. Was die Reise in die Provinz anbelangt, stehen den Touristen 15 verschiedene Routen zur freien Wahl. Der Tourist kann somit diejenige Gegend Frankreichs besichtigen, die ihn am meisten interessiert. Ohne Zweifel ist der Gedanke klug und wird sich bezahlt machen. Wir sind leider in der Schweiz noch nicht so weit. Wohl haben wir Verkehrsbureaux, hinein. Für denwir haben Hotelier- und Wirtevereine, wir leiden aber an der Zerstückelung der Interessen. Es fehlt uns diejenige Instanz, die alle Bedürfnisse in eine Hand zusammenfasst und mit dem auch uns zur Verfügung stehenden Geld richtig zu haushalten und es zweckentsprechend anzubringen weiss. Unsere Verkehrsanstalten machen die grössten Anstrengungen, um den Fremdenstrom in unsere besitzen müsse, hat der Schweiz hineinzubringen, was aber beispielsweise den Kanton Bern nicht abhält, an seinem 11-Uhr-Wirtschaftsschluss festzuhalten und die während des Sommers zahlreich anwesenden Fremden Schlags 11 Uhr ins Bett zu jagen oder nach bekanntem Rezept sie mit einer Busse zu bereichern. Solche Praktiken schaden dem Fremdenverkehr mehr als maiTglaubtj "und es bleibt mir za'wünschen übrig, däss, gefade was den Wjrtschaftsschluss anbelangt, die massgebenden Verbände sich endlich zu einer einheitlichen Aktion zusammenfinden und bei den Behörden ein geneigtes Ohr finden werden. D Brückenfragen im Kanton Aargau. Nachdem der Kanton Aargau im Begriffe steht, mit 10 Millionen Franken einen beschleunigten Strassenausbau durchzuführen, so hat ebenfalls das Fährenunglück bei Koblenz ihn auch auf die Notwendigkeit neuer Brücken aufmerksam gemacht. Man könnte beinahe sagen, jahrelang haben sich die Herren im Aargau um die, Aare- oder um die Rheinbrücke gestritten und sind dabei zu keinem Schluss gekommen; nun ist neuerdings in der Aarauer Ratsstube der neuen Brücke in Koblenz das Wort gesprochen worden. Wer die Zustände bei der Aareeinmündung kennt, wird zugeben müssen, dass eine Aarebrücke erste und unbedingte Notwendigkeit ist. Heute endet die Rheinstrasse bei Koblenz abrupt. Im Jahre 1892 kam die Rheintalbahn mit einer Eisenbahnbrücke, die Brücke für Fuhrwerke und Menschen jedoch wurde vergessen. Flussaufwärts bei Döttingen und Stilli wurden Brücken gebaut,^ bei Koblenz nicht. Warum, weiss eigentlich kein Mensch. In den 90er Jahren ventilierte man den Bau zweier Brücken : Zurzach und Koblenz. Zurzach bekam den Vortritt. Die Zurzacher Brücke wurde' von den Zurzachern selbst bestritten; der Staat besorgte nur" die Zufahrtsstrassen. 1903 forderte ein Postulat den Bau einer Koblenzer Brücke. Nach elf Jahren wurde das Dekret des Baues vorgelegt, der Rat stimmte zu, der Aargau sollte 195 000 Franken bezahlen. Mit dem Krieg fiel die Brücke tatsächlich ins Wasser. Dann kam die Valutamisere, kamen andere Miseren, der Aargau hatte auch kein Geld mehr, die Sache blieb liegen. Dafür kamen neue Projekte, u. a. auch das Felsenau-Projekt. 1916 gelangte eine Eingabe an die Regierung, welche sie anfragte, ob die Aarebrücke nicht vor der Rheinbrücke gebaut werden sollte. Die Regierung zeigte ein taubes Ohr. Die sogenannte Bedürfnisfrage wurde abgelehnt. Die •Rheihbrücke sei beschlossen, und dabei bleibe es. Zwei Jahre später machten die Zurzacher Grossräte einen Vorstoss. Sie verlangten, dass man jährlich 10 000 Franken zurücklege, aber den Zurzacher Herren wurde ebenfalls kein Gehör geschenkt. Man nahm sie nach verschiedenen Vorfällen nicht mehr ganz so ernst. Dann aber pochte der Verkehr -selbst' an die Aarauer Ratsstube. Es gelang, das Klingnauerwerk zu schaffen. Im Vertrag wurde für die Brücke der Aare ein Beitrag gesichert. Der Vorstoss für die Aarebrücke erweckte den Neid der Anhänger einer Waldshuterbrücke, und heute noch will man dieser Rheinbrücke den Vorzug geben. Man spricht von internationaler Höflichkeit und dergleichen Sachen. Es ist selbstverständlich, dass in kürzester Frist eigentlich beide Brücken gebaut werden sollten. Die Waldshuterbrücke wird den Verkehr Zurzach-Schwarzwald mächtig fördern und sowohl Koblenz als Waldshut wieder in den Verkehrsmittelpunkt der betreifenden Gegend stellen. Aber auch die Aarebrücke liegt im Interesse des Kantons, speziell der unteren Bezirke. Nach den Ausführungen des aargauischen Baudirektors Studier wird das Projekt Koblenz-Waldshut in nächster Zeit ausgeführt werden. Das neue Projekt ist seit drei Wochen fertig. Das schweizerische ist um 150 000 Franken billiger als das deutsche. Diese Brücke wird selbstverständlich auch viel deutschen Verkehr nach dem Aargau und in INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 nun hohe Grundzeile odev deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarit. Inseratenschluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern die Schweiz führen. Die Siggentalerstrass« soll in den nächsten Jahren ausgeführt werden. Sie und die Surbialstrasse zielen auf die Rheinbrücke ab. Daneben, erklärt sich Baudirektor Studier auch für die Schaffung der Aarebrücke, deren Finanzierung nicht mehr schwer fallen dürfte, da das.Kraftwerk Klingnau dazu allein 250 000 Franken beitragen wird. ©• Die Losung des Transportproblems. Baut Strassen! Die wirtschaftlichen Folgen der Kriegsund Inflationszeit haben in den europäischen Ländern auch eine spürbare Desorientierung im Verkehrs- und Transportwesen gebracht, Insbesondere in den Staaten Mittel- und Osteuropas sowie in den Balkanländern, wo den Ausbau der Verkehrswege und des Strassen» netzes schon in der Vorkriegszeit unzulänglich war, haben sich durch Zerstörung der Betriebsmittel und durch die parallel damit laufende Unmöglichkeit, moderne Strassensysteme zu schaffen, schwere Hemmungen für die Gesamtwirtschaft ergeben. Aber auch in den westlichen Ländern Europas fehlten, vielfach die Mittel, neu zu organisieren und auszugestalten, was in einer langen Periode wirtschaftlicher Stagnation versäumt worden war. Gegenüber den hochentwickelten Transportmöglichkeiteti in Amerika steckt das europäische- Transportwesen noch in den Kinderschuhen, und es'ist eine grösse Aufgabe der europäischen Wirtschaft geworden, das Problem des 1 Strassenbäus zu lösen, wenn sie beginnen will, die Inferiorität ^gegenüber amerikanischen Verhältnissen allgemach zu überwinden. Das Vorgehen Englands. Der Chef des Strassenbauwesens im britischen Transportministerium, General Sir Henry Percy Maybury, legt in interessanten Ausführungen die Situation des Transportwesens in England dar. Seine' Auslassungen verdienen schon aus Vergleichsgründen mit den Verhältnissen in unserm Lande volle Beachtung. In England hat man die Bedeutung der Reorganisation des Transportwesens schon unmittelbar nach Kriegsende erkannt und es wird versucht, durch Erneuerung und Verbesserung des Strassenwesens in den Städten und auch auf dem Lande die riesenhaft anschwellenden Verkehrsbedürfnisse erfolgreich zu befriedigen/Das britische Transportministerium in London ist die oberste staatliche Behörde, der die Aufgabe obliegt, den Ausbau des Strassennetzes und der Die blaue Wand Von Richard Washburn Chüd. Autorisierte Uebersetzung aus dem Amerikanischen von Liso Landau. (Engelhorns Romanbibliothek.) (2. Fortsetzung) Die blaue Wand. Bisheriger TnKa.lt: Ein Arzt erzählt die rätselhafte Geschichte der blauen Wand. Er wird als Hausarzt der Mayburys an das Bett der kleinen, sehr zahrten Virginia gerufen, die an Hirnhautentzündung schwer krank darniederliegt. Das Kind kehrt das Gesicht immer der Wand zu, und die Pflegerin erklärt, es müsse in dieser blauen Wand eine oberirdische Kraft wohnen, die das Kind in seinen Bann ziehe. Der Arzt untersucht nun die Kleine. «Etwas ist dort,» flüsterte sie. «Was denn?» Sie schüttelte matt den Kopf. Die Pflegerin stiess mich leise an. Ich war ihr dankbar, dass sie mich mahnte, die Ruhe des Kindes nicht aufs Spiel zu setzen. Ich gab ihr, meine Anordnungen; dann ging ich, vielleicht nicht ganz so mit mir im klaren, wie ich es gewünscht hatte, leise die Treppe hinunter. Ich wollte eine Begegnung mit Mrs. Marbury vermeiden. Ich wollte nicht noch einmal den flehenden Ausdruck ihrer Augen sehen und wäre auch dem Herrn des Hauses am liebsten aus dem Wege gegangen. Aber er erwartete mich am Fuss der Treppe — mit demselben ruhiggleichmütigen Finanzgesicht von vorhin, durch dessen Maske sich aber in diesem Augenblick die ganze Macht des Leides und der Zärtlichkeit hervorzudrängen schien. Nervös zupfte er an seinen dünnen, grauen Barthaaren. Ich kam seinen Fragen zuvor. «Wir müssen die Kräfte des Kindes zu erhalten suchen,» erklärte ich ihm; «es handelt sich um eine Nervenerkrankung. Vorläufig lässt sich noch nichts Bestimmtes sagen.» Er zog seine Uhr und sah nach der Zeit, ohne zu wissen, was er da tat und weshalb er es tat. «Uebrigens,» fragte ich, «wer wohnt hier neben Ihnen?» «Wer?» gab er erstaunt zurück. «Die Estabrooks.» «Ist's eine grössere Familie?» «Nur zwei Personen. Jertnyn Estabrook und seine Frau. Sie haben vor sechs Jahren geheiratet und wohnen seitdem hier. Wir kennen sie nur sehr flüchtig. Sein Vater hat es mir nie verziehen, dass ich mich im Jahre 1890 seiner Wahl zum Mitglied irgendeines i Direktoriums widersetzt hatte. Die Frau war die Tochter des bekannten Richters Colfax. Kinder haben sie nicht. Aber vielleicht wissen Sie das alles ebenso gut wie ich?» «Nein,» erwiderte ich, wobei ich ihn forschend betrachtete. «Ich weiss gar nichts von den Leuten. Leben sie glückich miteinander? Oder ist Grund zu der Vermutung, dass irgend ein Verhängnis über ihnen schwebt?» Einen Augenblick sah Marbury mich an, als hielte er mich für verrückt; dann lachte er nervös. «Aber keine Spur,» rief er. «Ich bitte Sie, das junge Paar ist durchaus glücklich; sie leben in den denkbar besten Verhältnissen, und sie sind beide gebildete Menschen aus gutem Hause. Der Gatte Teilhaber und voraussichtlicher Erbe einer grossen * Anwaltspraxis, die Frau jung, sehr hübsch, eine ausgezeichnete Reiterin, soll aber keine sehr gesellige Natur sein.» «Im Hause leben nur sie und ihre Dienstboten?» «Ja. Vielleicht ist Jermyn augenblicklich verreist. Ich gaube, ich habe so etwas gehört. Aber genau weiss ich es nicht.» Seine Worte schienen jede Möglichkeit einer ungewöhnlichen Situation dort, jenseits der Hauswand, auszuschÜessen, «Was gibt's denn so Geheimnisvolles?» fragte er beunruhigt. Ich höre noch den nervösen Ton seiner Stimme; ich sehe noch den Gobelin vor mir, der hinter dem Tisch auf der Diele hing. «Ich danke Ihnen,» sagte ich, ohne auf seine Frage einzugehen. In der nächsten Sekunde war ich draussen. Ich blieb einen Augenblick stehen, um mir das Haus nebenan näher anzusehen. Es war der zehnte Oktober. Ich erinnere mich genau des Datums. Der Mond schien hell. Er warf sein bleiches Licht auf die Häuser und Hess mich erkennen, dass das Haus der Estabrooks das einfachste und bescheidenste, aber in der Reinheit seiner architektonischen Linien wohl das geschmackvollste in dem ganzen Block war. Es sah recht danach aus, als biete es jede Gewähr für die Ruhe, das Behagen und den Frieden seiner Besitzer. Und ich gestehe: während ich dastand und während mein Chauffeur die Maschine wieder ankurbelte, schämte ich mich fast der Hirngespinste, die mich dazu verführt hatten, irgendein Geheimnis hinter den Steinen und dem Mörtel jenes Hauses zu suchen. Aber da gewahrte ich plötzlich, wie sich im zweiten Stockwerk leise ein Fenster öffnete. Ich sah, wie sich zweit Hände einen Augenblick lang auf das Sims legten und dann einen Gegenstand ins Gras hinunterfallen Hessen. Dabei schlug ein leiser, unendlich klagender Laut an mein Ohr — ein Laut, so eigentümlich, wie ich ihn unter Tausenden kaum je gehört.