Aufrufe
vor 4 Monaten

E_1930_Zeitung_Nr.065

E_1930_Zeitung_Nr.065

Ausgrabe; Deutsche Schweiz BERN, Freitag, 1. August 1930 Nummer 20 Cts. 26. Jährgang. _ fjo 65 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag und Freitag Monatlich „(Mb* liste** Halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozuschlag, sofern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bösteilung 30 REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung HI/414. Telephon Bollwerk 39.84 Telegramm-Adresse: Autorerue, Bern Zum 1. August Die Glocken schwingen über die Gaue unseres Heimatlandes. Sie tragen das Lied vom Vaterland im Munde. Sie rufen zur kurzen Einkehr und Selbstbesinnung.. Sie stellen Fragen, die beantwortet werden müssen: Wie stehst du zu Heimat und Volk? Was verlangst du vom Staate und was bist du bereit, ihm •zu geben? Heute, da man von einer allgemeinen Vertrauenskrise spricht, da Volksteile dem Augustgedanken ablehnend gegenüberstehen und Buben glauben, justament an diesem Tage öffentlich gegen das Vaterland krakeelen zu dürfen ! Der Motor hat ausgesungen. Wir stehen auf offenem Lande. In seiner ganzen Fülle liegt es vor uns. Die Bergriesen haben ihr leuchtendstes Kleid übergeworfen. Der Jura blaut am westlichen Horizonte. Im Mittelland wuchten kraftstrotzende Tannenhorste gen Himmel und auf den Aeckern hat schweres Korn zum Sterben und Werden sich hingelegt. Das ist die Heimat, deine Heimat, unser aller Heimat. Jetzt spricht sie zu dir, denn sie . weiss, dass auch du erdgebunden bist. Du liebst sie, weil du ihre Kraft in dir verspürst, du achtest sie, weil sie dich geformt und gebildet hat und dich nicht hat fallen lassen. Du vertraust auf sie, weil du in ihr Schönheit, Wahrheit und Güte findest und du glaubst an sie, weil sie dir in guten, wie in schlimmen Tagen Grosse und Liebe offenbart. Und die, welche ihr schmähen und an ihrem Wesen nichts Gutes lassen wollen, werden gleichwohl von ihr getragen und ernährt. So belohnt sie Undank und schnöde Kritik mit Liebe und 'Aufopferung. Warum ? Weil ihr alle Kinder gleich lieb sind und sie ihre mütterliche segnende Hand auch dem öffnet, der glaubt, Steine nach ihr werfen zu dürfen. Ein Völklein lebt auf diesem Fleck Erde, Die blaue Wand Von Richard Washburn Child. O N Äutorisierte Debersetzunfr an« dem Amerikanischen von lise Landau. (Eneelhorns Romanhibliothek.) (22. Fortsetzung) Während jener Minuten tobte ein Sturm Von Gedanken durch mein Hirn, und indes die Sekunden verstrichen, war mir fast, als ob es der draussen heulende Wind sei, der mir die Gedanken durcheinanderjagte wie trockenes Herbstlaub. Endlich stand der Hund auf, streckte sich tmd schnüffelte bald hier bald dort herum nach einem bequemen Liegeplatz; und das Tapsen seiner Pfoten auf dem Parkettboden weckte den Richter aus seinem Dämmerzustand. Er öffnete ein wenig die Augen und bewegte ein paarmal die dünnen Lippen. Endlich sprach er, und in den wenigen Worten lag mehr Bedeutung als in einer stundenlangen, hochtrabenden Rede. «Ich bin Ihnen dankbar!» Das war alles. Ehrerbietig senkte ich den Kopf, und als ich wieder zu ihm aufblickte, da fand ich auf seinem Gesicht jenes wundervoll gütige Lächeln wieder, das ich schon einmal — damals in seinem Bureau — gesehen hatte, und das, wie ich glaube, nur jemandem gegeben ist, der sich ein Leben lang in Werken der Menschenliebe* geübt hat. Nur einen Augenblick schenkte er mir dieses Lächeln; dann wandte er das Gesicht ein wenig seitwärts, dem Hintergrund des Zimmers zu, als wolle er jenes Lächeln zum Fenster hinaussenden, um es mit seinem strahlenden Glanz über die ganze Welt zu verbreiten. Sie können sich mein Erstaunen denken, ten ist es bestrebt, die Grundlagen der Demokratie zu festigen und den sozialen Ausbau seines Staates nach Kräften zu fördern. Hier stossen gegnerische Ansichten mit Heftigkeit aufeinander. Hier scheiden sich prinzipielle Auffassungen. Gar oft geht es mit der Verwirklichung dringender Neuerungen langsam — die demokratischen Mühlen mahlen langsam — andernteils vergessen die Stürmer und Dränger nur zu gerne, dass der Bürger auch noch ohne Staatshilfe sich durchs Leben sollte schlagen können, dass. sogenannte Sozialpolitik nicht zur Verweichlichung eines Volkes führen darf und dass mit dem alten Ruf nach Spiel und Brot es allein nicht getan ist. Aber seien die Ansichten so oder anders, heimatlicher Boden kettet alle an sich. Das erfährt der Schweizer gewöhnlich erst, wenn er die weissroten Grenzpfähle hinter sich hat, er auf fremder Erde sein Brot verdienen muss. 400,000 Schweizer sind in diesem Falle. Jahre, Jahrzehnte sind über sie hinweg, und doch sind sie Schweizer geblieben. Sie sind stolz auf ihr Schweizer turn. Sie verleugnen es nicht, zu stark sind sie an ihre Heimat gekettet, Ihre Jungen sallen : Schweizer bleiben. Deshalb haben sie eigene Schulen gegründet, wo Ausland - Schweizerkinder ffirs Leben tüchtig geschult und zu braven Schweizern erzogen werden sollem Wir haben allen Grund, an diese zu denken. Ihre Angehörigen haben es zuirv grössten Teil nicht so gut wie wir.,Der Unterhalt dieser Schulen kostet zudem schweres Geld. Hilfe in Form der Augustspende ist geboten und ehrt uns. Die Hände werden sich öffnen, die Beiträge 'werden fHessen. Wir folgen dem Beispiel unserer Erde. Sieverschenkt in reichlicher Fülle, sie macht uns froh und stark. Wir wollen es mit unseren Ausland- Schweizerkindern auch so halten. Sie sollen unsere Liebe fühlen und von unserem gemeineidgenössischen Sinne erfahren. Auch der Autler bekennt sich zu Heimat und Volk und hilft freudig am Ausbau der vierten Schweiz mit. D Schwetz^Miweise als ich plötzlich jenes Lächeln, ohne em Wort, ohne eine Bewegung von ihm, auf seinem Antlitz verblassen sah. Es verschwand, als hätte ein nächtlicher Windstoss es aufgescheucht und fortgeweht. An seiner Stelle aber erschien ein furchtbarer, entsetzter Blick aus weitaufgerissenen Augen, aus denen ein wahnwitziger, tödlicher Schreck sprach oder gar der Tod selbst nach schwerem, letztem Kampf. «Richter Colfax!» schrie ich auf. Ich glaubte zu bemerken, dass er den Kopf ein wenig bewegte, als ob er mich verstanden hätte; aber bei dieser Bewegung gab es einen klappenden Laut: seine Kiefer waren aufeinandergestossen. «Ihnen ist.nicht wohl,» sagte ich und erhob mich halb aus meinem Stuhl. Seine Lippen bewegten sich, aber der starre Blick blieb derselbe. «Es ist da,» gurgelte er hervor. Ich sprang auf ihn zu. Er rührte sich nicht. «Herr Richter!» schrie ich ihn an. Er gab keine Antwort. Ich wartete, neigte mich dann über ihn, wagte nicht zu vermuten, was ihn befallen haben mochte, starrte ihn an, atemlos. Dann bewegte ich vorsichtig meine Finger von seinen Augen: sie zuckten nicht. Ich legte ihm meine Hand aufs Herz. Es war so still wie eine abgelaufene Uhr. Auch im Zimmer war's still. Der Wind hatte einen Augenblick nachgelassen, wie absichtlich ... Der Richter war tot. Aber eben weil er noch dasass, den grauen Kopf in die Kissen zurückgesunken, und weil er. so stetig vor sich hinstarrte, konnte ich den Tod nicht fassen. Hatte ich ihm bisher doch noch nie Aug in Aug gegenübergestanden. Ich vermochte seinen Anzeichen keinen Glauben zu schenken. Während ich vor dem alten Manne stand, Im Juni 1927 fuhr ein Zürcher Automobilist vormittags auf der 6 Meter breiten Strasse Turgi-Gebenstorf und wurde dabei auf einen vor ihm fahrenden Velofahrer aufmerksam, welcher, anstatt sich auf der rechten Strassenseite zu halten, zuweilen im Bogen quer über die Strasse fuhr. Als er sich dem Radfahrer näherte und dieser gerade wieder in die Mitte der Strasse geriet, bremste der Autofahrer stark ab. In diesem Augenblick gab der Velöfahrer durch Abschwenken nach rechts die Strasse frei und der Automobilist gab Gas, um vorzufahren; der unsichere Radfahrer schwenkte aber wieder gegen die Strassenmitte zu und näherte sich bis auf W2 Meter dem linken Strassenrand. Obschon der Autofahrer so weit nach links auswich, dass die Wagenräder der linken Seite in den Strassengraben fuhren, wurde der Velofahrer überfahren und so schwer verletzt, dass der linke Unterschenkel teilweise amputiert werden musste. Wie sich nachher ergab, hatte sich der Verunglückte in Turgi wegen eines Nasenleidens, einer Stirnhöhlenentzündung und einer Trommelfellentzündung ärztlich behandeln lassen und sein Zustand oder auch die Nachwirkung der äTztiichen Behandlung hatten ihn ausser Stand gesetzt, sein.Fahrrad zu lenken. Der Radfahrer schrieb den Unfall dem zu raschen Tempo des Autos zu. Obschon er durch die Suva! und die Unfallversicherung' des Automobilisten: entschädigt wurde, klagte er gegen den Autofahrer auf 15,500 Franken Entschädigung. Dieser machte geltend, dass der Kläger den Unfall durch sein regelwidriges Verhalten selbst herbeigeführt habe. Das Bundesgericht teilte in seinem Urteil vom 15. Juli die Auffassung des Zürcher Obergerichts, dass der Unfall in erster Linie einem Verschulden des Autofahrers zuzuschreiben sei. Wäre ihm vorher am Verhalten des Klägers nichts aufgefallen, so hätte er allerdings annehmen dürfen, dieser werde, einmal auf die rechte Strassenseite zurückgekehrt, nunmehr die Bahn freigeben und quälte mich die Vorstellung, dass vielleicht unsre seltsame Unterredung zu aufregend für ihn gewesen war. Keinen Augenblick dachte ich daran, Hilfe herbeizuholen, ebensowenig, wie ich mir klar machte, dass der Tod, ungleich dem Schlaf, ein dauernder Zustand ist, aus dem es für den Richter kein Erwachen mehr gab. Ich stand einfach da, eingeschüchtert durch die Gegenwart des Todes, ohne doch den Tod an irgendeinem seiner Merkmale zu erkennen. Und während ich so dastand, wandte sich meine Aufmerksamkeit mehr und mehr dem Blick des Richters zu. Es war darin offenbar kein leeres Hinstarren; im Gegenteil. Es schien ein bestimmter Ausdruck in dem Blick zu liegen, er schien auf etwas Bestimmtes gerichtet zu sein. Er ging über mich hinweg, sah ins Weite und schien dort, mit allem Entsetzen, allem Verstehen, regungslos zu haften. Er schien die Annahme zu widerlegen, dass Tote nicht sehen können; er schien darzutun, dass die Augen toter Menschen nicht tot sind. Auf dieses furchtbare Hinstarren blickte ich wie gebannt, furchtsam, stumm und ohne mich zu regen. Da plötzlich schlug der Hund an. Die grosse, schottische Dogge bellte auf. Sie hatte geknurrt; diese Tatsache erwacht jetzt gewissermassen aus meinem Unterbewusstsein. Und als meine Augen sich von dem starrenden Blick des Richters losrissen, gewahrte ich, dass auch der Hund auf etwas hinstarrte, — die schwarzen Lippen hochgezogen, so dass die gelben Zähne sichtbar wurden. Jedes Haar auf seinem Rücken war gesträubt, er blies die Nüstern auf, als wolle er die Art dessen, was er da sah, durch seinen Geruchsinn bestimmen. Konnte es noch einen Zweifel darüber geben, dass er, der Lebendige, und sein Herr, der Tote, dass INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. GrSssere Inserate nach Seitentarif. Inseratensehluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Gefährliche Situationen (Aus dem Bundesgericht) das gar merkwürdig und verschieden geartet ist. Es steht in der Fron der Arbeit, strebt nach vorwärts, nimmt mutig den nicht immer leichten Lebenskampf mit Beharrlichkeit und Zielsicherheit auf und ist für alles Schöne des Lebens empfänglich. Eifersüchtig auf die errungenen politischen Freiheidann wäre der Autofahrer auch zum Vorfahren berechtigt gewesen. Nachdem ihm aber die unsichere Fahrt des Velofahrers schon vorher aufgefallen war, durfte er sich nicht darauf verlassen, er musste mit der Möglichkeit rechnen, dass sich der Radfahrer auch nachher nicht an die Fahrregeln halten werde und deshalb musste er auf eine allfällig eintretende gefährliche Situation gefasst und jederzeit zum sofortigen Anhalten bereit sein. Sein Verschulden besteht darin, dass er es vielmehr darauf ankommen Hess, ob der Kläger wiederum gegen die Strassenmitte zu abschwenken werde. Dagegen kann es ihm nicht als Verschulden angerechnet werden, dass er nach dem Unfall nicht unvermittelt abstoppte, sondern den Wagen auslaufen Hess; ein brüskes Stoppen seines Wagens hätte dem Kläger nichts mehr genützt, wohl aber hätte es unter den obwaltenden Umständen eine neue Gefahr schaffen können. Das Verschulden des Beklagten steht mit dem Unfall in ursächlichem Zusammenhang und begründet dessen grundsätzliche Schadenersatzpflicht. Nach Art. 44 des Obligationrechts kann nun der Richter die Ersatzpflicht ermässigen oder gänzlich von ihr entbinden, wenn Umstände, die der Verletzte' zu vertreten hat, auf die Entstehung des Schadens'eingewirkt haben. Liegt ein solcher Umstand in der Tatsache,-dass der Kläger nach der ärztlichen Behandlung mit dem Velo nach Hause fahren wollte, obschön er dazu nicht mehr richtig imstande war? Dies wäre dann zu bejahen, wenn er diese Unfähigkeit selber hätte erkennen müssen, denn dann hätte die Rückfahrt mit dem Fahrrad eine Fahrlässigkeit bedeutet. Da es sich aber um eine unvorhergesehene, dem Kläger selber nicht wahrnehmbare Schwäche handelte, trifft hier Art. 44 O. R. nicht zu. Dagegen ergibt sich eine Ermässigung des zu leistenden Schadenersatzes aus Art. 43 0. R., wonach der Richter bei der Bestimmung des Schadenersatzes die Umstände und die Grosse des Verschuldens zu berücksich- sie beide etwas sahen — etwas, das ich nicht sehen konnte, weil es sich hinter mir befand? Zuerst wagte ich nicht nachzuforschen. Ich hatte das Gefühl, dass da, hinter mir, irgend etwas Furchtbares sein müsse — ein Etwas, auf das der leblose Mann und das zusammengekauerte, knurrende Tier ihren Blick gerichtet hatten, ein Etwas, das jenes gute Lächeln aus dem Gesicht des Richters gewischt und jeden Nerv, jeden Muskel in dem schlanken Körper des Hundes gespannt hatte. Ich hörte den Wind und dann, bei seinem Abflauen, das Brausen der Stadt; ich roch den warmen Duft aus der Pfeife des Richters; und ich fühlte alle meine Sinne schärfer werden, indes ich meinen Mut zusammenraffte, um nach rückwärts zu schauen. Als ich dann endlich, nach einigen zögernden Augenblicken, den Kopf wandte, schien mir das ganz zwecklos gewesen zu sein. Das Zimmer hinter mir war leer. Unruhig durchsuchten meine Augen den rechtwinkligen Raum, fuhren über die Stühle, den Teetisch mit seinem seltenen Porzellan, über die japanische Blumenvase in Blau und Gold, die Messingbeschläge der Bücherschränke, über die dunklen Wände, die Bilder, die schlummrigen Ecken, die Teppiche und-Vorhänge hin. Da, plötzlich, sah ich es! Draussen, hinter den hohen Glasscheiben, halb eingerahmt von den schattenhaften Umrissen des alten, verschnörkelten Balkongitters und den zitternden Blättern der Ranken, erschien, wie hergeschwemmt auf dem flutenden Dunkel der Nacht, losgelöst von allem, ein Gesicht! Kaum hatte ich dieses hereinspähende Gesicht wahrgenommen, da schien mir, als bewege es die Lippen; dann aber zog es sich