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E_1931_Zeitung_Nr.012

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Ausgabe: Deutsche Schweiz BERN, Freitag, 13. Februar 1931 Nummer 20 Cts. 27. Jährgang. — N° 12 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinferessen ABONNEMENTS-PREISE: Erseheint Jeden Dienstag und Frelt»n Monatlich „Gelb« Liste" HaTbJlhriteh Ft. 5.-, jährlich Fr. 10.-. Im Ausland unter Portonischlag, •olern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 REUAKTION n. ADMINISTRATION: Breilenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rcehnung 111/414. Telephon Bollwerk 39.84 Telegramm-Adresse! Autorevue, Bern INSERTIOMS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzelle ode» deren Raum 43 Cts. für die Schweiz: für Anzeigen aus dem Ausland 60 Ct«. Grftssere Inserate nach Scitentaril. Inserntensebluss 4 Tane vor Erscheinen Der Fremde nahm den Turban ab und ein Kopf mit kurzem, dunklem Haar ward sichtbar. Und nun war es kein Fremder mehr. David Cradocks Stimme hatte gesprochen und David Cradocks Augen blickten sie aus dem braunen Gesicht beruhigend an. Sie rang nach Luft und sank in ihren Sessel zurück. «Oh, ich wusste ja nicht — Herr Beck sagte mir, Sie wären in Kairo...» «Es war auch meine Absicht, nach Kairo zu fahren, aber ich musste meine Abreise verschieben. Ich habe heute nacht am Dschebel zu tun. Da mich meine Arbeit voraussichtlich bis zur Frühe im Freien festhalten wird, wollte ich mir gegen die nächtliche Kühle eine Feldflasche mit Brandy holen. Und ich bin schon so sehr an das Tragen der Nationaltracht gewöhnt, dass mir, als ich Sie hier auf der Veranda sitzen sah, leider gar nicht in den Sinn kam, wie aufregend meine Erscheinung auf Sie wirken musste. Seien Sie mir nicht bös darum!» «0 bitte!» flüsterte sie verlegen. Siedachte an ihre letzte Begegnung am Abschiedsabend auf dem Schiff. Cradock setzte sich auf die oberste Stufe der Verandatreppe. «Ich wusste nicht, dass Sie Colin kennen.» «Ich kam mit MoIIy Dalton, Herrn Becks Braut, hierher. Meine Freundin wollte den' Vollmond in den Bergen sehen —» «Und wo steckt Ihr Schützling?» fragte er heiter. Damit war der Bann gebrochen. Sie lachte: «Ja, ich bin eine höchst pflichtvergessene Anstandsdame! Die beiden sind nach dem Abendbrot fortgelaufen — hinüber auf den Hügel dort. Vor einer halben Stunde schon !» Er lächelte zu ihr hinauf. «Dann sind Sie nicht ungehalten, wenn ich hier ein wenig sitzen bleibe?» «Natürlich nicht. Das Haus gehört doch Ihnen, nicht wahr? Ich glaube, ich schlafe sogar in Ihrem Zimmer. Hat Ihnen Colin nichts gesagt?» «Er getraute sich wahrscheinlich nicht!» Sie kämpfte mit sich, um ihm zu sagen, was sie glaubte ihm sagen zu müssen. Seine halb scherzhaften Worte machten ihr Mut. «Herr Cradock,» begann sie, «ich möchte Ihnen gern erklären... Sie wissen schon: Damals, auf der .Aquatic', hatte ich mich über Sie sehr geärgert, und — und es war da eine hässliche Geschichte, die man mir über Sie berichtete...» Er zuckte die Achseln. «An der Meinung der Menschen liegt mir schon lange nichts mehr...» «Ich hätte Sie nicht verurteilen sollen, aber — Sie betrugen sich so sonderbar scheussdies im Gesetze selbst geschähe und nicht auf dem Wege der Verordnung. In diesem Falle hätte das Volk die Möglichkeit zur Meinungsäusserung. Die Ordnung einer derart wichtigen Materie darf nicht allein der Exekutive überlassen werden. Ein Präjudizfall? Die Uebertragung einer derartigen Kompetenz auf den Bundesrat schüfe einen Präjudizfall, der Schule machen könnte. Leider können wir schon heute bei den Behörden und ihrem Beamtenstab eine Tendenz fest- « Der Bundesrat regelt die Arbeitszeit der Motorfahrzeugführer, der gewerbsmässigen Personen- und Gütertransportunternehmungen und sichert allen andern berufsmässigen Motorfahrzeugführern eine angemessene Ruhezeit.» Die Tragweite ? Wir haben gegen diese Kompromissfassung gewisse Bedenken, trotzdem auch wir stellen, dahingehend, die im Interesse der Verkehrssicherheit und der grossen Verantwortlichkeit bei PeTsonentransporten für eine bestimmte Arbeitszeitreglierung zu haben sind. Sie ist unseres Erachtens aber bereits durch die Normen des Schweiz. Motorlastwagenbesitzer - Verbandes und des Schweiz. Chauffeur-Verbandes in allgemeinen Grundsätzen gegeben. Der legislative Eingriff hat eine Ausdehnung erfahren, die jedenfalls Handels- und Industriekreise nicht stillschweigend hinnehmen dürfen, da damit eine Frage prinzipieller Natur angeschnitten wurde und sich die Tragweite dieses behördlichen Eingriffes auf eine geordnete, zweckdienliche Abwicklung von Handel und Gewerbe noch gar nicht übersehen lässt. Die rechtliche Lage. Die vorgesehene Regelung der Arbeitszeit im sogenannten Automobilgesetz ist unserer Ansicht nach auch rechtlich nicht haltbar. Der betreffende Absatz 3 kann sich nicht auf Artikel 37bis der Bundesverfassung stützen. Wenn auch der Bund befugt ist, Vorschriften über Automobile und Fahrräder aufzustellen, so darf daraus nicht die Befugnis abgeleitet werden, zugleich auch Vorschriften über Arbeits- und Ruhezeit von Motorfahrzeugführern aufzustellen. Glaubt man jedoch die Kompetenz des Bundes, über die Arbeits- und Ruhezeit der gewerbsmässigen Motorfahrzeugführer zu legiferieren, auf Artikel 34bis der Verfassung stützen zu können, so gehören solche Bestimmungen doch wohl eher in das schweizerische Gewerbegesetz und nicht in das vorliegende Spezialgesetz. Es handelt sich hierbei, wie gesagt, um eine grundsätzliche Frage. Sofern der Bund Arbeits- und Ruhezeit von Arbeitnehmern der Privatwirtschaft regeln will, so würden die interessierten Kreise es vorziehen, wenn Vertragsfreiheit zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft zu beschränken. Wir glauben nicht fehl zu gehen, wenn wir der Hoffnung Ausdruck geben, dass die massgebenden grossen wirtschaftlichen Verbände sich noch rechtzeitig mit dieser Frage befassen und ihren ganzen Einfluss bei den zuständigen Kommissions- und Nationalratsmitgliedern geltend machen werden, um eine derartige zur Schablone führende Regelung der Arbeitszeit zu verunmöglichen. 0 Zu weit gehende Haftung. (Aus dem Bundesgericht.) Im Sommer 1929 überfuhr ein Autofahrer zwischen Neueiiburg und La Chaux-de-Fonds einen Fussgänger, der kurz nach dem Unfall verschied. Die Verantwortlichkeit für den Unfall fiel auf den Automobilisten, der des Nachts und bei unsichtigem Wetter ein allzu scharfes Tempo eingehalten hatte. A's Zivilkläger trat in der Folge nicht nur der Vater des 24jährigen Getöteten auf, sondern auch ein junges Mädchen, welches mit diesem ein Verhältnis unterhalten hatte. Ein formelles Verlöbnis bestand nach den eigenen Angaben dieser Klägerin noch nicht, doch behauptete sie, dass der junge Mann sie zu heiraten beabsichtigte und dass sie deswegen auf Schadenersatz wegen Verlust des künftigen Versorgers Anspruch erheben könne, gemäss Art 45, Absatz 3 des Obligationenrechts: «Haben andere Personen durch die Tötung ihren Versorger verloren, so ist auch !ür diesen Schaden Ersatz zu leisten. » Dieser Schadenersatzanspruch stellte die Rechtsprechung vor eine grundsätzliche Frage. Zwar ist die Praxis gegenüber den aus Art. 45 O.-R. auf « Versorgerschaden » klagenden Personen weitherzig gewesen: sie lieh gegen mich! Ich fühlte mich schwer in meiner Eigenliebe gekränkt, und so kam es, dass ich Ihnen Dinge sagte, die ich Ihnen nicht hätte sagen dürfen. Später in Kairo traf ich einen Ihrer Freunde, der mir die Wahrheit erzählte...» «Der gute Bastable sollte sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern!» knurrte Cradock. «Nein, er hatte völlig recht. Er brachte mir zum Bewusstsein, wie grausam ich mich benommen hatte —» Schüchtern sah sie zu ihm hinab. «Können Sie mir verzeihen?» «Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen,» widersprach er sanft. «Ich dachte schon, dass irgend jemand mich bei Ihnen verleumdet hatte.» Er schwieg einen Augenblick. Dann fuhr er mit tiefer Stimme fort: «Auch ich muss Ihnen etwas beichten. Ich war ein Grobian und später ein verbohrter Narr, als ich des Glaubens war, Sie der Spionage verdächtigen zu müssen... Doch lassen wir das! Als Sie damals so selbstherrlich meine Kabine beanspruchten, hielt ich Sie für eine verwöhnte, launenhafte junge Dame. Aber als Sie dann am nächsten Tag auf Deck auf mich zukamen, so nett und freundlich, um alles wieder gutzumachen, da drehte ich mich um und floh vor Ihnen... weil ich mich fürchtete!» «Vor mir? Warum denn?» Er senkte den Kopf und starrte auf seine mageren Hände. «Weil...» Er zögerte. «Vor vielen Jahren schenkte ich einem Weibe alles, was ein Mann verschenken kann, mein Herz und meine Ehre. Sie wari beides fort, hat den Schadenersatzanspruch auch da anerkannt, wo der Getötete zur Unterstützung des Klägers rechtlich nicht verpflichtet war, aber tatsächlich eine Unterstützung geleistet hatte; sie hat auch die Klage geschützt, wo eine Unterstützung noch nicht geleistet worden war, der Getötete aber bei normalem Verlaufe der Dinge ohne das Dazwischentreten des Unfalles zum Versorger des Klägers geworden wäre. Aus der letzteren Erwägung hat sie daher auch die Braut des durch einen Unfall Getöteten als schadenersatzberechtigt anerkannt. Dagegen lag in den bisher beurteilten Fällen dieser Art ein förmliches Verlöbnis vor. Im vorliegenden Falle fehlte das formelle Eheversprechen, und dazu kam noch, dass der durch die Fahrlässigkeit des Beklagten verunglückte junge Mann in zwei Monaten nicht weniger als drei Verhältnisse angebahnt hatte, so dass der Abschluss der Ehe mit der Klägerin doch nicht als unbedingt sicher erschien. Dagegen erklärten die abgehörten Zeugen, es habe sich ihrer Ansicht nach um ein ernsthaftes Verhältnis (frequentation serieuse) gehandelt, das zur Ehe geführt hätte. Das Bundesgericht hat in seinem Urteil vom 27. Januar den Schadenersatzanspruch mit 4 gegen 3 Stimmen begründet, erklärt und dem Mädchen für den Verlust des künftigen Versorgers 1200 Franken zugesprochen. Die Mehrheit nahm dabei an, dass auch ohne formelles Verlöbnis aus den Umständen geschlossen werden könne, dass es voraussichtlich zur Heirat «kommen wäre; nach, den Feststellungen des kantonalen Richters liege hier ein solcher Tatbestand vor und die Klägerin habe daher wirklich ihren künftigen Versorger durch Unfall verloren. Ferner sprach sie der Klägerin 500 Fr. Genugtuungssumme zu. Nach Art. 47 0. R. kann der Richter den Angehörigen des Getöteten unter Würdigung der besonderen Umstände eine angemessene Geldsumme unter diesem Titel zusprechen, und die Mehrheit des Gerichtshofes war der Auffassung, dass die Klägerin, die dem Opfer des Unfalles nahe gestanden habe, als «Angehöriger» im Sinne des Gesetzes zu betrachten sei. Mit diesem Entscheid erscheint der Kreis der aus Art. 45, Abs. 3, O.-R. Schadenersatzberechtigten Personen sehr weit gezogen, denn es könnte auch der Fali eintreten, dass gleich mehrere «ernsthafte Bekanntschaften» eines Getöteten auf Ersatz wegen des Verlustes des künftigen Versorgers klagen! wo. und seitdem mied ich die Frauen.» Er sprach gemessen, ohne Wärme und ohne falsches Pathos, unpersönlich, wie man einem Kinde eine Geschichte erzählt. «Doch als Sie in Monte Carlo an Bord der .Aquatic' kamen und ich Sie mit meinen Armen stützte, ahnte ich sofort, trotzdem ich nur einen flüchtigen Blick auf Ihr Gesicht zu werfen vermochte, dass wir Freunde werden könnten.» Um Gottes willen! Wollte er ihr denn eine Liebeserklärung machen? Hier galt es auf der Hut zu sein! «Es liegt etwas in Ihren Augen,» fuhr Cradock ruhiger fort, «ich weiss nicht recht, wie ich mich ausdrücken soll! Man sieht Ihnen an, dass Falschheit Ihrem Wesen fremd ist und dass man Ihnen vertrauen kann, wie ich etwa meinem lieben alten Lomax oder Bastable vertraue...» «Jedenfalls,» unterbrach sie ihn kühl, «fürchten Sie sich jetzt nicht mehr vor mir?» Er merkte sofort den Umschwung ihres Tones, die Distanz, die sie zwischen sich und ihn legen wollte. Auch seine Stimme klang verändert. «Ich sagte Ihnen das alles nur, um Ihnen mein seltsames Benehmen zu erklären.» «Oh, lassen Sie diese Dinge doch nun ruhen», bat Sie höflich. «Auch ich habe den Eindruck, dass wir uns gut vertragen werden!» «Schiffe, die sich nachts begegnen...»: murmelte er düster und versonnen. Vom Tale klang ein Ruf: «Jo — an.» Mit flatternden Röcken lief Molly schwer atmond den Weg herauf. «Liebling, ich bin an allem