Aufrufe
vor 8 Monaten

E_1930_Zeitung_Nr.093

E_1930_Zeitung_Nr.093

Ausgabe: Deutsche Schweiz BERN, Dienstag, 4. November 1930 Nummer 20 Cts. 26. Jahrgang. — N° 93 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag and Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.-, jahrlieh Fr. 10.— Im Ausland unter Portoanehlag, REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern •olern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 Rappen. Postcheck-Rechnung HI/414. Telephon Bollwerk 39.84 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Das Auto und die Fremdenindustrie Man weiss nicht recht wie es kommt, aber es ist eine feststehende Tatsache, dass gewisse Themata, die von einer Zeitung aufgegriffen werden, sich plötzlich epidemisch über die ganze Presse verbreiten, auch ohne dass die Artikel gegenseitig in direktem Zusammenhange zu stehen brauchen oder die Autoren von den andern überhaupt nur angeregt worden wären- In letzter Zeit häufen sich die Abhandlungen über den Einfluss, den die Entwicklung •des Automobils auf den Fremdenverkehr und die Hotelindustrie ausgeübt hat. Nicht nur in der bündnerischen Presse, wo die Frage durch den (in Nr. 86 der « A.-R. » behande!- j ten) Artikel des St. Moritzer Arztes Dr. Hoessli aufgerollt worden war, auch in den luzernischen, in den bernischen und namentlich auch in den tessinischen Blättern wurde plötzlich mehrfach die Ansicht geäussert dass der in den letzten Jahren in starkem Masse angewachsene Automobilverkehr nicht nur dem Hotelgewerbe die erhoffte Konjunktur nicht gebracht, sondern direkt schädigend auf die Fremdenindustrie gewirkt habe. Die Hoteliers, d. h. eigentlich bloss eine gewisse Klasse von Hoteliers, beklagen sich, dass von den rund 135,000 Automobilisten und Motorradfahrern, die jährlich in unser Land einfahren, nur ein kleiner Teil der Bevölkerung nennenswerte Einnahmen verschaffe. Die Mehrzahl der Motorwagentouristen habe sich angewöhnt, die Schönheiten unseres .Heimatlandes im Fluge zu gemessen und die Grenzen nach wenigen Tagen, wenn nicht Stunden, wieder zu überschreiten, ohne dass man selbst mit dem besten Willen sagen könnte, Sie hätten den Staub und den Lärm, den sie entwickelt und die Gefährdungen, die sie auf unseren Landstrassen heraufbeschworen haben, in Gold aufgewogen- Hingegen gebe es unter der Schar unserer alten Gäste viele, und immer mehr, die sich in ihrer Hoffnung, in unsern Bergen oder an unsern Seen ländliche Einsamkeit, Ruhe, Stille und Erholung zu finden, bitter getäuscht sehen und nach ihrer Heimkehr nicht verfehlen, in düsteren Bildern überall zu erzählen, was aus der Gegend, unter der man sich einst im Auslande stets einen grossen Kurgarten vorgestellt hat, geworden sei. Nicht nur in unserem Lande, auch ausserhalb unserer Grenzen führen die Hoteliers Klagen über den Einfluss des Autos. Die diesjährige Jubiläumsnummer der englischen Hotelrevue enthält einige Beiträge mit Betrachtungen über die mannigfaltigen Wandlungen, die die Hotelindustrie durchgemacht hat, seitdem diese Zeitung zum ersten Male — vor 21 Jahren — erschien. Was die Verwaltung eines Hotels heute besonders schwierig mache, meint einer der Mitarbeiter, sei, dass die Gäste nicht mehr, wie vor 21 Jahren, noch für ein, zwei Monate, womöglich mit Dienerschaft, Wagen und Pferd, Quartier beziehen, sondern mit Vorliebe gegen Abend im Auto ankommen, um am nächsten Morgen in aller Frühe, mit oder ohne Frühstück, auf der glatten Asphaltstrasse den Blicken des geplagten Hoteliers zu entschwinden. Am meisten scheint dem englischen Gastwirt an der Wandlung, die die Entwicklung, des Automobilverkehrs füf das Hotelleben mit sich gebracht hat, zu kränken, dass die Leute bei dieser Methode sich nicht einmal mehr die Mühe nehmen, dem Hotel die schuldige Ehre zu erweisen und den Smoking anzuziehen, sondern ruhig in ihren Sportkleidern zum Diner erscheinen, auf denen sich im Laufe des Tages der Staub von einigen 100 Kilometern niedergesetzt hat. Es wird niemand bestreiten können, dass das UebeThandnehmen des Automobils, wie übrigens fast alle Erfindungen der letzten Dezennien, manche Gebiete des menschlichen Lebens von Grund auf umgestaltet hat. Es mag auch richtig sein, dass für das Hotelgewerbe manche alte, gute Gewohnheit einer gleichmässigen Kundschaft damit verlorengegangen ist. Dass aber die Fremdenindustrie im allgemeinen durch die Entwicklung des Automobilverkehrs eine Einbusse erlitten habe, wird wohl kaum jemand im Ernste behaupten. Wenn auch die täglichen Reiserouten immer grösser werden, so dass eine grosse Anzahl von Automobilisten ganze Gegenden durchfahren, ohne dass sie für die Bevölkerung etwas abfallen Hessen, wenn auch die geräumigen modernen Fahrzeuge gestatten, einen guten Teil des Proviantes mit sich zu führen, wenn auch das Campieren im Freien im letzten Sommer zu einer beliebten Sensation des Grossstädters wurde, so werden doch diese Nachteile ganz sicher durch den dafür, viel stärkeren Zustrom von Fremden wettgemacht. Es heisst ganz einfach, sich hier, wie auf tausend anderen Gebieten der Wirtschaft und der Industrie, den neuen Verhältnissen anpassen- Es ist besser, sich gleich zu Beginn einer Entwicklung umzustellen, als nur seine Macht, wie sie die Hotellerie in der Schweiz darstellt, einzusetzen, um durch staatliche Interventionen Verhältnisse herbeizuführen, die für den Augenblick ganz angenehm und nützlich sein mögen, auf die Dauer aber bloss eine akute Krankheit in ein schleichendes Uebel verwandeln. # Gebrechen und Verkehrssicherheit Forderungen an den Motoriahrzeugführer. Es wurde in den letzten Jahren wiederholt aufmerksam gemacht auf die Gefahren, die dem Automobilfahrer —. auch dem vorsichtigsten, übrigens nicht nur ihm, sondern jedem Strassenbenützer überhaupt — drohen von Seiten anderer Fahrer oder Fussgänger, die nicht im Vollbesitz ihrer körperlichen und geistigen Fähigkeiten sind. Ein Beispiel dafür — es ist zugleich das des leichtsinnigsten Benehmens überhaupt — ist die Person des betrunkenen oder angeheiterten Strassenbenützers. Wie manchen kalten Schweissausbruch hat wohl schon der im Zickzackkurs über die Strasse schwankende Samstag- oder Sonntagabend-Trunkenbold dem Automobilfahrer verursacht? Noch tragischer, besonders in seinen möglichen Folgen, ist der Fall des betrunkenen Automobilführers, gar erst, wenn er nicht allein im Wagen sitzt! Aber auch als allleiniger Insasse kann er, wie das ja hie und da in den Tagesneuigkeiten unserer Presse zu lesen ist, für alle übrigen Strassenbenützer zu einer grossen Gefahr werden. Da gibt es nur eine Abhilfe (ob mit oder ohne Alkohol-Blutprobe): den Entzug der Fahrbewilligung. Solche Leute gehören nicht ans Lenkrad. Aber auch andere Gebrechen oder Krankheiten können durch eine plötzlich eintretende Störung des Allgemeinbefindens den Motorfahrzeugführer für seine Aufgabe sehr ungeeignet machen. Schon oft wurden Leute am Lenkrad vom Schlag getroffen oder von plötzlichem Unwohlsein befallen. Welche Gefahren bieten sie dann für die Passanten und für andere Fahrzeuge! Es wäre von diesem Gesichtspunkt aus sicher keine übertriebene Vorsichtsmassnahme, wenn sich jeder Führer eines Motorfahrzeuges vor der Erteilung der Fahrbewilligung über eine genügende körperliche resp. gesundheitliche Eignung dazu ausweisen müsste. Und zwar sollte eigentlich diese Beschränkung für INSERT1QNS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile od