Aufrufe
vor 10 Monaten

E_1930_Zeitung_Nr.097

E_1930_Zeitung_Nr.097

Ausgabe: Deutsche Schweiz BERN, Dienstag, 18. November 1930 Nummer 20 Cts. 26. Jährgang. — N° 97 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelb» Liste" Halbjährlich Fr. 5.-, Jährlich Fr. 10.-. Im Ausland unter Portonttchlag, REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenralnstr. 97, Bern loiern nicht postamtlieh bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 Rappen. Postcheck-Rechnung III/414. Telephon Bollwerk 39.84 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Eine Kleinigkeit Nichts kennzeichnet unsere Zeit so sehr, vrie die Wandelbarkeit aller Erscheinungen. [Wenn wir das geistige Leben unserer Epoche toiit dem früherer, beschaulicherer Zeiten vergleichen, so fällt uns sofort auf, wie problematisch unsere Anschauungswelt geworden ist. Die Kritik herrscht; alles wird in Frage igezogen; alles steht zur Diskussion und es kommt uns schon selbstverständlich vor, dass sich jedermann, vom Philosophen und Gelehrten bis hinunter zum kleinen Manne, onit der .« Umwertung aller Werte » beschäftigt. Wenn man die gesammelten Bände unserer Zeitung durchblättert, so wird man bald isehen, dass auch sie von diesem Zeitgeist nicht unberührt geblieben ist, ja dass sie geradezu — wie sollte es bei einem Fachblatt des modernen Verkehrs auch anders sein — «in Prototyp und Abbild moderner Einstellung ist Es gibt nicht eine Nummer, in der nicht verkehrspolitische Probleme aufgerollt, gesetzgeberische Reformen propagiert würden, in der nicht von allerlei technischen Neuerungen die Rede-wäre. Und weil unser Geist nun einmal darauf eingestellt ist, so haben wir ein wenig überlegt, was man noch ändern könnte, durch welche Neuerung man 'das Dasein des schweizerischen Automobilisten noch etwas zu erleichtern vermöchte. Die Gedanken, die lange hin und her flogen, sind diesmal schliesslich bei einer Kleinigkeit, bei einer ganz kleinen Kleinigkeit hängen geblieben. Wenn wir audfi Bedenken hatten und •wenn es auch noch so viele wichtige und Igrosse Probleme zu besprechen gäbe, sollten wir uns doch entschlossen, zur Abwechslung einmal der Besprechung einer kleinen Sache Raum zu geben. Was ist schliesslich Schwerer zu ertragen, als winzig kleine Aergernisse, die aber immer wiederkehren und sehr oft selbst einen Menschen zur Verzweiflung grösster Würde und Gelassenheit die schwersten Schicksalsschläge über sich ergehen zu lassen? Wenn nicht die vielen dummen, kleinen Sorgen wären, wir brauchten schliesslich alle nicht das grosse Glück ! Wenn es dem angehenden Automobilisten nach vielen ausgestandenen Nöten und Aengsten gelungen ist, sich eine Viertelstunde durch das Labyrinth des Stadtverkehrs zu schlängeln, wenn er es vollbracht hat, von hinten und von vorn an eine Stange anzufahren, ohne sie unter den Rädern seines Wagens zu begraben und er endlich Gnade vor den Augen eines strengen Experten gefunden hat, so wird ihm ein kleines Büchlein ausgehändigt: die Fahrbewilligung. Er hat sicherlich sehr Freude an dem rot gebundenen und goldbedruckten Heftchen und wird sich am Ende aus lauter Eifer den Inhalt von der ersten bis zur letzten Seite zu Gemüte führen. Er wird mancherlei darin finden. Er wird sich nicht nur seine Personalien aufs frische einprägen, er wird jederzeit auch nachprüfen können, wann und bei welchem Experten er die Prüfung mit Erfolg bestanden hat. Er wird, wenn er in der Lektüre weiter vorschreitet, bald feststellen, dass die Behörden es nicht darauf absahen, an Platz zu sparen: sechsmal hintereinander folgt genau dieselbe Rubrik für die Erneuerung der Bewilligung in den kommenden Jahren. Deutsch und französisch, mit vorgedrucktem Schema für das Datum (... den... 19..) mit Unterschrift und Stempel der Behörde (in Worten wie hier und in Tatsache), alles sehr gründlich, sehr ausführlich. Dann folgt eine Abschrift des Konkordates (damit man es ja nicht vergesse:- vom Bundesrat am 7.April 1914 genehmigt), schön übersichtlich, mit Einleitung, fettgedruckten Ueberschriften, Anmerkungen und allem und jeglichem, was das Herz sich nur wünschen kann. Damit die Sache nicht zu ärmlich ausschaut, reihen sich eine nicht ohne weiteres feststellbre Anzahl von Dekreten und Vollziehungsverordnungen an, eine jegliche wiederum mit Datum, Unterschriften, Ueberschriften, Anmerkungen ... Wenn dem frisch gebaokenen Automobilisten der Eifer auch jetzt noch nicht bringen, der imstande ist, mit abhanden gekommen ist, so bietet sich ihm FEUILLETON Die zweckmässige Führerbewilligung Die blaue Wand Von Richard Washburn Chüd. Autorisierte Uebersetzunr aus dem Amerikaitischen yoa Lisa Landau. (Engelhoras Romanbibliothek.) (52. Fortsetzung) Siebenter Teil. Die getäfelte Tür. I. Der kratzende Laut Estabrook hörte Mortimer Cranchs Erzählung an, während er abwechselnd in das verhärmte Gesicht des Sprechers und in die Tiefe der gemalten Gärten von Versailles blickte. Als Cranch endlich mit hohler Stimme, die in dem Dachatelier widerhallte, geendet hatte, da sprang der jüngere Mann mit blitzenden Augen und geballten Fäusten auf ihn zu. «Was ist jetzt mit meiner Frau geschehen?» brüllte er ihn an. «Sie wissen es. Sagen Sie es mir, oder ich reisse Sie in Stücke.» Einen Augenblick lang herrschte Grabesstille. Ich selbst hielt den Atem an, beobachtete aber, wie der Alte traurig den fast kahlen Kopf schüttelte. Dann blickte er plötzlich auf, mit einem krallenartigen Finger deutete er auf Estabrook. Hass und Misstrauen sprach aus seinen Augen. eine nicht wiederkehrende Gelegenheit, sich durch Vergleich des französischen mit dem deutschen Texte seine Sprachkenntnisse zu vertiefen. Wahrlich, die Behörden lassen sich nicht lumpen. Man hat etwas für sein Geld. Der junge Fahrer hat vielleicht auch jetzt noch Freude an seiner Führerbewilligung. Sie «Sie wissen es selbst!» schrillte seine dünne, aber durchdringende Stimme. Ohne Zweifel war seine Anklage aufrichtig. «Ich soll es wissen?» schrie Estabrook verdutzt. «Ich?» «Es fing an, als Sie aus dem Hause gingen!» rief Cranch. «Ich hab' Ihr Haus wohl im Auge behalten, solange Sie verheiratet sind. Ich bin ihr Vater. Ich hab' sie geliebt, wie's keiner weiss. Es war mein gutes Recht acht zu geben. Ich bin ja halb wahnsinnig vor Sorge. Was haben Sie ihr angetan? Sie haben mich aus meinem Gflabe herausgeholt, hören Sie? Jetzt stehen wir Auge in Auge einander gegenüber. Was haben Sie mit meinem Kinde gemacht?» Der einsame, elende Mensch streckte die Arme aus. Etwas Ergreifendes lag in dieser Gebärde. Eine flüchtige Sekunde lang vermochte sein Anblick Ehrfurcht einzuflössen. Eine Sekunde lang schien er die Verkörperung völliger Selbsthingabe. Und in dieser kurzen Pause gewahrte er, dass in Estabrooks Augen plötzlich ein Ausdruck von Teilnahme trat, als ob blitzschnell ein wärmerer Blutstrom durch seine Adern triebe, als ob er plötzlich mit seinem inneren Blick all die Leiden erfasste, die Cranch in sich verschlossen getragen hatte während all der langen Jahre. Estabrook ergriff die ausgestreckten hageren, welken Hände des älteren Mannes und umschloss sie mit kräftigem Druck. wird ihm nach einigen Tagen oder Wochen bestimmt vergangen sein. Wo soll man das Büchlein — Büchlein? — nein, diesen Band, diesen Atlas, dieses wahre Monstrum nur hinstecken? In die Westentasche? Kunststück! In die Hosentasche? Undenkbar ! In die Brusttasche? Ausgeschlossen! da liegen ja schon die Brieftasche, die Ausweisschriften, ein Notizblock, ein Banknotenbündel (für allfällige Bussen). In die Seitentasche? Nicht so ganz unmöglich. Da ist es ja auch, wo es bisher verstaut war. Aber die vier scharfen Kanten des harten Kartons haben auch schon ihre Spuren auf sämtlichen Kleidern hinterlassen und die spitzen Ecken haben sich nachgerade selbst durch die dicksten Stoffe gefressen. Zu Hause lassen? Das heisst sich ein Strafmandat sichern. Nicht viel. So einige Fränklein. Eine Kleinigkeit, aber doch recht ärgerlich. Ja, aber warum nicht, wird man uns einwenden, um alles auf der Welt, warum nicht einfach den Ausweis im Wagen lassen, wie es schliesslich die Mehrzahl aller Fahrer macht? Sehr praktisch, sehr einfach, in der Tat! Aber es gibt auch Leute, die in der ganz besonderen Gunst der Götter stehen und sich den Luxus mehrerer Wagen leisten können. INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeit oder deren Baum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grfissere Inserate nach Seitentarif. Inseratensehluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Was dann? Es gibt solche, die sich nicht glücklicher Besitzer eines Wagenparkes nennen können und doch gezwungen sind, im Laufe des Tages verschiedene Autos zu fifhren. Chauffeure, Verkäufer, Mechaniker zum Beispiel. Ausserdem kommt es gar nicht so selten vor, dass Vertreter dieser Berufsarten zwischendurch sich noch auf ein Motorrad oder auf den Führersitz eines Lastwagens setzen müssen. Dann haben sie das Vergnügen, die ganze Herrlichkeit mit den Personalien, den Adressenänderungen, den Vorschriften, den Dekreten, den Unterschriften und Stempeln in mehrfacher Auflage mit sich herumzuführen. Ist das unbedingt nötig ? Würde eine einfache Karte, auf der nur das Allerwichtigste in Kleindruck steht, eine einfache Karte, wie sie in den Vereinigten Staaten (zum Beispiel) schon seit jeher in Gebrauch steht, nicht auch genügen? Warum so umständlich, wenn es auch einfacher geht? Also fort, und zwar möglichst bald, mit dem überflüssigen Ballast eines pompösen Führerscheines. Es ist zwar bloss eine Kleinigkeit, freilich, aber immerhin eine Kleinigkeit von ganzen 70 Seiten, von 165 Quadratzentimetern und beiläufig 65 Gramm ! W. Spiel der Kräfte auf dem internationalen Automobilmarkt Die europäische Automobilindustrie. Wir begannen in letzter Nummer mit der Darstellung der Verhältnisse der AutomobiUndustrien in Europa und behandelten Frankreich und Italien. c) Grossbritannien. Wie zurzeit auf der Olympiaschau zu sehen ist, sucht sich auch die englische Autoindustrie vor der amerikanischen Konkurrenz zu schützen. Wie ein roter Faden läuft die Devise durch die Ausstellung: Kauft einheimische Ware! Dank gewaltiger Anstrengungen ist es gelungen, das Exportgeschäft auszubauen. 1929 wurden 39685 Wagen mit einem Wert von 7,42 Millionen Pfd. St. exportiert, gegen 31,103 Autos im Werte von 6,34 Millionen Pfd. Sterling 1928. Selbst unter der schweren Absatzkrise des •) Siehe Nr. 94, 95, 96. «Kommen Sie!» sagte er sanft, «jetzt ist für uns, die wir sie beide so lieb haben, jeder auf seine Art, keine Zeit zu Missverständnissen.» Cranch antwortete nicht. Keine Muskel an ihm zuckte. Aber seine Augen füllten sich mit den spärlichen Tränen alter Menschen. «Und jetzt, Doktor,» sagte Estabrook, sich hastig zu mir wendend, «müssen wir uns eiligst erkundigen, ob Margaret uns Nachricht gegeben hat.» Er packte mich beim Aermel und wandte sich der Tür zu. Er hatte keinen Blick mehr für die Gärten von Versailles, für den Verkommenen, der da neben seinem Feldbett im Vordergrund kniete, das Gesicht in den roten Wolldecken vergraben. Da war es.die heisere Stimme dieses Gespenstes von einem Menschen, die uns innehalten Hess. «Estabrook!» rief er. «Ja!?» «Wir werden uns vielleicht nie wiedersehen!» Der junge Mann ging zurück und umschloss wortlos des anderen Hand. «Wollen Sie Einer — einer Einzigen — von mir erzählen?» fragte Cranch. «Julianna!» rief Estabrook entsetzt. Der andere schüttelte matt den Kopf. «Ich meine Margaret Murchie!» sagte er flüsternd. Wir fühlten, wie der sehnsüchtige Blick (Schluss*) laufenden Jahres -konnte 3er Exportwert in den ersten sieben Monaten von 8,5 Millionen Pfd. St. auf 8,7 Millionen Pfd. St. gesteigert werden, während gleichzeitig der Importwert von 6,3 Millionen Pfd. St. auf 3,9 Millionen Pfd. St. herunterfiel. Somit ist die englische Autobilanz in den ersten sieben Monaten um 4,7 Millionen Pfd. St. aktiver gegen 2,2 Millionen Pfd. St. im Vorjahr. Dass die britische Autoindustrie, was die Konstruktionstechnik anbetrifft, an der Spitze ihrer Konkurrenten steht, illustrieren am besten die von den Austinwerken in der Union erzielten Erfolge. Unter den äusserst schwierigen . Absatzverhältnissen hat die amerikanische Zweigfabrik der Austin Car Co. eine beispiellose Entwicklung zu verzeichnen. Nachdem erst im Mai der erste 7 HP Wagen herausgebracht wurde, verzeichnete das Unternehmen nach Verlauf von zwei Monaten einen Bestand an unerledig- seiner verhärmten, tränenfeuchten Augen uns folgte, als wir das Maleratelier Mohave für immer verliessen. Eine rasche Fahrt !n meinem Auto quer durch die Stadt brachte uns wieder vor meine Tür. Meine hagere, geschäftige Haushälterin öffnete, ehe ich noch meinen Schlüssel hatte herausholen können. «Es ist vier- oder fünfmal angeklingelt worden,» sagte sie mit ihrer Wichtigtuerei; «aber nur einmal war's dringend.» «Einmal!» rief ich, «wer war's?» «Jemand, den ich nicht kannte, Herr Doktor. Margaret und noch was. Sie hat etwas hinterlassen. Ich sollte nicht mehr, wie das eine Wort bestellen.» «Wie hiess das Wort?» rief Estabrook über meine Schulter hinweg. «Gefahr.» Ich glaube, wir empfanden den gleichen Schreck und dieselbe Erregung bei dem Wort, das ja für uns eine ganz besondere Bedeutung hatte. «Doktor!» schrie der junge Mann auf. «Jawohl, ich weiss, Estabrook,» beschwichtigte ich. «Bewahren Sie Ihre Ruhe. Ich glaube, ich besitze den Schlüssel zu diesem Rätsel. Noch habe ich nichts davon gesagt. Ich mochte es nicht, solange es nicht unbedingt nötig war. Aber, wenn ich recht haben sollte, dann dürfen Sie nicht schwach werden. Sie müssen bereit sein, mit Ihrem ganzen Schatz an Liebe und Treue Ihre Frau zu schützen und ihr gut zuzusprechen!»