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E_1930_Zeitung_Nr.072

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Ausgabe: Deutsche Schweiz BERN, Dienstag, 26. August 1930 Nummer 20 Cts. 26. Jahrgang. — N° 72 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe Liste« HalbJIhrllch Fr. 5.—, jahrlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portosuschlag, sofern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 REDAKTION tu ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung 111/414. Telephon Bollwerk S9.84 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe GnmdzeUe ode» deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarif. Inseratenschluss 4 Tage vor Erscheinen der Nnmmern as rennen 1930 Bei ideal schönem Wetter, inmitten einer hehren Alpenwelt, wickelt sich das Rennen bei gewaltiger Beteiligung durch das Publikum ab. — Die Organisation, an welche ausserordentliche Anforderungen gestellt werden, klappt in allen Teilen. — Neun Klassenrekorde gebrochen. — Die bestehenden drei Kategorierekorde werden ebenfalls über den Haufen geworfen. — Chiron neuerdings Held des Tages. Strazza auf Lancia fährt beste Tourenwagenzeit, Dr. Karrer auf Bugatti verbessert den Sportwagen-Rekord und Chiron auf Bugatti Meister in der Rennwagen-Kategorie und beste Tageszeit. Das Freitagstraining. St. Moritz, den 22. August 1930. (Von unserem bi-Berichterstatter.) Ueber das erste Training haben wir in letzter Nummer bereits das Wesentlichste berichtet. Die Fahrer stellten sich nur zögernd •jnd vereinzelt ein. Manch einem mag noch ein prächtig verlaufener Vorabend in echtem St. Moritzer Milieu in den Knochen gesteckt haben, so dass sie dieses Mal Training Training sein Hessen. Mit Ausnahme von zwei Zwischenfällen, deren Folgen auf Sachschaden beschränkt blieben, verlief der erste Uebungslauf programmässig. Bei der verzweigten Organisation und der komplizierten Streckenbewachung, welche diese Bernina- Trainings benötigen, will das recht viel heissen. Heute Freitag, beim zweiten Training, der Betrieb schon auf Volldampf. Mit strikter Pünktlichkeit erschienen die Trainingsleiter, die Herren F. Frey und Badertscher, welch letzterer am Start amtierte, während der Erstgenannte von luftiger Dachzinne aus am Ziel für reibungslose Funktion des organisatorischen Räderwerkes sorgte. Während wir den prächtigen Sonnenaufgang in dieser einzigartigen Alpenszenerie auf uns einwirken Hessen und darob den verpassten Morgenkaffee ganz vergassen, kramte Herr F. Frey aus seinem Schatz von Rennerfahrungen. Seit dem ersten Klausenrennen ist er mit von der Partie und Jahr für Jahr stellt er mit sportlicher Bereitwilligkeit seine praktischen Kenntnisse in den Dienst der automobilistischen Sache ! Ein ideales Verhältnis vorzüglichen Einvernehmens besteht zwischen den Spitzen der Organisation und den Fahrern. Man fühlt sich als eine einzige Familie, in der auch dieser und jener geplagte Pressemann noch sein Plätzchen findet. Die gegenseitige Bekanntschaft und Wertschätzung, die sich von Jahr zu Jahr bestärkt, schafft eine wohltuende Atmosphäre und gibt einen kameradschaftlichen Kitt, der nicht genug gewertet werden kann. So bringt uns ein solches Training mitten in die schönsten Familienidylle hinein. Der eine benützt uns als Ballastersatz oder Hilfschronometreur und verschafft uns damit den einzigartigen Genuss, seine meisterhafte Technik aus nächster Nähe kennenzulernen. So verhalf uns heute Dr. Karrer zu einem ordentlichen Nervenkitzel, der freilich ob der sicheren Hand am Volant nicht das leiseste Gefühl der Beklemmung aufkommen Hess. Rosenstein weihte uns in den Jargon des Fachmannes ein, wonach seine scharmante Begleiterin als «Schmiermaxe», wie der Fachausdruck für Beifahrer lautet, zu klassifizieren wäre. Aus dem Fond seines gewaltigen Mercedes-Benz holt er eine Flasche exquisiten « Kurvenwassers», von dem ein wärmender Schluck durch alle Fibern geht. Im Kreuzfeuer einer gläjizenden Unterhaltung mit Chiron, Bouriat und Escher wird zwischen Trainingsläufen in Poschiavo rasch gefrühstückt. Chiron gibt uns Einblick in sein berühmtes «Bordbuch», das ebenso gewissenhaft und sorgfältig geführt ist wie das Tagebuch des Lotsen oder Kapitäns. Es enthält die wertvollen Ergebnisse der Probe- und Trainingsfahrten. Recht interessant ist es beispielsweise, wie er bei Circuit-Rennen vorgeht. Dabei wird jede kritische Kurve bei einer immer stärker gesteigerten Tourenzahl befahren, um genau festzustellen, mit welchem Maximaltempo die Stelle noch mit aller Sicherheit genommen werde« kann. Diese OptimunvKurve wird nun eingetragen und gleichzeitig mit der genauen Struktur der Strecke memoriert. Chiron hat ein fabelhaftes Gedächtnis für die Registratur einer Kurve, ja er ist sogar imstande, das Charakteristische eines Renntrasses auch beim Befahren im umgekehrten Sinn zu erfassen, eine Gabe, die sehr vielen ausgezeichneten Meistern des Volants vollständig abgeht. Ein nämliches intensives Studium wird natürlich auch jeder Bergstrasse zuteil, und Chiron hat die feste Ueberzeugung, dass sich durch genaue Kenntnisnahme der Klausenstrecke der diesjährige Rekord noch um manche Sekunde verbessern lasse. Nun aber zurück zum Training! Zwimpfer, Rosenstein, Chiron, Bouriat, Friedrich, Burggaller und Keller gehören zu den Frühaufstehern. Sie sind alle rechtzeitig zum ersten Lauf zur Stelle. Allmählich werden die Parkplätze am Start und Ziel immer imposanter, stellen sich doch bis gegen 7 Uhr auch die Nachzügler ein. Die ersten Fahrten berninawärts werden mit morgendlichem Brio erledigt. Die weiteren Versuche dienen meistenteils eher einem eingehenden Streckenstudium, bei dem das Tempo nicht ganz auf seine Rechnung kommt. Ein äusserst tragischer Unfall » mag hier allerdings auch etwas abdämpfend mitgewirkt haben. Caspar, der auf seinem nach eigenen Plänen zurechtgestutzten Lancia ebenfalls gestartet war, stiess kurz nach dem Start in der ersten Kurve an einen Wehrstein. Der Wagen drehte sich mit ungeheurer Wucht, wirbelte dem Strassenrand entlang, Wehrsteine und Geländer auf längere Distanz wegrasierend und jagte mit dreifachen Salto in den Poschiavinofluss hinunter. Glücklicherweise kam das Fahrzeug am Ufer auf die Räder zu stehen, ansonst ein tödlicher Ausgang des Unfalls unvermeidlich gewesen wäre. Mit inneren Verletzungen mussten Fahrer und Mechaniker sofort ins Spital transportiert werden. Die Bergung der Unglücklichen ging, dank der raschen Hilfe der Streckenwärter, des Arztes und des Startkommissärs äusserst rasch von statten, wobei besonders die Sportkollegen Zwimpfer und Chiron mit ihren unverzüglich zur Verfügung gestellten Wagen wertvolle Dienste leisteten. Nach den letzten im Spital in Posohiavo eingezogenen Erkundigungen vom Montag morgen ist der Zustand beider Verletzten befriedigend. Der Mechaniker kann bereits wieder ausgehen, dagegen wird Caspar erst in anderthalb Monaten wieder hergestellt sein, obwohl seine Verletzungen nicht gefährlicher Natur sind. Der Nachmittag war für maschinelle und persönliche Retablierung reserviert, was allen recht willkommen war. Derweilen wurde den Presseleuten durch Vermittlung des unermüdlichen Organisationskomitees eine einzigartig genussreiche Fahrt mit der Seilbahn Punt Muraigl nach Muottas Kulm zuteil. Das in seiner Wucht und Weite unvergessliche Panorama, das sich da oben dem Beschauer eröffnet, sollte sich kein Automobilist, der das Engadin besucht, entgehen lassen ! St. Moritz, den 23. August 1930. Das Training vom Samstag wickelte sich bei strahlendem Sonnenschein ab. Das Frühaufstehen wird einem nachgerade zur Freude, wenn man den Genuss einer herrlichen Fahrt durch die Engadiner Bergwelt gegen das Bernina-Hospiz im strahlenden Licht© der ersten Morgensonn© vor sich hat. Die für das Rennen gewählte Passstrasse sucht punkto Szenerie und Naturschönheiten ihresgleichen in ganz Europa. Sicher haben wir alle den Klausen liebgewonnen und freuen uns immer wieder, von Linthal aus nach der Passhöh© zu wallfahren, aber die Berninastrasse ist besondere Klasse. Freilich kann der Strasse vom Standpunkt des Renfahrers aus nicht ähnliches Lob zuteil werden. Sie ist in ihrer knappen Breite und kurvenstrotzenden Windungen ein äusserst hartes Stück Arbeit für den Fahrer und wenn es erst gilt, Tempo herauszuholen, dann machen sich diese Schwierigkeiten bei der primitiven Oberfläche, die ständig einen Belag von Staub und feinkörnigen, verwitterten Steinchen aufweist, doppelt bemerkbar. Allerdings hat der erfolgreiche Autosportler bei siegreichem Abschluss des Rennens das beglückende Gefühl, im schwersten Bergrennen Europas glänzend bestanden zu haben und dass der Erfolg ehrlich erstritten und wohlverdient ist. Bezüglich der Organisation, sei auch des seit dem ersten Trainingstag© vorzüglich funktionierenden Telephondienstes gedacht. Herr Bargetzi und seine Trabanten haben di© Sache mit den bescheidenen Hilfsmitteln, welche zur Verfügung stehen, vortrefflich gelöst. Wir Hessen uns heute die bei den Probefahrten durchgeführten Kontrollen erläutern, welche ermöglichen, Ziel- und Startkommissäre dauernd auf dem Laufenden zu halten, wo sich in einem gegebenen Zeitpunkt ein Fahrer befindet. Wir haben auch die Leistungsfähigkeit des Telephonnetzes auf die Probe gestellt und in luftiger Höhe, auf dem Dache der Zielhütte auf 2251 m über Meer, unsere Redaktion in Bern angerufen, erhielten innert kürzester Zeit die Verbindung und konnten uns sehr gut verständigen. Man stelle sich vor, welche Erleichterung dies© Möglichkeit der guten Fernverbindungen den Journalisten in ihrer Aufgabe bietet ! Mit wenigen Ausnahmen stellten sich heute alle Konkurrenten zum Training ein. Insgesamt wurden 19 Mann auf die Reise geschickt und dreimal wiederholte sich das den bereits zahlreich erschienenen Neugierigen gebotene Schauspiel der Berninabezwingung durch di© schnellen Wagen. Was von Rang und Namen unter den Fahrern ist, war fast vollzählig versammelt. Einzig Rosenstein, der wohl seinen Wagen für die nachmittags folgende Schönheits-Konkurrenz behandeln Hess, blieb dem Training fern. Ebenso vermisste man Graf M. Arco-Zinneberg mit seiner Mercedes-Kanone. Es sei übrigens hier noch darauf aufmerksam gemacht, dass es sich bei den auf den gleichen Namen lautenden Meldungen mit Mercedes-Benz und einem Amilcar-Kompressor nicht um den nämlichen Fahrer handelt, wie dies der Meldeliste nach geschlossen werden könnte, indem zwei Brüder sich in di© Marken teilen. Wie man- heute morgen vernahm, hat sich der Aeltere der Beiden entschlossen, am Sonntag in der Tourenwagenklass© nicht zu starten, da sich der in seiner Karosserie gross dimensionierte Mercedes kaum dazu eignet, in rücksichtslosem Tempo die Berninastrasse zu nehmen. Kotflügel und eventuell die Karosserie dürften dabei doch ordentlich mitgenommen werden. Der Entschluss ist sehr begreiflich, wird aber allgemein bedauert, fällt doch damit einer der aussichtsreichsten Konkurrenten der Kategorie weg. Dafür hat sich nun freilich der gefürchtete Strazza mit seinem Lancia eingestellt und wird unsern beiden bestqualifizierten Schweizern Keller und v ' Zwimpfer den Rang streitig machen. Er hat sich mit seinem recht kurzen Training, bei dem er nicht einmal alles aus seiner Maschine herausholte, begnügt, ist ihm doch der Pass, der ja von Mailand aus rasch zu erreichen ist, schon sehr gut bekannt. Nur ein Wort zu den Bugatti-Kanonen CMron und Bouriat: Sie beide haben heute zum erstenmal so richtig « aufgedreht» und haben Schnelligkeiten entwickelt, die neue Rekord© für den Sonntag ahnen lassen. Ueberhaupt wurde auf der ganzen Linie sehr gut gefahren und wenn das Wetter uns noch weiter so will, dann werden wir am Sonntag an der Bernina erstklassige Proben glänzenden Bergrennsportes zu sehen bekommen. Zu den bisherigen mit Umsicht waltenden Startkommissären Mascioni, Frey und Badertscher, hat sich nun noch Herr Töndury gesellt, der zur Zeit im Militärdienst weilt und sich für das St. Moritzer Week-end Urlaub sicherte, um seinen Funktionen auch als Rennleiter vom Sonntag gerecht werden zu können. So ist nun alles für den Sonntag gut vorbereitet. Herr Troeger, der für die Sportskommission verantwortlich zeichnet, trifft noch sein© letzten Dispositionen. Alles rüstet sich auf den Sonntag und Tausende werden der Bernina ihre Anhänglichkeit beweisen. Und was sagen die wackern Bewohner dieser Gebirgsgegenden zum Rennen ? Wir haben einen sonnverbrannten Streckenwärter mit wetterhartem Gesicht um sein© Meinung über die Wetteraussichten auf Sonntag befragt, worauf er uns im tiefsten Brustton der Ueberzeugung erklärte : Signore, am Sonntag muss es schön sein! Das Rennen am Sonntag. St. Moritz, den 24. August 1930. Nun ist die ereignisreiche, von Erfolg zu Erfolg eilende St. Moritzer Au'tomobilwochc bereits wieder hinter uns. Die Schluss-Apotheose war in jeder Beziehung einzigartig und wird jedem Besucher in dauernder Erinnerung haften. Ueber die vorbildliche Organisation ist an anderer Stelle die Rede. Sicher aber ist, dass dieses Jahr die Initianten ihre Bestrebungen, neben der Pflege des Automobilsportes auch das Engadin bekanntzumachen, vollständig erreicht haben. Eine blendendere Propaganda für dieses herrliche Gebiet unseres Landes hätte man sich nicht denken können, als dieser prachtvolle Augustsonntag, der Täler und Schneegipfel, Alpen und Weiden in eine Ueberfülle kräftigenden Sonnenglanzes tauchte. Durch leidige Erfahrungen an andern Orten etwas vorsichtig ge^ worden, werden der Regenmantel und der Pullover mitgenommen. Aber sonnengebräunt kehren wir heute abend nach dem Hauptquartier zurück. Aus den Trainingsberichten in dieser und der letzten Nummer ist zu ersehen, hen, wie sich jeder einzelne Fahrer mit grösster Sorgfalt und einer bewunderungswerten Energie dem Studium der Passstrasse widmete, die einstimmig von Konkurrenten und Sportfachleuten als die schwierigste Bergstrecke des ganzen Kontinents bezeichnet wird. Der Unfall Chirons letztes Jahr, das bedauerliche vorzeitige Ausscheiden Caspars am diesjährigen Training waren allen ein deutlicher Fingerzeig, dass die Berninastrasse keinen Spass versteht. Auch am heutigen Rennen hat sie ihre Op* fer gefordert. Glücklicherweise blieb tu durchwegs bei Sachschaden. Aber das PecK traf leider einige der aussichtsreichsten mre glänzendsten Fahrer, welche die Nennlist« aufführte.