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E_1930_Zeitung_Nr.084

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Ausgabe: Deutsche Schweiz BERN. Dienstag 7. Oktober 1930 Nummer 20 Cts. 26. Jährgang. — N° 84 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.—, jahrlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portoausehlag, solera nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung III/414. Telephon Bollwerk 39.84 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Warum und wofür haftet der Automobilist? Wenn man einen Rechtssatz beurteilt oder kritisiert, so macht man meist den Fehler, sich zu sehr von den unmittelbaren Vorteilen oder Nachteilen, die er bringt, beeinflussen zu lassen. Man ist sich im allgemeinen viel zu wenig klar, was eine rechtliche Vorschrift ist: Ein Einzelglied einer grossen komplizierten Maschinerie, die das Gemeinschaftsleben unter bestimmte Regeln stellt und schliesslich auf den ganzen Reichtum der Erscheinungen, die unsere zivilisierte Welt aufzuweisen hat, einen gewissen Einfluss ausübt. Es ist deshalb ganz falsch, die einzelnen Bestimmungen an sich beurteilen zu wollen. Ein Rechtssatz ist noch lange nicht deshalb zu verwerfen, weil er eine unglückliche Wirkung auf die Bilanz des nächsten Jahres hat, und er ist noch lange nicht begrüssenswert, wenn gewisse Vorteile mit ihm verbunden sind. Die Rechtsordnung, die Gesamtheit aller Normen, verkörpert eine gewisse Idee, eine gewisse Auffassung aller Dinge und Werte dieses Lebens, und jede einzelne der Bestimmungen ist geeignet, diese Grundidee in eine andere Richtung zu leiten, sie auszuprägen oder sie zu verfälschen und deshalb einen Einfluss auf ganz andere Teile der Rechtsordnung auszuüben. Erst wenn man begriffen hat, welche grossen Richtlinien eine einzelne Bestimmung verfolgt und welche Rolle sie im Zusammenhang mit ganz anderen Gebieten der Rechtssetzung und der Rechtssprechung spielt, ist man imstande, zu ihr Stellung zu nehmen. Die Krisis, die der Liberalismus und die Demokratie zum Teil heute durchmachen, hat nicht zuletzt ihren Grund darin, dass die einzelnen Interessengruppen die ausgesprochene Neigung haben, sich bei allen Fragen des Gemeinschaftslebens von kurzsichtigen Erwägungen statt von einer leitenden Idee beherrschen zu lassen. Der Entwurf zum neuen Automobilgesetz (wie das Bundesgesetz über den Motorfahrzeug- und Fahrradverkehr meistens genannt wird) sieht eine viel weitergehende Haftpflicht des Automobilisten vor, als wir sie bisher hatten. Es ist eine ganz natürliche Reaktion, dass der Automobilist im ersten Momente gegen diese Mehrbelastung eine ablehnende Einstellung einnimmt. Es ist ebenso natürlich und begreiflich, dass der Nichtautomobilist das Gefühl hat, er könne gegen die raschen Fahrzeuge, gegen die er vielleicht eine gewisse gefühlsmässige FEUILLETON Die blaue Wand Von Richard Washburn CMd. Autorisierte Uebersetznng ans dem Amerikanischen Ton läse Landau. (Engelhorns Romanbibliothek.) (39. Fortsetzung) «Stimmt, Herr Richter,» meinte ich. Ich hatte recht. Was es den Richter gekostet hat, das weiss ich nicht; aber, dass die Lüge, die er aus Liebe auf sich genommen, von der schlanken Frau, deren einzige Schönheit in ihren leuchtenden Augen lag, nie entdeckt worden ist, das weiss ich sicher. Die Jahre, die sie noch zu leben hatte — wir waren inzwischen in die Stadt übergesiedelt, wo der Richter sein neues Amt antrat — waren überaus glückliche für sie. Freilich, ungewöhnlich genug war die treue Fürsorge, mit der er sie umgab. Ungewöhnlich auch war die Anmut und Schönheit des Mädchens, das neben ihr aufwuchs und sie «Mutter» nannte. In der ganzen Zeit hat er nie ein Wort von dem zu mir gesprochen, wovon nur er und ich wusste. Und ich habe mir oft vorgestellt, wie stark sein Glaube an die menschliche Güte sein musste — stark und unwandelbar und edel —, wenn er einer Dienerin so viel Schluss (siehe auch No. 82) Abneigung hat (der sehr oft auch ein wenig Neid zugrunde liegt) und die auf seinen friedlichen und harmlosen Spaziergängen seinen Pfad kreuzen, überhaupt nicht genug geschützt werden. Und beide werden zuerst das Gefühl haben, dass sie in der Frage der Haftpflicht für die durch Automobile verursachten Schäden geschworene Feinde sind. Sobald sie aber nicht mehr an die unmittelbaren Folgen einer solchen neuen Regelung denken, sondern die Automobilhaftpflicht als Ausfluss einer auf dem ganzen Gebiete des Schadenersatzrechtes sich geltend machenden Idee auffassen, so werden sie die Sache von einer ganz anderen Seite anschauen. Wir haben schon in einer früheren Nummer dargelegt, welches der leitende Gedanke der schärferen Haftpflicht ist: Jedermann soll das Risiko seiner eigenen Handlung tragen, wenigstens wenn diese eine Gefährdung mit sich bringt, die über das alltägliche Mass, dem jeder von seiten des andern gleichniässig ausgesetzt ist, hinausgeht. «Wer in seinem Interesse aktiv wird, soll den Schaden seines Vorteils auf sich nehmen, als Risikoprämie seiner Gewinnchance, als Passivum seiner Wirtschaft», wie sich ein bekannter Jurist (A. Merkel) einmal ausgedrückt hat. Es liegt nun im Wesen unserer heutigen,. auf hoher Kooperationsstaffel stehenden" Wirtschaftsordnung (weitestgehende Arbeitsteilung und ausgedehntester Tauschverkehr), dass beinahe alle Tätigkeit nicht bloss dem Interesse des unmittelbar Handelnden, sondern dem Interesse einer unübersehbaren Anzahl von Menschen (Produzenten, Konsumenten, Vermittler usw.) dient. So liegt auch der Automobübetrieb nicht nur im Interesse des Automobilbesitzers, sondern im Interesse einer riesigen, unkontrollierbaren anonymen Masse. Bei Last- und Lieferungswagen, beim Wagen, mit dem der Reisende seine Kunden aufsucht, ja selbst beim Wagen, mit dem der Herr Generaldirektor von einer Verwaltungsratssitzung zu einer Ausschusskonferenz fährt, liegt das eigentlich auf der Hand. Aber selbst, was auf den ersten Blick weniger plausibel erscheinen mag, bei Fahrern, die aus reiner Leidenschaft über die asphaltierten Strassen rollen, sind diese nicht die einzigen, die an dieser Art Automobilbetrieb ein Interesse haben. Der Be- (Schluss siebe Seite 2) Vertrauen bewies, wie er mir durch sein Schweigen zu beweisen schien. Seit jener Zeit bin ich überzeugt, dass kein Mensch und kein Tier auf die Dauer schlecht sein kann, wenn stets der unwiderstehliche Einfluss von Güte und Vertrauen auf sie einwirkt. Denn all die Lust an krummen, unwahren Wegen, die ich von der Natur meiner Mutter geerbt und in der Mrs. Welstoke mich noch bestärkt hatte, wurde Stück um Stück aus meiner Seele verdrängt dadurch, dass der Richter mir vertraute und mich für eine gute und ehrenhafte Person hielt. Lange, bevor ich Julianna so lieb gewonnen hatte, wusste ich, dass ich niemals meine Kenntnis jenes Geheimnisses ausnützen würde, um von dem Richter Geld zu erpressen: Ich wusste, dass ich immer nur tiefstes Mitleid empfinden würde um all seiner Sorge vor der Zukunft willen, unter der er genug leiden mochte. Ich wusste recht gut, dass das Blut des Kindes ihm angst machte. Es gibt kein Kind, das nicht von Zeit zu Zeit sich eigensinnig, ungezogen und unbändig zeigt; und wenn Julianna ihre unartigen Tage hatte, da pflegte der Richter sie zu beobachten, als erwarte er, dass sie sich plötzlich in eine Schlange verwandeln müsste, wie die Prinzessin im Märchen. Ja, mehr noch, tagelang konnte er dann stumm und versonnen einhergehen; und wenn er sich unbeobachtet glaubte, sass er da, das Paris, den 3. Oktober 1930. Paris beherbergt zur Zeit nicht weniger als drei internationale Ausstellungen. Neben dem Salon werben gleichzeitig eine Radio- sowie eine nautische Ausstellung um die Aufmerksamkeit des französischen und mondänen Publikums. Das tut aber dem Automobilsalon wenig Abbruch, denn nach wie vor steht er im Mittelpunkt des Interesses. Der erste Tag hat zwar noch nicht die grossen Massen gebracht, wie sie das Grand Palais gewöhnt ist, aber der Betrieb war schon sehr lebhaft und lässt erkennen, dass der 24. Salon seines Zeichens keineswegs hinter seinen Vorgängern zurückstehen wird, ja, dass trotz der weitherum sich geltend machenden wirtschaftlichen Stagnation die Aussichten keine geringeren sind, als im Vorjahre. Von den 107 eingeschriebenen Ausstellern von Personenwagen sind nicht alle zur grossen Schau erschienen. Ueberrascht hat vor allem der im letzten Augenblick erfolgte Rückzug von Opel und N. A. G. mit deren Beteiligung die deutsche Repräsentation fast vollständig gewesen wäre. Aber auch so gehören die deutschen Aussteller noch zu den imposantesten Auslandskontingenten. Nachdem die Berliner-Ausstellung, welche früher im Spätherbst abgehalten wurde, letztes Jahr schon ausfiel und diesmal auf den Frühling 1931 verschoben worden ist, hat die deutsche Autoindustrie eben nur durch den Pariser- Salon die Möglichkeit, einem internationalen Publikum seine Neuheiten für die kommende Saison rechtzeitig vorzustellen. Bei den amerikanischen Marken vermisst man vorab alle, welche zur Gruppe der General-Motors gehören. Es müssen ganz besondere Gründe dafür vorgelegen haben, dass die General- Motors trotz der seit mehreren Jahren bedeutenden Beteiligung der. amerikanischen Autoindustrie am hiesigen Salon, von einer Repräsentation abgesehen haben. Frankreich stellt natürlich nach wie vor das Hauptkontingent. Ein gutes halbes Hundert Fabriken sind vertreten. Aber es ist jammerschade für diese Zersplitterung der Kräfte. Die Franzosen haben aus der in der ausländischen Autoindustrie sich stetig mehr Geltung verschaffenden Konzentration zum Zwecke höchster Rationalisierung, scheinbar noch wenig gelernt. Man will individuell, per- Gesicht in den Händen vergraben, und brütete angstvoll vor sich hin. Ich entdeckte auch, dass er versucht hatte, John Chalmer, ihren Vater, zurückzuverfolgen bis in die Zeit, da er noch seinen richtigen Namen getragen hatte; und es mag sein, dass er auch nach dessen Eltern und Grosseltern nachgeforscht hat, soweit ihm das möglich war. Ich weiss es daher, weil ich eines Tages seine Schreibtischfächer durchkramte — stöbern war von jeher meine schwache Seite! — und einen Brief von Mr. Roddy, dem Zeitungsreporter, den ich schon fast vergessen hatte, fand. Mr. Roddy sagte darin, dass er aus des Mörders Vorleben nichts habe in Erfahrung bringen können, was sich auf die Zeit vor seiner Anstellung in Bermuda bezog. Ich weiss, dass mir das Herz wor Freude schlug, denn ich konnte mir nicht denken, was es dem Richter genutzt hätte, etwas zu erfahren. Ausserdem sagte ich mir, dass er sowohl wie ich aus guten Gründen nur wünschen könnten, den Namen Cranch nicht durch seines Besitzers Missetaten und Leichtsinn beileckt zu sehen. Sie werden es vielleicht verwunderlich finden, dass Gedanken an Liebe — jene Liebe, die damals gekommen und gegangen war wie der Schatten eines vorüberfliegenden Vogels — noch im Herzen einer alternden Frau Platz hatten. Aber sie waren da, jeden Augenblick INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. GrSssere Inserate nach Seitentarif. Inseratenschluss 4 Tage vor Erseheinen der Nummern Pariser Auto-Salon (Von unserm bi-Berichterstatter) Zweiter Salontag sönlich bleiben. Aber vom nationalen Schaftsstandpunkt aus gesehen, sind all die Anstrengungen der Kleinen nur eine Vergeudung von Werten, die zusammengelegt, der französischen Industrie weit mehr zum Vorteil gereichen würden. Wir begegnen da immer wieder Marken, wie Benova, Claveau, Sima, Huascar und wie sie alle heissen mögen, von denen man im Ausland überhaupt nichts weiss, die aber selbst nicht einmal allen Franzosen bekannt sein dürften. Wegen der einige Dutzend Wagen betragenden Produktion lohnt sich ja kaum der Aufwand für den Salon und doch haben sich hier einige dieser Unternehmungen in einer Art und Weise für die Ausstellung vorbereitet und angestrengt, die sogar grosse Marken in den Schatten stellen könnte. So haben u. a. die Buccialli ihren Stand mit geradezu luxuriös ausgearbeiteten Demonstrationschassis und Chassisteilen bedacht. Aber bei Besichtigung des Wagens kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, dass hier das Resultat die Kosten nicht wert sein wird. Eine bemerkenswerte Tendenz wird immerhin durch diese Kleinproduzenten in den Automobilsalon hineingetragen. Es ist die Rückkehr zur Einfachheit, das Streben nach dem billigen Volkswagen. In dieser Richtung hat Huascar den Vogel abgeschossen, das einen Wagen mit Zweitaktmotor baut, der als ganz gefälliger Zweiplätzer karossiert, nur auf etwa 1800 Franken Schweizerwährung zu stehen kommt. Dass diese Wägelchen etwas zu leisten im Stande sind, haben sie am diesjährigen Bol d'Or Rennen bewiesen, wo eines derselben an die 1600 km in 24 Stunden fast ununterbrochener Fahrt zurücklegte. Auch noch andere Märken zeigen denkbar einfache Konstruktionen, die aber immerhin alles Wesentliche aufweisen, was man heute von einem Automobil verlangt. Der Volkswagen par excellence wäre also in Frankreich vorhanden. Wenigstens was den Preis anbelangt. Ob nun diese Marken zur Automobilisierung der bescheideneren Volksschichten Anlass geben, wird das kommende Jahr zeigen. Wie den Berichten unseres technischen Korrespondenten zu entnehmen ist, zeigt der diesjährige Salon nichts Sensationelles. Man erwartet zwar in dieser Richtung auch gar nichts, hat doch der Automobilbau so solide Bahnen eingeschlagen, dass Hazardeure hier keinen Platz mehr haben. Der Vorderradantrieb, der hauptsächlich mit dem letztjährigen Erschei- bereit, zum Vorschein zu kommen — wie eben jetzt, ebenso klar und deutlich wie jene Bilder von Juliannas Zukunft, die der Richter angstvoll vor seinen Augen vorüberziehen sah. Anfangs glaubte ich, der Richter sei in steter Furcht davor, dass durch irgend einen boshaften Zufall seine Frau die Wahrheit erfahren könnte. Je älter und schöner und liebenswerter, je zärtlicher die Kleine wurde und je schwächer und bleicher die getäuschte Frau, desto gefährlicher erschien mir die Lage. Vielleicht glaubte ich, dies sei die ganze Sorge des Richters, weil es meine eigene war. Ich hatte immer das Gefühl, dass die Entdeckung einmal kommen musste, und ich betete, dass Mrs. Colfax sie nicht mehr erleben möchte. Und so geschah es auch. Sie starb, als Julianna elf Jahre alt war. Das Kind trug damals lange Zöpfe, die den Neid der kleinen Meerjungfern erregt hätten; ihre Augen waren tief wie Seen kühlen Wassers, und ihre Gestalt begann die kindliche Ungelenkigkeit abzustreifen. Mrs. Colfax starb eines Tages mit einem leisen, zitternden Lächeln auf den Lippen, und der Richter umschlang sie mit seinen Armen und fiel dann vor ihr auf die Kniee. Sie sah bleich und elend, aber doch glücklich aus. (Fortsetzung im «Autler-Peierabend».)