Aufrufe
vor 4 Monaten

E_1930_Zeitung_Nr.064

E_1930_Zeitung_Nr.064

Ausgabe: Deutsche Schweiz SERN, Dienstag 29. Juli 1930 Nummer 20 Cts. 26. Jährgang. - N° 64 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelb» Liste" Halbjährlich Fr. 5.-, Jährlich Fr. 10.-. Im Ausland unter Portonraehlag, REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern •ofern nicht postamtlieh bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 Rappen. Postcheck-Rechnung II1/414. Telephon Bollwerk 39.84 TelegrMam-Adresse: Autorevue, Bern Mi! Geschäftsinteressen können auf Automobilfahrten weitreichende touristische Wünsche der Angehörigen verbunden werden, wenn die Lage des Zieles, die Strecke und die von ihr möglichen Abzweigungen bekannt sind. O. R. Wagners Automobilführer der Schweiz, unter dem Titel die offizielle Ausgabe des T. C. S. darstellend, vermittelt genaue Kenntnis des Strassennetzes der Schweiz und beschreibt die lohnendsten Routen von jedem Standort des Fahrers aus. Erhältlich bei allen Buchhandlungen und Automobil-Clubs, sowie direkt beim Verlag AUTOMOBIL-REVUE BERN, ZÜRICH UND GENF. Das grosse Publikum liebt die Aussenseiter nicht, die sich nicht wie jedermann aufführen, und die Polizeibehörden halten in dieser Beziehung mit den allgemein verbreiteten Ideen getreulich Schritt. Als vor xund 35 Jahren das Fahrrad auf der Bildfläche erschien und Tiere und Menschen gleicherweis scheu machte, da fanden es die Behörden geziemend, ihrerseits das neue und gefährliche Vehikel zu « beargwöhnen ». Publikum und Polizei witterte hinter der neuartigen Erscheinung die bekannten «schweren Gefahren» für Sicherheit und Ordnung und fand es angezeigt, unverzüglich die nötigen Massnahmen zu ergreifen, um diesen Gefahren zu begegnen. So wurden die Nummernschilder, die Ausweiskarten und — last not least — die Besteuerung des Fahrrades eingeführt. Als es sich dann später zeigte, dass man diese Ausweise wohl abschaffen könnte, ohne dass die öffentliche Sicherheit darunter litte, blieben sie gleichwohl bestehen, nicht weil sie notwendig waren, sondern weil sie dem Staate Geld einbrachten. Die Geschichte wiederholt sich. Heute, da jeder Knirps auf einem Velo herumgondelt, ist es das Auto, das eine willkommene Beute der so lebhaft um die öffentliche Ruhe, Ordnung und Sicherheit besorgten Organe wird. Bei jedem Unfall pflegen die Zeitungen nach behördlichen Massnahmen zu rufen. Bevor auch nur einigermassen sichere Angaben über die Schuld an dem Unglück gemacht werden können, liebt es eine gewisse Presse, nach Aussagen des CH Touring Behörden und Verkehrssicherheit Die blaue Wand Von Richard Washbum Chüd. Autarisierte Uebersetzung aas dem Amerikanischen von läse Landau. (Engelhorns Romanbibliothek.) (21. Fortsetzung) «Sie vergessen, Verehrtester,» entgegnete ich, da ich wusste, dass es ihm nur um einen Scherz zu tun war, «wir haben diese Vereinbarung ja schon im voraus getroffen!» «Haben wir! Haben wir! Das stimmt! Aber ich glaubte nicht, dass Sie Ihr Ziel erreichen — so schnell erreichen würden, und — wenn ich sagen darf — so — tibereilt.» «Der hastige Geist unserer Zeit sei Ihnen ein Milderungsgrund,» warf ich ein. «Dieser Geist, oder sagen wir vielmehr, diese Ungeduld war allen Zeiten eigen, will mir scheinen,» meinte er lächelnd. «Wollen Sie etwa sagen, dass ihr beide euch erst mal verlobt habt und nun von mir die Erlaubnis wünschet, einander recht oft zu sehen, damit ihr euch erst richtig kennenlernt?» Vielleicht war er der Wahrheit sehr nahe gekommen, denn ich vermochte nur zu stammeln, dass ich meiner Gefühle durchaus sicher sei. «Sicher sind sie anfangs alle,» sagte er mit gutmütigem Zynismus. Dann lächelte er wieder und deutete mit seinem langen Zeigefinger nach oben. «Vielleicht ist es Ihnen Publikums gleich auf eine übertriebene Geschwindigkeit zu schliessen und nach weiterer Bevormundung des Autos zu schreien. In Ländern, wo eine freiere und selbstbewusstere Lebensauffassung herrscht als bei uns, also z. B. in England und Frankreich, würden polizeiliche Massnahmen, die nach Bemutterung durch den Staat schmeckt, einfach unerträglich vorkommen. Polizeikontrollen, die einfach das Uebertreten eines im betreffenden Falle ganz belanglosen Paragraphen feststelleRvohne die Ver~ hältnisse zu würdigen, gehören zu diesen" Massnahmen, die den Automobilisten zum Schuljungen herabwürdigen und das .Automobil zum blossen Ausbeutungsobjekt machen. Im konservativen Volksempfinden ist das Automobil immer noch ein polizeiwidriges Fahrzeug, das gar nicht in den gewohnten Rahmen des geordneten bürgerlichen Lebens hineinpasst und das man mit Ausnahmegesetzen umgeben muss. Die Polizei hat sich diesen Anschauungen erst in letzter Zeit wenigstens teilweise entziehen können und fängt an, positiv an der Lösung von Verkehrsproblemen mitzuarbeiten. Ein grosser Abbau der Verkehrsbureaukratie (die vorteilhaft durch eine Verkehrserziehung des gesamten Publikums, Automobilisten und Fussgänger inbegriffen, ersetzt würde) ist aber leider solange nicht zu erwarten, als die jetzigen sogenannten Sicherheits- und Kontrollmassnahmen unentbehrliche Einnahmen einbringen. In einem vorhergehenden Artikel haben lieb, zu erfahren, dass auch sie ihrer Gefühle ganz sicher ist,» flüsterte er dabei. Ich setzte mich. ; «Ja,» sagte er dann sehr ernst. «Sie sind zu beneiden! Ich glaube, ihre Liebe — wie ich sie in diesen Wochen habe entstehen sehen — ist das Schönste, das je aus einer Menschenseele emporgeblüht ist.» «Sie wissen, dass sie mich erst abgewiesen hat, aus dem Gefühle der Pflicht gegen Sie?» fragte ich. Er sah mich rasch an, klappte das Buch zu, gab dem Hunde einen freundlichen Klaps und legte seine Pfeife auf den Tisch. «Nein,» antwortete er mit versagender Stimme. «Aber ich werde es Ihnen nicht vergessen, dass Sie ihr und mir gegenüber so aufrichtig waren, mir das mitzuteilen.» «Darf ich sie haben?» «Ja, natürlich, Sie dürfen!» Ich zauderte einen Augenblick. Dann lachte ich. «Sie hat mir gesagt, ich soll, sobald ich Ihre Einwilligung habe, zu ihr kommen.» Und ich erhob mich. «Noch einen Augenblick,» meinte Colfax. «Das ist noch nicht alles. Gott weiss, ich wünschte, es wäre alles.» Ich hatte seinen Gesichtsausdruck nicht beobachtet; aber als ich ihn ansah, bemerkte ich, dass der düstere Blick, den ich vorher hinter seinem Lächeln zu sehen geglaubt, jetzt deutlich auf seinem Antlitz lag. «Estabrook,» begann er und lehnte sich mit zusammengepressten Lippen nach vorn, wir bereits ausgeführt, dass eine gesetzliche MaximaJgesehwindigkeit eine jener trügerischen Massnahmen darstellt, welche in dem Publikum den falschen Glauben aufkommen lassen, es.genüge, jene Geschwindigkeit einzuhalten, um die öffentliche Sicherheit nicht zu gefährden. Gerade solche Vorschriften, die mehr versprechen als sie halten, sind gefährlich und müssen durch weniger schematische Bestimmungen ersetzt werden, die hauptsächlich auf das Verantwortlichkeitsgefühl und die Urteilskraft des Fahrers abstellen. Wie sehr die behördlichen Massnahmen von finanziellen Erwägungen geleitet sind, lässt sich' unschwer erkennen, wenn man vergleicht, wie einseitig streng allen jenen Vorschriften nachgelebt werden muss, die dem Staat Geld einbringen. Da wird jeder Verstoss jeweilen sofort geahndet. Die auf Kosten des Automobilisten so sehr um die Verkehrssicherheit besorgten Behörden nehmen es ungemein gemütlich, wo ihnen Auslagen entstehen könnten. Sie lasen sich jahrelang, ja jahrzehntelang, Zeit, als gefährlich bekannte Kurven, Häuserecken usw. verkehrssicher zu machen. Wenn einem Automobilisten z. B. das Schlusslämpchen ausgeht, ohne dass er es merkt, so. kommt er wegen Gefährdung der Verkehrssicherheit vor den Kadi, wenn aber eine Behörde die Strassen in einem Zulande- lässt, der als äusserst gefährlich bezeichnet werden muss,, wenn sie- vielleicht noch -Kieshaufen oder ähnliches tagelang auf der Strasse anhäuft und damit die Verkehrssicherheit ungleich stärker gefährdet als jener «fahrlässige» Automobilist, dann «einst, es mag vielleicht in Jahren sein, vielleicht nie, oder, wenn Sie es wünschen, schon heute abend — sollen Sie erfahren, welche Aufgabe ich zu lösen gehabt, und was es mich kosten muss, Ihnen das zu sagen, was Sie hören sollen.» Er hatte die Stimme gesenkt, als wünsche er sicher zu sein, dass ihn niemand belausche; und als er jetzt innehielt, stand er mit zurückgewandtem Kopf da, wie um sich zu überzeugen, dass niemand auf der Diele sei. Aber man vernahm nichts als das leise Winseln des schlafenden Hundes und das einförmige Klagen des Windes, der anstatt gegen Abend abzuflauen, eher mit verstärkter Kraft blies. Und noch das Klappern der grossen Glastüren hörte man, durch die hindurch ich die knorrigen alten Wistariaranken sehen konnte, die sich wie verzweifelt an die eiserne Balustrade des Balkons klammerten, und deren Blätter wie in Todesangst erzitterten. «Ich habe Jahre und Jahre auf der Richterbank gesessen, bemüht, mit meinem unzulänglichen Verstand die schiefen Verhältnisse der Menschen ins Gerade zu bringen,» begann der Richter von neuem. «Nie aber war ich genötigt, einen so peinvoll schwierigen Fall zu erledigen, wie den, der heute abend vor mir liegt.» Er schwieg eine Zeitlang. Endlich fragte ich zaghaft: «Herr Richter, kann ich Ihnen irgendwie helfen?» ... INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile odef deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarif. Inseratenschluss 4 Tage vor Erseheinen der Nummern ist alles in bester Ordnung. Wenn ein Automobilist sagen würde, er habe kein Geld für eine Schlusslampe, würde das kaum als Entschuldigung aufgefasst, bei den Behörden aber genügt das Argument. Was würde man von einer Bahnverwaltung halten, die ihre Schienen und Geleiseunterbauten in einem Zustande beliesse, der direkt als gefährlich bezeichnet werden müsste? Wie würde das Publikum aufbegehren, wenn der Zug alle zwei Minuten ins Schneckentempo verfallen müsste, weil eine gefährliche Kurve in Sicht ist? Oder gar, wenn an bestimmten Stellen regelmässig Unglücke passierten, ohne dass eine Hand gerührt würde, den Zustand der Geleise zu zu verbessern? Im Publikum herrscht allerdings die denkfaule Meinung, die auch gerne von Gerichten geteilt wird, es genüge, mit « der nötigen Vorsicht» zu fahren, um gegen Unfälle gefeit zu sein. Im Gegensatz zu dem strengen Massstab, den man an den Automobilisten anlegt, hat aber noch kein Richter gefunden, es habe etwa die Strassenbehörde es beim Ausbau der Verkehrswege «an der nötigen Vorsicht fehlen lassen», obwohl das tatsächlich sehr oft der Fall ist. Bei Bern gibt es eine Hauptstrasse, deren Ränder so stark gewölbt sind, dass das Fahren in einer Entfernung von einem Meter vom Rande direkt lebensgefährlich ist. In der Nacht bildet dieser Zustand eine ständige Gefahr, besonders für den Ortsunkundigen. Gut zwei Meter der Strassenbreite sind also nicht nur vollständig wertlos, sondern bilden eine richtige Mausefalle. Jeder Automobilist wird aus seinem Gebiet ähnliche Dinge zu melden wissen. Nach allen Regeln der Verkehrssicherheit gebaute Strassen bilden bei uns tatsächlich noch die grosse Ausnahme. Dem vorsichtigsten Fahrer kann ein Unfall passieren, wenn die Strasse nicht in Ordnung ist. Ein Neuenburger Kantonsrat fuhr letzten Winter über eine Strecke, die er schon Hunderte von Malen befahren hatte. Er liess es nicht an der nötigen Vorsicht fehlen, aber er sah nicht, dass ein kleines Stück der Strasse gefroren war. Die Stelle lag im Schatten eines Hauses und bildete auf 20 Kilometer die einzige noch nicht von der Sonne aufgetaute Stelle. Er •fuhr in massigem" Tempo, wollte aber noch bremsen, als er etwas spät die gefrorene Stelle bemerkte. Das Automobil kam ins Schleudern, wurde gegen einen Randstein geworfen und kippte um. Der Insasse nahm keinen Schaden, dagegen war das Fahrzeug ziemlich stark beschädigt. Das alles wäre nicht geschehen, wenn die Strasse in verkehrssicherem Zustande, d. h. gesandet gewesen wäre. Solcher Fälle gibt es jährlich viele Hunderte. Meistens ist dann in der Meinung des grossen Publikums entweder die « übersetzte Geschwindigkeit» oder aber der Zufall schuld. Eine Erklärung, die wirklich zu bequem ist, um wahr zu sein! Eine englische Fachzeitschrift hat jüngst eine Aufstellung über «gerade noch vermiedene Unfälle » gemacht. Sie bat ihre Leser, genaue Beschreibungen von im letzten Augenblick noch vermiedenen Unfällen zuzusenden. Einige hundert Briefe gingen darauf ein und wurden von Experten genau geprüft und gesichtet. Es zeigte sich, dass über 24 Prozent dieser drohenden Un- «Ich fürchte,» entgegnete er langsam und vermied dabei, mich anzusehen, «ich fürchte, ich muss etwas von Ihnen erbitten, was schwer auf Ihnen lasten wird. Estabrook,» er legte seine Hand auf meine Schulter, «ich habe mein Bestes getan. Verstehen Sie? Ich habe mein Bestes getan!» «Daran, würde ich nie zweifeln,» versicherte ich ihm. «Noch brauchen Sie an mir zu zweifeln!» Er blickte mich eine Sekunde lang fest an; dann ging er an eine Schublade, öffnete sie und zog ein Paket zusammengefalteter Blätter heraus. Offenbar hatte er sie so hingelegt, dass sie ihm leicht erreichbar waren. Sein fast feierliches Gebaren, das Zittern seiner Hände, in denen das Papier knisterte, und der angstvolle Ausdruck, mit dem er mich ansah, als hätte ich eine Frage über Leben oder Tod zu entscheiden, all das verwirrte mich und erfülte mich mit Unruhe. Ich stand auf, schritt hin und her und nahm schiiesslich seinem leeren Lehnstuhl gegenüber Platz, den Rücken der Fensterseite zugekehrt. Der Richter beobachtete jede meiner Bewegungen; seine Augen starrten mich unter den buschigen Brauen hervor unverwandt an. Endlich, als ich mich wieder gesetzt hatte, nahm auch er mir gegenüber Platz, legte die losen Blätter auf seine Knie und glättete sie mit seiner bebenden Hand. Fortsetzung siehe Autler-Feierabend,