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E_1930_Zeitung_Nr.096

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Ausgabe: Deutsche Schweiz BERN, Freitag, 14. November 1930 Nummer 20 Cts. 26. Jährgang. - N° 96 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag und Frettsg ' Monatlich „G«lb* Liste" HafbJIhrfleh Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portamsehlag, •otern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breltenralnstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung II1/414. Telephon Bollwerk 39.84 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Ausschnitte moderner Verkehrspolitik Vorgänge im Kanton Aargau Wir wählen diesmal als Ausschnitt aus der «Schweizerischen Verkehrspolitik», wenn wir die verschiedenen auf diesem Gebiete sich geltend machenden Strömungen unter diesen Sammelbegriff fassen dürfen, den Aargau. Dort gärt es in der letzten Zeit gewaltig. Die Lage ist insofern interessant, als diesmal die Regierung den Fortschritt Nun scheint aber der Aargau neben verschiedenen Strassenprojekten auch mit neuen Eisenbahnprojekten bedacht worden zu sein. Die Surbtalbahn hat viel Tinte und viele Reden gekostet. Heute taucht nun bereits ein neues Projekt, dasjenige der durchgehenden Suhrentalbahn, auf. Bereits Ende September richtete die Sursee-Triengen- Bahn an die interessierten luzernischen und aargauischen Gemeinden eine Eingabe, in der sie unter Hinweis auf die früheren Bestrebungen für eine durchgehende Suhrentalbahn heute nun die Verwirklichung dieses Projektes empfiehlt, und zwar im Anschluss an die gegenwärtig geplante Korrektion der aargauischen Suhrentalstrasse. Die Herren wissen prinzipiellen Bedeutung. Wir glauben nicht, dass der Suhrentalbahn ein besserer Stern als der Surbtalbahn leuchten wird. Es ist auch nicht nötig, dass die Jungen die Missetaten und Sünden der Väter nachmachen und sich wiederum auf Geleise festlegen, die auszureissen immer wieder schwer fällt. Auf jeden Fall sollte man im Zeitalter des Automobilismus sich darüber klar Rechenschaft abgeben, ob der Neu- INSERTIOXS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzelle ode» deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 CtJ. Grössere Inserate nach Seitentaril. Inserittenscbluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern oder Ausbau einer Eisenbahn sich verkehrspolitisch und volkswirtschaftlich noch rechtfertigen lässt. Auf alle Fälle scheint es emp-> fehlenswert, vor allem einmal den Autobus auszuprobieren. Sollte er wirklich nicht den Erwartungen entsprechen-, so sind die Wagen leicht wieder zu verkaufen oder anderweitig zu verwenden. Ist aber das Bahntrasse, die Bahnhofanlagen und was alles mit dem Bahnbetrieb zusammenhängt, erstellt, und das ebenso teure Rollmaterial zur Stelle, wird es immer wieder Jahrzehnte dauern, bis an einen Wechsel im System zu denken ist. Spiel der Kräfte auf dem internationalen Automobilmarkt verkörpert, die Herren Grossräte und ein Teil des Volkes, das seine Meinung besonders in den Zeitungen an den Tag legt und mehr das alte System verfechten. So stösst leider der Vorschlag der Regierung zum Umbau verschiedener Bahnstrassen im Aartau auf scharfe Opposition. Es ist dagegen höchst anerkennenswert, dass die aargauische Regierung überhaupt den Mut gefunden hat, die Frage aufzuwerfen, ob unter den er- III* von Triengen und Sursee möchten ihre Die europäische schen Gesamtabsatz waren demnach euro« Normalbahn bis Entfelden weiterführen, indem sie für die auf der anderen Talseite ge- päische Fabrikate mit nahezu 66%, amerikanische Automobile mit rund 34% beteiligt. örterten Verhältnissen die verschiedenen Automob illndustrle. Strassenbahnen nicht aufgegeben und der Wenn die amerikanische Automobilindustrie mit einem Weltproduktionsanteil von tanze Verkehr sich ohne Geleise auf der legenen Gemeinden einen Autokurs Triengen- Das Gesamtbild spricht somit nicht von einer amerikanischen Ueberfremdung. Aller- Strasse abwickeln solle. Anderseits muss Moosleerau vorschlagen und die schmalspurige Aarau-Schöftland-Bahn dem Ab- 89,2% im Jahre 1929 versuchte, ihre Produkte man auch der Regierung alles Lob spenden dings überwiegt in einer ganzen Reihe von in die ausländischen Märkte hineinzupumpen, Ländern das amerikanische Produkt gegenüber dem europäischen, zumeist in solchen dafür, dass sie es mit der Instandstellung bruch empfehlen und dafür Miese durch so ist dies selbstverständlich. Ebenso verständlich ist aber auch, wenn unter diesen Staaten, in denen sich amerikanische Mon-< verschiedener aargauischer Strassen ernst einen Autoverkehr Aarau-Oberentfeiden ersetzen möchten. Die Baukosten für die{Umständen sich die europäische Autoindu- tagefabriken befinden. An der Spitze der Ab- nimmt. Wir glauben, dass heute unser Volk So weit sein dürfte, einzusehen, dass bei Instandstellung der Strassenverbesserungen auf 2,1 Millionen Franken berechnet; für die bungen im Gange sind, die amerikanische Deutschland mit 38,000 Wagen, gefolgt von Bahnanlage und den Autoverkehr Werden strie bedroht fühlt und da und dort Bestresatzländer amerikanischer Automobile steht idie sie benützenden Bahnen einen angemessenen Beitrag zu leisten haben; denn schluss- ein Beitrag von 1 650 000 Fr. vorgesehen. Entwicklung des amerikanischen Aussenhan- 37,000 Autos. Tonangebend beherrschte die Beteiligung der Kantone und Gemeinden ist Konkurrenz abzubiegen. Wie die bisherige England mit einem Amerikakontingent vori endlich bilden diese die Ursache erheblicher Dieser Vorschlag hat natürlich die Geister dels unter dem neuen Zollgesetz gezeigt hat, amerikanische Automobilindustrie den Markt Mehrkosten, und wenn die Regierung die auf den Plan gerufen. Man spricht bereits kann sich selbst das reichste Land der Erde in Estland. Finnland, Griechenland, Lettland, Litauen, Dänemark, Niederlande, Nor-< löbliche Absicht trägt, gründliche Arbeit zu von einem Gegenprojekt, nämlich von einer nicht den Luxus leisten, das eigene Gebiet leisten und das Trasse so zu legen, dass es Verlängerung der Aarau-Schöftland-Bahn abzuriegeln und dessen ungeachtet seine wegen, Polen, Portugal, Rumänien, Spanien, den heutigen Anforderungen des Verkehrs nach Triengen. Man betont, dass der Aargan Ueberproduktion ins Ausland abzuschieben. Schweden, Türkei, Jugoslawien. In Belgien,. entspricht, so sollten sich weder Bahn noch kein Interesse besitze, das Suhrental den Im Zeichen dieser Gefahren vollzieht sich Deutschland und Ungarn halten sich die Absatzziffern europäischer und amerikanischer Pressevertreter renitent zeigen. Wenn auch Luzernern nahezubringen, und dass der Aargaü denn auch die gegenwärtige Entwicklung der die aargauische Regierung den verschiedenen für dieses Projekt kein Geld habe. Demgegenüber haben sich die verschiedenen Ge- kontinentalen und der britischen Automobilindustriereich, Italien, Grossbritannien, Oesterreich Automobile nahezu die Waage, nur in Frank- Strassenbahnen ein bisschen energischer auf 'die Hühneraugen getreten ist, schadet dies gar nichts. Hoffentlich dürfen sie dadurch meinden des Suhrentals mit ziemlichem 1929 betrug der gesamte Motorwagenabsatz und in der Tschechoslowakei ist der Absatz ireranlasst worden sein, sich mit den Anforderungen einer moderneren Zeit aus- Optimismus dem Projekt angenommen, das in Europa in den wichtigsten Staaten rund amerikanischer Automobile im Jahre 1929 besonders vom Aarauer Ing. Dr. Lüscher, 841,000 Autos, wovon auf den Anteil europäischer Erzeugnisse 423,000 Personen- und zurückgeblieben. weit hinter den europäischen Erzeugnisseneinanderzusetzen und sich gegen fortschrittliche Tendenzen nicht mehr zu sperren. Dr. Zimmerli warm befürwortet wird. Die 130,000 Lastwagen entfielen. Am europäi- a) Frankreich. als auch vom Luzerner Stadtpräsidenten ganze Angelegenheit entbehrt nicht einer ge- *) Siehe auch Nrn. 04 und 95. Unser westlicher Nachbar hat zur Abwehr FEUILLETON Die blaue Wand Von Richard Washbarn Chttd. Autorisierte Uebersetsung au« dem Amerikanischen Mo LU« Landau. (Enjrelhorns Romanbibliothek.) (öl. Fortsetzung) ' Wetm Ich sie sehen wollte, so durfte Ich s nur ganz unbemerkt tun, im Vorüberhuschen iwie ein Geist. Das alles ging mir durch den Sinn, während ich Stunde um Stunde auf der Bank im Park sass. Da kam ein kleines verlaufenes Hündchen — ein dürres, zittriges, verprügeltes Tier, aus dem hereinbrechenden Dunkel auf mich zugeschlichen und leckte mir die Hand. Es war die erste Zärtlichkeit, die ich in Jahren erfuhr. Mein ganzes Ich schrie danach. Ich nahm den Paria auf und wärmte seinen zitternden Körper in meinen Armen. Es war derselbe Hund, den ich zwei Jahre später, in dem alten Garten des Richters zugleich mit dem Medaillon zurückliess. Ich hatte mich dort eingeschlichen, denn mich verlangte danach, einen Blick durch das Fenster zu tun; weil ich hoffte, meine Tochter zu sehen, die so schön, so gut und liebreizend geworden war und die jetzt vielleicht bei der Lampe sass und nähte. Sie müssen nicht denken, dass ich sie überhaupt noch nicht gesehen hatte. Wenn ich auch während meiner Arbeitsstunden mit der Handhabung des Automaten im alten Museum vollauf beschäftigt war, so verbrachte ich doch meine ganze freie Zeit damit, die Nähe meines Kindes aufzusuchen. Ihr Anblick allein war Labsal für mein hungerndes Herz. Oft und oft bin ich in einiger Entfernung hinter ihr her gehumpelt, wenn nie durch die Strassen ging. Spät abends schlich ich um das Haus und schickte ungesehene Liebkosungen zu einem beleuchteten Fenster hinauf. Als ich einmal einen Doktorwagen vor der Tür stehen sah, da stand mir fast das Herz still vor Schreck. Mit väterlichem Stolz bemerkte ich manchmal, wie eine Kameradin sie bewundernd ansah, und ich musste mich zusammennehmen, um nicht den ersten besten, der vorüberging, festzuhalten und ihm zu sagen: «Da, sehen Sie her! Das ist mein Kind!> Wieder zeigte mir der böse Stern, unter dem ich geboren war, seine Tücke. Er hatte aus meiner Tochter mehr gemacht, als nur ein junges Mädchen, das ich nicht als mein Kind beanspruchen durfte. Er hatte aus ihr das lieblichste Geschöpf der Erde gemacht ! Ich bäumte mich gegen mein Schicksal auf! Ich wusste, dass ich mein Recht auf sie geltend machen durfte, wenn ich wollte! Sie war mein. Ich hatte Vaterrechte an ihr. Sie war noch ein Kind. Und ich liebte sie. Die Welt sollte erfahren, dass, was immer ich auch getan und welche Bedenken immer ich hegen mochte wegen des Blutes, das durch meine Adern und die ihren floss, ich doch jetzt geläutert und wohl imstande war, den Schatz zu hüten, der mir da beschieden war. Aber dann kam die Erinnerung an meine Vergangenheit über mich. Ich sah in dem Stückchen Spiegel meiner elenden Behausung ein Gesicht, das von der unverlöschbaren Tinte des Lasters gezeichnet, durch Ausschweifungen und die Qualen der Scham für immer entstellt war. Durfte ich dieses Schreckbild meiner Tochter vorführen? Durfte ich sie vernichten, durch meinen Anspruch an sie? Durfte ich ihr Leben zerstören, indem ich meine Liebe für sie aus den Geheimfächern meines Herzens hervorriss? «Nein!» flüsterte ich mir selbst zu. Und ich betete zu Gott um Kraft Zudem fühlte ich, wie ich, abgesehen davon, dass ich die Kenntnisse meiner Jugend durch fleissiges Lesen wieder aufzufrischen versuchte, mich im übrigen kaum verändert hatte. Ich wusste, ich war derselbe geblieben und würde den alten, bösen Satan, der in mir steckte, niemals los werden. Wäre ich selbst als reicher Mann mit einem guten Namen zu ihr gekommen, ich hätte ihr keine Sicherheit vor meiner brutalen Natur gewähren können. Hatte ich doch selbst den Hund misshandelt, der mein letzter Gefährte und das einzige lebende Geschöpf gewesen war, das an mir hing. Ich sehe noch seine Augen auf mich gerichtet, wie sie mich vorwurfsvoll und, so bildete ich mir ein, misstrauisch anblickten. Ich hatte ihn durch meine Wutausbrüche, durch Fustritte und Flüche eingeschüchtert, durch Misshandlungen, deren ich mich hinterher jedesmal entsetzlich schämte. Hundertmal gelobte ich mir vergebens, meinem Temperament nicht wieder die Zügel schiessen zu lassen. Ich war alt geworden, aber ich durfte mir jetzt nicht mehr trauen als früher. Ich- fürchtete sgoar, dass ich eines Tages dieser Tochter meine Existenz freiwillig entdecken, und damit die letzte, schrecklichste Tat meines ganzen Lebens vollbringen würde. Ich fürchtete das viel mehr als eine zufällige Entdeckung, zu der es bei' meinem ersten Versuch, sie zu sehen, fast gekommen wäre, als ich an jenem Winterabend in den alten Garten gekommen war. Zu solchen Zeiten hielt ich mich wochenlang fern von ihr, trotzdem mich die Sehnsucht nach ihrem Anblick halb toll machte. Meine verbrauchten Organe sträubten sich gegen den Alkohol, aber jetzt wirkte der ferne Ton ihrer Stimme wie ein Trank Wein. Wenn ich ihn nicht länger entbehren konnte, dann gab ich sohHesslich meinen Kampf auf und mit einem Herzen voll von schmerzlicher Vaterliebe ging ich wieder auf meinen Posten, um sie zu beobachten), auf sie zu warten, wie sie aus der Schule kam, ihr© Kleider, ihre jungen Freundinnen zu betrachten, sie von weitem auf ihren Nachmittagsspaziergängen zu begleiten. Ich beobachtete auch Margaret Murchie, und sonderbare Erinnerungen stiegen in mir auf, die mir die Kehle zuschnürten. Besonders behielt ich den Richter im Auge. Ungesehen, unerkannt, immer auf der Hut, mich nicht oft in der Nachbarschaft zu zeigen, aus Furcht Aufmerksamkeit zu erregen, schlau wie ein Fuchs und unter Höllenqualen versuchte ich herauszubekommen, ob der Richter mein© Stelle vertrat, so wie er sollte — Er, der sich genommen hatte, was mein war, mir von Gott geschenkt. Der Zufall führte ihn, wie Sie ja wissen, an einen Ort, an dem er mir bald vertraut wurde. Er kam als regelmässiger Besucher zu dem « Mann mit dem rollenden Auge» oder, wie er ihn wohl zu nennen pflegte, zu dem « Scheik von Baalbek ». Es gewährte mir eine besondere Befriedigung, ihn im Schachspiel zu schlagen, während ich gleichzeitig von meinem Guckloch aus in seinen Zügen forschte, um seinen Charakter zu erkennen. Eine Tages brachte er dann diesen jungen Mann da, Mr. Estabrook, mit. Was es war, das damals den Gedanken an eine Gefahr in mir erweckte ? Ich weiss es nicht ! Ich erinnere mich nur, dass mir, als der junge Mann sich dem Apparat näherte, zum erstenmal eine Tatsache vor Augen trat, die ich bisher nicht beachtet hatte. Meine Tochter war kein Kind mehr ! Sie war jetzt eine vollerblühte Frau! Irgend ein Mann