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E_1931_Zeitung_Nr.002

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10 AUTOMOBIL-REVUE

10 AUTOMOBIL-REVUE 1931 - baut wurden, leisteten für unsere Begriffe nur recht wenig. Noch vor hundert Jahren musste man für je 1 PS Leistung einen Zentner MaschinengeAvicht in Kauf nehmen. Für 15 PS waren also 15 Zentner Maschine nötig. Was sind 15 PS heutzutage? Atwas Alltägliches, das ein kleiner KraJtwagenmotor spielend zu liefern vermag. 5000 kräftige Menschen, deren jeder, sagen wir, 75 Kilogramm wiegt, würden nötig sein, um in ihrer Gesamtleistung es dem 500-PS-Motor gleichzutun. Dieser ist nur 500 Kilogramm schwer, die 5000 Menschen dagegen sind zusammen eine Last von 375 000 Kilogramm. Nach 8 Stunden haben sie sich müde gearbeitet. Der Motor aber vermag tagelang ununterbrochen weiter seine 500 PS zu produzieren. Die Technik der Gegenwart verlangt von ihren Kraftmaschinen möglichst grosse Leistung bei möglichst geringem Raumverbrauch und möglichst niedrigem Gewicht. Demzufolge sind die besten MotQren Gewehre und Geschütze. Es ist berechnet worden, dass das Geschoss des Infanteriegewehres mit 4300 PS den Lauf verlässt. Da der Mechanismus des Gewehres etwa 2,1 Kilogramm wiegt, kommt auf 1 PS Leistung nur Va Gramm Maschinengewicht. Sind denn Gewehre Kraftmaschinen? Aber gewiss. Der Gewehrlauf lässt sich mit dem Zylinder eines Benzinmotors vergleichen und das Geschoss dem Kolben, der gleichermassen — wenn auch nicht mit solcher Gewalt — aus dem Zylinder herausfliegen würde, wenn er freie Bahn hätte. Die Erfinder der ersten, allerdings praktisch unbrauchbaren Explosionsmotoren sind ja gerade durch das Beispiel der Kanone zu ihrem Gedanken angeregt worden. Die absolut höchsten Leistungen unter allen Maschinen liefern die grossen Schiffskanonen. In ^i»» Sekunde hat die 917 Kilogramm schwere Granate des ame- Im Schaltkasten sind alle Kontrollorgane der Lichtanlage in verschiedenen Ausführungsformen vereinigt. Hier spielen Forderungen der Konstrukteure und Preis, aber auch Modeströmungen eine Rolle. Die meist parabolischen Scheinwerfer haben die von der Lampe ausgehenden Lichtstrahlen zusammenzufassen und in Richtung der gewünschten Beleuchtung zu dirigieren. Die Reichweite der Scheinwerfer hängt- von der räumlichen Ausdehnung der Lichtquelle ab. Daher wählt man diese möglichst hlein, so dass sie im Brennpunkt des Spiegels Platz hat. Die Glühlampen für Fahrzeuge haben daher in der modernen Halbwatt - Ausführung einen räumlich klein zusammengedrückte}! i Leuchtfaden. Durch diese Konstruktion ist die erforderliche Erhellung des Weges erst möglich geworden, durch welche die grossen Geschwindigkeiten auch bei Nachtfahrten gefahrlos erreicht werden können. Die nötigt seitliche Streuung zum Befahren der Kurven und Beleuchtung der Strassenränder wird durch geeignete Form des Glühfadens, durch Mattierung der Glühlampen und durch besonders geformte Glasscheiben erreicht. Als Reflektoren sind sowohl Metall- wie auch Glasspiegel gebräuchlich. So ist es möglich geworden, eine gleichmässige Wegebeleuchtung im Interesse des Fahrers zu erreichen, die dem Tageslicht nahekommt und besonders starke Beleuchtung einzelner Stellen vermeidet, da hierdurch das Auge des Fahrers geradezu geblendet werden kann. Die einfachste Abblendung ist Vorschaltung von Widerständen. Dadurch wird die rikanischen 100-Tonnen-Geschützes den Lichtstärke der Glühlampe zeitweilig zurückgesetzt. Aber genügende Abblendung er- Lauf durcheilt und steigt mit über 500 Meter Sekundengeschwindigkeit in diefordert noch mehr Anpassung. Man ging daher zu zwei Abblendungsformen über: ent- Luft. Auf die Sekunde umgerechnet, sind 17 Millionen PS geleistet worden. Auf weder Umschaltung vom Hauptscheinwerfer sogar 20 Millionen PS kommt die 40,64- auf besonders kleine Hilfsscheinwerfer in geneigter Anordnung oder Abblendung mit der cm-Schiffskanone. Es hat auch nicht an modernen Versuchen gefehlt, die in Kriegswerkzeugen ben dem der Fernbeleuchtung dienenden Fa- Zweifadenlampe. Diese Lichtquelle hat ne- freiwerdenden gewaltigen Kräfte für •) 8iehe No. 1. friedliche Zwecke einzuspannen. Derlei Versuche sind bislang vergeblich geblieben, weil es noch nicht gelungen ist, diese allzu plötzlich und allzu gigantisch ansteigenden Energien in sichere Beherrschung zu zwingen. Die Möglichkeit aber, dass es doch noch geschehen wird, ist nicht von der Hand zu weisen. In der Technik hat es genügend Raum für unerwartete Ueberraschungen. Die Lichtanlage des Automobils (Scbluss *) den einen weitern Glühfaden, der bei Abwendung an Stelle des Hauptleuchtfadens eingeschaltet wird. Der Hilfsfaden ist in der Glühlampe so untergebracht und durch einen Schirm abgedeckt, dass er nur nach abwärts auf den Boden gerichtete Strahlen liefert. Gleichmässigkeit und richtiges Verhältnis von Reichweite der Beleuchtung und seitlicher Streuung erzielt man durch eine besonders geformte Glasscheibe. Auch neigund schwenkbare Scheinwerfer haben in der letzten Zeit zahlreiche neue Anhänger gefunden. Ergänzt wird die Elektro-Beleuchtung des Fahrzeuges durch Lampen für Standlicht mit geringem Stromverbrauch, durch Laternen zur Erhellung des Nummernschildes, des Brettes für die Instrumente, der Innenbeleuchtung und der Anzeiger für die Fahrrichtung. Ist die Anlage genügend gross, so werden auch diese Beleuchtungsaufgaben anstandslos bewältigt. Wenn nun manche^ amerikanischen Zubehörteile zum Teil billiger sind als die europäischen, so erklärt sich das zum Teil aus der in der neuen Welt weiter entwickelten Normalisierung und dem damit Im Zusammenhang stehenden Bau sehr weniger Typen für Hunderttausende von Fahrzeugen. Aber für den Fahrer kommt die Güte seiner Anlage vor dem Geldpunkt! Da ist zu bedenken, dass unsere Fahrwege heute noch vielfach an alle Teile des Wagens erheblich höhere Anforderungen stellen. Unsere europäischen Erzeugnisse haben auf Prüfschüttel-Apparaten bis 150 Stunden ausgehalten. Wenn diese Scheinwerfer teurer sind, so spielt das keine wesentliche Rolle. P. G. P»«»l«t *«§•«> •*!««» Ein origineller neuer Scheibenwischer. Im Gegensatz zu den meisten bisherigen Scheibenwischern bearbeiten beim vorliegenden neuen System die Wischerleisten dfie ganze Scheiben^reite und bewejren sich dabei auf N»a Der neue Scheibenwischer mit teilweise blossgelegten Antriebsketton. der Scheibe nur von oben nach unten. Wie die Skizze zeigt, sind die beiden gummiarmierten Wischerleisten mit ihren Enden an je einer endlosen Kette befestigt Die Ketten laufen über je zwei an den Whndschutzscheibenstützen befestigte Rollen und werden durch einen kleinen Elektromotor angetrie* ben. In Berührung mit der Scheibe steht immer nur die sich gerade abwärts bewegende Leiste, während die aufwärtslaufende Leiste bis zum obern Umkehrpunkt ausser Funktion bleibt. Durch das ausschliessliche Abwärtswischen soll Regen und Feuchtigkeit auf der Scheibe viel gründlicher beseitigt werden als bisher. Anderseits fragt es sich aber, ob die das Blickfeld periodisch kreuzenden Wischerleisten den Lenker nicht stören. «s. Selbstentladung der Batterie. Es ist zweifellos unangenehm, wenn sich eine frisch aufgeladene Batterie innerhalb ganz kurzer Zeit entlädt, wenn man dann das Kabelnetz abgesucht und wirklich da und dort eine verdächtige Stelle ausgebessert hat, um dann festzustellen, dass die Batterie in derselben kurzen Zeit sich weiterverbraucht. Ein kerniger Fluch schafft vielleicht wohl wieder psychische Erleichterung, bestimmt Jedoch keinerlei Aenderung. Schneller zum Ziel© kommt man meist, wenn man sich auch einmal die Batterie selbst ansieht. Die Platten, die durch die Säure langsam, aber desto sicherer zersetzt werden, lagern ihre Zersetzungsstoffe auf dem Boden des Batteriegehäuses ab und bilden hier nach einiger Zeit eine mehr oder minder starke Schlammschicht. Diese Schicht wird zur leitenden Brücke und ist oft der Grund des schnellen Verbrauches der Batterie. Peinliche Säuberung und Entfernung des Schlammes beseitigt das Uebel. -f Alle führenden Auto-Reparatur-Werkstätten bevorzugen immer Kugellager das gute Schweizerfabrikat, weil betriebssicher, preiswert und sofort erhaltlich durch ZURICm LIMM ATQUAI 34 TEL.h OTT. 87,ii Agent general pour la Suisse: AUTO-PIECES S.A. AUTO-ERSATZTEILE A.-G. 6, Bue de la Buanderie GENEVE Te!6phone 45.400 Hupmobile* Bestandfeile von Model I 1926 bIS 1931 liefert Baumberger &Forster Zürich 1 Löwenstraße 17 Telephon 56.849 Zu kaufen gesucht 12-PI.-Wagen Car Alpin oder Omnibus, auf 1 Vi— 2-Tonnen-Chassis, nicht über 17 Steuer- PS. — Offerten unt. 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Bern, Freitag, 9. Januar 1931 III. Blatt der „Automobil-Revue" No. 2 Für 1931! Silvester- und Neujahrsrummel sind glücklich erledigt, das neue Jam- wurde unter allem gewohnten Tamtam geboren. Das alte Jahr wurde mit leichter Geste verabschiedet, es fiel nicht schwer, diesen Ausbund, voll an Reaktionen, an Krisen, an sorgenvollen Tagen und Schlagwortpolitik zu verabschieden. Es ist nicht zu verleugnen, die gegenwärtige Zeit erscheint nicht besonders rosenrot gefärbt, sie zeigt sich vielmehr geradezu eklig. 'Man segelte vielerorten ins neue Jahr mit dem resignierten Gedanken, es werde schon alles wieder schief gehen, und beim ersten Glockenschlag im neuen Jahr ertönte schon der Unkenruf «Schon faul». Mit dieser unverzeihlichen Schlamperei des Herzens und der Sinne kommt man heute nicht mehr weiter. Wir halten es mit dem deutschen Journalisten C. Z. Klötzel, der in der «B. Z.» diese Miesmacher abkanzelt und Ihnen die teuflische Lust am Pessimismus gründlich verdirbt: «Gewiss, weT in der Neujahrsnacht durchaus ein Hypochonder sein will, dem wird es an Gründen nicht fehlen, ganz zu schweigen von den leider Allzuvielen, deren persönliches Schicksal zu schwer ist, als dass man von ihnen auch nur ein Lächeln des Willkommens für 1931 erbitten dürfte. Aber auch wer sich auf die Sorgen der Allgemeinheit beruft, wird billigen Prophetenruhm ernten, wenn er für das neue Jahr eine Menge Schlimmes weissagt. Nichts leichter, als zu beweisen, dass nicht gerade abend um zwölf Uhr das glücklichere Zeitalter beginnen wird, nach dem wir alle uns sehnen. Wirtschaft und Politik, diese Sorgenkinder unserer Zeit, kümmern sich den Teufel um den Kalender, das Bleigiessen und alle guten Wünsche, die zwischen Punsch, Pfannkuchen und Rotfeuer als «Prost Neujahr!» in die Luft gesandt werden. Die Zahl «1931» birgt keine kabbalistischen Kräfte, man kann mit ihr das Böse nicht bannen. Es wird in vieler Hinsicht ein Jahr der Entscheidungen werden, und diese Entscheidungen werden nicht vom Himmel fallen, sondern erkämpft werden müssen. Für den Pessimismus gibt es also Gründe genug — töricht wäre, sie zu leugnen. Und es gibt nur einen Grund dagegen: dass es keinen Zweck hat, pessimistisch za sein! Wenn man die Dunkelheit «Finsternis> schilt, so wird sie davon nicht heller. Die kleinste Funzel nützt da mehr als das tragischste Wort. Und so wenig man den Zeiten einreden kann, es gehe ihnen ab 1. Januar von Tag zu Tag immer besser und besser, so gewiss Ist es ein gutes, ein nützliches Ding, sich selbst ein wenig Mut zu machen. Denn unser Schicksal ist immer ein Resultat von beidem: den anonymen, unentrinnbaren, übermächtigen «Zeiten» — und dem Mass von Mut, Selbstvertrauen, Behauptunggswillen, mit dem wir den Kampf mit ihnen aufnehmen.» Wer sich vom Schicksal nicht willig trei- Ramosi Von V. Williams. Ans dem Englischen übersetzt von Otto Klemenl. (Deutsches Recht bei Georg Müller in München.) IVoTteetznne ans dem HauDtblatO Voronian berührte seinen hohen Astrachanhut mit der Hand, die aussah wie eine Klaue. «Wohl bekomme es euch, Herr!» sagte er förmlich. Der Kopte stellte die Schale nieder und rückte den Sessel näher. «Heute morgen hatten wir Besuch,» bemerkte er mit wichtiger Miene und sah den Armenier forschend an. Voronian blickte sich vorsichtig um. Der einzige Mensch in ihrer Umgebung war ein langer Scheich, ein Derwisch der Rifai- , Sekte, wie man an der blauen Spitze seines Turbans erkennen konnte, ein prachtvoller kupferfarbener Mann in seidenem Kaftan, der mit einer Pfeife nachdenklich bei Tisch sass. «Sprechen Sie Englisch!» gebot der Armenier leise. «Wer war es?» « Wieder aus dem Dschebel der Mann.» Voronian runzelte die Stirn: «Aber sagten Sie mir nicht, dass er nach England gefahren sei? » «Er ist gekommen gestern nacht mit das Schiff und heute gleich Ministerium! Der Chef begrüssen ihn wie Bruder. Sie zusammen haben viel Gespräch gemacht.». ben lässt, wer vielmehr als wissender, kämp- sen raunenden falschen Stimmen des Pessifender Mensch der Zukunft entgegenblickt, mismus entziehen. Auf ein besseres Jahr 1931 wird sich mit starkem Willensaufwand die- denn! Besuch bei der Hellseherin Von Walter Jensen. Mühsam hatte sich der alte Dornseif mit seiner Frau die vier Stockwerke emporgekeucht. Nun hielt er vor dem Türschild inne und entzifferte: «Madame Monica Psiutalcchi, Clairvoyance.» «Siehst du,» sagte Papa Dornseil, «mit Speck fängt man Mäuse und mit Fremdwörtern dumme Weiber!» Frau Dornseif hatte sich an die Derbheiten ihres Mannes in fast dreissig Ehejahren gewöhnt und sagte nur: «Nun läute schon!» Ein Mann ohne Kragen, mit missfarbenen Hemdsärmeln, öffnete: «Ah, Frau Dornseif! Stets willkommen! Wohl der Herr Gemahl?» Der aber sagte kurz: «Ich habe wenig Zeit, bitte, führen Sie uns zu Frau Psiutalecchi oder wie sie sonst heisst!» Einige Sekunden später sassen die Dornseifs in prächtigen Jugendstilsesseln. Herr Psiutalecchi Hess die Jalousien herab und knipste einen versteckten Scheinwerfer an, der sein grünes Licht auf einen reich verschnörkelten Schreibtisch warf, der, erhöht, den Raum beherrschte. Hinter dem Schreibtisch stand ein hoher, einstmals vergoldeter ThronsesseL der irgend wie mal bei einer Räumung der Requisitenkammer des alten Stadttheaters zu der Hellseherin verschleppt worden sein musste. Herr Psiutalecchi schlug dreimal mit einem Holzhammer auf einen gesprungenen Gong. Beim dritten Schlag öffnete sich die Tür hinter dem Thronsessel, und die Somnambule schritt im Kostüm einer Vorstadt-Iphigenie mit verbundenen Augen zu ihrem Hochsitz. (Es bedurfte übrigens keiner Hellseherei, um festzustellen, dass sich die stattliche Dame soeben beim Frühstück mit Eigelb beschmiert hatte.) Mit pastosem Alt fing sie an: «Ein «So, so?» Der Armenier zupfte mit den gelben Fingern nervös die grauen Stoppeln am Kinn. « Wovon wurde gesprochen? » Den Bruchteil einer Sekunde zögerte der Kopre. Voronian beobachtete ihn scharf. Dann sprudelte Todros geschwätzig: «Er beklagten sich, dass Ausgrabungen werden geplündert. Die Geschicklichkeit von die Dieben, er sagen, seien ausserordentlich. Er verlangen Soldaten und Polizei, zu schützen, wo er gräbt. Er war böse. Er klopften oft auf den Tisch in sein Aerger .» Der Armenier packte den Erzähler mit der fleischlosen Hand am Aermel. «Nein, nein, mein Freund! Ueberlegen Sie ein wenig! Sind Sie dessen sicher, was Sie da sagen?» Es war, als fiele ein Schatten über Todros glattes Gesicht. Er wand sich auf seinem Sessel. «In Wahrheit war es nicht leicht... die Türe war geschlossen,» murmelte er verlegen. «Sie haben nichts gehört?» «Jedenfalls — als ihre Rede fertig war, mein Chef hat mich schnell geholt und befohlen, ein wichtiges Dokument sofort zu bringen an den Mann von Dschebel, im Hotel » «Was war das für ein Dokument?» «Bericht über die Verheerung der Samen durch Kornwürmer im unteren Delta.» Der Armenier notierte sich etwas auf der Manschette. «Und das ist alles, was Sie wissen?» inneres Gesicht sagt mir, dass sich in diesem Räume ein durch langjähriges Eheband verknüpftes Paar befindet.» «Hören Sie mal,» unterbrach Herr Dornseif, «was kostet es, wenn Sie sich wie ein normaler Mensch benehmen?» Die Hellseherin kriegte Zuckungen, aber Dornseii fuhr unentwegt fort: «Sagen Sie zunächst Ihrem Hausknecht, er soll das Sonnenlicht wieder hereinlassen! Dann nehmen Sie die Binde von Ihren Augen und passen Sie gut auf, was ich Ihnen sage! Ich lege hier zunächst 20 Franken auf den Tisch für die Herstellung einer normalen Beleuchtung und Unterlassung jeder Zeremonie .. .» Einen Augenblick besann sich Frau Psiutalecchi, dann nahm sie die Binde von den Augen, steckte den Geldschein in den Halsausschnitt Iphigeniens und Hess sich also vernehmen: «Für diesen Betrag und auf Ihren ausdrücklichen Wunsch lasse ich meine inneren Gesichte schweigen und schenke Ihnen mein körperliches Sehen und Hören. — August, zieh die Läden hoch!» Mit tiefgekränktem Tone fuhr sie fort: «Mein Mann wird es Ihnen nicht verübeln, dass Sie Ihn für einen Hausknecht hielten. — August, geh in die Küche!» Herr Dornseif forderte die Pythia auf, von ihrem Thron herunterzusteigen und neben ihm Platz zu nehmen. Das kurze Zögern war zu verstehen, denn statt Sandalen trug sie dicke Wollsocken ihres Mannes. Dornseif nahm die Hellseherin in ein Verhör und hatte bald die Bestätigung, dass sie seiner Tochter Else vororakelt hatte, ihr Zukünftiger habe braune Augen, schwarze Haare, sei gertenschlank und spanischen Gejblütg. «Wie können Sie dem Mädel solchen Unsinn einreden?» herrschte er die Hellseherin an. «Meine Gesichte lügen nie!» antwortete diese von oben herab. Nun mengte sich Frau Dornseif ein und beteuerte unter Tränen, dass bis jetzt alle Prophezeiungen von Madame Psiutalecchi in Erfüllung gegangen wären. Aber Herr Dornseif gab nur die Erklärung ab, das Haushaltgeid würde von jetzt ab so bemessen, dass Frau Psiutalecchi künftig eine Kundin weniger habe. Sich an Iphigenie wendend, die sich gerade ausgiebig aber erfolgreich am Bein kratzte, fuhr er fort: «Ich bin bereit. Sie für den Verlust einer Kundin zu entschädigen. Meine Tochter hat meiner Frau anvertraut, dass sie heute nachmittag zu Ihnen kommen wird. Fünfzig Franken opfere ich, wenn Sie Else sagen, in Ihren Prophezeiungen habe sich ein Fehler eingeschlichen: Elses Zukünftiger habe blonde Haare, graue Augen und sei «Für den Augenblick ja. Aber bald ich werde haben für Sie gute Information, lieber Herr Voronian! Sie werden sehen, sehr bald!» Prüfend blickte er in das finstere, gelbe Gesicht des anderen. Voronian machte mit der Hand eine schnelle Bewegung und legte eine blaue Banknote unter die Kaffeetasse. «Hüten Sie sich!» zischte er. «Erzählen Sie mir keine erlogenen Dinge, von denen Sie annehmen, dass ich sie gerne höre! Nur für die Wahrheit bezahle ich!» Er legte die Hand an den Hut und verliess das Kaffeehaus. Im blendenden Sonnenschein schritt er Quer über den Opernplatz, ging an den öffentlichen Briefschreibern vorüber, die an ihren Pulten vor dem Geländer des Postamtes kauerten und stürzte sich in den brausenden Wirbel der Muski, Kairos berühmter Marktstrasse. Hier bestieg er einen überfüllten wackeligen Autobus, der sich mit unendlicher Mühe seinen Weg durch den Verkehrstrubel bahnte. In der drängenden Menge schritt auch ein hochgewachsener kupferfarbener Rifai-Derwisch in seidenem Kaftan. scheinbar, ohne des betäubenden Lärms zu achten; denn er sah weder nach rechts noch links. Ausser wenn er seinen gleichgültigen Blick auf den dahinstolpernden Omnibus warf, auf dessen rückwärtiger Plattform Herr Voronian stand Das Vehikel kroch so langsam durch das Gewühl der Fuhrwerke und Fussgänger, dass sich leicht mit ihm Schritt halten Hess. untersetzter Statur. Das ist nämlich das Konterfei meines Kompagnons, und ich wünsche, dass er mein Schwiegersohn Wird!» Iphigenie sprang auf und deklamierte: «Meine Wissenschaft soll ich um schnöden Mammon verraten? Meine göttliche Inspiration?» Frau Dornseif schluchzte vor Ergriffenheit. Herr Dornseif aber sagte: «Ich sehe ein, für 50 Franken kann man Ihnen nicht zumuten, Ihre Prophezeiung streng wissenschaftlich nochmals zu überprüfen; hierfür sind wohl 100 Franken ein angemesseneres Honorar!» Er legte den Schein auf den Tisch, und Iphigenie hielt ihn gegen das Licht. «Anr Hochzeitstag erhalten Sie nochmals hundert!. Adieu!» Nachmittags musste die erstaunte Else beJ Frau Psiutalecchi ihren Namen auf einen Zettel schreiben. Mit verbundenen Augen, bei herabgelassenen Jalousien und eingeschaltetem Grünlicht befühlte die Hellseherin unter allerlei Hokuspokus den Zettel. Auf einmal schrie sie in Ekstase auf: «Hah! Lügengeister sind am Werk! Aber der Engel der Clairvoyance siegt über alle Teufeleien widriger Kobolde!» Sie riss die Binde von den Augen und starrte den Zettel an. Dann triumphierte sie: «Entlarvt! Entlarft ist der Kobold des Trugs! Mit einem Die •• Cigaretten |||||| |ORTH STATE" ä Fr. 1.— per 20 Stück-Paket zeichnen sich aus durch ihr hochfeines, unaufdringliches Aroma und ihre grosse Milde. Bei der kleinen El-Aschraf-Moschee kletterte Voronian aus dem Omnibus und ging eine staubige Nebenstrasse hinunter. Vielleicht lockte ihn nach der Hitze des Tages der kühle Eingang des überdeckten Basars mit seinen mystischen Gerüchen von Gewür-. zen und Rosenöl. Aber nein: der Armenier schritt am Basar vorbei, passierte einen altertümlichen Torweg und verschwand in, einem schmalen Gässchen. Hier verhallte das Strassengetöse. Im Araberviertel war Siestazeit. Bis auf das spärliche Trappeln nackter Füsse oder den klagenden Schrei eines Esels unterbrach kein Laut die bleierne Stille. Sengend brannte die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Voronian nahm mit dem sicheren Gang dessen, dem die verworrene Geographie dieser Gegend vertraut ist, Zuflucht zu den blauschwarzen Schatten der Lehmmauern, mit ihren vorspringenden Fensterläden. Bisweilen verhielt er den Schritt, um vorsichtig über die Gestalt eines Schläfers zu steigen, der, den Kopf zur Abwehr der Fliegen vermummt, wie ein Toter im Rinnstein lag. Endlich machte er halt vor einer dicht mit Nägeln beschlagenen Holztür, die die Einförmigkeit einer hohen Lehmwand unterbrach. Er schlug mit dem schweren Türklopfer so kräftig an, dass es laut in der engen Gasse widerhallte. Innen wurde ein Riegel zurückgeschoben und rasch überschritt der Armenier die Schwelle. (Fortsetzung folgt)