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E_1930_Zeitung_Nr.076

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ÄUTOMOBir-REVUE 1950 -

ÄUTOMOBir-REVUE 1950 - N

Bern, Dienstag 9. September 1930 III. Blatt der „Automobil-Revue" No. 76 Die «mit Recht so beliebte Autorin» schildert den Start des bekannten Rennfahrers Graf Udo Knatterbusch so: Stahlhart blitzten Graf Udos blaugraue Augen unter den dichten Wimpern, als seine nervige Rechte Hildes zarte, schmale Hand umfasste: «Entwefler Sieg — oder Tod!» sagte er. Eiserne Entschlossenheit lag in seinen Worten, und Hilde erschauerte. «Graf,» flüsterte sie, «denken Sie daran, dass ein Mädchenherz um Sie zittert!» Ihre schönen, braunen Rehaugen unter den hochgewölbten Brauen schimmerten feucht, und ihr schwellender Busen hob sich unter tiefen Atemzügen. Eine leise Röte war ihr ins liebliche Antlitz gestiegen, und als Graf Udo jetzt ihre Hand rittedich an seine Lippen führte, da wusste er, dass keine Macht der Erde ihn mehr trennen konnte von diesem süssen Geschöpf an seiner Seite, das gekommen war, um inbrünstig Segen auf seine Fahrt um den Grossen Preis der Nation herabzuflehen. «Hilde!» Es wurde Graf Udo schwer, sich zu beherrschen, nicht die Herrliche, Holde an seine sieggewohnte breite Brust zu ziehen und die blühenden roten Lippen zu küssen. Tief atmend stand er vor ihr, vergeblich nach einem Wort ringend, das ihr heitere Zuversicht geben sollte, denn er selbst fühlte sich seltsam bedrückt; war das nur die Aufregung vor dem nahenden Wettkampf, war es die Vorahnung einer Gefahr, die ihm drohte?... Aber nur einen kurzen Augenblick gab der Graf sich solcher Empfindung hin. Entschlossen straffte er seine sehnige Gtstalt. «Es wird Zeit,» sagte er. «Ich muss an den Start.» Noch einmal berührten seine Lippen den Rücken ihrer aristokratisch schmalen, blassen Hand, dann wandte er sich und begab sich mit elastischen, federnden Schritten zum Startplatz, wo die Menge bereitwillig und achtungsvoll vor ihm Platz machte. «Graf Udo ...» ging es flüsternd von Mund zu Mund, und bewundernde Blicke folgten dem hochgewachsenen Mann, da er seinen Rennwagen bestieg, die Sturzhaube über das blonde Kraushaar stülpte und sich mit Adlerblick festsog an der roten Fahne in der Hand des Starters. Ein kurzer Druck auf den Anlasser — und der Motor begann sein donnerndes Lied. Noch zwei Sekunden... noch eine Sekunde..." da... da senkte sich die rote Flagge, und wie ein Pfeil schoss Graf Udos grauer Wagen die Bahn entlang. Unter der atemlosen Menge stand ein bleiches, zitterndes Geschöpf: Hilde. Ihre Blicke folgten dem Geliebten, und von ihren bebenden Lippen löste es sich wie ein Gebet: (Fortsetzung folgt). Beim modernen Dichter löst das gleiche Geschehnis andere Empfindlinsen aus: Der Graf, überlegen lächelnd, weltmännisch, fand die Situation vertraut. Vor ihm da das junge Ding — weiss Gott, er war I ^ ^M !• I Das Erlebnis Was sie bei einem Autorennen sahen und empfanden. T O N Die blaue Wand Von Richard Washburn Child. Autorisierte Uebersetzuag ans dem Amerikanischen von läse Landau. (Engelhorns Romanbibliothek.) (Fortsetzung aus dem Hauptblatt.) «Nein, nich doch!» rief sie heftig. «Das is gar nich nötig. Ich möcht' nich so lange von ihr fortbleiben — weiss Gott, was derweil passieren kann! Nein,» nein, lieber Herr! Lassen Sie den Wagen wieder vor unser Haus fahren, und dann will ich, hier auf diesem Platz, die Augen auf das schreckliche Haus gerichtet, und nich so in Sorge, was passieren mag — Ihnen alles von Anfang bis zu Ende erzählen!» In ihrem Ton lag eine ehrliche Erregung, die Vertrauen einflösste. «Also gut,» meinte ich, «es bleibt dabei.» Ich rief Estabrook durch das Sprachrohr Bescheid zu. Er riss den Wagen herum, und fünf Minuten später hielten wir, nach meiner Weisung, nicht direkt vor Estabrooks Tür, sondern unter den breiten Aesten der Eichen, gegenüber dem eleganten Haus der Marburys. «Da, nehmen Sie einen Schluck, junger Mann,» sagte ich, als er nass und fröstelnd in das Innere des Wagens kletterte. «Es sich nicht darüber im klaren, ob es wirklich sein Geschmack war — schien in Aufregungen verliebt. Zitternde Erwartung durchlief den schlanken Leib, und die Augen brannten wie in wilder Liebesstunde. Sie ist eine Katze, dachte der Graf, und er ertappte sich bei dem Gedanken, ihr die Krallen zu schneiden, sie gefügig in seine Arme zu zwingen. „ wie die vielen anderen vorher... aber dann lächelte er bloss. «Sehen wir uns nachher?» fragte er leichthin, schon mit halber Körperwendung. «Sie müssen mir sagen, wie meine Fahrtechnik Ihnen zusagt.» Sie nickte stumm, nahm seine Hand. Eine Sekunde schlug Blut an Blut. Die rote Fahne sank, einer dunklen Flamme gleich. Erregung löste kleine Schreie aus der Menge. Helles Lied sang der Motor, da er die Strecke ansprang, in sie sich verbiss. beiderseits der Bahn. Ssssssssssssst!... Das Atmen stockte den Menschen * Der Herr Karl Meier, Kommis, der zum erstenmal dabei ist, fasst seine Eindrücke in diesem Bericht zusammen: Als es 2 Uhr 30 Minuten war, bestieg der Herr Graf sein Auto. Dasselbe ist ein grauer, länglicher Wagen und beinhaltet mehr als 5000 (in Worten: fünftausend) Kubikzentimeter, wie man sagte. Ich erfuhr, dass der Herr Graf schon fünf solcher Rennen hinter sich hat, ohne dass demselben hierbei ein grösseres Unglück zugestossen wäre. Es waren viele Menschen am Startplatz erschienen. Auch an der Rennstrecke entlang hatten sie sich aufgestellt. Endlich wurde das Abfahrtszeichen gegeben und fuhr der Herr Graf los. Wer denselben bei diesem Rennen gesehen hat, der vergisst niemals die fesselnden Augenblicke, an denen der lebensgefährliche Sport überaus reich zu sein scheint, und^verstehe ich.,wohl, dass die Vor-^ aussetzung hierfür vor allem gute Nerven, sind. Ein Backfisch vertraut seinem Tagebuch an: 0, er war göttlich, der Graf! Wie prächtig er aussah im Lederwams, und wie wundervoll ihm der Sturzhelm zu Gesicht stand! Wie ihn die Leute anstarrten! Wer mag übrigens das Gänschen sein, mit dem er sich so lang unterhalten hat? Er, ein Graf, hat das doch wirklich nicht nötig! Als wenn es nicht andere, viel hübschere Mädchen gäbe, die sich für ihn erwärmen könnten! Nicht, als ob ich eifersüchtig wäre auf die Kleine in dem unmöglichen Kleid. Aber der Graf tut mir leid, ja, wirklich, er tut mir schrecklich leid! Sie hat ihn angeguckt, als wenn er in den Tod ginge! Da soll der Mann mit Zuversicht das Rennen fahren! Ich... wenn er mich gefragt hätte, ich würde ihm gesagt haben: «Herr Graf,» hätte ich gesagt, «ich bin überzeugt, dass Sie das Rennen machen!» Nun, er hat es gemacht, aber eben nur darum, weil meine Gedanken bei ihm waren und wird Ihnen gut tun; und Ihnen auch, Margaret!» «Ach, Mr. Estabrook!» rief sie aus, nachdem sie einen kräftigen Zug aus der Whiskyflasche getan hatte, «ich habe Sie belogen! Ich habe Sie einmal niederträchtig belogen — das werden Sie gleich erfahren!» «Genug — genug!» rief er heftig. «Wie steht's mit ihr — mit meiner Frau? Ist sie noch am Leben?» «Aengstigen Sie sich nich.» entgegnete die Alte. «Den Tod haben wir nich zu fürchten, denk' ich!» Der arme Bursche rang die Hände. «Aber bei allen Heiligen, was ich Ihnen jetzt erzählen will, is wahr,» sagte sie, indem sie ihre beiden Hände erst auf Estabrooks und dann auf meine Knie legte. «Da gucken Sie mir ins Gesicht! Das Licht scheint drauf, und Sie können alles davon ablesen, wenn Sie Lust haben! Und ich bitte zu Gott, dass Ihnen alles, was Sie hören werden, dazu helfen möge, unsere junge Frau und uns alle «zu retten!» «Fangen Sie an!» sagte der junge Mann mit heiserem Ton. Und nun erzählte sie, so ungeübt und stockend, wie ich es in meiner Wiedergabe nur schwach anzudeuten vermag, eine Geschichte, die ein seltsames Durcheinander von Gutem und Bösem bildete. Hier ist sie... Der Ueberland-Omnibus- Chauffeur auf der Hochzeitsreise Mit Dir allein auf einer einsamen Insel... weil ich ihm den Sieg gewünscht habe. Ich glaube, er hat mich auch gesehen, wie er an mir vorbeigefahren ist. Uebrigens hat er entzückende Augen, viel schönere und seelenvollere noch wie die Alfreds. Alfred ... ein Mann, der noch nie ein Autorennen gefahren hat, was ist das schon für ein Mann? ... Mit den Auslassungen eines Lyrikers seien die Berichte über die Auswirkungen der gräflich Knatterbusch'schen Fahrt abgeschlossen: Aufdonnert des Motors berauschendes Lied in sieghaft beglückender Melodie. Blitzschnellem und fliegendem Pfeile gleich flieht der Wagen über die Strecke, die sie, (die Geliebte) mit brennenden Augen misst, die wie ein gestreckter und schwarzer Wurm in Kilometern die Kräfte frisst des Motors. Aus Brausen wird heulender Sturm, aus dem Donnern wird brechender Welten Schall! Sind Flammen des wirbelnden Rauches Väter? In der Sekunden lautlosem Fall braust jubelnd das Lied Hinker Räder... Hei, Windstoss, so saust dieser peitschende '?•;." ' Krieg um den tausendstimmigen Jubelruf: «Sieg!» Geoswald Bayer. Weibliche Athleten in der Vergangenheit Die Geschichte erzählt uns von Männern, deren ungewöhnliche Kraft das Attribut ihrer Persönlichkeit war. August der Starke, der Mann mit dem Riesenappetit, hat sich im Andenken des Volkes nicht zuletzt aus dem Grunde so unvergesslich erhalten, weil er einen Mann von normaler Grosse und Körperbeschaffenheit mit der rechten Hand zum Fenster hinaushalten konnte und ihn wieder in das Zimmer zurückbringen, als wäre nichts gewesen. Doch nicht nur Männer, sondern auch Frauen der Vergangenheit haben über so ungewöhnliche Kräfte verfügt, dass sie ihre Mitmenschen in Staunen und Verwunderung versetzten, und dass die Vergangenheit ihrer noch mit einer gewissen Scheu gedenkt, Vierter Teil. Eine Schülerin der grossen Welstoke. I. Im Cafe «Les Trois Folies». Ich bin auf der Isle of Wight geboren. Mein Vater fuhr zur See. Er hatte ein eignes Schiff — einen Briggschoner, mit dem er von der Themse bis nach Südafrika segelte und manchmal auch um das Kap'der guten Hoffnung nach Madagaskar hin. Wo er meine Mutter kennen gelernt hat, das hab' ich nie erfahren. Er war Schotte, und sie war eine irische Schönheit! Wenn ich mich recht erinnere, so war sie aus einem reichen und stolzen Hause, und ihre Familie hatte sie verstossen, weil sie so unbekümmert einen Mann geheiratet hatte, der nicht sehr nobel aussah und nicht fein reden konnte, wenn auch sein Herz brav war. Sie war ebenso zart, fein und schüchtern, wie er stattlich und derb, und furchtlos allem gegenüber, ob Mensch oder Meeressturm. Und doch war sie's, die zähe festhalten konnte an einer Sache, als ob hinter ihrem schmalen, mädchenhaften Gesicht sich die Natur einer Bulldogge verbarg, während er bald dies, bald jenes im Kopf hatte und wild wie ein Stier auf das Leben losging. Ich sehe die beiden noch vor mir, wie sie Arm in Arm durch den Garten an den alten Hecken entlang spazierten, wenn er von der See zurückgekommen war, oder wenn sie jener Scheu, die man eben allem Ungewöhnlichen gegenüber empfindet. Elisabeth von Pommern, die Gemahlin Karls IV., war eine so starke Frau, dass sie Eisenstangen wie Holz zerbrechen konnte. Die Geschichte erzählt, dass Elisabeth einst einen Ritter bestrafen wollte. Der Mann schien unangreifbar, denn er trug einen Ringpanzer, der jedem Angriff standhielt. Elisabeth zerriss diesen Panzer wie Leinwand, und damit hatte sie dem Ritter die schwerste Schmach zugefügt, die er überhaupt erleiden konnte. Auch die persische Sage weiss von einer Königin zu berichten, die über übermenschliche und übermännliche Kräfte verfügte. Sie soll eine kühne Löwenjägerin gewesen sein, und einen Löwen, den ihre Kugel nicht getroffen und der sich ihr angreifend gegenüberstellte, mit den Händen erwürgt haben. Diese Frau, Banu Gaschap, soll einen zudringlichen Freier eines Tages mit dem Säbelentzweigespalten haben, als er sich ihr mit Gewalt nähern wollte. Man wird vielleicht bedauernd sagen, dass der Typus der starken Frau in der heutigen Zeit der Nervosität ausgestorben zu sein scheint. Ein Beispiel gibt dem aber Unrecht. Madame Gauthier, die berühmte Schauspielerin vom Theater francais, soll Kräfte gehabt haben, mit denen sich kein Mann messen kann. Als sich einst mit einem Riesen kein Mann in einen Zweikampf einlassen wollte, trat Madame Gauthier diesem Riesen entgegen und schlug ihn zu Boden. Sie war imstande, einen sil- Die Cigaretten »? HORTH STATE ä Fr. 1.— per 20 Stück-Paket zeichnen sich aus durch ihr hochfeines, unaufdringliches Aroma und ihregrosse Milde. unter dem Strohdach unseres Häuschens sassen, das den Kanalstürmen schon länger standgehalten hatte, als irgend ein Bewohner von Bolanbywick sich erinnern konnte. Wie ein Kind sah sie neben ihm aus, denn er war in den Schultern wohl dreimal so breit wie sie. Von ihm hab' ich auch meine Figur, die früher mal die Blicke der Männer auf sich gezogen hat, weil sie sehen wollten, was für ein Gesicht zu der Gestalt gehörte — 's klingt vielleicht komisch, wenn ich das jetzt erzähle. Aber von ihr habe ich manche Eigenschaft, die nicht gut für mich war; denn Schlauheit, Eigensinn und eine gute Portion ' Empfindsamkeit und dergleichen gehören besser in einen kleinen Körper, der mit so was fertig werden kann. , Die beiden haben einander sehr lieb gehabt, jedes auf seine Weise; aber es war gut, dass sie weiter keine Kinder hatten. Es war' vielleicht auch gut, dass ich mit siebzehn Jahren kräftig und flink wie ein Jagdhund geworden war. Damals ging meine Mutter wieder zum erstenmal seit ihren Flitterwochen mit ihm aufs Meer, und da hab' ich sie auch zum letztenmal gesehen, sie und das einzige Gut, das wir hatten, unser Schiff, das Baumwollwaren geladen hatte, die an der Goldküste verkauft werden sollten. Ja -~mitunter tut sich die See auf und schliesst ihren Rachen wieder, und weg is alles! (Fortsetzung siehe Seite 20.)