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E_1930_Zeitung_Nr.063

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Ausgabe: Deutsche Schweiz BERN, Freitag, 25. Juli 1930 26. Jährgang. 20 Cts. N° 63 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralbiatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelb» List»" Halbjährlich Fr. 5.—, Jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter PortoRMehlag, •oiern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Recbnung HI/414. Telephon Bollwerk 39.84 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern In einem längeren Artikel, «Schrittmacher des Fortschrittes» bezeichnet, schreibt Henry Ford über die vielen Entwicklungsmöglichkeiten der Technik im kommenden Jahr. Er kommt dabei auch auf die Bahnen zu sprechen und legt die bedeutsame Meinung nieder, dass Eisenbahnen ein Beispiel für eine Industrie sind, die sich überlebt habe. Er führt dabei wörtlich aus: «Die Eisenbahnindustrie hat es nicht verstanden, genügend Vorsorge zu treffen. Es wird die Zeit kommen, da nur noch schweres Rohmaterial mit der Eisenbahn transportiert wird, oder auch Material, das nicht leicht beschädigt werden kann.» Beim Lesen dieses Satzes werden unsere Eisenbahnbeamten, gewiss aber auch viele Automobilisten den Kopf schütteln und Zweifel werden ihnen aufsteigen. Wer will aber prophezeien und wer möchte sich auf die These versteifen, dass die Auffassung Fords eine falsche sei? Das Zeitbild hat ßich in den letzten Dezennien gewaltig geändert. Unsere Grossväter würden über die grosse technische Entwicklung staunen, über eine Entwicklung, von der sie wohl keine Ahnung hatten. Wir unsererseits halten den Kampf zwischen Eisenbahn und Auto als müssig. Die Technik wird die neuen Wege weisen. Sicher aber ist, dass das Automobil heute Gleichberechtigung mit der Eisenbahn verlangen kann. Es wäre deshalb wohl verfehlt, •wenn in der Schweiz die Behörden daran gehen wollten, dem Automobil einengende Fesseln anzulegen und es durch Zwangsmassnahmen, wie solche immer wieder empfohlen werden, in seiner freien Entwicklung hindern wollten. Forderungen, .wie sie in der letzten Zeit zu lesen waren, dass Lastwagentransporte über weitere Entfernungen als 10 km zu verbieten seien, dass das maximale Bruttogewicht für Lastwagen 5 Tonnen nicht überschreiten dürfe, dass alle Anhängewagen verboten werden sollten, gehen viel zu weit und müssten sich in einer spätem Zeit als geradezu lächerlich ausweisen. Auf diese Art und Weise kann den Bahnen und unserer Wirtschaft bestimmt nicht geholfen werden. F E U I L L ! ' *• vL J t Aktualitäten T O N Die blaue Wand Von Richard Washbum Chüd. Autorisierte Uebersetznng ans dem Amerikanischen Ton Lise Landau. (Engethorns Romanbibliothek.) (20. Portsetzung) Die Hitze jenes Tages, von dem ich Ihnen erzählen will, war durch einen leichten Wind gemildert worden, der vom Wasser her wehte und der ein paarmal bis zur Heftigkeit eines Sturmwindes angewachsen war. Wohl hundertmal hatte ich zu meinem Bureaufenster hinausgesehen, und kein Fleckchen von einer Wolke zeigte sich am Himmel. Aber den ganzen Tag über, während ich mit aller Mühe zu arbeiten versuchte, ohne dass es mir in der Unruhe des Wartens gelang, konnte ich das Flattern und Schlagen der Flagge auf dem Zollhaus vernehmen, die an ihre/ Leine zerrte und zu toben schien wie ein Wilder in Fesseln. Ich möchte fast behaupten, dass solch ein regenloser Sturm eine nervenaufpeitschende Wirkung ausübt Ich habt oft bemerkt, dass • * • Bei der Beurteilung nationaler Verkehrsfragen muss man auch dann und wann über die Grenzpfähle zu blicken vermögen. Die umliegenden Länder beweisen uns, in welch hervorragender Weise sie für die Weiterentwicklung des Automobilismus besorgt sind. Bei uns haben die Anstrengungen in mancher Hinsicht das Anfangsstadium kaum überschritten; denken wir nur an das Problem der Automobilstrasse. In Italien beispielsweise werden die Autostrassen immer weiter ausgebaut. Die Autotouristen werden in kurzer Zeit auf musterhaft angelegten Strassen, die nur dem Automobil freigegeben werden, ganz Oberitalien bereisen können. Durch die sich im Bau befindenden Strassen Mailand-Varese mit Abzweigungen naeh Bergamo, Como und Sesto-Oalende werden weitere 134,5 Kilometer erstklassige Fernverbindungen dem bestehenden Autostrassennetz angefügt. Projektiert sind ferner die Strecken Bergamo-Breseia, Mailand-Turin und eine Fortsetzung von Brescia nach Verona, Venedig, Triest, sowie eine Strecke Mailand-Genua. Eine weitere Autostrasse Florenz-Pisa via Reggio in einer Länge von 100 km befindet sich ebenfalls im Ausbau. * * * Aber auch an der französischen Riviera zwischen Nizza und Cannes ist ein mächtiger Strassenbau im Werden. Die Strasse wird 33 Meter breit, wovon 19 Meter dem Autoverkehr reserviert sind. Die Autostrada soll einen zwei Meter breiten Radfahrerweg, einen vier Meter breiten Reitweg und eine fünf Meter breite Aussichtspromenade für Fussgänger erhalten. Dies sind nur wenige Beispiele, die beweisen mögen, von welcher Seite man in.; den uns umgebenden Ländern dem Auto» tourismus freie Bahn schaffen will, \tffi? in der kleinen Schweiz, mit unseren ganz besonderen topographischen Verhältnissen, können unsern grossen Naehbarn nicht im nämlichen Masse folgen. Wir wollen uns zufrieden geben, wenn wenigstens die Bestrebungen des Schweizerischen Autostrassen-Vereins von unserem Volke und von unseren Behörden nach und nach anerkannt werden und die Wichtigkeit des Ausbaues unserer Strassen mit Radfahrer- und Fussgängerwegen je länger je mehr als dringendes Bedürfnis empfunden wird. * * * Der Fremdenverkehr in der Schweiz erfährt in einer durch das Eidg. Volkswirtschaftsdepartement herausgegebenen Publikation über das Wirtschaftsjahr 1929 eine eingehende Betrachtung. Es wird dort bezüglich der Hotelfrequenz eine neuartige Erscheinung festgestellt, die teilweise in dem letztjährigen regnerischen Wetter, der damals schon fühlbaren Wirtschaftskrise, hauptsächlich aber in der neuen Art des Reiseverkehrs begründet ist. Während nämlich die durchschnittliche Dauer des Aufenthaltes der fremden Gäste etwas abnimmt, steigt die Zahl der Gäste von Jahr zu Jahr, und diese Tatsache wird auch vom Statistiker dem Autofremdenverkehr zugeschrieben. Es wird ^ in der erwähnten Publikation von einer eigentlichen «Strukturänderung » im Reiseverkehr durch das Auto gesprochen und auf die Notwendigkeit verwiesen, diese künftig genau zu verfolgen. Welche Entwicklung der auswärtige Autoreiseverkehr in unserem Lande angenommen hat, zeigen deutlich die wenigen nachstehenden Zahlen: Total der eingereisten Tourenautos: 1926 1927 1928 1929 50000 78 700 106300 134300 Innerhalb von vier Jahren hat sich^ also die Zahl der mittels Automobilen in die Schweiz gekommenen Gäste beinahe verdreifacht! Damit ist die Entwicklung keineswegs abgeschlossen und deuten schon die wenigen Zahlen den Rahmen an, in welchem sich die Zunahme in den kommenden Jahren halten wird. Voraussetr zung dafür ist aber unbedingt, dass wir dem Automobiltouristen die Fahrt durch ein gutes Strassennetz, durch weitherzige Verkehrsbestimmungen, kulante Behandlung an der Grenze etc. so angenehm wie möglich gestalten. Wie sehr gerade eine grosszügige Strassenbaupolitik mit zur besten, Wirksamsten Fremdenpropaganda wird, deutet auch der Statistiker in foldendem bemerkenswerten Satze an: «Das Automobil treibt ruhelos in 1 die Weite zur Absolvierung eines oft vorgezeichnefen, aber immer möglichst ausgedehnten Reiseprogramms. Es haftet an der gutfahrbären-Landstrasse..„.> Die obigen Zahlen zeigen uns, dass wir in der Schweiz allen Grund haben, den Faktoren; welche den Autofremdenverkehr zu heben bestimmt sind, alle Aufmerksamkeit zu schenken. Um die Verantwortlichkeit des Fahrlehrers. F. Wer ist verantwortlich für einen Unfall, der sich beim ordnungsmässigen Fahrunterricht ereignet? Der Fahrschüler, der am Steuer sitzt, oder der Fahrlehrer, der die Aufsicht führt? Oder beide? Diese Frage war kürzlich vom zürcherischen Obergericht im Zusammenhang mit einem Verfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung zu entscheiden. Der Tatbestand war folgenden Eine Frau B. sollte von einem Fahrlehrer H. 15 Stunden Unterrieht im Fahren erhalten; die Verpflichtung zu diesem Fahrunterricht bildete einen Bestandteil des Kaufvertrags über ein neues Auto, das H. dem Ehemanne der Frau B. verkaufte. Nachdem bereits eine Reihe von Unterrichtsstunden erteilt worden waren und man an dem in Frage kommenden Tage in der ganzen Stadt umher und auch über die besonders belebte Bahnhofstrasse mit dem Wochenmarkte gefahren war, sollte Frau B., daheim angelangt, den Wagen selber in die Garage fahren, was schon am Tage zuvor ohne Unfall geschehen die Menschen an solchen Tagen besonders reizbar sind. Ich habe mir von weitgereisten Leuten erzählen lassen, dass in Ländern, in denen überhaupt dergleichen vorkommt, ein solcher nefvenaufpeitschender Wind häufig grossen Katastrophen, wie vulkanischen Ausbrüchen, Erdbeben oder Sturmfluten vorauszugehen pflegt Meine eigene Reizbarkeit nahm die Form von Ungeduld an. Ich konnte es nicht erwarten, zu Julianna zu gehen; und die Tatsache, dass die Dinerstunde endlich herangekommen war und mit ihr bald die Zeit für meinen Besuch, Hess mich meine Ungeduld nur noch lebhafter empfinden. Ich wusste mir dafür keine andre Ursache, als mein Verlangen, Julianna wiederzusehen, sagte mir doch Herz und Verstand, Instinkt und Ueberlegung, dass der Richter recht gehabt mit seiner Behauptung, Julianna gäbe sich dem, den sie einmal in ihr Herz geschlossen, bedingungslos und für alle Ewigkeit hin. Endlich, endlich befand ich mich vor der Tür ihres Hauses! Endlich öffnete sie mir selbst, lächelte mir zu. Und schön war sie, schöner als ich sie je zuvor gesehen! Ich erinnere mich, dass sie in plötzlicher Zärtlichkeit meine Hand ergriff und sie unter ihren runden, weichen Arm zog wie zum Zeichen meiner Gefangenschaft. «Bitte, sag' mir nichts!» meinte sie. «Ich bin noch nie so glücklich gewesen! Aber Vater ist dort drin! Er will dich allein sehen — also geh rasch zu ihm!» «Rasch?» fragte ich erstaunt «rieh weiss nicht weshalb,» gab sie mit einem leisen, verlegenen Lachen zurück. «Vielleicht weil ich möchte, dass du gleich mit ihm sprichst, um dann bei mir bleiben zu können!» Damit schob sie mich sacht durch die Türvorhänge in das mir so traute Arbeitszimmer; und ich hörte, wie sie leichtfüssig über den dicken Läufer der breiten, dunklen Holztreppe hinauflief. Der Richter sass in seinem Lehnstuhl neben dem Schreibtisch. Auf seinen Knien lag ein offenes Buch; neben ihm, auf der Lehne, eine langstielige Pfeife, und der alte, graue zottige Hund, den Kopf auf den Vorderpfoten, ihm zu Füssen. Ein riesiger EVSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzelle oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 GU. Grössere Inserate nach Seitentarif. Inseratensehluss 4 Tage vor Erscheinen der Nnmmern war. Sie fühlte sich unsicher, der Fahrlehrer redete ihr Mut ein und so fuhr sie los. In diesem Augenblicke näherte sich eine Frau dem Trottoir, wurde angefahren, fiel auf die Stossstangen und wurde, wenn, auch nicht schwer, verletzt. Die Anklage wegen fahrlässiger Körperverletzung wurde gegen beide Insassen des Autos erhoben. Das Bezirksgericht Zürich sah die Schuld bei beiden Angeklagten, nahm indessen kein besonders erhebliches Verschulden an und legte jedem eine Busse von 50 Fr. auf. Der bedingte Strafaufschub wurde « aus Gründen der Generalprävention » versagt. Gegen das Urteil wurde an das Obergericht appelliert. Es war nun so, dass, abgesehen von der Frage eines Mitverschuldens der Verunfallten, das vom Fahrlehrer H. behauptet wurde, dieser die Verantwortung iür das Vorgefallene der Frau B. zuschob, während diese bzw. ihr Verteidiger ausführte, im Rahmen des Fahrunterrichtes treffe die Verantwortung den Fahrlehrer. Die Sache beschäftigte das Obergericht nicht weniger als dreimal. Das Ergebnis war die Bestätigung des erstinstanzlichen Urteils mit der Einschränkung, dass beiden Angeklagten die bedingte Verurteilung gewährt wurde. Das Obergericht hat also das salomonische Urteil gefällt, dass beide, der Fahrlehrer wie der Fahrschüler, als verantwortlieh anzusehen seien. In erster Linie komme, allerdings die Verantwortlichkeit desjenigen, der den Unterricht erteilt, in Frage, so wurde in der Urteilsberatung ausgeführt. Indessen könne man die Mitverantwortung des Schülers, der kein Kind, sondern eine erwachsene Person sei, nicht aus der Wegschaffen. Es komme auf den Grad an, zu dem bereits die Ausbildung im Fahren gediehen sei; im vorliegenden Falle habe die Frau B. bereits etwelche. Kenntnisse und einige Uebung in der Handhabung des Vehikels mitgebracht, als der Unterricht bei H. begann, und seither habe sie in den bis zum Unfalltage abgehaltenen Stunden ihre Fahrtechnik so weit entwickelt, dass man sie mitverantwortlich machen müsse. . Während nun weiland der weise König der Juden durch seinen Befehl, das umstrittene Knäblein zu teilen, dem wahren Sachverhalt auf den Grund kam, lässt sich durch die Teilung der Verantwortlichkeit seitens des ober gerichtlichen Üis teils vielleicht nicht ganz dasselbe behaupten. Es sind da doch einige grund* sätzliche und tatsächliche Bedenken anzubringen, die einer gründlicheren Abklärung bedürfen. Wer keine Fahrbewilligung besitzt, darf ein Auto nur lenken, wenn neben ihm einer sitzt, der die Fahrprüfung mit Erfolg abgelegt hat — in einigen Kanto* nen, z. B. im Aargau, geht man noch wei* Kranz von feinen Rauchringeln hing vor ihm in der Luft. Wäre ich ein Maler gewesen, ich hätte sicherlich dieses Bild auf der Leinwand festgehalten, das mir den Abend eines arbeitsreichen Lebens, den Abend eines ehrenwerten Menschen so glücklich zu verkörpern schien. Inmitten seines friedlichen Heims sah man ihm das Behagen am gemächlichen Sinnen, an seinen alten Büchern und der duftenden Pfeife an und die Liebe zu dem treuen Hunde. Als ich ihn jedoch näher betrachtete, erschien er mir plötzlich gealtert; hinter seinem warmen Begrüssungslächeln glaubte ich einen versorgten Ausdruck zu gewahren, das Aufflackern irgendeines quälenden Gedankens, der in seinem Unterbewusstsein geschlummert haben mochte. «Sieh da, Estabrook,» rief er mir entgegen, als er mich erblickt hatte. «Hätte nicht gedacht, dass Sie sich so pünktlich einstellen würden! Ich habe immer gehört, dass junge Männer nur mit Widerstreben an diese Art von Unterredung herangehen.» (Fortsetzung folgt)