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E_1930_Zeitung_Nr.077

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Die blaue Wand Von

Die blaue Wand Von Richard Washbmn Child. Autorisierte Uebersetzuag aus dem Amerikanischen von läse Landau. (Engelhorns Romanbibliothek.) (Fortsetzung von Seite 1) Er war nicht zu halten. Einen derben Krückstock in der kräftigen Hand, rinnenden Schweiss auf dem hübschen Gesicht, so stolperte er auf den Platz los, auf dem ich sass. Aber obgleich er den Stock erhoben hatte, um den Wandleuchter über dem Tisch neben mir zu zerschlagen, während er ein Kreischen kindischen Entzückens hören Hess, ehe er mich gewahrte, empfand ich keine Furcht vor ihm. Ich sag' 'Ihnen, die Wirkung war eine wunderbare, als sich unsere Augen begegneten! Ich glaub', es war kein Muskel in seinem Körper, der sich nicht strammte, bis er sicher und gerade dastand, den Hut abnahm und sich ein bisschen nach hinten überneigte, als wäre er mit dem Gesicht plötzlich in Disteln geraten. Als ich so dasass, ihm in die braunen Augen guckte und sein erschrecktes, mühsames Atmen hörte, da wusste ich plötzlich, dass ich in meinem Leben an eine Stelle gelangt war, wo der Weg sich teilte und in zwei Richtungen auseinanderlief. Mancherlei Dinge gibt's, die wissen wir, nicht durch Nachdenken oder Ueberlegung oder Bildung, sondern durch den Instinkt, den, glaub' ich, der Himmel in uns wie in alle anderen Tiere gepflanzt hat. Und er muss das wohl auch gewusst haben, denn er hat gesehen, wie ich mich auf meine Ellbogen stützte und ein bisschen blass wurde, als quälte mich etwas, das sich nicht in Worte kleiden Hess; und das machte ihn plötzlich nüchtern. «Was wollen denn Sie hier?» fragte er, als ob er mich schon seit sechstausend Jahren gekannt hätte. Und mir Närrin stieg das Blut ins Gesicht, und ich traute mich nicht zu reden. Sie mögen mir's nun glauben oder nicht, aber ich sah die dünnen Lippen der Welstoke deutlich vor mir, wie sie sagten: «Wenn deine Augen und Nase auch vornehm aussehen, deine Art zu reden verrät dich doch, mein armes Kind,» und ich blieb stumm wie ein Stein; denn ich dachte, er war' ein sehr feiner Herr. «Tadeln Sie mich?» fragte er. Ich glaube, ich hab' gelächelt; aber meine Lippen bewegten sich nur, ohne dass ein Wort herauskam. Und in sein Gesicht trat ein schmerzlicher Ausdruck. «Irgendwo anders — und ein anderes Mal,» sagte er fast flüsternd. «Weiss Gott, wie. Aber Sie werden sich Monty Cranchs erinnern. So bald sollen Sie ihn nicht vergessen, Kleine!» Damit wandte er sich um und ging gerade wie ein Pfeil aus dem Saal hinaus; und was er gesagt hatte, war die Wahrheit — so wahr wie der Tod. Und wenn das alles auch schon viele Jahre her ist, so scheint mir jetzt, als hörte ich das Wasser vom Canale Grande draussen gegen das Gitter plätschern, und sähe den Wind über die Köpfe der Blumen wehen, dass sie sich darunter neigen. — All die Jahre aber hab' ich zu keiner lebenden Seele von dieser Begegnung gesprochen. Das Leben ging weiter so fort wie vorher. Mancherlei kam und verschwand wieder, aber das hat nichts mit dem zu tun, was uns jetzt bedroht. Mrs. Welstoke kam schliesslich mit mir nach Amerika, und hier war's aus mit dem Glück. Hinter den Szenen der kleinen Lebensdramen, die jeder von uns erfährt, steckt meist irgend ein boshafter Witz. So einer war's, dass die alte Dame, die ihre Hand auf so viele krumme Gelenke oder geschwollene Ellbogen gelegt hat, über Schmerzen im Daumengelenk zu klagen begann, die sich im Laufe eines halben Jahres zu einem richtigen Rheumatismus, der sie im ganzen Körper plagte, ausgewachsen hatten. Jetzt hatte sie keinen Sinn mehr für Skandale und Erpressungen, sondern lag da in ihrem Bett und zeigte ihre wahre Natur, indem sie auf ihre Schmerzen fluchte sowie auf ihre Verluste durch die Börse und durch Rennwetten. Am Ende fiel sie, die Tausende beschwindelt hatte, einem schlauen, braunen Kerl in die Hände, der sich für einen Indischen Yogi ausgab und sie mit billigem Weihrauch, den er in einem Messingkessel verbrannte und einem Gebetbuch «Worte des Harmonischen Gleichgewichtes» kurieren wollte. «Du bist alles, was ich noch habe,» pflegte sie zu mir zu sagen, als die Schubfächer alle leer waren. «Was du auch immer vornehmen magst, nur heirate nicht, mein Kind,» predigte sie. «Die Männer sind alle egal, die Bande! Einige von ihnen werden mürbe und klapprig, kaum dass man sie heiratet, und andere kriegen Fettbäuche. Da hat man die AUTOMOBIL-REVUE 1930 — rti Wahl zwischen diesen zwei Beleidigungen des guten Geschmacks.» Die alte Füchsin verschwendete unnütze Worte; denn ich dachte weniger denn je an die Männer. Ich brauchte ja nur die Augen zuzumachen, um den einen zu sehen, und wenn's auch schon 'ne ganze Weile her war, so sah ich ihn deutlich genug, genau so, wie er damals in halbem Schrecken vor mir gestanden hatte in den «Trois Folies». Das Bild änderte sich nie; und ich glaubte, er würde immer so aussehen. Ausserdem wollte ich der alten Frau treu bleiben. Ich gab mir alle Mühe, unsere Patienten festzuhalten, aber auf die Dauer ging's nicht, da Madame selbst nicht mehr zu sehen war. Ich habe nie gewusst, wie man sich das Vertrauen von Menschen gewinnt. Schliesslich was das # einzige, worauf noch zu rechnen war, eine Art von Schminke, die die alte Frau erfunden hatte. Anfangs freilich wollte sie sich nicht einführen, aber nachdem ich mir die Füsse wund gelaufen hatte, um die Sache bekannt zu machen, brachte sie uns gerade so viel ein, dass wir kärglich leben konnten, und ich dachte, sie würde mich mal vor dem Hungern schützen, wenn die Alte nicht mehr da war. , Der Tag kam denn auch, wo der Leichenbestatter schwarz und lauernd herumstrich im Haus; und als alles vorüber war, da fand ich, dass die Alte sich heimlich mit einem Schönheitsinstitut zusammengetan und ihm alles, was ihr gehörte, auch die Schminke, überlassen hatte. Das Geld, was sie dafür bekam, hatte sie beim Derby dann verloren. Ich erfuhr von der Pensionsbesitzerin, -dass ihre letzten Worte gewesen wären: «Jetzt bin ich wirklich ganz ausgeplündert.» So hat sie geendet. 2. Das Haus am Fluss Es gibt Zeiten, wo einem das Gemüt krank und wund und müde ist, wie ein zerschlagener Körper, und wo es Ausschau hält nach einem Plätzchen zum Ausruhen. Es sehnt sich nach einer Zuflucht, wo es fühlen kann, wie sein zerschlagenes Ich in einen langen Schlaf verfällt. Nie vergess' ich, wie mürb meine Seele damals war. Mürb von all der Verlogenheit und Selbstsucht und all den früheren Erlebnissen, von all den grossen Städten mit ihren Menschenschwärmen und von der Erinnerung an unsere elegante Wohnung in Paris mit ihrem matten Brokat vor den Fenstern und auf den Polstern. Angewidert durch die schmutzige Umgebung in der billigen New Yorker Pension, in der Mrs. Welstoke von ihrem Rheumatismus zu Tode geplagt worden war, und wo die Tapeten von den Wänden fielen. Ich hab' die Manieren und das Getue der vornehmen Leute nie recht vertragen, und oft genug hab' ich mir gewünscht, wieder mit Menschen wie meines Vater Verwandtschaft zusammenzuleben, die sich nicht um Küchengeruch scherte und denen es nicht darauf ankam« mal 'ne Nacht auf 'ner harten Bank zu schlafen, und die sich nicht so viele Flausen vormachen. Darum wurde mir's nicht so säuert wie ich jetzt sah, dass mir nichts übrig blieb, als mich nach irgend 'ner Arbeit in der Welt umzutun. Mein Spiegel sagte mir, dass das bequeme Leben, das ich zuerst geführt, und dann all die Sorge und die viele Lauferei, die an der Tagesordnung waren, meinen Körper schwerfällig und mein Gesicht alt und müde gemacht hatten. Meine Jugend war fort. Verschwunden mit Mrs. Welstoke. Und um beide war mir's nicht sonderlich leid. Die Zeiten waren damals gerade sehr schlecht, und es wollt' mir nicht gelingen, irgendwo als Hausdame in einem Hotel, oder bei einer Putzmacherin, oder als Empfangsdame bei einem Arzt unterzukommen. Für jede offene Stelle — und viele gab's davon nicht — war schon immer ein ganzes Heer von Weibern da, mit ihrem Schöntun und Lächeln und ihren Zeugnissen in weissen Umschlagen, die sie mit aller Mühe sauber zu erhalten suchten bei all den Vorstellungen. Ich hatte natürlich keinerlei Zeugnis vorzuweisen, und von meinen praktischen Erfahrungen zu reden, hätte mir verdammt wenig genützt. Nebenbei ist mir's nachher oft durch den Sinn gegangen, dass ich die Art, mich zu schminken und meine Haare aufzustecken, wie ich's bei Madame Welstoke gelernt, wohl übertrieben hatte. Die meisten Frauen übertreiben diese Dinge mit der Zeit. Besonders wenn sie so über die Fünfunddreissig kommen und fürchten, dass sie ihr gutes Aussehen ^ verlieren, weil die Haut welk und matt und verschrumpelt wird. Na, jedenfalls hat mir's beim Stellungsuchen nicht genützt. Sechs Wochen vergingen, und ich hatte noch immer keine Beschäftigung gefunden, trotzdem ich in der Hitze weiss Gott wie viel gelaufen bin, um das Fahrgeld zu sparen. (Fortsetzung folgt.) DIE MARKE DER WELTREKORDE CHIRON AUF BUGATTI BESTE TAGESZEIT UND NEUER REKORD NINA-RENNEN SPORTWAGEN: TOUREN WAGEN Dr. KARRER AUF BUGATTI VOLKART AUF BUGATTI, KAT. 1,5 LT. LEUTENEGGER AUF MARTINI, KAT. 5 LT. Die grösste ZUVERLÄSSIGKEITSPRÜFUNG 27 TAGE IN DER LUFT „GREATER-ST. LOUIS' NEUER KLASSENREKORD motor-LaslwaijgnnileinVertretung! Erstklassige Lastwagen-Fabrik, deren Fahrzeuge hier bereits eingeführt sind, kündigt ein neues Modell an: 2 Tonnen Tragkraft 17 Steuer-PS 4-Radbremsen 3,85 m Radstand för Ladefläche bis 3,20 m Chassis-Gewicht ca. 1400 kg zu sehr populärem Preise. Offerten von kapitalkräftigen Interessenten unter Chiffre Z 1741 an die Automobil-Revue, Zürich. Fournitures en gros ponr Automobiles Maison 8peciale ponr Joint« m&alloplastiquei E. KUPFERSCHMID BERNE Erlachstrasse 7 Telephone Bollwerk 40.64 Warum gerade einen Opel-Kleinwagen werden Sie sich fragen — und doch — wenn Sie einmal dieses prächtige, schmukke Kleinauto gesehen haben, wissen Sie'sl Weil es über den Komfort und das Vornehme eines teuren Wagens verfügt und im Preise wie Betrieb billig ist. Das richtige Auto für ein junges Paar, eine kleine Familie (zwei Bücksitze), Reisende. 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