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E_1930_Zeitung_Nr.042

E_1930_Zeitung_Nr.042

Ausgabe: Deutsch© Schwell; BERN, Dienstag 13. Mai 1930 Nummer 20 Cts. 26. Jährgang. — N° 42 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erseheint jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjihrlleh Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portosigchlag, REDAKTION a. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern (olern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 Rappen. Postchcck-Rechnung III/414. Telephon Bollwerk 39.84 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Aktuelle Verkehrsfragen Nationaler Brennstoff Allem Anschein nach soll es in der frage des nationalen Brennstoffes auch einen Schritt vorwärts gehen. Lange genug schenkten ihr unsere obersten Behörden zu wenig Achtung. Die Interpellation Vallotton hat auf jeden Fall ihren Zweck erreicht. Der Bundesrat musste sich einmal über deren Bedeutung vollständige Rechenschaft geben. Die ersten Früchte liegen vor. Der Bundesrat hat beschlossen, die Gesellschaft zum Studium der nationalen Brennstoiffrage durch verschiedene Beiträge zu unterstützen. Für die Anschaffung eines Vergasers und von vier Verkohlungsöfen werden 5200 Fr. zur Verfügung gestellt; ferner sollen die Versuche mit 50 Prozent der Kosten, höchstens mit 12000 Franken subventioniert, die Bestrebungen der Gesellschaft durch Zollerleichterungen unterstützt werden. Die Hilfe ist noch nicht «überwältigend», immerhin ist ein Anfang gemacht. Dass der Bund sich bereit erklärt, auch in dieser vitalen Frage finanziell mitzuhelfen, bedeutet schon einen Fortschritt. Er beweist eine gewisse geistige Umstellung in unserer Landesbehörde, die sich nur segensreich wird auswirken können. Damit ist natürlich die Interpellation Vallotton noch nicht erledigt. Grundfrage bleibt, ob von behördlicher Seite aus man willens ist, alles zu tun, um in der wichtigen Brennstofffrage sich die nationale Unabhängigkeit zurückzuerobern und im Augenblick, da die Petrolquellen erschöpft sein dürften — nach Berichten, berufener Geologen ein Ding, das in 20 Jahren eintreffen soll — gewappnet dazustehen. Freuen wir uns indessen vorab über den zaghaften Anfangsschritt. Strassenbau und Arbeitslose Ueber die Verbesserung der Strossen ist schon kübelweise Tinte verschwendet worden. Dass im Kanton Bern punkto Ausgestaltung der Strassen vieles erreicht wurde, wissen wir. Heute muten den Automobilisten die Berner Hauptstrassen recht sonntäglich an. Nicht überall. Beispielsweise liegen Zufahrtstrassen nach bedeutenden Städten noch stark im argen. Wir erinnern nur an Burgdorf, wo es diesbezüglich noch bitterböse steht. Daneben aber merkt man überall den guten Willen des kantonalbernischen Baudirektors. Nun soll auch im Jura etwas weiteres geschehen. Zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit infolge der Krisis in der Uhrenindustrie hat der Regierungsrat in seiner Sitzung vom 9. Mai einen Kredit von 325 000 Franken bewilligt für die Korrektion der St. Immertalstrasse zwischen Courtelary und Cortebert. Die Strasse soll- auf einer Länge von 2400 Metern von der Südseite der S.B.B. und der Schluss auf die Nordseite verlegt werden, womit die bestehenden Bahnübergänge wegfallen. Schon deshalb ist das Projekt wärmstens zu begrüssen. Jede Umgehung oder jede Beseitigung einer solchen Todesfalle kann so und so viele Menschen vor dem Verderben retten. Auch für die Verbesserung der Tavannes-Tramelanstrasse hat die bernische Regierung 80 000 Fr. bewilligt. Wir begrüssen das hohe Verständnis des bernischen Regierungsrates, wenn auch zu bemerken ist, dass gegenwärtig der Autogoldstrom in hohen Wogen dem kantonalen Fiskus zufliesst. Die Koblenzer Rhein - Wagenfähre Dem aargauischen Regierungsrat wünschen wir die gleiche Initiative. Die Fähre bei Koblenz ist unhaltbar. Das Unglück vom letzten Freitag wird ein Fingerzeig sein. Glücklicherweise konnten die betreffenden Personen gerettet werden, wogegen beim Umkippen der Fähre ein Fuhrwerk samt den Pferden in den hochgehenden Fluten des Rheins versank. Das Zeitalter der Fähren ist längst verschwunden. Im Mittelalter bediente man sich ihrer mit Vorliebe. Im Zeitalter der Betontechnik sollten an derart wichtigen Uebergängen wie bei Koblenz Mensch und Tier nicht mehr in unverantwortlicher Weise gefährdet werden. Hergang des Unglücks. Wie gefährlich die Ueberfahrt über den Rhein mit einem Wagenschiff ist, hat der Unglücksfall vom letzten Freitag nachmittag bewiesen. Letzter Tage und speziell die letzten Sonntage sind eine grosse Zahl von Automobilen mit dieser Wagenfähre über den Rhein in die badische Nachbarschaft hinübergesetzt worden. Wohl keiner der vielen Automobilisten hat sich dabei ein besonderes Risiko gedacht, obschon das immer bestanden hat. Bequemlichkeitshalber wird diese Fähre von den Ausflüglern in den Schwarzwald sehr stark frequentiert, obschon einige Kilometer (was sind für Autos einige Kilometer) weiter oben, in Zurzach, eine solide Fahrbrüc'ke schon seit Jahrzehnten für diesen internationalen Verkehr offen steht. Diese altmodische Rheinübersetzung mit der nicht sehr günstigen Zu- und Abfuhr (speziell auf badischer Seite) mag für einzelne Autotouristen den Reiz des Aussergewöhnlichen haben, vielleicht noch mehr. A'l diese werden aber einen kalten Schauer über den Rücken spüren, wenn sie nachstehend vernehmen, welchen Gefahren auch sie schon ausgesetzt gewesen sind. Letzten Freitag, um halb 4 Uhr, hat diese Fähre das Schicksal erreicht. Das Wagenschiff stiess mit dem Fährmann, einem Fuhrmann, einer Frau und einem Mädchen, mit einer schweren Holzfuhre und drei Pferden vom badischen Ufer ab. Als das Fähreschiff sich in der gegenwärtig etwas starken Strömung des Rheins befand, vermochte schweizerseits der Seilbock der überaus schweren Last nidht mehr standzuhalten. Im oberen Drittel bog er sich ab und liess das Drahtseil fallen. Das Schiff blieb für Augenblicke ohne die Seilführung, in dem Moment aber, in "dem sich das Anhängeseil zum Schiff unter dem Druck des Rheinstromes wieder anstreckte, gab es für das Schiff einen solch starken Ruck, dass es sich augenblicklich seiner schweren Last entledigte. Die mitfahrende Frau, das Mädchen, die Holzfuhre bestehend aus einem Wagen, beladen mit Buchenstämmen, und die drei Zugpferde verschwanden in den trüben Fluten des Rheins. Fährmann und Fuhrmann konnten sich auf dem Schiff festhalten. Zufällig konnte sich die Frau an einem « Flecklig» halten und ans Ufer gebracht werden. Das Mädchen, eine tüchtige Schwimmerin, vollbrachte die Glanzleistung, in ihren Kleidern abwärts schwimmend das schweizerische Ufer zu erreichen. Die Pferde, der Wagen und die Ladung konnten nicht mehr gesichtet, das Wagenschiff mit Wasser angefüllt und zum Teil schadhaft ans Ufer gebracht werden. — INSERTTONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cti. Grössere Inserate nach Seitentarif. Inseratenschluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Glück im Unglück! Ein Trost, dass keine Menschenleben zu beklagen sind; Ein Zufall, der unter Umständen viel grössere. Folgen hätte haben können. Bis auf weiteres kann die Wagenfähre und « Autofähre » nicht mehr benützt werden. Die amtliche Untersuchung durch Bezirks- und kantonale Behörden wurde an Ort und Stelle sofort aufgenommen. Stausee oder Splügen-Bernhardinstrasse ? Im Rheinland, dem schönen Alpental und Heimat der freien Walser, hat sich eine energische Gegnerschaft erhoben, welche gegen das -Projekt der Unterwassersetzung protestiert. Die Gemeinden Splügen, Medels und Nufenen haben das Konzessionsgesuch der Rhätischen Werke für die Errichtung des geplanten Stausees mit Entschiedenheit abgelehnt. In einer Erwiderung auf die Ausführungen von Direktor Lorenz heisst es: «An die Anlage einer Splügenbahn glauben wir schon lange nicht mehr. Man hat uns zu lange mit Versprechungen hingehalten. Jetzt sind Gebirgsbahnen überlebt. Das Auto erobert sich den Verkehr unaufhaltsam, vor allem auf solchen Nebenlinien, wo der Gütertransit gering ist. Man gebe uns das Auto für das ganze Jahr, baue eine gute Autostrasse bis Misox, mit einem Tunnel durch den Bernhardin für den Winter und wir sind zufrieden.» ' Es scheint wirklich, dass der Direktor mit' seinen Versprechungen etwas weit gegangen ist.' Es ist billig, die Bevölkerung des Tales für den Verlust ihrer Heimat mit einer zukünftig zu bauenden Bahn zu vertrösten, von der kein Mensch weiss, ob sie je gebaut wird. Viel gewisser als diese utopistische Bahn ist die Anlage einer Autostrasse, welche das Hinterrheintal mit dem Misox verbinden würde und die durch Anlage von einigen Tunnels für den ganzjährigen Betrieb freigehalten werden könnte. Man begreift gut, dass die Bauern von Rheinwald nicht für blosse Versprechungen ihr Gebirgstal unter Wasser setzen lassen wollen. In Nr. 43 beginnt unser neuer Roman: «Die blaue Wand» von Richard Washburn Child in der autorisierten Uebersetzung aus dem Amerikanischen von Lise Landau. Der eiserne Wagen Kriminal-Roman von Sven Elvestad. (38. Fortsetzung und Schluss) Äsfojörn Krag fuhr fort: «Wenn ich gegen Sie grausam gewesen bin* so bitte ich Sie um Verzeihung, aber ich musste so handeln, wie es geschah — einen andern Weg gab es nicht. Ich fing damit an, mit Ihnen zu reden, dann verwirrte ich Sie durch mein Auftreten, und endlich liess ich den Toten vor Ihrem Fenster am Abend erscheinen. Wenn Sie es sich genau überlegen, so war mein ganzes Auftreten Ihnen gegenüber, alle meine Worte, meine Reden, mein heimliches und offenes Handeln einzig und allein eine Kette, ein ununterbrochenes und geschickt geflochtenes Netz, um zum Ziele zu kommen. Ich sah Sie an jedem Tage, der verstrich, nervöser und aufgeregter werden. Schliesslioh fassten Sie vielleicht einen Argwohn über den richtigen Zusammenhang der Dinge. Erinnern Sie sich des Revolvers. Sie wollten nach dem Spuk schiessen, nicht wahr ? Aber ich hatte die Kugeln herausgenommen, als ich eine Stunde vorher bei Ihnen sass und Ihre hübsche Waffe bewunderte. Da wurden Sie überzeugt, nicht wahr ? Ich konnte es Ihnen am Tage darauf ansehen, und endlich verrieten Sie sich — » «Ich habe mich durchaus nicht verraten », flüsterte ich. «Ja, gewiss taten Sie das. Nun aber möchte ich Ihnen raten zu gestehen —» « Niemals !» Der Detektiv trat vor mich hin, so dass er jetzt zwischen mir und dem Abgrunde stand. Er forderte das Schicksal geradezu heraus. « Wir stehen uns hier Angesicht in Angesicht gegenüber», sagte er, «wollen Sie wirklich weiter leugnen ? » « Ich leugne nicht», rief ich wild, «aber es gibt keinen Beweis, und Sie werden auch niemals einen Beweis bekommen ! » « Mörder ! » rief er. Und da war der Zeitpunkt gekommen. Nun wollte ich so handeln, wie ich es den ganzen Abend über geplant hatte. Ich stürzte mich auf ihn und umklammerte ihn mit meinen sehnigen Armen. Einen Augenblick strömte glühende Freude durch meinen Körper. Ich fühlte meine Kräfte wachsen, in der nächsten Sekunde würde ich ihn in den Abgrund hinuntergeworfen haben, ihn, den einzigen, der um den wahren Sachverhalt wusste. Aber gerade in dem entscheidenden Augenblicke fühlte ich mich selbst von vier Armen gepackt, ich hörte ein Klirren von Metall, und plötzlich lagen meine Arme in Handschellen auf meinem Rücken. Und nun legte es sich wie ein Nebel auf mein Bewusstsein. Eine Blendlaterne blitzte auf; in ihrem Scheine sah ich zwei neue Gestalten : die dunkelgekleideten Soldaten, die Radfahrer... Ich hörte, wie Asbjörn Krag ihnen für ihr rasches Handeln dankte und Befehle austeilte... ... Später kam es mir so vor, als ob der Detektiv mit mir sprach... «Endlich haben Sie sich verraten », sagte er. «Ich musste einen neuen Plan in Szene setzen... und Sie, der Sie glaubten, dass Sie mich ums Leben bringen könnten... ich bin Ihnen den ganzen Abend über nachgegangen... ...Ihr Manöver mit der Fischfangtour... führten Sie aus, um Ihr Alibi zu beweisen, wenn jemand meinen zerschmetterten Körper finden sollte... Aber statt dessen, lieber Freund, gingen Sie durchaus auf meine Berechnungen ein... Ich wollte ja diesen Mordversuch haben... gerade deswegen habe ich ja immer von dieser gefährlichen Stelle gesprochen... und alles klappte ganz ausgezeichnet, lieber Freund, gerade so wie das Schloss an diesen Handschellen einschnappte... » Ich hörte des Detektivs Stimme weiter und weiter entfernt, bis sie im Dunkeln verschwand. Dann schlug dumpfe Ruhe über meinem Bewusstsein zusammen. — Mit seltsamen Gefühlen sitze ich in der Zelle und blättere in diesen Papieren. Die ersten Seiten sind mit hastiger, ungleicher Handschrift geschrieben, die Buchstaben stehen schief, manche Worte sind ganz unleserlich. Aber bald wird die Schrift ruhiger, ebenso wie ich es in der Zeit wurde, die ich auf diese Darstellung verwandte. In der Tat ist nun ein wundervolles Gefühl von Ruhe und Sicherheit über mich gekommen. Ich bin im Gefängnis, habe keinen eigenen Willen mehr und keine Sorgen. Jetzt ist es Herbst geworden. Am Morgen ist es kalt, bevor die Heizung ihre Wärme durch die Räume treibt. Meine Träume und meine Phantasien beschäftigen sich stark mit den Vorstellungen vom Herbste. Ich glaube, die Welt da draussen zu sehen... Bäume, die mit blattlosen Zweigen wie mit schwarzen, verbrannten Fingern emporstarren; der Himmel ist weder grau noch blau, er hat keine Farbe und spiegelt sich auch auf der Erde nicht wieder. Aber er lagert dicht über dem Boden, von dem übler Dunst ausgeht, wie von etwas Bösem und Garstigem. Der Frost hat sich bereits auf die Kirchenglocken gesetzt, ich kann das hören, denn sie klingen stumpf... So kann ich viele Stunden sitzen und vor mich hinstarren. Ich habe das Gefühl, als ob ich mich mehr und mehr von den Menschen entferne und in die Unendlichkeit hinaussegle, einem andern Dasein zu. Vielleicht ist es die Gewissheit, dass mir viele Jahre Gefängnis bevorstehen, die mich oft an die Ewigkeit denken lässt. Ich habe die Vorstellung, dass die Ewigkeit etwas Lichtvolles ist, ein wunderbares und fremdes Licht, das weit hinaus scheint über ein ödes, gewaltiges Meer. Und ich bin froh in meiner Zelle geworden. Das ist meine Kajüte, in der werde ich auf eine grosse Reise hinausziehen. Ich habe mich losgesagt von den Menschen; noch tönen Lärm und Stimmen in meinem Bewusstsein wie das sanfte Plätschern der Wellen gegen den Strand, aber ich höre es schon ferner und ferner, und bald werde ich auch auf die Reise gehen, umgeben von Ruhe und Schweigen auf viele Jahre hinaus. ENDE