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E_1930_Zeitung_Nr.107

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Ausgabe; Deutsche Schweiz BERN, Dienstag. 23. Dezember 1930 Ntimmßr 20 Cts. Tährgang. — N° 107 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG ZentralbSatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag und Freltufl Monatlich „Gelb« Liste" Halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10. — . Im Ausland unter PortOJRtschlag, REUAKTION n. ADMINISTRATION: Breitenrainstr. 97, Bern sofern nicht postamtlicb bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 Rappen. Postcheck-Rechnune III/414. Telephon Bollwerk 39.84 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Heutige Wirtschaftslage und Automobil In einem Vortrage über die gegenwärtige Wirtschaftslage behandelte der Vor stand des botriebswissenschaftlichen Institutes an der Eidg. Techn. Hochschule, Herr Prof. Dr. E. Böhler, den gewaltigen Binfluss, den die Einführung des Automobils auf die Abwicklung des Güteraustausches, auf die ganze Gestaltung der wirt schaftlichen Verhältnisse im letzten Dezennium ausgeübt hat. Das Automobil habe für unsere Periode eine ebenso grundlegende Umwandlung der Wirtschaftsstruktur hervorgerufen, wie in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts der Ausbau des Eisenbahnnetzes und in den neunziger Jahren die Einführung der Elektrizität. Er erblickt im Motorfahrzeug, wenn auch nicht das einzige Moment •— daneben spielten in erster Linie die weitere Elektrifizierung der Wirtschaft, die Eationalisierung der Industrie, sowie die wachsende Mechanisierung der Landarbeit eine hervorragende Eolle — so doch einen der Hauptfaktoren der ungeheuern, geradezu stürmischen Entwicklung der Industrie seit Ende des Krieges. Sie trug aber leider den Keim zur Reaktion, die sich jetzt, in so unangenehmer Weise fühlbar macht, in sich. Die Ausführungen Professor Böhlers sind nun zum Teil (z. B. in einem Artikel im «Säntis») dahin ausgelegt worden, dass die Einführung des Automobils eine Mit-, ja die Hauptursache i der; gegenwär^£ei££W^lt* krise sei. Man muss aber die Gedanken gründlich missverstanden haben, um diesen Schluss, wenigstens in uneingeschränkter Form, daraus ziehen zu können. Prof. Böhler war weit davon entfernt, dem Automobil eine die Wirtschaft schädigende Wirkung zusprechen zu wol- F E U I L L E T O N Ramosi Roman von V. Williams. Ana dem Englischen übersetzt von Otto Klement. (Deutsches Recht bei Georg Müller in München.) (4. Fortsetzung) Inhalf des bisher erschienenen Romanteils : In Frankreich beschloss eine Gruppe von Händlern mit ägyptischen Altertümern den Zusammenschluss zu einem grosszügigen Handelsbetrieb. Zwei dieser Altertumshändler reisen auf einem Dampfer nach Aegypten, auf dem sich gleichzeitig die Amerikanerin Joan Averil, der Engländer CrErdock und der Prinz Said-Hussein befinden. Der Händler Ismail verrät durch seine unsicheren Bewegungen Furcht vor einer drohenden Gefahr, die ihn denn auch ereilt. Barfüssig, im Nachthemd sprang sie zur Tür. Der Gang war leer, so wie sie ihn zuletzt gesehen; die runde elektrische Lampe zitterte leise im Takt zu den Schwankungen des Schiiies und leuchtete matt. D 5 lag finster wie vorhin, die Tür mit einem Haken gesichert. Joan knipste am Schalter neben ihr und drehte das Licht an. Die Kabine war leer. Auf der Schwelle lag ein zusammengefaltetes Stückchen Papier. Mechanisch hob sie es auf und blieb unentschlossen stehen. Plötzlich legte sich von hinten eine schwere Hand auf ihre Schulter. Sie drehte sich schnell um: Cradock sah ihr hart in die Augen; ein grimmiger Zug lag um seinen Mund. «Was tun Sie hier?» fragte er barsch. Ohne den Griff zu lockern, lugte'er an ihr vorbei in seine Kabine. Sein Gesicht wurde sanfter. Dann aber entdeckte er den Brief. Wilden len. Ganz im Gegenteil ist er der Mei nung, dass das Motorfahrzeug die technische Errungenschaft gewesen sei, die die letzte Aufschwungsperiode auszulösen imstande gewesen sei. Der allgemeine Aufschwung habe aber eine sozusagen epidemisch sich ausbreitende, immer weitere Kreise von Unternehmungen und Erwerbszweigen ergreifende Steigerung der Unternehmungslust hervorgerufen und eine ganz entschiedene Ueberschätzung der Gewinnmöglichkeiten bewirkt, so dass die Kapitaldecke für diese Neuentwicklung zu kurz wurde. Die tatsächliche Nach frage entsprach nicht mehr der erwarte ten, so dass eine Ueberproduktion an Kapitalgütern, Maschinen, Rohstoffen und dergleichen und damit der Grund zur heutigen Krise unvermeidlich wurden. Konjunkturschwankungen und Depressionsperioden, während denen die Fortschritte vom Wirtschaftskörper assimiliert werden, sind somit als Geburtswehen der wirtschaftlichen Entwicklung, der Wechsel von Hoch- und Tiefstand als rythmische Realisierung des wirtschaftlichen Fortschrittes zu betrachten. Wir sehen also, dass in dieser Ansicht über die Ursprünge der wirtschaftlichen Schwierigkeiten, in denen sich nachgerade die meisten Länder verwickelt haben, keine Verurteilung des Automobils an sich liegt. Wir sehen vielmehr eine Aner kennung darin, dass es — ebengerade weil es zu den fruchtbarsten technischen Errungenschaften gehört — als Fundament des Aufschwunges des letzten Jahrzehntes und deshalb mit als eine der Ursachen der momentanen konjunkturellen Depression angeführt wird. Die Krisentheorie Prof. Böhlers hat auch nichts mit der noch vielfach verbreiteten. < au£wtmgßnügenden«i«Beobachtungenj> und Ueberlegungen beruhenden Meinung gemein, die da glaubt, der technische Fortschritt schaffe vermehrtes Elend, weil er fast immer eine grosse Zahl von Arbeitern freisetze. Sie erblickt den Grund, warum ein technischer Fortschritt von grösserer Bedeutung Gleichgewichtsstörungen im Wirtschaftsorganismus hervorruft, vielmehr in einem psychologischen Momente. Da die Menschen aus der Wirtschaftsgeschichte ebensowenig jemals etwas lernen werden, wie aus der politischen, rechnen sie in Aufschwungsperioden immer wieder damit, dass das Tempo der Entwicklung sich Jahre hindurch werde aufrecht erhalten lassen. Blickes entriss er ihr das Papier — zeigte auf die Aufschrift «Mr. Cradock». Nachdem er den Zettel gelesen, presste er ihn in der Hand hin und her und trat ganz nahe an Joan heran, die am Türpfosten lehnte. «Ich verbiete Ihnen ein für alle Mal, sich in meine Angelegenheiten einzumischen! Es gibt nichts in meiner Korrespondenz, was Sie oder sonst jemanden interessieren könnte.» «Was wollen Sie eigentlich?» keuchte sie. «Den Brief nahm ich zufällig vom Boden auf. Ich hatte mich über ein Geräusch erschreckt — kam zu Ihnen, um zu fragen, ob auch Sie etwas gehört hätten » «Was sollte ich gehört haben?» «Jemand hat gerufen — ich glaubte, einen Schrei zu vernehmen.» «Wo, wann?» «Soeben. Er schien von draussen zu kommen.» Unter der spinnwebfeinen Hülle hob und senkte sich ihr Busen. Sie blickte auf ihr Nachthemd und Röte der Scham stieg in ihre Wangen. «Lassen Sie mich in mein Zimmer!» bat sie, denn er stand noch immer zwischen ihr und ihrer Kabinentür. Aber er starrte sie finster an und rührte sich nicht. Sie boxte mit ihrer festen kleinen Hand gegen seine Brust. «Lassen Sie mich vorbei, sage ich!» knirschte sie. Stillschweigend trat er zur Seite. Sie flüchtete in ihre Kabine und verriegelte die ,Tür. Gedankenverloren stand er und zerknüllte den Brief zwischen seinen Fingern. Dann, mit plötzlichem Ruck, riss er sich aus seiner Die eigentliche Krisenursache. Auch wir glauben, dass ein gewisser Rhythmus in den Konjunkturen psychisch bedingt ist, die einzelnen Fortschritte stossweise in die Wirtschaft eingeführt und nicht ganz reibungslos assimiliert werden können. Trotzdem scheint uns die pessimistische Theorie Prof. Böhlers (pessimistisch in dem Sinne, dass nach ihr jeder wahre Fortschritt nicht nur bis zu seiner Reife durch harte Arbeit und grosse Opfer, sondern auch nachher bis zur endgültigen Assimilierung mit einer Periode vermehrter Depression, wie wir sie heute erleben, erkauft werden müsste) den Fehlurteilen infolge Ueberschätzung der Entwicklungs möglichkeiten eine zu grosse Bedeutung beizumessen. Der Rückschlag hat neben allen andern Faktoren wie Belastungen aus der Kriegszeit, Industrialisierung dej Neuländer, die durch Veränderung der Goldproduktion drohende Deflation, hohe Zinssätze, Ausdehnung der überseeischen Industrie, politische Unsicherheit usw. wohl seine Hauptursache in der ungesunden Erscheinung, dass sich die Kaufkraft in falschen Händen konzentrierte. Es ist wohl keine Uebertreibung, wenn man sagt, dass die Spekulationsgewinne für den Absatz der sich ungewöhnlich rasch entwikkelnden Produktion eine Rolle spielte, neben der der aus produktiver Tätigkeit gewon nenen Kaufkraft beinahe keine Bedeutung mehr zukam. Die unsinnig betriebene Spekulation beruhte aber nicht auf eine" Lethargie und stürzte durch den abschüssigen Gang zurück, woher er gekommen. Als Joan am nächsten Tag die Augen aufschlug, hatte die «Aquatic» zu schwanken aufgehört. Der Hermelinmantel in ihrer Kabine hing bewegungslos am Haken. Die offene Luke umrahmte etwas, das einer erstaunlich festen gelben Mauer glich. Man hörte Lärm von schweren Wagen, die über hartes Pflaster ratterten und Stimmengeschnatter zerriss die Luft. «Neapel, gnädige Frau!» Simmons stand neben dem Bett, eine Teetasse in der Hand. In ihrem schwarzen Kleid sah sie noch grimmiger und eckiger als sonst. Sie war so kantig wie ein Rechteck, und trotzdem kein lebender Mann berechtigtermassen darüber sprechen konnte, gab es Anzeichen, die vermuten Hessen, dass ihre unbekleidete Gestalt einen Kubisten in Ekstase versetzt haben würde. Aber solche Gedanken kamen Joan Averil nicht in den Sinn. Für sie war Simmons in ihrem schwarzen Alpakakleid die rosenfingrige Morgendämmerung in Person. Sie rekelte sich schläfrig. Irgendwo rasselte in ihrem Kopf, wie ein Vogel im Käfig, eine unangenehme Erinnerung und deshalb wollte sie nicht recht erwachen. «Es gab eine böse Geschichte in der Nacht, gnädige Frau! Haben Sie es gehört? Man Hess das Schiff halten, und ich weiss nicht, was noch alles geschah. Man sagt, ein Passagier sei über Bord gefallen!» Ein finsteres, sonnverbranntes Gesicht, zwei zornige Blauaugen traten in Joans langsam erwachendes Bewusstsein. Warum hatten sie sie so wild angestarrt? INSERT1OXS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzelle oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarif. inseratenschhiss 4 Taoe vor Erscheinen der Nummern SiTeberpahätzung weder der Aktien an sich, noch "der allgemeinen Entwicklungsmöglichkeiten. Es glaubte kein Mensch daran, dass die Prosperität in dem Masse zunehmen würde, dass der innere Wert der Aktien, wenigstens innert nützlicher Frist nicht, die an den Börsen erreichten Kurse einholen würde. Es gab viele Stimmen, die vor dieser «Apres-nous-le-deluge-Einstellung» warnten. Es ist jedoch begreiflich, dass der einzelne, ohnmächtig von sich aus Verhältnisse zu ändern, es vorzog, aus der Situation noch soviel wie möglich herauszuschlagen. Am Tage der ersten Einbrüche an der Neuyorker Börse, als durch die Presse die Meldung ging, dass so und soviele Milliarden verloren gegangen seien, waren im Grunde nur fiktive Werte zusammengebrochen. Die Menschheit war an diesem Tage um nichts ärmer geworden, was sie zum Leben wirklich braucht. Aber kein Erdbeben, keine Katastrophe, kein Zerstörungswerk hätte so vernichtend wirken können, als dieser Zusammenbruch der künstlich in die Höhe getriebenen Börsenwerte, der natürlich bedingt und unvermeidbar war und von jedermann hätte vorausgesehen werden können. Bei dem grossen Anteil, den die Spekulationsgewinne in der Nachfrage hatten, war es gar nicht anders möglich, dass das eintrat, was man so nennt und was es in Wirklichkeit, weil die Bedürfnisse der Menschen unbeschränkt sind, gar nicht geben kann: die allgemeine Ueberproduktion. Die Warenverluste, die Einbusse an wirklichen materiellen Gütern folgt erst hinten nach. Ich glaube, wir brauchen nur ein Beispiel herauszugreifen, über das man sich seltsamerweise kaum genügende Rechenschaft ablegt: die lebendige Arbeitskraft der Millionen, die heute auf Wohlfahrtseinrichtungen und Unterstützungsaktionen angewiesen sind. Es würde zu weit führen, darauf einzugehen, wie solche Rückschläge vermieden werden könnten. Wir müssen uns damit begnügen, klarzustellen, dass sie nicht durch den technischen Fortschritt an sich bedingt werden. Es wäre ganz gut möglich, dass umwälzende technische Neuerungen, wie z. B. das Auto, in das Wirtschaftsleben eingeführt und ihrer endlichen Bestimmung, der vollen rationellen Ausbeutung, zugeführt werden, ohne dass die Konjunkturschwankungen, die Geburtswehen der wirtschaftlichen Entwicklung so grausame Ausmasse zu nehmen brauchen, wie in den letzten Monaten. W. In dieser Woche erscheint nur die heutige Nummer 107. Die Freitagausgabe fällt wegen der Weihnachtsfeiertage aus. Nummer 108, die letzte Ausgabe dieses Jahres, wird dafür schon nächsten Montagmittag den 29. Dezember ausgegeben. «Ich werde Ihnen Ihr blaues Stoffkleid vorbereiten, gnädige Frau. Er regnet fürchterlich.» Simmons ging betulich umher und brachte die Kabine in Ordnung. Joan richtete sich im Bette auf. Plötzlich kamen ihr die Ereignisse der Nacht wieder ins Gedächtnis: Der Schrei — Cradock und sein unsinniger Argwohn —. Was hatte Simmons da eben von einem Passagier über Bord erzählt? Es klopfte. Simmons wandte sich nach Joan um und sagte: «Der Kapitän lässt sich Ihnen empfehlen! Er möchte Sie so bald als möglich in seiner Kajüte sprechen.» «Kapitän Barnett? Was will er von mir?» «Das weiss ich auch nicht, draussen steht ein Steward und sagt, es sei sehr dringend!» «Gut, ich komme, sobald ich angezogen bin. Was das wohl sein mag?» «Möglicherweise etwas mit Ihrem Reisepass — das würde mich nicht wundern. Es kam ein Haufe von fremden Männern an Bord. Sie nahmen das Rauchzimmer in Beschlag, wo sie die Pässe für Leute abstempeln, die an Land gehen wollen. So ein Blödsinn, finde ich » Joan interessierte sich nicht für die geistreichen Auseinandersetzungen ihrer Zofe. «Wissen Sie wer der Passagier war, der über Bord fiel, Simmons?» «Die Stewardess konnte darüber keine Auskunft geben, gnädige Frau!» Fiebernd vor Aufregung hastete Joan in die Kleider. Hatte etVa gar Cradock seine unverschämten Anschuldigungen vor dem Kapitän wiederholt? Sie fühlte, wie heisser Zorn in ihr aufstieg. (Fortsetzung folgt.)