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E_1930_Zeitung_Nr.081

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Ausgabe: Deutsche Schweiz BERN, Freitag 26. September 1930 Nummer 20 Cts. 26. Jährgang. - N° 81 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Hattjährlleh Fr. 5.-, Jährlich Fr. 10.-. Im Ausland unter Porttouschlag, «oiern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Essteilung 30 REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung HI/414. Telephon Bollwerk 39.84 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Fragen des Tages Defizit bei den Bundesbahnen? Die sich am wirtschaftlichen Himmel zusammenballenden Wolken werfen natürlich auch ihre Schatten auf die Bundesbahnen, hängen doch Wirtschaft und Verkehr aufs engste zusammen und sind vorab unsere Bahnen mit der wirtschaftlichen Konjunktur liiert. So können uns denn die zurückgehenden Einnahmen der Bundesbahnen nicht verwundern. Konnten sich beispielsweise im Monat August die Einnahmen aus dem Personenverkehr gegenüber dem gleichen Monat im Vorjahre ungefähr auf der gleichen Höhe halten, so sind diejenigen aus dem Gepäck-, Tier-, Güter- und Postverkehr um rund zwei Millionen Franken gesunken. Der Ueberschuss der Einnahmen beträgt somit noch 16,440,000 Fr. gegenüber 18,938,075 Fr. im August 1929. Dagegen ist das Total der Ausgaben im betreffenden Monat von 21,6 auf 22,2 Millionen Franken gestiegen. Vom 1. Januar bis zum 1. August 1930 betragen die Einnahmen 278,728,328 Fr. gegenüber 286,518,482 Fr. im Vorjahr. Der Rückgang der Einnahmen beläuft sich somit auf rund 8 Millionen Franken, wogegen die Ausgaben um rund 9 Millionen Fr gestiegen sind, d. h. von 175,169,226 Fr. auf 184,429,862 Fr. Bis Ende August ergibt sich ein Ausfall von 17 Millionen Fr. Da damit zu rechnen ist, dass sich die allgemeine Wirtschaftsstagnation auch in den nächsten Monaten noch auswirken wird, muss für das Jahr 1930 eventuell mit einem Defizit gerechnet werden. Die Tatsache ist ausserordentlich bedauerlich. Ernste Fragen werden gewiss an die Direktion der Schweizerischen Bundesbahnen, aber auch an unsere Bundesversammlung herantreten. Es geht natürlich nicht an, diesen Einnahmenausfall ausschliesslich der Abwanderung hochtarifierter Güter auf die Strasse zuzuschieben, wie sich dies gewöhnlich verschiedene Presseagenturen zur Gewohnheit gemacht haben. Die neueste Statistik beweist ja, dass die Motorlastwagen in den letzten Jahren nicht bedeutend zugenommen haben und dass die Sesa mit Erfolg arbeitete. So schrecklich kann es deshalb mit der sogenannten Abwanderung nicht sein. Wirtschaftliche Krisen können das eine Gute haben: sie können unsern Politikern und Wirtschaftlern die Augen öffnen und auf Fehler in der Organisation oder im Aufbau der Wirtschaft aufmerksam machen. Es wäre nun auch falsch, bei diesem Anlasse die F E U I L L E T O N Die blaue Wand Von Richard Washbum Child. Autorisierte Uebersetzun* ans dem Amerikanischen von Ilse Landau. (EngeLhorns Romanbibliothek.) (36. Fortsetzung) « Haben Sie das da gesehen? » sagte ich. « Was denn?» gab er zurück. «Wie ist sie hierhergekommen? Haben Sie sie heruntergebracht? » «Das ist nicht Julianna,» sagte ich, «ihm gehört's.» « Sein Kind! » rief der Richter. « Das Kind dieses Mannes!! » Ich nickte wortlos, denn in diesem Augenblick drehte sich Monty herum, und richtete sich, auf den Ellbogen gestützt, auf. Zuerst blickte er den Richter an, und dann sah ich, wie seine Augen sich auf mich richteten. Ich fühlte es wie tausend Nadelstiche in meinem Rückgrat. Ob er mich erkennt? dachte ich. Er sah mich wieder mit jenem erstaunten Blick an, demselben Blick von damals, wie mir schien — aber er rieb sich nur mit der einen Hand den Nacken, richtete sich mühsam auf, nahm in dem grossen Stuhl Platz Schweizerischen Bundesbahnen einfach auf die Anklagebank setzen zu wollen. Sie erfüllen ihre Pflicht und sind — allerdings grösstenteils unter dem Drucke der Autokonkurrenz — was Fahrplan anbelangt, den Wünschen unseres Volkes in weitgehendstem Masse entgegengekommen- In vielen Beziehungen vielleicht nur zu weit. Vergleicht man die Zugsdichtigkeit der Schweiz mit derjenigen anderer Länder, so wird man sofort inne, das wir uns jedenfalls punkto Fahrgelegenheit und Verbindungsmöglichkeiten nicht zu beklagen haben. Sofern die Bundesbahnen ein geschäftliches Unternehmen sein wollen — und dies müssen sie, wollen sie nicht unserm Staat zur Last fallen — so werden gewisse Hefte in bezug auf Anschaffung von Material, auf Bauten, auf Besoldungen usw. revidiert werden..müssen. Einmal wird es vielleicht auch dazu kommen, dass die verantwortlichen Behörden der Bundesbahnen 'allein zu entscheiden haben und nicht mehr dem politischen Einfluss der Bundesversammlung ausgesetzt sein werden. Dann dürfte es allerdings mit manchem besser kommen. Dagegen ist eines sicher: der Automobilstrassenverkehr lässt sich nicht mehr unterbinden, er entspricht dem wirtschaftlichen Bedürfnis unserer Zeit, seine Vorteile sind für viele Betriebe derart gross, dass sie sich nicht mehr einzig auf die Eisenbahn verlegen können. Damit müssen sich die Bahnen abfinden. Sie können dabei nur einen Vorteil vor Augen haben: so wirtschaftlich zu arbeiten, als dies in den ihnen vom Bunde und Gewerkschaften angelegten Fesseln möglich ist. Eine berechtigte Motion. Sie wurde dem bernischen Grossen Rate gestellt, und zwar von einem Manne, dessen Vater für den Bau der Lötschbergbahn die grössten Verdienste erworben hat. Grossrat Bühler, in Frutigen, lädt den Regierungsrat ein, die Frage zu prüfen, wie der Ausbau der Strassen im Kanton Bern, namentlich zur und bemühte sich, dem Richter ins Gesicht zu sehen. Er versuchte dem Blick standzuhalten, der fest auf ihn gerichtet war; aber er vermochte es nicht. So sahen die beiden einander an — der eine ein Gestfandeter, ein Mörder; der andere rein wie Gold. Der eine, beugte seinen Kopf mit dem dichten Haarschopf, der andere blickte auf ihn herab, stumm und in tiefem Mitleid. « So, jetzt bin ich wieder nüchtern,» sagte Cranch nach einer ganzen Weile. «Ich weiss ganz genau, was Sie denken. Ich weiss alles. Ich weiss alles.» « Das war nicht menschlich gehandelt von Ihnen,» sagte der Richter leise. Gibt es Worte, die wie ein Zauber wirken? Ich weiss es nicht. Aber jene Worte brachten ein Wunder hervor. Es war gerade, als ob in einem Augenblick der Monty Cranch, den ich so lange wie einen Schatz in meinem Herzen gehegt hatte, alles von sich würfe, worin er, wie die Muschel in ihrer Schale, gesteckt hatte, — den Mörder, den Trunkenbold, den Wüstling, alles, was diesen elenden, verbrauchten Körper wie mit tausend Fäden umschlungen hatte. Und nun plötzlich kam sein Selbst wieder an die Oberfläche, wie ein Ertrinkender, der um sein Leben kämpft. I «Nicht menschlich?» sagte er, und seine iStimme wurde heller. «Nicht menschlich? Förderung der Fremdenindustrie und des Fremdenverkehrs), wirksam beschleunigt werden könne. Es erübrigt sich, auf den Inhalt der Motion in der « A-R.» heute schon näher einzugehen. Für uns liegt das Wesentliche darin, dass die Motion überhaupt und im Sinne des Ausbaus der Strassen gestellt wurde. Sie beweist, dass auch in den führenden politischen Kreisen man einem gut unterhaltenen Strassennetz grössere Aufmerksamkeit zu schenken beginnt und dass man sich der Einsicht nicht verschliessen kann, wie eng unsere Fremdenindustrie mit unseren Verkehrsmöglichkeiten im Zusammenhang steht. Wir sind auf die Antwort der Regierung gespannt und hoffen zuversichtlich, dass sie in einem positiven Sinne ausfallen wird. D Exemplarische Bestrafung eines Strolchenfahrers. Es gibt offenbar eine grosse Anzahl von jungen (und hie und da auch nicht mehr ganz jungen) Burschen, die dem Vergnügen einer Autofahrt einfach nicht widerstehen können, hauptsächlich wenn sich Gelegenheit bietet, sie unerlaubterweise auf einem fremden Auto auszuführen. Vielleicht ist es doch weniger der Reiz der Gefahr, der sie betört, als das Bewusstsein — es wird sich in diesen Kreisen wohl herumgesprochen haben—, dass der Tatbestand strafrechtlich nicht ganz leicht zu fassen ist. Da der Missbrauch einer fremden Sache nach den geltenden Strafgesetzbüchern kein Delikt ist, so blieb den Gerichten nichts anderes übrig, als die Strolchenfahrten als Benzindiebstahl zu bestrafen. Dass dies nicht eine ideale Lösung war und es überaus zu begrüssen ist, dass der soeben herausgekommene Departementsentwurf zum Bundesgesetz über den Motorfahrzeug- und Fahrradverkehr für Strolchenfährten, einen besonderen Straftatbestand vorsieht, zeigt das etwas groteske «nichtsdestotrotz», wahrscheinlich sehr heilsam wirkende Urteil eines Basler Gerichtes. Zwei junge Hilfsarbeiter hatten vor einiger Zeit, in einer schönen Samstag/Sonntagnacht, in der Dornacherstrasse in Basel eine Garage gewaltsam aufgerissen, das Auto herausgeholt und damit eine Strolchenfahrt unternommen. Ein paar Stunden später, noch am frühen Morgen, brachten sie den Wagen zurück, überzeugt, dass der Besitzer von der ganzen Sache überhaupt noch nichts gemerkt habe. Ihre Ueberraschung muss ebenso gross als peinlich gewesen sein, als sie vor der Garage von Polizisten in Empfang genommen wurden. Der Besitzer hatte nämlich gerade ausgerechnet an diesem Sonntagmorgen um die etwas unkonventionelle Zeit von drei Uhr morgens zu einem Picknick aufbrechen wollen und als er das Auto nicht mehr vorfand, sofort die Polizei benachrichtigt. Der Hauptsünder, der den Wagen geführt hatte, der auch auf die unglückliche Idee gekommen war, weil er früher einmal beim Besitzer gearbeitet hatte und die Oert- Ich war nicht menschlich gewesen? Grosser Gott, das ist ja unser aller Fluch — eben dass wir so menschlich sind! Geboren werden, heisst Mensch sein. Mensch sein heisst, Blut und Knochen und Gehirn haben, die wir uns .aber selber nicht mächen oder aussuchen können. Mensch sein heisst, der Sohn eines anderen sein, ohne unseren Willen. Mensch sein heisst, das Gestern unseres Blutes sein und gezeichnet von hundert Gestern und beladen mit den Gebrechen derer, die vor uns waren!» Er sprang auf, seine Augen waren blutunterlaufen. « Bin ich verantwortlich für das, was ich bin?» brüllte er. «Ist's irgend einer von uns?» Der Richter machte ein erschrecktes Gesicht, wie mir schien. «Blut ist Blut,» schrie Monty, und die Adern auf seiner Stirn traten heraus. « Deshalb hab' ich ja das Kind hiehergebracht. Ich wollte es töten. Blut ist Blut. Meines ist in dem Fleisch und Blut da — es ist ein Stück von mir, und ich bin mein Vater, wie er sein Vater war, da gibt's kein Entrinnen! Verstehen Sie mich? Ich wollte die Kleine töten, weil ich sie lieb hatte! — Ich hatte sie lieb, ich hatte sie lieb! » Er sank in den Stuhl zurück, bedeckte das INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile odef deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 CU. Grössere Inserate nach Seitentarit. Inseratenschluss 4 Tage vor Erscheinen der Kammern Ueber die Obligatorische Haftpflichtversicherung Im Entwurf zum Verkehrsgesetz berichten wir auf Seite 2. lichkeiten genau kannte, überdies schon: verschiedene Male wegen Strolchenfahrten bestraft worden war, wurde zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt, sein Begleiter zu drei Wochen. Delikt: Schwerer Diebstahl von Benzin und Oel im Betrage von ein Franken vierundzwanzig Rappen-! -l. Benzinzollgelder für Fusswege? Eine Motion im Zürcher Kantonsrat. In der Montagsitzung des Zürcher Kantonsrates hat Stadtrat Büchi, Winterthuc, folgende Motion begründet: « Der Regierungsrat wird eingeladen, die Frage zu prüfen, ob nicht aus den Einnahmen für die Verkehrsbewilligungen der Motorfahrzeuge und dem Anteil aus dem Benzinzoll ein Teil zu verwenden sei für die Erstellung von Fusswegen, welche Städte und Ortschaften auf unabhängigem, staub- und gefahrlosem Wege miteinander verbinden.» Büchi erklärte, dass der Anreiz zu dieser Motion aus seinen Beobachtungen über den heutigen Strassenverkehr hervorgegangen sei. Wohl habe das Motorfahrzeug ein AnTecht auf die Strasse erworben, aber doch nicht das ganze Anrecht auf sie. Wenn man die Zunahme der Motorfahrzeuge bedenke, könne zwar von der Zunahme der relativen Sicherheit des Fussgängers gesprochen werden ; aber im Verhältnis zu den Strassenlängen sei dieselbe noch sehr gering- Ganz besonders wichtig ist ihm aber, dass. die Schweiz in der ganzen Welt Reklame für die Schönheiten ihres Landes macht und daher eine Menge ausländischer Motorfahrzeuge, gegen 130,000 pro Jahr, unsere Strassen beleben. Wer die Verhältnisse etwas genauer studiere, komme zur Ueberzeugung, dass heute die Familien viel mehr zu Fuss ihre Sonntagsausflüge machen als etwa vor 20 Jahren; es ist direkt Mode geworden, wieder «en famille > über Land zu pilgern. Das hat aber zur Folge, dass die Inansprnch-; nähme der freien Streifen zu beiden Seiten der Autostrassen viel grösser geworden ist. Man muss mit Beängstigung wahrnehmen, wie sich da die vielen Fahrzeuge zwischen den Fussgängern durchwinden, stetige Signale von sich gebend und damit den Passanten bald von vorn, bald von rückwärts beängstigend... Um solchem Wirrwarr zu entgehen, schlägt der Fussgänger mit Vorliebe einen Feld- Gesicht mit den Händen und weinte wie ein Kind. Ich sah den Richter an; er stand da wie ein Standbild aus Erz. Er zuckte nicht mit den Augen. Ich sah ihn nicht atmen. Er schien ganz leblos, und er machte mir Angst, und das Kind machte mir Angst, weil es während der ganzen Zeit so ruhig, so unschuldsvoll schlief — das stille, kleine Ding. « Ja, "Chalmers,» sagte der Richter endlich, « was wollen Sie nun anfangen? Sie gehen Ihrer Wege! Gedenken Sie Ihre Tochter hier bei uns zu lassen? » Monty hatte den Kopf so gebeugt, dass man sein Gesicht nicht erkennen konnte. Aber ich sah ihn zusammenschauern, als ob des Richters Worte wie ein eiskalter Windstoss über ihn hingefegt wären. «Ich gehe nach Idaho,» sagte er. « Noch heute Nacht. Ich muss das Baby zurücklassen. Sie werden das verstehen. Geben Sie's in ein Waisenhaus und lassen Sie die Menschen da nicht wissen, wer sein Vater war. Eines Tages wird mein Blut ja zu ihr sprechen, Herr Richter; aber die Hälfte meines Unglücks war, zu wissen, was ich war.» « Durch Vererbung? » fragte der Richter. « Durch Vererbung, » bestätigte Monty. «Sie lieben die Kleine?» flüsterte der Richter.