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E_1931_Zeitung_Nr.009

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10 AUTOMOBIL-REVUE

10 AUTOMOBIL-REVUE 1931 - starke Erhitzung des Gasgemisches ein. Infolge dieser Erhitzung dehnt sich das Gasgemisch aus, woraus folgt, dass es von grösster Bedeutung ist, dass im Augenblick der Entzündung die Temperatursteigerung so gross wie möglich und der Wärmeverlust so gering wie möglich ist. Spinnen wir diesen Gedankengang weiter, so kommen wir naturnotwendig zur Folgerung, dass so wenig Wärme wie möglich an die Zylinderwände und über diese an das Kühlwasser oder an die Aussenluft (bei luftgekühlten Motoren!) gelangen soll, was eintreten würde, wenn die Temperatur des Motors relativ hoch und die Oberfläche des Verbrennungsraumes im Verhältnis zu dem Inhalt sehr klein gehalten wäre. Infolgedessen kommt der Konstrukteur eines Verbrennungsmotors immer wieder zur Kugelform des Verbrennungsraumes, da diese den erforderlichen Verhältnissen, kleinste Oberfläche im Verhältnis zum Inhalt, am weitesten nachkommt. Die Motorenart, die die denkbar beste Anwendung des erwähnten Konstruktionsgedankens verwirklichen lässt, ist erreichbar beim sogenannten Schiebermotor. Die nächste dieser Motorenart günstigste Konstruktionsform für den kugelförmigen Verbrennungsraum ist die in den letzten Jahren zu grösster Verbreitung gekommene Motorenkonstruktion mit hängenden Ventilen, die meist und am besten schräg im Zylinderkopf angeordnet sind, im Gegensatz zur ungünstigsten Form eines Zylinderkopfes, dem flachen Verbrennungsraum, in dem in seitlich angeordneten Kammern die Ventile «stehend» eingebaut sind. Das deutlichste Bild nachteiliger Einflüsse eines zu warmen Motors ergibt sich, wenn man die Temperaturveränderung des Gasgemisches in ihrem Zusammenhang mit der Leistung einer rechnerischen Betrachtung unterzieht. Hat das Gemisch im Augenblick der Entzündung eine Temperatur von — angenommen — 100 Grad und steigt im Verlauf der Entzündung und der nun einsetzenden Erhitzung auf 1400 Grad, so ergibt sich eine Temperaturdifferenz von 1300 Grad! Wenn nun aber die Anfangstemperatur d$s Gasgemisches schon 350 Grad wäre, so erreicht die Temperaturdifferenz nur 1050 Grad, da die Endtemperatur ja, wenn auch nicht unbedingt konstant — so doch relativ unveränderlich ist. Hieraus ergibt sich, dass im ersteren Falle der dem Motor erteilte Kraftimpuls wesentlich höher sein muss, da die Aasdehnung ja eine bedeutend stärkere ist. Zum Nachdenken müssen an dieser Stelle die verschiedenen Brennstoffeigenschaften anregen. Denn, um dass ein Brennstoff gewissermassen seine ganze Kraft hergibt, ist es notwendig, dass seine einzelnen Bestandteile leicht flüchtig sind, das heisst, dass bei geringster Temperatur bereits ein höchstmöglicher Prozentsatz flüchtig wird. Man wird hieraus ersehen, woraus die grösste Temperaturdifferenz bei demgemäss grösster Kraftentfaltung des Treibstoffes zu erwarten ist. Zugleich lässt dies aber auch noch eine Folgerung zutagetreten. Man kann keine Regel derart aufstellen, dass die Leistung eines Motors höher wird, je geringer die Anfangstemperatur der im Zylinder befindlichen Gase und damit ihrer obenerwähnten Temperaturdifferenz ist. Denn, wenn diese Temperatur so niedrig ist, dass der Treibstoff ungenügend verdampft und sich dadurch auch nur ungenügend mit Luft mischen kann, erhält man ein langsam brennendes Gasgemisch und einen hohen Brennstoffverbrauch. Nun wird uns verständlich werden, was es bedeutet: Zu kalter und zu heisser Motor! Ein handgreiflicher Beweis über Temperaturverhältnisse und ihre Auswirkungen auf den Motor und seine Arbeit, hat jeder Fahrer schon gespürt — aber wahrscheinlich kaum den Zusammenhang mit den hier entwickelten Ueberlegungen gesucht haben — wenn er an trockenen, heissen Sommertagen in grössere Waldungen geriet und der Motor auf einmal wesentlich besser zog, als ausserhalb dieser. Das gleiche wird man auch auf abendlichen Nachhausefahrten erlebt haben. Mit derrj Scherzwort: «Als ob er den Stall riecht», hat man es abgetan, hat sich innerlich vielleicht über den Unterschied gewundert, ohne aber gross darüber nachzudenken. Die Erklärung hierfür ist das oben Entwickelte. Zusammenfassend ergibt sich aus diesen Betrachtungen, dass wohl das Gasgemisch eine niedere Anfangstemperatur haben muss, diese jedoch an eine gewisse Grenze nach unten gebunden ist, wenn nicht die «Kühle» nachteilige Folgen auf Leistung und Brennstoffverbrauch haben soll. H. E. T«-dN S«» Frage 7794. Kontrollapparat «Autograph». Können Sie mir mitteilen, wer den Kontrollapparat cAutograph» baut und wer dessen Vertretung inne hat? K. W. in B. Fragt 7795. Schutz des AutokOhlers. In Nr. 3 der «A.-R.» ist eine Abhandlung über den Schutz des Autokühlers enthalten, wobei ein Präparat, «Kobydrol» genannt, empfohlen wird. Kann mir jemand, der das Mittel verwendet hat, dessen zuverlässige Wirkung bestätigen? Wie viel benötigt man für ein Kühlsystem, das ca. 30 Liter fasst? Wo ist dasselbe in gebrauchsfertigem Zustand erhältlich und wie hoch stellt sich dor Preis? A. W. in Z. Frage 7796. Kann ein Baininvalider autofahren und die Fahrbewilligung erhalten? Wir haben in Nr. 105 des letzten Jahres eine Frage veröffentlicht, wonach ein Beininvalider sich ein Auto anzuschaffen wünscht und seine Leidensgenossen fragt, ob geeignete Vorrichtungen bestehen, die das Fahren für solche Personen erloichtern und es ihnen ermöglichen, eine Führerbewilligung zu erwerben. Wir veröffentlichten in der gleichen Nummer eine eingehende Antwort, die sich über die technische Seite der Anglegenheit aussprach, und später weitere Antworten, die ergänzende Mitteilungen enthielten. Vor allem bedarf die rechtliche Seite noch weiterer Abklärung. Wie verhalten sich die kantonalen Motorfahrzeugkontrollen zur Erteilung von Führerbewilligungen für Beininvalide? Gibt es Kantone, die es ablehnen, solchen Leuten entgegenzukommen? Aufklärende Zuschriften leitet die Redaktion an die betreffenden Interessenten weiter. Frage 7797. Welche Marke wählen? Ich beabsichtige, dieses Frühjahr einen Wagen anzukaufen und will die Wahl zwischen Ford und Citroen treffen. Citroen C 4 käme mich etwas teurer zu stehen als Ford, würde aber etwas weniger Steuer und Versicherung kosten, so dass sich die Sache ziemlich ausgleicht. Würde den Wagen pro Jahr etwa 3000 bis 4000 km fahren, und zwar zu Lokalverkehr und kleineren Reisefahrten. Welcher Leser ist nun so freundlich und rä'. mir, zu welcher von beiden Marken ich mich ontschliessen soll. Welcher von den beiden stellt sich punkto Unterhalt und Verbrauch wirtschaftlicher, und welcher ist der sicherers Wagen auf der Strasse? (Zuschriften leitet die Redaktion weiter.) Frage 7798. Nadellager. Wenn ich mich Techt erinnere, haben Sie seinerzeit einen kloinen Artikel über Nadellager publiziert, dem ich damals nicht die nötige Aufmerksamkeit schenkte. Es würde mich heute interessieren, nähere Details zu erfahren. Wie sind die BelastungsveVhältnisse? G. M. in C. Antwort: Die Nadellager, die wir Ihnen untenstehend im Bilde vorführen, haben die folgenden normalisierten Masse,: Durchmesser 2,5 und 3,0 mm und eine respektive Länge von 13 mm, 15,8 mm und 15,0 mm, 19,8 mm und 24,8 mm. Diese Nadolrollen arbeiten nicht wie dio gewöhnlichen Rollen- oder Kugellager. Als neues Element der Arbeitsweise tritt ein Gleiten hinzu, das denselben den Vorteil verschafft, bedeutend grössere SchockbeanSpruchuogen und DruckverhäJtnisse erleiden zu können als die andern, verwandten Lagersysteme. Ihr Anwendungsgebiet wird dahor immer mehr vergrössert — Frage 7786. Elektrische Handlampe In Rahrenform. Es existiert eine neue starkleuchtende elektrische Handlampe in Röhrenform, die einen grassern Fleck zu beleuchten imstande ist als andere Handlampen und daher auch praktischer sein soll. Der Preis stollt sich auf ca. Fr. 16.—. Kann mir ein Leser die Bezugsquelle nennen? L. L. in B. $P Anfrage 981. Kauf eines Autos. Ich habe Enda Januar 1928 ein Auto gekauft, das im Kaufvertrag als Modell 1928 bezeichnet wurde. Als ich dasselbe kürzlich verkaufen wollte, hat mir ein Fachmann erklärt, dass mein Auto ein Modell 1926 oder 1927 sei. Auf meine Anfrage hin gibt mir der Vertreter der Firma zu, dass es sich um ein Modell 1927 handle, dass aber das Modell 1928 genau gleich ausgeführt wurde. Nun hatte aber dieselbe Firma schon etwa 8 Wochen später im Genfer Salon unter etwas geändertem Namen (ein Zusatzname) ein neues Modell mit gleich starkem Motor, aber viel schlankerer Karosserie, auf den Markt gebracht. Mein Modell wurde nicht ausgestellt. Da ich beim Verkauf mei» nes Autos infolge der älteren Konstruktion weniger lösen konnte, glaube ich auf einen Schadenersatz Anspruch zu haben. Welches ist Ihre Auffassung? H. in T. Antwort: Nach Ihrer Darstellung haben Sie Ihren Wagen bereits im Januar 1928 gekauft. Eine Klage über oinen anfälligen Mangel des Wagens, d. h. wenn Sie glauben, feststellon zu können, dass eine Ihnen vom Verkäufer zugesicherte Eigenschalt nicht besteht, kann nur binnen Jahresfrist seit Ablieferung des Wagens angestrengt werden. Eine Ausnahme bildet die absichtliche Täuschung des Käufers durch den Verkäufer. Dann findet eine Beschränkung der Gewährspflicht des Verkäufers boi versäumter Anzeige nicht statt. In Ihrem Falle wird es sich somit fragen, ob Sie der Verkäufer absichtlich, d. h. wider besseres Wissen, getäuscht hat, dann können Sie noch heute eine Klago auf Preisminderung anstrengen, oder ob dem Verkäufer ein-blosser Irrtum unterlaufen ist, dann sind Ihre Ansprüche* ihm gegenüber verjährt Die Klage auf Preisminderung verlangt vom Verkäufer eine teilweise Rückgabe des Kaufpreises. Die Höhe dieser Rückgabe bemisst sich nach dem Schaden, welchen der Käufer erleidet, da die ihm zugesicherte Eigenschaft des Wagens, in Ihrem Falle Modell 1928, nicht vorhanden ist. Ihr Vorgehen gegenüber dem Verkäufer wird somit davon abhängen, ob Sie in der Lage sind, den Beweis zu erbringen, dass Sie arglistig von ihm über das Erstellungsjahr des Wagens getäuscht worden sind oder nicht. * AUTO -GARAGEN in Eternit doppelwandlg, hiigbar, demontabel, seit 15 Jahren bewährte Bauart Länge cm Breite cm Hübe cm Preis e'r. Hr.l WO 240 250 WO.— Hr. 2 WO 240 250 1100.— Nr. 3 4*0 S00 250 1200.— Nr. 4 600 300 250 1400.— Prtlse ab Fabrik — Lieferbar sofort — Nähere Auskünfte durch ETES2M1T A.-G., NIEDE&UBIlfEN flO Fonrnitnres cn gros ponr Automobiles Slalson speelale •our joints meialloplastlquei E. KUPFERSCHMID BERNE Erlachetrasee 7 Telephone Bollwerk 40 64 FAITES L'ESSAI DES 4 & 6 CYLINDRES - 8 & 10 CV ä L'IMPÖT AgentgönSralpourlaSuisse: FELIX HUMBLET.Champfleury, Chemin des Tulipiers, GENEVE AQENCESi L. Mertlnet, 14, Bne du Lac, Genöve R L6on Humblet, St. Hubert, Signal,*Lausanne M. Reichen. 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Bern, Dienstag, 3. Februar 1931 III. Blatt der „Automobil-Revue" No. 9 Februartage Dieses sind die Tage, in denen wir von den leisen Dingen reden wollen. Die Zeit der ersten Schneeschmelze ist vorüber. Die harten, sehr hellen, sehr klaren und kalten Tage sind vorbei: die weissen, blendenden Tage mit dem blauen Himmel. Nun hängt der bläuliche Dunst zwischen der Stadt und dem Wald: der leuchte Atem, der von der weichen Erde aufsteigt. Zwischen braunem Land liegt das karge Wintergrün des Feldes; mit gutem Blick sieht es uns an. Die kahlen Zweige unserer Bäume stehen im Tropfenschleier und sind straff und erfüllt nnd drängen braune, feste Knospen aus sich heraas und wollen wieder sein. Und wer will, lebt. Wenn der bläuliche Dunst die nahen Dinge fern macht, wollen wir von den fernen Dingen reden. Dass wir wünschen, solche Bäume za sein, mit Wurzeln, tief in dem warmen Erdreich, mit festen, trinkenden, schaffenden Wurzeln. Schweigen lernen und leben lernen, sagen diese seltsamen Tage, die stillen, feuchten Tage im Februar, die ein wenig traurig sind. Martha Werth. Der Narziss Von Jean Robert. Der fetrcnte Wirrtertag ging znr Neige; es dunkelte schon bedenklich nnd die ersten Lichter spiegelten sich hn nassen Asphalt, als eto schlank xmd gross gewachsener junter Mann in die in der kleinen Stadt wohlbekannte Konditorei am Bahnhofplatze trat. Er trug eine schwarze Aktenmappe unter dem Arm nnd schien, von der Anhöhe herkommend, auf der sich die Universität befindet, sehr befriedigt sein Tagespensum an Kollegien hinter sich oder doch frühzeitig abgebrochen zu haben. Er zog den Hut vom Kopfe, nickte höflich, aber sagte zunächst kein Wort, sondern irrte, unruhig nach etwas suchend, im ganzen Geschäfte umher.' Die kleine, blonde Verkäuferin mit den schönen Augen and den hübschen Beinen fing, durch das sonderbare Gebaren des Jungen Mannes etwa» beunruhigt und gereizt, schliesslich zwei- oder dreimal hintereinander, mit was sie ihm dienen könne. «Ich möchte... wissen Sie...», stotterte der junge Student,mit dem Zeigefinger die Umrisse eines Herzens in die Luft zeichnend, » .. so ein Herz... aus Lehkuchen... mit einem Namen darauf ... aus Zucker... und wieder schrieb er einige Kurven in den Raum. — «Ja, ich weiss schon,» unterbrach ihn die Verkäuferin, «ich weiss schon was Sie meinen.» In der Tat waren diese herzförmigen Kuchen eine wohlbekannte Spezialität des Hauses. Nicht weigen der Form, auch nicht wegen des Namensznges; das sind neckische Spässe, die man in fast allen Landen trifft. Die Besonderheit der Herzen dieser Konditorei lag darin, dass diese aus ganz ausserordentlich leckerem Haselnussteig gebacken waren. Die Verkäuferin frug den Kunden nach seinem Namen. Adolf, war die Antwort. Adolf hiess offenbar der sonderbare junge Mann. Die Verkäuferin durchstöberte den ganzen Berg von Lebkuchenherzen, die sie aus dem Hinterzimmer geholt hatte. Mehrere Franz hatte es, Karl in Menge und Fülle, Fritz scheffelweise, auch Eugen hatte es, selbst ausgefallene Namen wie Silvio und Benjamin, aber Adolf, seltsam, Adolf stand auf keinem der Herzen. Der junge Mann schien sehr betroffen. Er sackte förmlich zusammen, aber die Verkäuferin tröstete ihn. Wenn er den Kuchen nicht für denselben Tag brauche, so könne man ja einen auf Bestellung machen. «Gut so,» sagte er, «so machen Sie mir einen bis morgen. Also morgen und Adolf, nicht wahr», wiederholte er noch einmal, setzte den Hut auf und verschwand in der nun völlig hereingebrochenen Dunkelheit. «Komischer Kauz», sagte, als er draussen war, das Ladenmädchen, das ihn bedient hatte, die Kleine, die Blonde zur Langen, zur Schwarzen mit dem Zwicker, die den jungen Fant die ganze Zeit sehr ungnädig gemustert hatte. «Aber hübscher Junge. Ich frage mich bloss, für wen dieses naive Geschenk bestimmt ist. Nun, ich werde es schon herausfinden, ich verstehe mich auf solche Dinge. Schliesslich sind das von den wenigen kleinen Pläsierchen, die unser Beruf bietet.» Am, nächsten Tag, ungefähr um dieselbe Zeit, erschien unser junger Freund, der Adolf, wieder in der Konditorei. Die Verkäuferin, die kleine blonde, war soeben im Begriff, einer alten Dame, einer der besten Kundinnen des Geschäftes, einen Teller mit Kuchen zu füllen. Wiie sie Adolf erblickte, drückte sie der Dame, der guten Kundin, die vor Bestürzung erstarrte, den Teller in die Hand und eilte auf den Eintretenden zu. «Ich habe ihn,» ruft sie ihm zu, «Adolf war der Name, nicht wahr», und sie holt aus dem Hinterraum einen edel geformten, überaus lecker aussehenden Haselnusslehkuchen. Der junge Mann nahm ihn und bedankte sich höflich. Wie er aber den wunderbar dick und plastisch aufgetragenen, mit Schleifen und Ringelein und allerhand dergleichen sinnigen Verzierungen versehenen Namenszug sah, verfinsterte sich sein Blick. Er wurde leicht verwirrt und etwas befangen. «Ja, Fräulein,» sagte er, «Adolf, ja, das habe ich gesagt, aber... es ist natürlich sehr dumm... ich hätte sie darauf aufmerksam machen sollen... es ist mir sehr peinlich ... aber es geht wirklich nicht... Adolf heisse ich schon, aber ich schreibe mich nicht so, nicht mit einem f, sondern mit ph und einem e am Schluss: Adolphe.» Er entschuldigte sich höflich und umständlich, aber er Hess sich nicht dazu bewegen, den orthographisch nicht einwandfreien Kuchen zu nehmen. Man einigte sich schliesslich dahin, dass auf den nächsten Tag, um dieselbe Zeit, ein neuer Lebkuchen gemacht würde. Mit ph und mit e am Schluss. Und abermals betrat am folgenden Tag, zur selbigen Stunde der Student die Konditorei. Das Mädchen schmollte ein wenig und Hess ihn eine Weile stehen. Heute sollte er ruhig ein wenig warten, dieser anspruchsvolle und komplizierte Herr. Sie war sichtlich verschnupft und nicht mehr geneigt, wegen dem unglücklichen Lebkuchen noch einmal andere Kunden zu brüskieren. Sie holte den besser geglückten, mit besonders sinnreich verziertem phe verschönerten Lebkuchen. Adolphes Gesich aber verdüsterte sich, wie er den hellglänzenden Namenszug betrachtete. «Der Name wäre jetzt recht», sagte er etwas stockend und verlegen, «aber die Schrift gefällt mir wirklich gar nicht. Ich kann diese Schnörkel und Schleifen nicht leiden. Nein, es geht wirklich nicht. Können Sie mir nicht noch einen machen lassen, für morgen, in moderner Schrift, in einfachen, gezogenen Linien? Die Verkäuferin wäre ihm am liebsten an den Kopf gesprungen, aber sie beherrschte sich. Man spricht und liest heute so viel vom «Dienst am Kunden» und von «Keep smiling». Und so beschloss man noch einmal, dass auf den nächsten Tag ein neuer Haselnusskuchen gemacht würde, mit Adolphe, in ruhir fliessender, harmonisch abgerundeter Antiquaschrift diesmal. Und wiederum betrat am folgenden Tag zur selbigen Stunde der Student die Konditorei. Das Mädchen war auf alles gefasst, aber unser junger Freund gab sich zufrieden. «Darf es ein blaues Papier sein, oder lieber ein rosa, mit goldenem Band,» fragte ihn die Verkäuferin einschmeichelnd, »und vielleicht gibt mir der Herr die Adresse, dann können wir es gleich von hier aus schicken», und sie lächelte befriedigt über ihre List. «Danke schön,« sagte Adolphe höflich, höflich wie er nun einmal immer war, «danke schön,» sagte er lächelnd, «es ist nicht nötig. Geben Sie mir das Herz, den Kuchen nur so wie er ist, ich esse ihn gleich hier.» — 4 Berumtheiten, die ihr Monument selbst bezahlten Es ist seit jeher bekannt, dass das Land der unbegrenzten Möglichkeiten zugleich das Land aller möglichen und unmöglichen Schrullen ist. Es wäre nicht schwer, ein dickes Buch mit den absonderlichen Merkwürdigkeiten zu füllen, mit denen die Yankees jenseits des grossen Teiches sich vergnügen. Es hat den Anschein, dass seit dem Ende des Weltkrieges die Sucht, durch solche Schrullen aufzufallen, noch bedeutend zugenommen hat Nach den Angaben eines grossen Chicagoer Blattes soll es allein in Chicago sechs Leute geben, die sich selbst Denkmäler gesetzt haben, und zwar selbstverständlich noch zu Lebzeiten. Es handelt sich um reiche Privatiers, die sich das Vergnügen, sich selbst in Erz und Marmor verewigt zu sehen, ohne weiteres leisten können. Zwei dieser Denkmäler sind Büsten und stehen in den Gärten der Villen der betreffenden Personen. Die vier anderen sind ausgewachsene Monumente. Ein Sardinenimporteur, der im Rufe steht, viele Millionen Dollar zu besitzen, hat aus griechischem Marmor sich ein solches Denkmal durch einen Pariser Künstler anfertigen lassen. Das Monument stellt ihn in einer napoleonischen Pose dar. Das Denkmal des Sardinenkönigs wird auch von Passanten oft bewundert, da der Millionär einen Teil seines Gartens, wo das Monument steht, auch für Spaziergänger freigegeben hat, offenbar in der Absicht, damit sich recht viele Bewunderer finden. Ebenso merkwürdig ist der Entschluss einer begüterten Witwe aus Virginia, Frau Borussof, die der Leitung eines Waisenheims in derselben Stadt ein grosses Legat zugesichert hat unter der Bedingung, dass sie noch zu Lebzeiten in dem Garten des Waisenhauses ein Monument bekomme. Diese Bedingung ist auch erfüllt worden und so steht Frau Borussofs Denkmal vor dem Waisenhaus. Eine weitere Bedingung musste auch erfüllt werden. Das Denkmal erhält am Geburtstag der Frau Borussof stets einen Lorbeerkranz. Dass Mr. Menke, der Besitzer von Oelfeldern, der nebenbei ein passionierter Jäger ist, mit verschiedenen Jagdtrophäen sich aus Erz verewigen Hess und dieses Monument einem Jagdmuseum schenkte, das in Anbetracht des grossen Legats, das zu gleicher Zeit Mr. Menken stiftete, das Monument auch mit Dank entgegennahm und in einem seiner Säle aufstellte, ist wohl selbstverständlich. Etwas eigenartiger muten zwei andere Herren an, aus Cincinnati, die beide Familiengrüfte besitzen und dort noch bei Lebzeiten ihre Grabdenkmäler errichten Hessen mit ent- iUccfiriiccung narfj •n^^^^ Öcm ite&ecjrfjußjjjjfcra ^^^^^^^^^^^^••^^ ^ Öcc Jtcigcnöcn sprechenden Inschriften. Diese Inschriften lobpreisen die Verdienste der noch lebenden Toten. Frau Neil, die sehr religiös gesinnte Gattin eines Industriellen, ist eine passionierte Tierfreundin und hat eine ganze Sammlung von Papageien. Die Dame hat offenbar gehört oder gelesen, dass ein Herrscher im Altertum sich durch einen Sklaven stets an den Tod erinnern Hess: «Memento mori.» So sind alle diese Papageien dressiert, Memento mori» ihrer Herrin entgegenzurufen und sie zu erinnern, dass der Mensch sterblich sei. Die Papageien mit ihren Unkenrufen gefielen aber Herrn Neil nicht, der aus der Villa ausgezogen ist und sich ein anderes Gartenhaus gepachtet hat, damit er auf diese Art die redseligen Vögel losbekomme. Herr Bennet hat dafür einen ganz anderen Geschmack. Auch er holte Anregung bei den antiken Geschichtsschreibern und lässt sich die Mahlzeiten nach dem Vorbild des Kaisers Nero auf Tellern und Schüsseln aus massivem Gold präsentieren. Der Wert dieses Goldservices, das im tägttffSAt im fiafft 1931 gfefcfj toit fm Ütotfaljt cfttett tte&ecfdfrijhmfeü öon 5/57°/ oetedjnel auf flet Summe Ott norff Dem 5. Otejftfyttunjjöfnfjt bejahten JJtämfen. 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