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E_1930_Zeitung_Nr.059

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Ausgabe: Deutsche Schweiz BERN, Freitag 11. Juli 1930 Nummer 20 Cts. 26. Jährgang. — N» 59 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelb* Liste« Halbjährlich Fr. 5.—, Jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portoxsschlag, sofern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 87, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung III/414. Telephon Bollwerk 39.84 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Ist eine gesetzliche Maximalgeschwindigkeit gerechtfertigt? Zur Abschaffung der Geschwindigkeitsvorschriften in England. Ära 4. Juli wurde im englischen Parlament der Artikel 10 der « Road Bill » mit ris und London den gewaltigen Verkehr nur ist eine Tatsache, dass die Strassen von Pa- 180 gegen 99 Stimmen angenommen und deshalb schlucken können, weil der Verkehrsstrom sich so rasch als möglich bewegt. Des- damit die gesetzliche Geschwindigkeitsgrenze für Motorfahrzeuge bis zu acht halb führt auch die Anwesenheit eines einzigen Pferdefuhrwerkes sofort zu einer Ver- Plätzen abgeschafft. Wenn das am meisten motorisierte Land Europas zu einem, solchen kehrsstockung. Da auch wir die Strassen Schritt übergeht, dann dürfte das für die Entwicklung des modernen Verkehrsgedankens der Fahrzeuge reduzieren können, bleibt zum weder auf einmal verbreitern noch die Anzahl nicht nur in England als ein wichtiges Symptom gedeutet werden. Wir in der freien schneller fahren. Dazu sollte aber auch der Flüssigmachen des Verkehrs nur das eine : Schweiz werden zwar wohl noch lange Jahre Go- und Stöp-Verkehr an jeder wichtigen hinaus unter veralteten Bestimmungen weiterkutschieren müssen und selbst wenn es damit die höhere Geschwindigkeit ohne Ge- Kreuzung kommen, bzw. der Kreiselverkehr, bald zum eidg. Verkehrsgesetz kommen sollte, wird man sich darauf gefässt machen müsfahr eingehalten werden kann. sen, dass die Bestimmungen über das Tempo Die landläufige Idee* dass Geschwindigkeit der Motorfahrzeuge wiederum so schematisch auf alle Fälle ein Uebel und eine Gefahr sei, ausfallen, wie sie eben vom «Volk> verlangt ist vom modernen Verkehrsstandpunkt aus werden, da grössere Geschwindigkeiten unhaltbar. Sie ist weder ein Uebel noch eine fälschlicherweise einfach als Grundübel und Gefahr, noch auch eine Rücksichtslosigkeit, hauptsächlichste Unfallursache betrachtet sondern einfach eine Notwendigkeit. Schon werden. dadurch wäre sie genügend gerechtfertigt. Dazu kommt aber noch, was der Laie ebenfalls nicht weiss oder nicht wissen will, dass Gewiss, spielt die Geschwindigkeit bei den Unfallereignissen eine bestimmte Rolle. Die sorgfältigen Erhebungen englischer Gerichts.- ein modernes Motorfahrzeug technisch so höfe über die Todesursachen bei S,trassenunfallen (über welche unser Londoner Korres- vervollkommnet ist, dass es eines der zuverlässigsten Fahrzeuge ist, die es gibt. Durch pondent verschiedentlich berichtete) haben • die Einführung der Vierradbremsen, durch die ergeben,, dass höchstens 14 Prozent der bequeme Lenkung, die mannigfachen Kontrollen, die bessern Reifen usw. ist das moderne Ereignisse auf übersetztes Tempo zurückzuführen sind. Würden alle Motorfahrzeuge Auto zu einem der sichersten Fahrzeuge geworden. im Schritt fahren, so käme es zwar kaum zu einem tödlichen Unfall. Dann hätte Die Gefahr liegt also nicht in der hohen aber auch das moderne Fahrzeug seine Geschwindigkeit an sich, sondern im Missbrauch derselben. Jede bestimmte Strasser.- Berechtigung verloren. Geschwindigkeit, oder genauer gesagt: eine hohe Durchschnittsgeschwindigkeit, ist die Raison d'etre jedes rung usw. eine bestimmte Höchstgeschwin- stiecke erlaubt, je nach Tageszeit, Witte- modernen Verkehrsmittels. Auch die Strassenbahn und der Autobus fahren mit 20 bis 140 Fahrer einer Unvorsichtigkeit schuldig macht. digkeit, durch deren Ueberschreiten sich der Stundenkilometern durch die belebten Strassen der Stadt. Anstatt ihm vorschreiben zu wollen, wie lang- Beim Fahrer ist also der Hebel anzusetzen. Eine rationelle Ausnützung des Motorfahrzeuges ist nur dann möglich, wenn dieses die sollte man von ihm vor allem verlangen, dass sam er unter allen Umständen fahren muss, grösstmöglichste Zahl von Kilometern per er stets die Situation richtig zu erfassen verstehe. Der «road sense» muss unbedingt stär- Zeiteinheit zurücklegt, die bei Beobachtung einer vernünftigen Sicherheitsmarge noch ker entwickelt werden. Das geschieht nun erreichbar ist. Die Bahn, die Strassenbahn, aber nicht dadurch, dass man möglichst viele die eidg. Post, sie alle halten sich an dieses Verbottafeln aufstellt, die die Aufmerksamkeit des Automobilisten ablenken, sondern Prinzip, warum sollte es dem Privatmann und dem Geschäftsmann benommen sein, nicht indem man durch eine vernünftige, jede Willkürlichkeit ausschaltende Rechtsprechung da- auch damit zu rechnen? Noch von einem andern Standpunkte aus ist eine gewisse Durchschnittsgeschwindigkeit (immer eine vernünf- Automobilisten ein hässlicher Kleinkrieg entfür sorgt, dass nicht zwischen Behörden und tige Sicherheitsmarge vorausgesetzt) durchaus wünschbar. Mit der grössten Geschwin- Weiter sollten die Behörden positiv an den steht, der Seldwyla alle Ehre machen würde. digkeit nimmt die Verkehrsflüssigkeit zu. Es Verkehrsproblemen arbeiten und dem Autofahrer helfen, korrekt zu fahren. Man macht bei uns viel zu gerne Gebrauch von der Verbottafel, von Vorschriften, die manchmal auf kleinen Tafeln angebracht sind (so dass man zuerst anhalten und aussteigen muss, um sie lesen zu können), anstatt mit einfachen Zeichen zu leiten. Viel zu wenig verwendet man bei uns die weisse Linie. In jeder Kurve sollte eine weisse Linie dem Fahrer die genaue Strassenmitte angeben, die nicht überfahren werden darf.*) Selbst ein Neuling würde sofort verstehen, was das Zeichen bedeutet. Statt Farbe können Metallplatten verwendet werden, die in den Asphalt eingelassen werden. Alle diese Zeichen haben sich im Auslande bewährt, warum probiert man sie nicht bei uns ? Verkehrszeichen sollten nicht drei und vier Meter über der Fahrbahn angebracht werden. Am sichtbarsten sind sie auf der Fahrbahn selbst (sie erhalten zudem das von oben fallende Licht), während an Häuserecken, inmitten von andern Aufschriften befestigte Zeichen leicht übersehen werden. Durch richtige Anbringung selbstredender Zeichen, durch Bezeichnung aller Kreuzungen, aller vorsichtig zu befahrenden Stellen *) Als erste Schweizerstallt hat Genf kürzlich die weisse Mittellinie eingeführt. Siehe Bilder auf Seite 14. In Nr. 57 haben wir bereits die hauptsächlichsten Uebersichtstabellen veröffentlicht und kommentiert, welche der umfassenden Arbeit entnommen sind, die das eidgenössische statistische Amt über den Stand und die Entwicklung des Automobilwesens vor wenigen Tagen publizierte. Das im Heft 7 der Quellenwerke der Schweiz verarbeitete Material ist aber damit bei weitem noch nicht erschöpft, sondern bietet noch viel Wissenswertes, das zur eingehenden Orientierung der Struktur unseres Automobilbestandes beiträgt. Vom volkswirtschaftlichen Standpunkt aus betrachtet ist zum Beispiel die Uebersicht über die Beteiligung der verschiedenen Lieferungsländer an unseren Motorfahrzeugbeständen sehr instruktiv. Es ergibt sich für drei verschiedene Zeitpunkte folgendes Bild: Schweiz Deutschland Frankreich Italien Belgien USA Ueb. Staaten Herstellungsland Per- Lastwa 1 Per- Lastwagen Traksonen- Personenwagetoretorewagen gen Trak- rotal 7. Total 7, rötäiT»/. Total 7. 822 182 931 104 27 48 1RQ 269 6 27 INSERTTQNS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzelle oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Ct». Grössere Inserate nach Seitentarif. ! tnseratenschluss 4 Tage vor Erscheinen der Nnmmera Zur Automobilstatistik 1929. 1929 Lastwagen Trak" toren Total Total »/. 82 2330 3050 53 5217 3200 12901 22 2697 1528 1515 3850 570 10115743 2127 1720 600 10|ll688 1727 380 992 66 3021 170 21265 39 4264 28 1091 2an in eindeutiger Weise und mit Zeichen, die allgemein gültig sind, eine sorgfältige Ausbildung der Verkehrspolizisten nach englischem Vorbild, würde die Gefahr der Strasse auf ein Mindestmass reduziert; Dazu muss unbedingt eine, bessere Verkehrserziehung des Publikums Hand in Hand gehen. Man kann jeden Tag sehen, wie Kinder unter Beachtung aller Verkehrsregeln über die Strasse gehen, während Erwachsene köpf- und planlos in die Fahrbahn hineinlaufen. Leider wird diese Kopflosigkeit durch unverständliche Gerichtsentscheide eher noch ermutigt. Wenn wir dann einmal so weit sind, dann darf man ruhig auch bei uns eine gesetzliche Geschwindigkeitsgrenze als überflüssig dahinfallen lassen. Sie ist ja nur ein unzulänglicher Versuch, mit einer Formel wie mit einem Zauberstab alle die modernen Verkehrsprobleme auf einen einfachen Nenner zu bringen und ist gerade deshalb so gefährlich, weil sie im Publikum den falschen Eindruck erweckt, als ob jedes Unglück einzig auf Ueberschreitung der « gesetzlich zulässigen » Geschwindigkeit zurückzuführen sei. Was bestraft werden soll, ist unverantwortliches Fahren, sei es nun mit oder ohne Ueberschreiten der Geschwindigkeitsgrenze, sowie die Gefährdung anderer, soweit diese die notwendige' Sorgfalt haben walten lassen. Mf. Zahlen aus dem Schweiz. Automobilwesen. 1910 IQ 1922 IÖÖ| 5790100 S5004JH 100 326 IOC 15011100)5790100 55004 In der Kategorie der Personenwagen ist der von der Schweiz eingenommene Platz recht bescheiden. . Absolut ist zwar innerhalb 19 Jahren eine Zunahme von rund 700 Wagen zu verzeichnen, prozentual ist aber der Anteil der inländischen Produktion von über einem Drittel auf 3 Prozent gesunken. Dagegen haben ausländische Länder, vorab Italien und Amerika, mächtig aufgeholt. Seit 1910 hat sich der Bestand an italienischen Wagen verhundertzehnfacht, derjenige amerikanischer Autos ist 440mal grösser geworden. An dritter Stelle steht heute noch Frankreich, dessen prozentualer Anteil allerdings fühlbar zurückgegangen ist. Diese drei Hauptlieferanten haben zusammen 89 Prozent unseres Wagenbestandes auf Ende 1929 geliefert, dominieren also auf unserem Markte. Sehr erfreulich für uns ist das Bild bei den Lastwagen. Der Bestand an schweizerischen Fabrikaten hat sich fast verzwanzigfacht und stellt heute noch 34 Prozent des nationalen Nutzfahrzeugparkes dar, einen Anteil, der bei der scharfen ausländischen Konkurrenz als sehr achtunggebietend bezeichnet werden darf. Aber auch auf diesem Gebiet macht sich der Einfluss der Ver. Staaten als Produzent immer deutlicher geltend. Während sie 1910 F E U I L L E T O N Die blaue Wand Von Richard Washbarn Child. Autorisierte Uebersetzung aus dem Amerikanischen von Läse Landau. (Engelhorns Romanbibliothek.) (16. Fortsetzung) Als ich das alles hervorgesprudelt, meine Lippen auf ihre Hand gepresst hatte und wieder zu ihr emporsah, da erwartete ich, ihr Antlitz strahlend zu sehen in tiefstem Glück, die Augen leuchtend im Widerschein einer beseligenden Offenbarung. Wie bestürzt aber war ich, als ich bemerkte, dass unter meinem Blick die Röte aus ihren Wangen wich, dass ihre Lippen sich fest aufeinanderpressten, die Augenlider sich senkten wie bei jemanden, der einen Schmerz bekämpfen oder eine qualvolle Vorstellung verbannen möchte! Vielleicht war es Einbildung von mir; aber mir schien, als erkalte ihre Hand in der meinen und zöge sich angstvoll zurück, wie vor einer Gefahr. Ihr Körper richtete sich straff auf, als bereite er Sich auf einen Kampf vor. Sie erhob sich und stand hochaufgerichtet vor mir. So wenig begriff ich, was ihr Tun zu bedeuten hatte, dass ich wort- und regungslos auf meinem Platz sitzen blieb. Da trat sie dicht zu mir, legte, ich kann wohl sagen, liebevoll ihre Fingerspitzen auf meine Schulter, etwa so, wie sie es bei ihrem Vater getan hätte. Es war gleichsam, als wolle sie mir durch diesen Kontrakt etwas Ungesagtes offenbaren. «Bitte, bleiben Sie sitzen,» meinte sie mit leiser Stimme. «Kommen Sie mir nicht nach!» Etwas Gebieterisches lag in dieser Weisung. Sie ging auf die grossen Fenster im Hintergrund des Zimmers zu, von denen aus man den Garten übersah. Dann öffnete sie die Glastür und trat auf den Balkon hinaus. Die blühenden Wistariaranken umrahmten ihre Gestalt mit ihren zartlila Blüten; und wie sie sich da im Lichtschein des Zimmers von dem nachtdunkeln Hintergrunde abhoben, mochte man sie wohl für Blüten halten, die auf schwarze Japanseide gestickt waren. Mit fieberndem Hirn betrachtete ich Juliannas entblösste Schultern, von denen der leichte Schal herabgeglitten war. Da wandte sie sich um und trat wieder ins Zimmer zurück. «Ich möchte nicht sagen: es tut mir leid, dass Sie so zu mir gesprochen haben,» begann sie und die Worte klangen so einförmig, dass ich mich des Eindrucks nicht erwehren konnte, sie sage etwas Auswendiggelerntes her. «Aber ich bin jung; noch nie hat jemand so zu mir gesprochen. Ich hätte Sie vielleicht unterbrechen, Ihnen vielleicht sagen sollen, dass ernste Pflichten mich an meinen Vater binden, dass ich meiner selbst jetzt noch nichi sicher, dass ich noch nicht bereit bin, mein Leben an ein anderes zu ketten. Und wenn das alles so ist, so kann es uns beiden nichts nützen, von Liebe zu reden.» «Uns beiden!» Wieder schien mir, als habe sie sich verraten. Ich stand vor ihr, und mit einer Stimme, die vor Verlangen bebte, stiess ich hervor: «Sie lieben mich! Ein klein wenig lieben Sie mich doch!» Sie wich zurück. «Sie lieben mich!» rief ich wieder mit erstickter Stimme. «Ich weiss es! Sie lieben mich!» Sie hob die Hände, wie zur Abwehr gegen mich, und wich noch weiter nach dem Kamin hin zurück, «Sie lieben mich!» begann ich von neuem. Der Klang meiner eigenen Stimme erregte mich bis zur Tollheit. «So gestehen Sie es doch!» schrie ich. «Gestehen Sie es!» Sie wandte sich hastig ab von mir, «Sie lieben mich?!» «Nein,» kam es langsam aus ihrem Munde. «Ich — liebe —Sie — nicht!» Ich glaube, eine Sekunde lang rührte sich keines von uns; eine Sekunde lang konnte ich auch bemerken, dass ihre Nervenanspannung nachgelassen hatte, ebenso wie die meine. Und dann packte mich das Gefühl gekränkten Stolzes — jenes Stolzes, von dem ich wohl nie loskommen werde. Ich kann mich erinnern, dass ich einen langen Atemzug tat, mich sehr tief verneigte, was, ohne dass ich es wollte, ebenso lächerlich wie verletzend gewirkt haben magj und dann durch die portierenverhängte Tür hinauseilte auf die Diele. Noch einmal sah ich zurück; und jener flüchtige Blick zeigte mir ein schönes Mädchen* das starr und steif dastand wie ein zum Salutieren bereiter Soldat. Nur stand sie da mit geschlossenen Augen, die