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E_1930_Zeitung_Nr.046

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Ausgabe: Deutsche Schwetr BERN, Dienstag, 27. Mai 1930 Nummer 20 Cts. 26. Jährgang. - N° 46 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.—, Jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portojuschlag, REDAKTION a. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern solern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 Rappen. Postcheck-Rechnung III/414. Telephon Bollwerk 39.84 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Bergbauernhilfe und Automobil Man hat in der Schweiz enorm viel übei die Entwicklung der Gebirgstäler gesprochen und geschrieben. Die Verarmung unserer Qebirgsbevölkerung und die damit im Zusammenhang stehende Abwanderung hat mit Recht die Aufmerksamkeit der Behörden wachgerufen. Diese haben sich mit dem Problem zu beschäftigen begonnen. Im Bundeshause wurde durch die Initiative des Herrn Nationalrat Baumberger eine Kommission eingesetzt, die das gesamte Problem von Grund auf studierte und ilrr Ergebnis in einem umfangreichen Berichte niederlegte. Die bisherigen Vorschläge. An zahlreichen Vorschlägen hat es nicht gefehlt. Alles mögliche wurde in Betracht gezogen. Die guten Bergbauern mit ihren leeren Geldsäckeln erhielten Ratschläge so viel sie nur wollten. Man sprach der bäuerlichen Umstellung das Wort, man propagierte neue Heimindustrien, man riet ihnen, sich mehr auf die Bedürfnisse der Hotels umzustellen, man gründete Produktenverwertungsgenossenschaften und dergleichen mehr. Bis heute ist es jedoch ziemlich beim Alten geblieben. Eine durchgreifende Sanierung konnte nicht stattfinden. Erstens lässt sich mit einem Federstriche und viel Makulatur eine Wirtschaft nicht umstellen und zweitens stunden auch dem Bund nicht diejenigen Millionen zur Verfügung, die zu einer Stützungsaktion notwendig sind. Eine neue Hilfsmassnahme. Auf eine Möglichkeit, den Bergbewohnern zu helfen, hat man leider nicht das Schwergewicht gelegt. In der « Automobil-Revue > ist allerdings schon zu dutzenden Malen der volkswirtschaftliche Wert gut ausgebauter Strassen hervorgehoben worden. Nicht ohne Grund. Die Behauptung geht wohl nicht zu weit, dass heute der Reichtum eines Volkes in einem wohlausgebauten Strassennetz liegt. Man hat dieser Wahrheit zu wenig Bedeutung beigemessen. Warum, wissen wir nicht. Wohl haben unsere Bergkantone punkto Strassenausbau und Strassenverbesserung das geleistet, wozu ihre Mittel reichten. Man kann nicht behaupten, dass in dieser Beziehung nichts geschehen sei. Aber die Kantone sind gezwungen, sich nach ihrem Fiskus zu.richten und der erlaubt ihnen nicht, heute im Ausbau des Strassennetzes soviel zu leisten, wie sie vielleicht gerne gewillt wären. Wohl nimmt der Ertrag des Benzinzolles jährlich gewaltig zu. Von den vorgesehenen 12 Millionen Fr. ist er auf 32 Millionen angestiegen und wird eventuell schon dieses Jahr, wenn die Entwicklung des Automobils im gleichen Masse, wie in den letzten Jahren, anhält, seine 40 Millionen Fr. erreichen. Allein nur ein Viertel dieses gewaltigen Goldstromes gelangt in die Kassen der Kantone. Der Bund behält unberechtigterweise den grössten Teil für sich, um ihn anderweitig zu verwenden. Noch letztes Jahr ist es dem Bundesrate gelungen, die Motion Amstalden-Meuli abzumurksen und eine Mehrleistung an die Kantone zu hintertreiben. Die Folge davon ist, dass die Bergbauernhilfe heute zum grössten Teil immer noch auf dem Papier steht. Ein Beispiel aus jüngster Zeit beweist dies in krassester Weise. Eine enge, vielfach gewundene Strasse führt ins idyllische Kiental. Es ist dies ein Seitentälchen des Kandertales. Eine Pferdepost führte bis heute von Reichenbach ins Kiental. Die initiative Post glaubte den Augenblick für gekommen, um die beiden Poströsslein durch ein Automobil zu ersetzen. Die Gemeinde Kiental aber hat den Beschluss gefasst, sich gegen die Einführung des Postautomobils zu wehren. Warum ? Aus dem einfachen Grunde, weil sie sich vor den grossen Lasten fürchtete, und weil sie nicht imstande ist, den Unterhalt der Strasse so sicherzustellen, wie dies mit der Benützung der Strasse durch das Automobil geschehen müsste. Denn mit dem Postautomobil kämen natürlich auch andere Begehren. Auf der Griesalp steht ein prächtiges grosses 'Hotel, das schon lange gerne seine Gäste per Automobil von Reichenbach abgeholt hätte. Andere Hoteletablissemente könnten das Auto als Zubringer-Werkzeug nicht entbehren. Die Privatautomobile kämen nach. Im Nu wäre die enge Strasse mit Autos überfüllt. Die Strasse jedoch genügt für diesen Verkehr nicht. Die vielen Kurven und die ungenügende Breite würden das Gefahrenmoment riesig steigern. Der tatkräftige Ausweg. Ein Ausweg bleibt offen : Die Korrektion und die Verbreiterung der Strasse. Dazu wären 40,000 Franken nötig, für diese Kleinbauerngemeinde eine viel zu hohe Summe. Die Leute haben der Lasten genug und sind froh, wenn sie ihr karges Einkommen finden können. Ein wirtschaftliches Aufblühen des Tales wäre durch die Strassenkorrektion und durch die Zulassung des Automobils gewährleistet. Produkte des Tales könnten mit Leichtigkeit an den Mann gebracht werden. Der gewaltige Fremdenverkehr könnte dem Tale zu Wohlhabenheit und Reichtum verhelfen. Aber woher die 40,000 Fr. nehr men ? Die Post lehnt einen Beitrag an den Unterhalt der Strasse konsequenzhalber ab. Sfc -möchte fahren, das genügt. Die bernische Regierung stellt sich auf den gleichen Standpunkt, den wir einigermassen begreifen können, da das Strassenbauprogramm nicht durchbrochen werden sollte und ein Mehr infolge mangelnder Finanzen nicht geleistet werden kann. Damit ist aber der Bevölkerung des Kientales, ist diesen Bergbauern nicht geholfen.. Der Autotourismus wird das Kiental links liegen lassen müssen, Handel und Wandel sind abgeriegelt. Die Kientaler Bauern haben das Nachsehen und müssen sich mit den vielen schönen Zeitungsartikeln und den prächtigen Worten, die in den Ratssälen fallen, begnügen und trösten. Ein weiteres Benzinzollviertel. Wir aber sind der Auffassung, dass mit dieser Art der Bergbauernhilfe endlich einmal gebrochen werden sollte. Das Wort muss durch die Tat ersetzt werden und diese Tat liegt im Ausbau der Strassen und im Oeffnen der Täler auch für das Automobil. Mit Wildbachverbauungen ist der Bergbevölkerung in der nächsten Zukunft allein nicht geholfen. Der Verkehr bringt Arbeitsmöglichkeit, Verdienst und Geld. Ihm muss die Bahn freigegeben werden. Die Mittel dazu sind vorhanden. Das werden auch schliesslich unsere Bundesväter einsehen müssen. Der Benzinzollviertel genügt nicht mehr. Mindestens die Hälfte des Benzinzolles muss an die Kantone abgetreten werden, um diese in den Stand zu stellen, den sich gewaltig mehrenden Touristenstrom in die hintersten Bergtäler lenken zu können. Wir sind das unserer Bergbevölkerung schuldig. Wer dieser ehrlicherweise helfen will — und wir haben alle Interesse daran —, muss unsere Forderung unterstützen. Der Bund wird auch bei einer Ausschüttung der Benzinzollhälfte nicht zu kurz kommen. Denn jeder Kilometer mehr an Alpenstrassen wird anderseits den Ertrag des Benzinzolles zu erhöhen vermögen. Die Hälfte des Benzinzolles, dessen sind wir überzeugt, wird in wenigen Jahren, sofern eine kluge grosszügige Verkehrspolitik durch den Ausbau unserer Alpenstrassen gefördert wird, die Höhe des jetzigen ganzen Benzinzollertrages erreichen. Wir haben deshalb allen Grund, in der Forderung der Benzinzollhälfte an die Kantone nicht zu erlahmen. Zur Verwirklichung unseres Postulates stehen zwei Wege offen. Entweder erkennen unsere eidgenössischen Räte die Wichtigkeit und die Bedeutung dieser Erhöhung und sorgen dafür, dass durch eine fünfzigprozentige Ausschüttung des Benzinzolles der Gebirgsbevölkerung in wirklich grosszügiger Weise geholfen werden kann. Sollten sie die Notwendigkeit unserer Forderung INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössero Inserate nach Seitentarif. Inseiatenschluss 4 Tage vor Erseheinen der Nummern wider Erwarten nicht einsehen wollen, so müsste unserer Ansicht nach in kürzester Frist der Weg der Initiative beschütten werden. Wir sind überzeugt, dass die Lancierung einer Initiative, nach welcher mindestens die Hälfte des Benzinzolles an die Kantone ausgeschüttet werden müsste, in kürzester Frist von Erfolg gekrönt wäre. Wir glauben auch, dass es uns um das Abstimmungsergebnis nicht bange sein müsste. In einem Augenblicke, da die Zahl der Motorfahrzeugbesitzer im stetigen Wachsen begriffen ist und bedeutende Kreise unserer Bevölkerung die Notwendigkeit einer tatkräftigen Unterstützung unserer Gebirgsbevölkerung einsehen, wäre auch das Ergebnis der Volksabstimmung im Sinne eine Zustimmung sichergestellt. Eine Frage an die Oeffentlichkeit. Im Interesse unserer Gebirgsbevölkerung, im Interesse aber auch unseres Fremdenverkehrs, den man von allen Seiten uns abzuschneiden versucht, hoffen wir, dass sich unsere zuständigen Behörden der Einsicht nicht mehr länger verschliessen werden, dass der gegenwärtige Verteilungsmodus des Benzinzolles unhaltbar geworden ist und dass nur durch den Ausbau unserer Gebirgsstrassen der Bergbevölkerung in grosszügiger Weise geholfen werden kann. Wir erwarten deshalb mit aller Bestimmtheit, dass diese Frage in nächster Zeit wiederum in den eidgenössischen Räten aufgegriffen wird und dass eine neue Aktion von Erfolg begleitet sei. Sollten die Räte versagen, so wäre es die schönste und dringendste Aufgabe der Schweizerischen Verkehrsliga, auf dem Wege der Initiative einem vitalen Interesse unserer Volkswirtschaft freie Bahn zu verschaffen. , • Der deutsche Personen- und Güterverkehr per Auto i. ist in der neuesten Ausgabe der Wirtschaftshefte der «Frankfurter Zeitung» Gegenstand einer eingehenden Studie von Geh. Baurat Kopeke, Dresden, einem gründlichen Kenner der dortigen Verkehrsverhältnisse. Da die Ausführungen vielfach prinzipieller Natur und deshalb auch für unser Land von Interesse sind, bringen wir nachstehend einen Auszug: Unter den Unternehmungen, die der Aufgabe dienen, den Kraftwagen als neuzeitliches Beförderungsmittel in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen, sind neben der Reichspost hauptsächlich die unter Beteiligung des Reiches, der Länder, Provinzen, Kreise und Gemeinden errichteten Kraftverkehrsgesellschaften zu nennen. Sie besitzen seit dem Jahre 1920 die Form der Aktien- F E «J I L Die blaue Wand Von Richard Washburn Child. Aiitorisierte Uebersetzuag aus dem Amerikanischen von Lise Landau. (Engelhorns Romanbibliothek.) (2. Fortsetzung) Die blaue Wand. Bisheriger Inhalt: Der Arzt der Mayburys erzählt die rätselhafte Ges©hich.to der blauen Wand. Die kleine, zsrto Tochter Virginia liegt an Hirnhautentzündung schwer krank darnieder. Nach den Beweggründen der Kleinen zu schliessen, muss irgendetwas hinter der blauen Wand des Zimmers sie in den Bann ziehen. Jenseits der Wand wohnt das junge Ehepaar Estabrook. das unter den Leuten als sehr fein und gebildet beurteilt wird. Der Arzt vermutet ein Geheimnis dahinter. Und nun stelle man sich vor, eine wie erstaunliche Antwort auf meine unausgesprochenen Fragen der Laut war, der im nämlichen Augenblick von der blauen Wand hinter dem Bett herkam! Was ist eigentlich unser Gehörsinn? Könnt ihr den Schall der Schritte eurer Angehörigen beschreiben? Vermochtet ihr nicht in der Kindheit die nahenden Tritte eures Vaters zu unterscheiden? Gewiss! — Aber könnt ihr sagen, worin sich jene Schritte von denen hundert anderer unterschieden, die an eurer Tür vorübergingen? Nein! Und ebensowenig vermag ich zu erklären, wie es kam, dass ich jenen Laut wahrnahm. Alles, was ich darüber sagen kann, ist: Die Wand war undurchsichtig, der Laut so schwach, dass er kaum zu hören war; und doch wusste ich genau, als wäre die Wand aus dünnem Tafelglas gewesen, dass der Laut von einem menschlichen Wesen herrührte. In dem Laut, der von der Wand herkam, war etwas, das mir einen unwillkürlichen Ausruf entlockte. Und der plötzliche, vernehmliche Ton meiner Stimme weckte das Kind. Sie starrte zu mir hinauf mit jenem eigentümlich fernen Blick, der aus der Ewigkeit — jawohl, aus der Ewigkeit — zu kommen schien. Und dann, als hätte auch sie den Laut vernommen, drehte sie sich der Wand zu. «Was siehst du da?» fragte ich nahe an ihrem Ohr. Sie blickte mich mit ihrem sanften Lächeln an und machte eine leichte Bewegung, als wolle sie andeuten, dass sie nicht imstande sei, es auszudrücken. «Ist's dort?» fragte ich, nun doch auf die kalte Wand weisend. Ihre Augen überflogen die geheimnisvolle, blaue Fläche. Dann flüsterte sie: «Ja.» Wenn ich auch jetzt nicht mehr wusste als am Anfang, so empfand ich dennoch eine gewisse Befriedigung angesichts der Tatsache, dass die kleine Virginia zum zweitenmal die sonderbare Annahme des sehr nüchternen Mac Mechem bestätigte, die von der ruhig beobachtenden Miss Peters, sowie schliesslich von mir selbst geteilt wurde. Sie schien mir ein sorgsameres Nachforschen zu verlangen. Und so verliess ich, nachdem ich bei einer weiteren Untersuchung der kleinen Patientin ganz sichtliche Genesungsfortschritte festgestellt hatte, das Haus der Marburys mit dem festen Entschluss, das Rätsel um jeden Preis aufzuklären. 2. Eine geheimnisvolle Begegnung. Ich war zu Fuss gekommen; mein Auto wartete also nicht auf mich; und ganz mechanisch schlug ich den Heimweg ein, ohne mich noch einmal nach dem Hause der Estabrooks umzusehen. Der Tag hatte einen lang herbeigesehnten Regen verheissen; und nun drohte der nahende Abend mit einem jener heftigen Stürme, wie sie der Herbst hier oft mit sich bringt. Es begann schon zu dunkeln. Die Strasse lag verlassen da, als hätte sich Jeder beeilt, rasch unter Dach zu kommen. Die erleuchteten Fenster der Häuser schienen Wärme und Schutz zu verheissen; aber der Staub und die fliegenden, raschelnden Blätter, deren Schatten auf dem Pflaster tanzten, das Heulen des Windes, die schwankenden Baumkronen im Park, der modrige Geruch des sterbenden Jahres, all das hatte etwas Bedrückendes. Es rief jenes abergläubische Unbehagen wach, das veilleicht von den Urahnen her noch in uns lebt, die vor der Gewalt des Sturmes für ihre nackten Körper Schutz in Höhlen oder hohlen Baumstämmen suchten. Die wilde, düstere Stimmung und die Nähe der Stelle, an der der arme Mac Mechem verunglückt war, brachten mir den Kollegen wieder in Erinnerung. Und wieder begann ich zu grübeln, wie er gegrübelt hatte. Da plötzlich fiel mir wieder jener leise Schrei ein, der vom Fenster des Estabrookschen Hauses her vernehmbar geworden war. (Fortsetzung folgt.)