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E_1930_Zeitung_Nr.070

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Ausgäbet Deutsche Schweiz BERN, Dienstag, 19. August 1930 Nummer 20 Cts. 26. Jährgang. — N° 70 ERSTE SC Zentralblaff für die schweizerischen Automobil- und Verkehrslnferessen ABONNEMENTS-PREISE: EncheM Jeden DIWMH «nd Fnltaa MoMrtHeh -«Mb* UM*" H«IbJIhrtleJi Fr. 5.—, Jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portoxsschtag, lolern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breltenralnstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung III/414. Telephon Bollwerk S9.84 Telegramm-Adresse: Autorerue, Bern Der jüngste Mordfall im Wäggital steht wohl noch allen Lesern der «Automobil- Revue» in bester Erinnerung. Eine alleinstehende Frauensperson inseriert in der Tageszeitung und sucht sich einen Motorradfahrer, um mit ihm die Welt durchstreifen zu können. Sie möchte sehen und erleben. Es liegt dies im Zuge der Zeit. Ein verheirateter Motorfahrzeugbesitzer, der jedenfalls auf Abenteuer erpicht ist, stellt sich mit seinem Motorrade zur Verfügung. Ziel der gemeinsamen Ausfahrt ist das abgelegene Wäggrtal und hier erfolgt das Unglück. Der verhängnisvolle Schuss löst einen zweiten ans, das Unglück ist geschehen. Das junge Wefb nross seinen Drang nach Erleben J mit dem Tode büssen. Tags darauf erfährt das Volk die aufsehenerregende Tat durch die Presse. Interessant sind dabei die fallenden Urteile. Eine gewisse Presse, die gerne derartige Vorfälle politisch auswertet, stellt die gegenwärtige Wirtschaftsordnung als schuldige an die Wand. Der Mann habe in seinen eintönigen Alltag Abwechslung bringen wollen. Ein armseliger Maschinenzeichner, der 14 Jahre vor dem nämlichen Zeichnungstische gesessen habe und dem sein Ehestand nur ein Vegetieren ohne höheren Lebenszweck gewesen sei, habe nach Höherem und Schönerem, nach einem inhaltvollen Dasein verlangt. Gleich sei es der Näherin ergangen, auch sie habe sich ans dem inhaltlosen Dasein nach wirklichem Leben, nach Mann und Ehestand gesehnt Di© gegenwärtige Wirtschaftsordnung kann den Drang dieser Leutchen nicht befriedigen, sie trage deshalb die Verantwortung. Eine solche Motivierung der Tat dürfte wohl tiefer gehängt werden. Ein anderer Teil der Presse erblickt das Uebel im Motorfahrzeug. Dieser unheimliche Geselle trage die Schuld. Er lockere die sittlichen Bande. Er sei direkt zu Verführnngszwecken prädestiniert. Man könne sich deshalb vor Motorfahrzeugbesitzern nicht genug tn acht nehmen. So gefällt man sich darin, den Anlass zu benützen, um die Motorfahrzeugbesitzer samt und sonders an den Pranger zu stellen. Wird aber ein Chauffeur, wie dies beispielsweise beinahe zu gleicher in Luzern der Fall war, von einem ruchlosen Kerl, dem er überdies noch eine Gefälligkeit erweisen wollte, von hinten angeschossen, so findet man dafür nur wenige F E U I /st das Motorfahrzeug ein unheimlicher Geselle? Die blaue Wand Mimiwhe L E T O N Von Richard Washbum Chüd. Autorisiert« Ueberaetzung aus dem Amerikanischen Ton li*6 Landau. (Engelharns Romanbibliothek.) (25. B'ortsetrung) Site zog sich weit von mir in eine Ecke des Zimmers zurück; ohne den Blick von mir zu wenden, rang sie wieder und wieder die Hände «Weshalb musste Ich dich kennenlernen?» sagte sie leise. «Weshalb dich lieben? Oh, bitte, geh, solange ich noch stark genug bin! Geh, solange ich noch weiss, dass ich nicht deine Frau werden darf! Gehe, ehe ich mit meinem Gewissen zu feilschen beginne ! «Du kannst mich nicht fortschicken>, sagte ich. Tausend verborgene Schrecknisse hätten mich in jener Stunde nicht einschüchtern können. «Willst du meine Liebe zu dir so misshandeln? Ist deine eigene so rasch verflogen?» Sie zuckte zusammen, als ob ein kalter Stahl ihren Körper durchbohrt hätte. «Mit mir ist's aus>, jammerte sie. «Mit mir ist's aus! Ich kann nicht mehr! Versprich mir — bei deiner Liebe zu mir — bei deiner Liebe zu Gott — nie wieder nach dem, was MWESZERISCHE AUTOMGBIL-ZEITUNßl Worte. Der «Fall» bietet wenig Interesse, die Kommentare bleiben aus. Die Vorkommnisse der letzten Zeit mahnen gewiss zum Aufsehen, und zwar sowohl für den Motorfahrzeugbesitzer, als auch für den Fussgänger. Dabei möchten wir zum vorneherein feststellen, dass es nicht angeht, die Besitzer von Motorfahrzeugen einfach als eine besondere, quasi gemeingefährliche Menschengattung unseres Volkes zu typisieren. Es gibt, wie überall, auch unter den Motorfahrzeugbesitzern räudige Schafe. Verschiedene Fälle zeigen, dass das Motorfahrzeug zum Verführer werden kann, tmd dass ganz besonders, wenn auf der andern Seite Neigung zu Abenteuerlust vorhanden ist, Verfehlungen leichter vorkommen können. Leider sind Fälle zu registrieren, d.a bereits Gutgläubige Opfer ruchloser Verführerabsichten geworden sind. Dass in soeben Fällen die Polizeiorgane in der Fahndung gemeingefährlicher Delinquenten der Unterstützung nicht nur eines weiteren Publikums, sondern vor allem aller anständigen Motorfahrzeugbesitzer sicher sind, hat die Praxis aber ebenfalls erwiesen. Pagegen möchten wir auch ein Mahnwort an unsere MotorfahrSeugbesitzer selbst richten. Die eine Zeitlang fast zur Mode gewordenen Gefälligkeitsfahrten haben vielleicht in weiten Kreisen den Drang grossgezogen, die Gutmütigkeit der Automobilisten hie und da sogar auf schändliche Art auszubeuten. Wir teilen die Ansicht, dass der Automobilist, wenn er jemanden eine Gefälligkeit erweisen kann, dies tun soll, Warum sollten beispielsweise ältere Leute, die vielleicht bei schlechter Witterung noch einen längeren Weg hinter sich zu bringen haben, nicht zur Mitfahrt eingeladen werden? Warum sollte ein Automobilist, wenn er jemanden durch zur Verfügungstellung seines Wagens einen wirklichen Dienst erweisen könnte, die Gelegenheit nicht benützen? Allein, wir können unsere Automobilisten nicht genug ermahnen, diesbezüglich äusserst vorsichtig zu sein. Dies ganz besonders bei Nachtzeit, wo die Motive des Wunsches und die Persönlichkeit des Fragestellers nicht ohne weiteres erkannt werden können. Die Fälle häufen sich, da der Automobilist durch Strassenrowdies und durch fahrendes Volk direkt belästigt wird. Aus uns zugekommenen Mitteilungen ist ersichtlich, dass von da zu Asche im Kamin geworden ist— zu fragen — nie wieder etwas davon auch nur mit einem Wort zu erwähnen — bis in alle Ewigkeit!» «Ich verspreche es», gab ich zur Antwort. «Und was dann?» «Dann will ich dir ebenso feierlich schwören, dass ich dir eine so gute, treue, anhängliche und liebevolle Frau sein werde, wie Gott sie mich nur sein lassen will», sagte sieleise; «und mag er mir vergeben für das, was ich da tue — nuT weil ich dich liebe.» Sie streckte mir verlangend ihre Arme entgegen, und als ich sie umfasste, da Hess sie sich ganz zurücksinken, so dass ihr schlanker Körper in der Beugung meines Armes ruhte, und indem sie zu mir aufblickte, bot sie miT die halbgeöffneten Lippen zum ersten Kuss, den ich ihr je gegeben. 6. Abermals die geheimnisvolle Begegnung. Diese Verlobung war sonderbar genug. Hätte ich schon früher davon erzählt, würde ich immer nur das Gefühl gehabt haben, man hielte mich für einen, der sich von seinen eigenen Phantasiegebilden betören lässt Und doch sind das alles, was ich Ihnen erzählt habe, Tatsachen — kalte, nackte Tatsachen, die mir aber zur Genüge bewiesen haben, dass Abenteuer und Romantik noch nicht, wie viele bedauernd meinen, ausgestorben sind. jungen Leuten, Touristen usw. auf ihren Wanderungen die Möglichkeit des Gratisfahrens direkt in Rechnung gestellt wird. Es sind uns Vorkommnisse bekannt, da ausländische, sogenannnte Globetrotter, sich damit brüsten, einen Grossteil ihrer Wanderung mit fremden Automobilen gratis hinter sich gelegt zu haben. Nun ist der Automobilist kein Qratiskutscfaer und nicht dazu da, sein Automobil als öffentliches Beförderungsmittel zur Verfügung zu stellen. Auch hier gilt es somit, bedenklichen Auswüchsen die Stirne zu bieten und diese so rasch als möglich wieder aus der Welt zu schaffen. Der Automobilist sei hilfsbereit und helfe da, wo es sich am wirkliche Hilfe handelt Er beweist damit, dass die von einer gewissen Presse grossgezüchtete Auffassung falsch ist die den Automobilisten entweder Gesteigerte Betriebsamkeit ist das Symbol dieser letzten Tage vor der II. Internationalen St Moritzer Automobilwoche. Volldampf wird in den Vorbereitungen aufgesetzt, vor und hinter dem Vorhang, auf dass alles klappe, wenn am 18. August das Signal zur Eröffnung des Turniers gegeben wird. Auf dem Sekretariat ist ein endloses Ein und Aus; Leute kommen, Leute gehen, Leute wollen das und wollen jenes wissen... das Telephon schrillt unentwegt und hartnäckig und die Telegraphenboys lösen sich ab, einer den andern. Unten auf dem Kurhausplatz hat man's schon geschafft Tribünen erheben sich auf grünem Rasen, denn morgen Montag schon werden sie — sofern dem Wetter nicht ein Regiefehler unterläuft — bei der Ankunft der Sternfahrer zum erstenmal ihre Nützlichkeit zu erweisen haben. Fein säuberlich wird der Platz, der nachher die Bühne für die Geschicklichkeitsprüfung und die Schönheitskonkurrenz bilden soll, gewalzt und geglättet, hohe Tuchwände spannen und blähen sich im Winde, da und dort wird noch geschraubt und gehämmert Dass für Ehrengäste und die Presse besondere Tribünenplätze bereitstehen, gehört zu den Selbstverständlichkeiten. Und Gäste wie Einheimische verfolgen die Dinge, die da kommen sollen, mit gespanntem Interesse. A propos Tribünen: Um es den Zuschauern so leicht und bequem als möglich zu machen, werden auch an der Shellstrasse Samaden- INSERTIONS-PREIS: Me «chtgespaltene 3 mm höh« GrrmdzeUe »de» deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen ans dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarü Inseratensehluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern nur als Protz oder gemeingefährliches Subjekt darzustellen bemüht Auf der andern Seite aber liegt es wohl im Interesse der Allgemeinheit und des Automobilisten selbst, wenn er sich diesbezüglich eine gewisse Reserve auferlegt, im Mitfahrenlassen Drittpersonen äusserst vorsichtig ist und damit einerseits mithilft, einer durch Kino, Schundliteratur und gewissen Sozialaposteln grossgezogenen largern Lebensauffassimg und einem gefährlichen Drang nach schrankenlosem Sichauslebenlassen entgegenzutreten. Nachsatz der Redaktion: Interessant* Streit* lichter zur Frage der Gefälligkeitsfahrten leitigt die TOT Zeit in unserer Unterhaltungsbeilaf» zu diesem Thema •waltende Diskaemon «Höflichkeit auf der Landstrasse», welche von Automobilisten "und Fxissgänsern rege benützt wird. IL$t.MoritzerÄMt®m®M!3$r®che hat begönnern Punt Muraigl, die am Mittwoch das Kilometerrennen sieht, Tribünen errichtet. Auch sie standen am Samstag schon fix und fertig da. Und abermals eine Neuerung! Geschaffen nach bewährtem Vorbild.: beim Kilometer- Lance am Mittwoch erfolgt direkt von der Rennstrecke weg, eine Radio-Uebertragtutg auf die Station Zürich, zwischen 3 und 4 Uhr nachmittags, mit Bericht über das Rennen und all seinem Drum und Dran. St Moritz arbeitet mit modernen Mitteln, deeidement. An prominenten Ehrengästen verzeichnet die Liste der II. St. Moritzer Automobilwoche bis zur Stunde folgende Namen: Herrn Regierungsrat Hnonder (Chur), Herrn Dr. E. Mende, Zentralpräsident des A. C. S., Herrn Cotinelli, Präsident der Sektion Graubünden des A. C. S., Herrn Nationalrat Dr. Meuli, Sekretär der Sektion Graubünden des A. C. S., Herrn Dir. Bener (Rät. Bahnen), Herrn Tr. Walser, Präsident der Sektion St. Gallen-Appenzell des A. C. S. Selbstverständlich entsenden auch die ausländischen Clubs wieder ihre Vertreter; bisher sind gemeldet die Herren Walter Delmar vom Kgl. Ungarischen Automobilclub, der uns schon letztes Jahr die Ehre seines Besuches erwies, und Prahl vom Automobilclub Baden-Baden. Und dann : zwei Namen von ganz besonderem Klang : Lady Drummond, die bekannte englische Journalistin, und der Schriftsteller Karl Hans v. Wienand. Die Presse wird wiederum hervorragend repräsentiert sein, wie es der Bedeutung des St Nein, sie blühen noch lustig fort, tiefverborgen in den Herzen und Erlebnissen solcher prosaischen Menschen wie ich einer bin. Auch unsere Hochzeit war nicht von der üblichen Art. Sie fand zwei Wochen später statt, und ohne jede herkömmliche Feier. Grund für diese Unterlassung war der Trauerfall und die Tatsache, dass Julianna keinerlei direkte Verwandte besass, die bei ihr Elternstelle hätten vertreten können. Ferner war auch mein Vater gegen jeden Aufschub. Seine Gefühle für mich waren stets ziemlich kühler und zurückhaltender Natur gewesen, und er hatte nicht nur meine Wahl durchaus gebilligt, sondern auch meinen Plan, sofort zu heiraten. Ueberdies konnte Julianna sich nicht genug darin tun, immer wieder und wieder mit einein traurigen aber bezaubernden, leisen Lächeln in meiner Gegenwart zu versichern, dass sie ihr Herz sehr wohl kannte und dass es ihrerseits keiner langen Prüfungszeit bedürfe. In jenen Tagen sprach sie mir oft von ihrem Vater, und immer mit der grössten Zärtlichkeit, aber nicht so, als ob er tot sei, sondern eher, als lebte sein Geist noch in dem alten Hause. Sie war einer jener immerhin seltenen Menschen, die alle abergläubischen Anschauungen vom Tode von sich weisen und hysterischen Gram nicht in sich aufkommen lassen. Freilich konnte sie wohl oft stundenlang seltsam melancholisch sein, und dann glaubte ich in meinen qualvollen Zweifeln, jenes Gespenst melde sich wieder, das zum erstenmal aufgetaucht war in der Nacht, als der Richter starb. Aber meinem feierlichen Eide getreu, den ich stest gehalten habe, hütete ich mich, eine Frage an sie zu stellen; und sie ging nach jenen Perioden schwermütigen Grübeins immer in so heitere, zärtliche Stimmungen über, dass sie mir mit jedem Mal reizvoller wurde. Sie strahlte, geistig und körperlich, in voller Jugendfrische, und alles an ihr war Anmut und blühendes Leben. «Ich gehöre dir!« so rief sie mir manchmal neckend zu und wich, ehe ich sie erreichen konnte, vor mir zurück. «So komm — und fang mich!» Hatte ich sie gefasst und in meine Arme genommen, dann sah sie wohl mit krausgezogenem Naschen lachend zu mir auf, und dann konnten plötzlich in ihren eben noch lustigen Augen Tränen tiefen Glückes aufsteigen, danach ging sie wohl eine Stunde oder länger leise vor sich hinsingend durchs Haus. Mehr als einmal bemerkte ich bei solcher Gelegenheit, wie die alte Margaret mitten in ihrer Arbeit innehielt, um zu lauschen, wie sie dann befriedigt die alten Augen schloss und vor sich hinmunmelte: «Gott sei Dank, dass er's so gut mit ihr meint!» D