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E_1930_Zeitung_Nr.099

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Ausgabe: Deutsche Schweiz BERN, Dienstag. 25. November 1930 Nummer 20 Cts. 26. Jährgang. - N° 99 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe liste** Halbjährlich Fr. 5.-, Jährlich Fr. 10.-. Im Ausland unter PortoKBchlaR, REDAKTION n. ADMINISTRATION: Brcttenrainstr. 97, Bern solero nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 Rappen. Postcheck-Rechnung HI/414. Telephon Bollwerk 39.84 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Die Lärmpsychose Nicht nur die Kleidung ist den Launen der Mode unterworfen. Die Gezeiten der öffentlichen Meinung, der kurvenmässige Verlauf von Gunst und Abneigung des Publikums, die zeitweilige Konzentrierung des allgemeinen Interesses auf einzelne Objekte machen sich auf allen Gebieten des vergesellschafteten Lebens geltend. Es war von jeher so und wird immer so bleiben. Eine gesteigerte Nervosität und Suggestibilität, ein etwas planloser Tätigkeits- und Erneuerungsdrang macht aber die Massen in unseren Zeiten ganz besonders empfänglich für momentane Einwirkungen. Irgend etwas — es ist ganz gleichgültig, um was es sich handle, um einen Glaubenssatz oder um eine Sportart, um eine künstlerische Richtung oder um eine technische Massnahme — kommt plötzlich auf, taucht irgend woher auf, ergreift Besitz von der Gedankenwelt ganzer Gruppen, um dann nach kurzer Zeit fast ebenso unvermutet und unmotiviert, wie es erschien, in Vergessenheit zu geraten. Es wird alles zur «Bewegung». Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass seit einigen Monaten nicht nur die Behörden, sondern weitverzweigte Kreise sich von der Macht einer derartigen Bewegung haben ergreifen lassen: Bekämpfung des Läms heisst ihr Schlagwort. Man hat auf einmal entdeckt, was der Grund allen Uebels ist. Man weiss jetzt, woher die Krankheiten stammen. Man weiss auch, warum so viele Leute es nicht mehr zu einer wahren Lebensfreude bringen, weshalb gar viele von ihren Nerven gepeinigt werden. Man beginnt nun allmählich zu begreifen, warum die Welt sich nicht zum Paradies gestalten lässt: es hat zu viel Lärm. Zugegeben. Die Verhältnisse mögen sich in den letzten Jahren verschlechtert haben. Die Erfindungen auf dem Gebiete der mechanischen Musik und die Entwicklung des modernen Strassenverkehrs mögen zu gewissen Auswüchsen geführt haben, die nicht immer leicht zu ertragen sind und die Ergreifung energischer Massnahmen notwendig machten. Es scheint uns aber doch, dass in letzter Zeit in den Beurteilungen und Schilderungen der Uebelstände stark übertrieben worden sei, und dass durch den planmassigen Feldzug gegen den Lärm geradezu F E U I L L E T O N Die blaue Wand Von Richard Washburn Chüd. autorisierte Uebersetzon? atia dem Amerikanischen vom Lise Landau. (Engelborns Romanbibliothek.) (64. Fortsetzung) Zur Sache also! Du erinnerst Dich des Dokumentes, das mein Pflegevater aus seinen todesstarren Händen fallen Hess. Es war seine letzte Botschaft an mich, unter qualvollen Zweifeln und in tiefstem Seelenschmerz niedergeschrieben. Sie sollt© mir die Aufklärung geben, dass mein Erbteil an Charaktereigenschaften nicht Stärke, sondern Schwäche, nicht Gutes, sondern Schlimmes sei. Sie Üess mich wissen, dass ich nicht die Tochter meiner Mutter sei, deren sanfte Güte das alte Heim wie ein dauernder Duft zu erfüllen schien, noch die Tochter von ihm, der so innerlich kraftvoll war, und so geachtet von aller Welt. Nein, ich war die Tochter einer bedauernswerten Frau aus dem niedern Volke, die sich durch Gesang und Tanz vor dem Strassenpubükum mit hingeworfenen Pfennigen kümmerlich ihr Brot verdient hatte, die Tochter eines Mannes, der als letztes Glied in der Kette eines charakterschwachen, brutalen, zügellosen Geschlechts infolge seiner anererbten Gelüste durch alle Ausschweifungen getrieben, schliesslich zum Mörder die Leute auf die sie umgebenden und bisher kaum beachteten Geräusche aufmerksam gemacht werden. (Vergl. Seite 3 dieser Nummer.) Man hat auf diese Weise gleichsam eine Art Lärm-Psychose gezüchtet. Hoteliers und vereinzelte Fremdenorte finden, dass ihre Geschäfte nicht gut genug gehen, dass die Zahl der Besucher kleiner werde und dass die Dauer der Saison mit jedem Jahr kürzer werde. Wer trägt die Schuld? Der Lärm natürlich. (Wir verweisen auf den Bericht über die Rolle des Autotourismus im St. Moritzer Fremdenverkehr. Obwohl an die 10 000 Autos Hotelgäste nach St. Moritz brachten, so stellen diese nur etwa ein Drittel der Gesamtfrequenz des Kurortes dar. Die Nichtautomobilisten, oder die Gäste, welche absichtlich ohne Wagen einem Fussgänger beizubringen, dass es nicht so ganz ungefährlich ist, sich mitten auf der Fahrbahn herumzutummeln. «Natürlich nimmt mein Asthma zu,» denkt der Bür2 ger, «wie wäre es auch anders möglich bei dieser mörderischen Symphonie von Hupen und Klingeln und Grammophon und Radio.» Wenn Herr X. den Schlaf nicht finden kann, weil er fürchtet, dass ein allzu scharfsichtiger Revisor den Schleier von seiner Bilanz reissen werde: «Welche unglaubliche Rücksichtslosigkeit!» Und am nächsten Tage werden die Behörden mit Eingäben und Gesuchen um Nachtfahrverbote und einer übrigen Flut von Vorschriften und strengen Massnahmen überschüttet. Und die selbe Polizei, die noch vor zwei Jahren ihre Posten an allen Ecken der Strassen aufstellte, um festzustellen, ob wirklich jeder Fahrer sich der Warnvorrichtung bedient, «so oft es zur Sicherheit des Verkehrs als nötig erscheint, namentlich auch bei scharfen Kurven, und immer dann, wenn er von einer Strasse in eine andere einbiegt» und die Schuldigen der strafenden Gerechtigkeit zuführte, wird jetzt womöglich seine Patrouillen auf die Jagd nach den «Rücksichtslosen» ausschicken, die auch hie und da von ihrem Klaxon Gebrauch machen, wenn es nicht unbedingt nötig wäre. Was würden die Behörden schliesslich erreichen, wenn sie all den vielen Klagen und Bitten Gehör schenken und Städte des Schweigens schaffen könnten? Sie würden lediglich Undank ernten, denn die Erhörten wären plötzlich in die unangenehme Lage versetzt, für ihre Verdrossenheit nach reuen Gründen suchen zu müssen. Unter dem Titel «Ein Moment der Unruhe» erschien in der «Automobil-Revue» ein Aufsatz, wobei der Verfasser zum Schluss kommt, dass die Fussgänger sich mit der neuen Verkehrsgestaltung abzufinden haben. Der Unterzeichnete ist anderer Auffassung. Er will auf Grund seiner Kenntnisse der ganzen Schweiz durch Militärdienst, Berufs-und ins Engadin in die Ferien gehen, scheinen sich also dennoch sehr wohl zu fühlen und die erhoffte Erholung und Kräftigung zu Sportausübung folgende Widerlegungen vor- : finden.) Irgend ein guter Bürger, der anbringen Mangel an Bewegung leidet, stellt fest, dass Alle Verkehrsarten, Automobile, Fuhrwerke und Fussgänger, besitzen das Recht sein Asthma in letzter Zeit zugenommen hat. Zufällig sieht sich im selben Augenblick ein auf Bewegungsfreiheit. Diese selbstverständliche Auffassung sollte auch gesetzlich gere- Automobilist gezwungen, mit seinem Klaxon gelt werden. seiner Frau geworden war und sein Kind in der Wiege hatte erdrosseln wollen. Kannst Du Dir wohl vorstellen, welche Wirkung diese Enthüllung auf mich ausübte ? Zuerst war ich einfach starr vor Entsetzen. Ich vermochte die Bedeutung jener Zeilen nicht zu fassen, in denen er, der mich so lieb gehabt, mich auf schonende Art vor den schlummernden Instinkten in meiner Seele warnen wollte. Noch wurde ich nicht gewahr, dass die Nacht, die ihm den Tod brachte, auch meinem frühern Ich den Todesstoss gab. Anfangs dachte ich nur an Dich. Die Botschaft hatte deutlich zu erkennen gegeben, dass ich mich als die einzige Besitzerin des Geheimnisses betrachten durfte. Ich fühlte das Verlangen in mir, zu verhindern, dass Du je etwas erführest. Mich packte die Wildheit einer Tigerin bei dem Gedankeil, dass irgend jemand mir mein Geheimnis entreissen könnte. Bei der Wahl, entweder Dir alles zu verschweigen, oder Dich für immer aufzugeben, gab es kein Zögern für mich. Du durftest niemals etwas erfahren, sagte ich mir. Obgleich Du alles warst, was das Leben mir gelassen hatte, so wäre ich imstande ge* wesen, Dich von mir zu schicken; aber Dir die Wahrheit zu sagen, das hätte ich nicht vermocht. Das erschien mir wie ein Mord an Deiner Liebe, die ja noch der einzige Trost für mein armes Herz war. Und bei INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentaril. Inseratensehluss 4 Tane vor Erscheinen der Nummern Wir bestreiten gar wicht, dass gewisse Uebelstände bestehen und die Bekämpfung des Lärms zu grossen Teilen seine Berechtigung hat. Nur sollte, namentlich in dem Gerede darum, Mass gehalten werden. Die Nerven der bedrängten Menschheit, die doch eigentlich geschont werden sollten, hätten sonst nur unter einer neuen Plage zu leiden : dem vielen Lärm um den Lärm ! — W. Berechtigung der Fussgänger auf freie Wanderungen neuen, fast ausschlieslich dem Motorfahrzeugverkehr dienenden Strassen das gleiche Ziel erreicht. Am waadtländischen Ufer des Genfersees ist es möglich, auf Wanderungen die prächtige Aussicht auf bergseits der Autostrasse führenden Strassen und Wegen zu geniessen und so von Nyon bis Vevey ungestört spazieren zu gehen. Im Kanton Freiburg bestehen neben den Autostrassen viele einsame Verbindungswege. Im Kanton Luzern ist diese Trennung zwischen Autostrasse und Fussgängerweg nur im Entlebuch durchgeführt. An beiden Ufern des Zürichsees führen bergseits der Autostrassen kleine Strassen und Wege von Zürich bis Uznach. dieser Vorstellung stöhnte ich laut auf vor Schmerz. Noch meldete sich mein Gewissen; wieder und wieder gab ich mir in jenen Stunden das Wort, Dich nicht zu hintergehen. Ich dachte nicht einen Augenblick daran, von Dir zu verlangen, Du solltest mich zur Frau nehmen mit dem Bewusstsein, irgend etwas Furchtbares hafte mir an, wonach Du nicht fragen dürftest. Wenn ich an dem Morgen, als Du zu mir ins Zimmer hinaufkamst, trotzdem jenen Pakt mit mir selbst schloss, weil ich die Umchlingung Deiner Arme fühlen, weil ich Dich nicht verlieren wollte, so war das der Pakt einer Frau, die in diesen wenigen Stunden die holde Unbefangenheit ihrer Jugend abgestreift, und deren Leben man in Fetzen gerissen hatte. . Ich beging einen furchtbaren Irrtum, das weiss ich jetzt. Dass du so vornehm darauf verzichtet hast, die verbotene Frage an mich zu richten, und dass du dein Versprechen hieltest, während dieser letzten Tage fern zu bleiben, ohne meine Gründe zu kennen, dieses beides hat mir gezeigt, dass ich dir alles hätte enthüllen können. Ohne dass ich es wollte, habe ich nicht nur deinen Edelmut, sondern noch etwas anderes erprobt. Ich habe einsehen gelernt, dass hinter deinem zurückhaltenden Aeusseren, das ich oft alsWille befiehlt!» Was in diesen sieben Gebieten des Mittellandes erreichbar war, sollte auch in seinem übrigen Teil ausführbar sein. Auch im Jura ist die Schaffung von ungestörten Spazierwegen mit den Interessen der Land- und Forstwirtschaft eng verbunden und vorteilhaft. Wenn die Autostrasse Basel-Zürich gebaut ist, werden Schulen, Pfadfinder und Wanderer ungestört auf der bestehenden Strasse den Bözberg überschreiten können. Bei den andern Juraübergängen, Staffelegg, Hauenstein, Weissenstein, Biel - Pruntrut, Neuenburg-Pontarlier, Nyon-St. Claude und Genf-Bourg ist die Ausscheidung ebenfalls durchzuführen. Auch in der Längsrichtung ist der Fussgängerverkehr zu ermöglichen. Ueber die Lägern Im schweizerischen Mittelland hat eine moderne Autostrasse ein eigenes Trasse. Sie tü'Aerlässt die bestehenden Strassen und Wege führt auf dem-ßrat von Regensberg bis Baden ein guter Spazierweg mit prachtvoller den Fuhrwerken und den Tussgängern. Die projektierte Autostrasse Bern-Thun nimmt Aussicht. Ebenso führt ein Weg von der Gislifluh bis zum Weissenstein. Im neuenburgi- den Automobilverkehr der bestehenden Strasse auf und überlässt dieser den Fuhrwerk- und Fussgängerverkehr. Durch diebe- Längswege noch zu ergänzen. schen und waadtländischen Jura sind die stehenden Autostrassen im Kanton Zürich In den Bergen kommen die von Autos stark sind die übrigen Strassen vom Autoverkehr frequentierten Passstrassen für die Fussgän- wegen des sie inkommodierenden entlastet worden. Die Ostsehweiz hat mitger Autoverkehrs kaum mehr in Frage. Und doch besteht auch hier das Recht auf Bewegungsfreiheit aller Verkehrsgruppen. Die Erstellung von besonderen, der Strasse entlang führenden Fusswegen ist nicht unmöglich. Da und dort sind alte Römerstrassen vorhanden, die für Fusswege ausgebaut werden können. Sodann wird mit dem Ausbau der der Landund Forstwirtschaft dienenden Strässchen und Wege reiche Gelegenheit zu schönen und langen Wanderungen entstehen. Im Engadin besteht hauptsächlich auf der Strecke von der Maloja bis nach Martinsbruck ein dringendes Bedürfnis nach einem unabhängigen, von der Fahrstrasse verlaufenden hätte dir alles sagen sollen, weil es zwischen Mann und Frau keine dauernde Beziehung ohne Wahrheit geben kann. Und vor allem hätte ich es dir sagen solsen, weil du vielleicht die Folgen meiner Kenntnis hättest verhindern können — meiner Kenntnis dessen, aus was für Fleisch und Blut und Hirn und Nerv sich meine Person zusammensetzte. Jene Kenntnis begann sofort seine verderbliche Wirkung zu üben, und sie wuchs mit der Zeit bedenklich. Die unwiderstehliche Macht dieser Kenntnis hat mich so weit getrieben, dass ich nicht mehr wusste, ob die Vererbung selbst oder mein Bewusstsein dieser Vererbung so schwer auf mir lastete. Sie hat mich wie einen Sklaven gehetzt. Manchmal bin ich von der Ueberzeugung durchdrungen, dass die letzte Botschaft des Richters Colfax bedrohlicher für mich war als die Gefahr, vor der er mich hatte warnen wollen. Zuerst erfüllte mich die Vorstellung von meiner Geburt und dem, was sie mir vererbte, mit Trotz und Mut. «Ich bin ich selbst!» So hatte ich damals ausgerufen! «Ich selbst bin verantwortlich für mein Leben, meine Gedanken, meine Handlungen! Sie sollen so sein, wie es mein kalt empfand, sich jene Liebe und Herzensgüte verbirgt, die höchsten Glaubens und Er sprach wie eine lebendige Person zu mir: Dann tauchte ein quälender Zweifel auf. höchster Treue fähig ist, und deren Wärme «Nein,» sagte er, «du bist nicht du selbst! stetiger bleibt, weil sie tiefinnerlich ist. IchDu bist das Produkt feststehender Gesetze.