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E_1931_Zeitung_Nr.015

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Er sieht wirklich noch

Er sieht wirklich noch ganz gut aus; man kann ihn noch vorzeigen, den Onkel Alex, dessen grosszügige Gastfreiheit früher die ganze Familie genoss. Er hat sich heute fein gemacht: sein Scheitel glänzt, sein gutes, breites Gesicht, seine Glatze. Etwas stark geworden ist er, und seine Gesichtsfarbe ist rot. Er spricht so viel. Nun erhebt er sich und klopft an sein Glas und hält eine witzige Rede auf die Damen. Er hat etwas zu sagen, ist galant, die Bonmots sprühen — er hat Erfolg. Er spürt, dass er zwei Tage kaum etwas Richtiges zu sich genommen hat. Und das geht hier alles so schnell — ein Gang nach dem anderen erscheint, wird angeboten und weggezogen. Es ist wie im Märchen. Alle diese feinen Gerichte kennt er kaum noch dem Namen nach; er weiss gar nicht mehr, was das für ein Ragout ist, was für ein Fisch ... Wie hat. er früher getafelt ! Feierlich, eine ganze Stunde lang in dem weissen Saal, dessen Türen weit geöffnet waren nach dem Park zu, oder im Winter nach dem gläsernen Wintergarten mit den leuchtenden Azaleengruppen ... Schöne Bilder der Heimat ziehen an seinen Augen vorbei: die blühende Steppe, rauschende Wälder, ein Pluss mit Schiffen .. Der Sekt ist kalt — er ist durstig. Der Hummer ist etwas schwer, aber köstlich. Nein, bitte, geben Sie mir das ruhig noch einmal! Die Dame nimmt auch noch etwas! Weine funkeln in geschliffenen Gläsern, blumige, schwere Pfalzweine und süsse, alte Rheinweine. Man trinkt ihm zu. Er ist wie benommen von dem Glanz der Kronleuchter, den flackernden Kerzen — es sind zu viel Lichter da. Sie flimmern vor seinen Augen, sie flackern so unruhig. .. Der Sekt ist zu kalt und der Mokka zu stark. Die schweren Havannas, die vielen blauen Hyazinthen... Was hat nur sein Herz, dass es so jagt und hämmert? Er weisst nicht, Kopenhagen. Hier stürzte während einer Zirkusvorstellung die berühmte Trapezkünstlerin, Lilian Leitzel, vom Trapez 14 Meter tief auf den Erdboden. Sie musste mit schweren Verletzungen in das Krankenhaus verbracht werden. Ihr Gatte ist mit dem Flugzeug von Berlin nach Kopenhagen abgereist. Kopenhagen. Die kürzlich in einem hiesigen Zirkus »bsestürzte Trapezkünstlerin, Lüian Leitzel,' ist heute Sonntag nacht ihren schweren Verletzungen erlegen, Die Filmautoren können sich gratulieren. Das Leben hat ihnen einen unerhörten Stoff in die Hände geliefert. Alle Zeitungen in Berlin klagen: Lilian Leitzel ist tot! Ach, die kleine, nette Frau mit dem blonden Haarschopf, mit der Unverquältheit einer wirklichen und wahrhaftigen Frau... Das Schicksal dieser kleinen blonden Frau, deren Leben ein einziges Pendeln über dem drohenden Tode war, klingt wie eine traurige, sentimentale Weise. Und dies (nach einer Arbeit im «Berliner Tageblatt» ist die Geschichte : Fünfzehnjährig begann Lilian ihre artistische Tätigkeit. Ihr kleiner, schmaler Körper schwirrte durch die farbige Luft kleiner abendlich erleuchteter Vorstadtzirkusse. Sie arbeitete — es war das einzige Vergnügen ihres armen Lebens. Rasch ging die Karriere aufwärts. Mit achtzehn Jahren war sie in den Kreisen des internationalen Varietes weltberühmt. Abend für Abend drehte sich ihr Körper mit rasender Geschwindigkeit durch die Luft, dem schwachen Griffe des Trapezes entgegen, jedesmal entschied eine Hundertstelssekunde zu ihren Gunsten. Lilian Leitzel wurde die grosse Nummer, um die sich alle Agenten der ganzen Welt rissen. Und dann — es war in Chicago. Vor vielen, vielen Jahren. Sie kletterte täglich in die Zirkuskuppel hinauf. In allen Arenen wurde es jeweils still. Man hörte nur das leise Klirren des römischen Ringes, das Pendeln des Trapezes. Unter den vielen Artisten wie ihm wird. Plötzlich legt er seine Zigarre hin und sinkt am Rauchtisch im Sessel zusammen. Jemand hält ihm die Hand, jemand befühlt seinen Puls; er atmet nur mühsam. Zum Glück ist ein Arzt da. Jemand sticht ihm etwas in das Fleisch; er zuckt kaum. Alles taumelt vor ihm: Lichter, Gläser, Gesichter — diese Hyazinthen ersticken ihn. Kragen auf — Fenster auf! Frische, kalte Nachtluft, strömt herein. Er hört die Stimme seiner Kusine, die den Dienern etwas befiehlt. Man packt ihn an, will ihn forttragen; aber er hält sich fest — er fühlt, es ist aus... Er denkt an das Testament. Er will etwas sagen.. Eine Frau neigt sich über ihn: «Onkel Alex, was ist mit dir?» Der alte Herr schlägt noch einmal die Augen auf, blaue müde, umwitterte Augen; er versucht zu lächeln, greift nach ihrer Hand, die er küsst und fallen lässt . Es ist aus ... Wie peinlich, bei einem Diner! Die Flügeltüren werden geschlossen. Man sagt den Gästen, es sei Besuch gekommen ... Es ist jemand zu Besuch gekommen — er hat schon auf ihn gewartet, eine ganze Zeitlang. Er stand dicht hinter ihm an der Tafel, hat lächelnd zugeschaut und ihm noch eine kleine Frist gegeben, hat ihm noch einmal schöne Bilder vorgespiegelt aus glücklichen Tagen, die man verlebte: frei, unabhängig, als Herr Das Nachher war nicht mehr viel wert. Es war sein Schwanengesang, diese witzige Rede... Dann — hat der andere zugepackt! Sechzig Jahre... Viele werden älter — aber wozu ? Nach dem alten Herrn fragt keiner mehr. Im Nebenzimmer hat jemand den Lautsprecher angedreht — zwischen blauen Rauchwolken und Stimmengewirr hindurch tönt die Tafelmusik aus dem Savoyhotel in London... Kleine Romanze aus dem Zirkus stand Alfredo Codona, ein unbedeutender Dutzendakrobat und staunte. Einmal trat er der kleinen Lilian entgegen, als sie nach ihrer Arbeit den Zirkus verlassen wollte: «Sie müssen ein Netz aufspannen! Ohne Netz wird es sicher noch schlimm ausgehen!» Die vielumschwärmte Lilian Leitzel wunderte sich: «Weshalb?» «Ich habe Angst um Sie, ich liebe Sie,» sagte er mit jener Grobheit, die wunderbarste Sanftmut ist. Und Lilian Leitzel — kleine, einsame Frau von achtzehn Jahren, berühmt, vergöttert, reich, ein Kind aus armer Familie — sah Codona lange und schmerzlich an, inmitten des Zirkusgeduseis, vorüberwirbelnder Clowns, schnaubender Pferde, fluchender Stallburschen sah sie die ferne Bläue ihres heimatlichen Himmels wieder. Die beiden Artisten trennten sich. Lilian reiste nach Osten, Alfred nach Westen. Er begann mit eiserner Zähigkeit zu arbeiten. Mit seinem Bruder versuchte er die schwerste aller Künste seines Faches: den dreifachen Salto mortale. Lilians Name flammte unterdessen in riesigen Lettern vor den grossen internationalen Varietes auf. Zwischen ihr und Alfredo gingen regelmässig Briefe hin und her. Jedes wusste vom andern. Es gab keine Einsamkeit mehr. Die Zuneigung war ungewöhnlich rein und tief. Alfredo übte fünf Jahre lang den furchtbaren Salto. Manchmal stürzte er fünfzigmal an einem Morgen ins Netz. Und diese Stürze sind nicht harmlos, die Knoten schneiden entsetzlich ins Fleisch. Im Jahre 1920 führten die beiden Codonas in einem grossen Chicagoer Zirkus zum ersten Male ihre Nummer auf. Alfredos Mut führte zum Ziel, seine Verzweiflung überwand er durch die Briefe Lilians, die ihn nie verliessen. Die Codonas wurden rasch bekannt. Sie AUTOMOBIL-REVUE . 1931 — N» 15 spielten in dem weltberühmten Film «Variete». Auch sie wurden zu einer grossen Num-' mer. Der Krieg kam, Europa wand sich in furchtbaren Wehen, Lilian und Alfredo schwangen weiter ihre Körper im Lichte der Scheinwerfer. War er im Westen, trat sie im Osten Amerikas auf. Niemehr hatten sie einander gesehen. Regelmässig kamen die treuen Grüsse: Briefe aus allen Weltteilen! Das Glück führte sie nach vielen Jahren der Trennung in Chicago wieder zusammen. Sie heirateten. Nun traten sie zusammen auf. Die Welt war schön. Sie hatten einen Plan. Sie liebten die Ruhe. Sie wollten noch ein paar wenige Jahre arbeiten, dann aber wollten sie nach Kalifornien ziehen, Sonne und Wärme geniessen. Beide liebten Bücher über alles. Nach jeder Vorstellung lasen sie die halbe Nacht hindurch. In vielen Hotelzimmern Europas und Amerikas liegen aufgestapelt Bücher, die sie in ihrer Ruhe lesen wollten. Sie freuten sich darauf, die Bücher in ihre Bibliothek einordnen zu können. Sie kamen wieder nach Europa. Alfredo Codona trat in Berlin auf. Die blonde kleine Frau reiste nach Kopenhagen. Man schrieb Februar 1931... Am Anfange dieser leider wahren Romanze steht auch ihr Ende zu lesen. Vorbei ist der Traum. Die Bücher werden nie gelesen, bo. Das vernagelte Paris Jean Chiappe, der rührige Polizeipräfekt von Paris, ist um das Wohl seiner Schutzbefohlenen besorgt. Zu seinen grössten Sorgen gehört — wie sollte es auch anders sein — das Verkehrsproblem. Zwar wickelt sich der Strassenverkehr in der französischen Hauptstadt im Vergleich zu andern Grossstädten, dank der erstaunlichen Sicherheit der Pariser Chauffeure, noch verhältnismässig reibungslos ab. Aber für die bedauernswerten Fussgänger, die von den auch hier fanmer zahlreicher werdenden Fahrzeugen von Tag zu Tag mehr belästigt werden, musste etwas geschehen. Chiappe ist ein Mann der Tat. Er fand auch diesmal eine Lösung. Als die Pariser eines schönen Morgens den üblichen Gang zur Arbeit antraten, da sahen sie zu ihrem grossen Erstaunen an allen Strassenecken zwei lange Reihen grosser runder Nägel, deren metallene Köpfe in der fahlen Wintersonne herausfordernd glitzerten. In Paris Hess Chiappe auf diese Weise besondere Strassenübergänge für die Fussgänger kennzeichnen, wie es übrigens ja auch anderwärts geschehen ist. Soweit ging die Sache ganz gut. Dass sich das Strassenbild der Weltstadt durch diese riesigen Nägelköpfe verschönert hätte, konnte man zwar nicht gerade behaupten; aber immerhin, es war etwas für die Fussgänger geschehen. Da aber geschah das Unerhörte! Das undankbare Fussvolk von Paris beachtete die Nägel — Chiappes Nägel! — gar nicht und überschritt die vernagelten Strassen der französischen Hauptstadt in der alten, gewohnten Weise. Der seine Freiheit über alles liebende Pariser lässt sich nun einmal nicht gern Vorschriften machen, selbst wenn es sich um sein eigenes Wohl handelt Eine Zeitlang sah der Pariser Polizeigewaltige dem bösen Treiben tatenlos zu. Doch einmal geht auch die Geduld eines Polizeipräsidenten zu Ende. Nun hagelt es Strafmandate. Wehe dem, der es wagen sollte, die blanken Nägel nicht zu beachten. Dass das Auge des Gesetzes wacht, hat kürzlich eine junge, hübsche Dame an sich erfahren, die gleich von vier Polizisten zur Wachtstube geschleift wurde, nur weil sie beim Ueberschreiten eines Platzes der Nägel nicht geachtet hatte. Diese scharfe und in dem erwähnten Fall allerdings wenig ritterliche Durchführung der neuesten Chiappeschen Verordnung gibt täglich zu neuen Zwischenfällen Anlass und liefert reichlich Stoff für die Tingeltangelsänger der Boulevardkabarette, die sich natürlich über das vernagelte Paris herzhaft lustigmachen. Die hässlichen Nägel werden Campbell Du Bezwinger des sonnigen Meeresstrandes, Keiner wie da verstand es, Blaubevogelt über den Sand zu fliegen Und Rekorde wie Blech zurechtzubiegen. Kanonendonnernd hat dich dein Wagen Hingefegt ans Ziel — und den Ruhm Aller Vergangenen heldisch zerschlagen, Hat die Herzen der ganzen Welt erwärmt, Hat dich berühmt gemacht und umschwärmt. Und das Adelsprädikat, Nach dem so mancher Sehnsucht hat, Hat er dir auch noch eingetragen... ae. übrigens bald wieder vom Strassenbild der Weltstadt verschwinden. Sie haben sich als zu wenig haltbar erwiesen, und man beabsichtigt nun, sie durch kleine eiserne Platten, die in das Pflaster eingelegt werden sollen, zu ersetzen. «Kat »aus « Im Westen nichts Neues ». Der hervorragendste Darsteller dieses rauhbeinigen, aber trotzdem innerlich so wertvollen Menschen « Kat» im Film « Im Westen nichts Neues > ist in Hollywood soeben gestorben. Louis Wolheim, so hiess der Darsteller, unternahm eine Abmagerungskur, an deren Folgen er nun mit jungen Jahren erlegen ist. Latein als Verkehrssprache. Die Campagne gegen die Anwendung ausländischer Sprachen in den Ankündigungen der italienischen Geschäfte hat in Rom verschiedentlich zur Anwendung der lateinischen Sprache geführt. Friseure locken die Fremden mit lateinischen Aufschriften an und Hotels preisen ihre Vorzüge in lateinischen Sentenzen. In zwei in lateinischer Sprache erscheinenden Zeitungen, die hauptsächlich für die römisch-katholische Geistlichkeit bestimmt sind, werden auch die Inserate In lateinischer Sprache abgefasst. Wo wird das meiste Brot gegessen ? In Belgien. Dort kommen 273 kg pro Jahr auf den Kopf der Bevölkerung. An zweiter Stelle steht Frankreich mit 250 kg, dann folgen die Niederlande mit 210, Ungarn und die Tschechoslowakei mit je 201, Spanien mit 190 und Russland mit 180 kg. Der Italiener verbraucht jährlich im Durchschnitt 175, der Engländer 170 und der Amerikaner 160 kg. Erst an vorletzter Stelle steht Deutschland mit 158 und an letzter die Schweiz mit bloss 100 kg. Das Gedickt eines Neunjährigen Der gegenwärtig in Berlin lebende hochbegabte Schweizer Schriftsteller Traugott Vogel schrieb kürzlich: «Im Schulzimmer einer dritten Elementarklasse in Basel. Mitten in der Stunde meldet sich ein zuträgerischer Schüler und klagt: «Herr Rüegg, der Karl Litz dichtet wieder!» — Er dichtet tatsächlich, schreibt Spottverse, Märchen und ein Klagegedicht auf den bösen Kilchenstock, der Linthal bedroht Der kleine Dichter ist neunjährig. — Ist endlich dichterischer Nachwuchs in Sicht? » Das Gedicht des Kleinen lautete: Klagegedicht der Linthaler Bauern. bald kommt der berg gefahren und über das grosse tal. bald sehen wir unser hause das letzte letzte mal. jetzt noch läuten die Glocken aber nicht mehr fort bald liegen sie begraben unter sclwllen dort. (Die wunderbare Einfachheit dieses Gedichtes lässt erstaunt nach diesem Kinde fragen, dem solche zauberhafte Töne gelangen.) Bilanzsummen: 1905 Fr. 1910 Fr. 1915 Fr. 1920 Fr. 1925 Fr. 1930 Fr. 786 369.— 9 132439.— 13 602 659.— 41 252 365.— 58 615 849.— 28 016 674.- Wir sind Abgeber von 4%% Obligationen unseres Institutes, 3—6 «Jahre fest, die wir als Kapital-Anlage bestens empfehlen. 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Ho 15 — 1931 Irgendwo las IcTi, dass di« Logik der Frauen logischer sei als die der Männer. Na ja, kann sein. Ich habe auch schon das Gegenteil erlebt. Die kleine Szene, die ich gestern erlebte und die ich hier wahrheitsgetreu wiedergebe, spricht nicht .gerade für diese Auffassung. Liesel ist eine hübsche kleine Frau, die es ausgezeichnet versteht, die Summe ihrer natürlichen Reize mit dem Plus einiger phänomenalen Kunstgriffe derart raffiniert zu mixen, dass ein wirklich wohlgefälliges Ganzes daraus wird. Gestern sah sie entzückend aus. Wir hatten uns verabredet und trafen — zufällig natürlich — zwei nette Freunde. Eine angenehm verplauderte Teestunde war das Resultat. Liesel wurde laut bewundert und leise begehrt. Es entstand jene berühmte Stimmung, deren Vorhandensein für Liesel fast Lebensbedingung ist. Da kann sie glänzen und schillern und ihrem Köpfchen entspringen tausend farbige Einfälle. Als wir etwas spät ihre Wohnung erreichten, lag immer noch das aufreizende, ein wenig ^nokante Lächeln auf den rosigen Lippen. Leider war Hans, Lieseis Gatte, bereits zu Hause anwesend. Ehemänner sind in der Regel ungeduldig. Wenn aber Frauchen zu spät und mit solchem Gesichtsausdruck nach Hause kommt, werden sie leicht ungemütlich. Die Begrüssung war auch dementsprechend. Ich beschloss als Blitzableiter zu fungieren und Hess mir von Lieseis Mädchen ein Gedeck auflegen. Ein ausgezeichnetes Abendbrot — eine, wie ich glaubte, dank meiner Anwesenheit unbefangene Unterhaltung. — Alles schien sich in Minne aufzulösen. Da schaute Hans aufmerksam in Lieseis Gesicht. «Hör mal, seit wann rasierst du auch noch die Brauen aus?» Die Frage klang harmlos, musste aber die noch in allen Himmeln der Bewunderung schwebende Liesel etwas zu brüsk zur Wirklichkeit gerufen haben. Jedenfalls wagte sich ihre sonst durchaus angenehme Stimme in gefährliche Tonlagen,f> AUTOMOBIL- TOURISMUS IN AFRIKA DEZEMBER — MAI mit der Societe des Voyages et Hotels Nord* Afrlcalns, Filiale fOr Touristik der Com* pagnle Generale Transatiantique KOMFORT, LUXUS UND VERGNÜGEN 44 TRANSATLANTIQUE-HOTELS Qeselllchafts- u. private Auto- Rundfahrten Schnelle u. kurze Eisenbahn-Rundfahrten 26 verschiedene Clrcults • Spezielle und private Reisepläne auf Verlangen Pausehaipreise. Eine Gesellschaftsrelse speziell organisiert fOr Schweizer Touristen: VOM 4. BIS 17. MÄRZ 1931: MARSEILLE—TUNIS—KAR- TH AGO—CONSTANTIN E LAMBEZE—TIMGAD—BISKRA BOU SAADA-AUMALE-BLIDA —ALGER—MARSEILLE Broschüren, Prospekte, sowie Billette (mit allen Reisekosten inbegriffen), in allen Reiseoureaus und Agenturen der Compaf. nie Generale Transatiantique erhältlich oder sich schriftlich zu wenden an dir welcheSie mit der näcnstgeiegenen Agentur in Verbindung setzen wird. Frauenlogik... 2 Jetzt ist die Jahreszelt des = In das Innere der Wüste Sahara 300 SPEZIAL-AUTOMOBILE (Zahlreiche Sechs-Raden Cie Gle Transatiantique Inspektion, Nauenstrasso 12 Basel Von Martha Rammelmeyer. /J^HJ «Aha, ich fühlte doch, dass du etwas Gehässiges gegen mich im Schilde führst. Seit wann ich auch noch die Brauen rasiere? Auch noch!! Was meinst du damit? Das soll wohl heissen: Den übrigen Schwindel machst du ohnehin schon mit, nicht wahr?» Sie stand auf. Krachend flog der Stuhl £U Boden. «Ich schminke mich in allen Regenbogenfarben, bemale meine Lippen mit Zinnober, tropfe Belladonna in die Augen um ein Feuer vorzutäuschen, das nicht existiert. Alles ist unecht an mir, alles gemacht. Ich wäre ohne dies die hässlichste Frau der Welt. Ah, nun sehe ich mich einmal mit deinen Augen! Warum behauptest du nicht gleich, mein Haar sei gefärbt, meine Zähne falsch und mein Teint nur ein kosmetisches Wunder?? Wie meinst du? Ach so, du widersprichst nicht, behauptest also wirklich! Da siehst du, Martha, wie er mich einschätzt! Gleich wird er noch sagen, dass sich alle schlechten Eigenschaften in mir konzentrieren. Ich räche natürlich Opium, lese nur unanständige Bücher und gebe wildfremden Männern Rendez-vous. Sein Geld verschwende ich und meine Zeit verbringe ich grösstenteils vor dem Spiegel. Ich bin durch und durch verdorben und zu nichts Ernstem mehr zu gebrauchen. Und die Brauen rasiere ich mir nun auch noch! Siehst du, er sagt nichts, gibt also alles zu. Oh, oh, ich arme, unglückliche Frau. Hu — uu — uuhuu!» Nach diesem überaus wirkungsvoll vorgebrachten Monolog stürzte Liesel mit wildem Schluchzen in meine Arme. «Na, na, trag nicht so dick auf,» versuchte ich zu beruhigen. Aber ich hatte mich in Lieseis Logik verrechnet. Nun wurde sie ironisch. «Ach, sooo steht die Sache? Ihr helft zusammen! Recht so! Nur immer her über mich arme, betrogene Frau. Ich ahnte ja längst, dass ich eine Schlange an meinem Busen nährte. Doch mein kindlich harmloses Gemüt wehrte sich, das Ungeheure zu glauben. Jetzt sehe ich klar!» Ihre anklagenden Blicke wandten sich zu Haus. Der war inzwischen zur Salzsäule erstarrt und hatte die Sprache vollständig verloren. «Deshalb bin ich bässlich, weil sie dir schön erscheint Kein Wunder, dass meine Natürlichkeit gegen dieses «Gemälde» nicht aufkommt. Aber ich kenne ihre Geheimnisse. Glaubst du vielleicht dieses Gold sei echt?» Dabei wies sie auf mein Haar. «Und ihre langen Wimpern? — alles Schwindel. Ich will dir sagen, wie sie das fertig bringt.» Es folgte Aufzählung sämtlicher kosmetischer Hilfsmittel, welche die Frauen von Kleopatra bis Mistinguette angewandt haben. Ich staunte über diese immense Fachkenntnis und bedauerte, kein Notizbuch zur Hand zu haben. Als effektvoller Schluss legte sich Liesel einen — ich argwohne künstlichen — Herzkrampf zu. Die hübsch manikürten Fingerchen pressten sich wild auf die Brust. «Mein Herz, mein Herz, mein armes Herz. Oh, es tut so weh, soo weeeh!» Wimmernd und stöhnend fiel sie auf die breite Coach. Sie spielte glänzend. Ich bekam einen Lachkrampf. Als ich mich einigermassen erholt und wieder sprechen konnte, trat ich zu der immer noch schluchzenden Liesel. Irgendwie musste das Kind auf seinen normalen Geisteszustand zurückgebracht werden. Die Ausfälle gegen mich Hauseat a. A. GASTHOF ZUM LÖWEN Schönster Ausflugsort, heimelige 8tle für Vereine jnd Hochzeiten. — Prima Koche u. Keller. Selbstgeräuchertes „Schwinlgs". Telephon 6. Höft, empfiehlt sich Farn. R. Bachmann-Kupferschmid. AUTOMOBIL-REVUE 15 nahm ich natürlich nicht tragisch. Zudem hatte sie mir in ihrem Aerger einige wertvolle Tricks verraten, die sie sonst unter keinen Umständen preisgegeben hätte. «Willst du dir denn deinen berühmten Pfirsichteint ganz zu Schanden heulen. Du weisst doch, wie schlecht Salzwasser deiner Haut bekommt!» Das wirkte Besser als die schönsten Ueberredungskünste. Liesel blickte, bereits trockenen Auges, zu mir auf. Seufzte noch einmal tief. «Wie soll man da nicht verrückt werden, wenn einem solche Anklagen grundlos entgegengeschleudert werden? — Sehe ich übrigens sehr schlecht aus?» Ich verneinte natürlich, worauf sogar das bekannte Lächeln erschien. Auch die Versöhnung der Parteien nahm ich noch auf mich. Da Lieseis Giftvorrat für heute verspritzt und Hans ohnehin erschlagen war, ging es nicht allzu schwer. Beim Abschied begleitete mich Liesel liebevoll zur Tür. Die «Schlange» war längst vergessen. Immerhin flüsterte sie mir noch zu: «Warum Messest du die ganze Sache eigentlich so weit kommen? Du hättest ruhig früher einschreiten können!» Tja, das ist Lieseis logische Logik. — Frühlingserwachen . . . in der Mode Erziehung zur Persönlichkeit heisst die Devise der neuen Frühjahrsmode. Haben sich auch bisher die Türen des geheimnisvollen Ateliers der Haute Couture nur halb geöffnet, sind auch bis jetzt nur geflüsterte «on dit» laut geworden, der Eingeweihte kann seine Vorahnungen bereits festlegen. Fast scheint es, als hätte man endlich der Frau auch auf ihrem eigensten Terrain das Recht eingeräumt, ihre Individualität durchzusetzen. Man befiehlt uns nicht mehr. Jedes Kleidungsstück erhält durch die Mitwirkung seiner Trägerin den Finishing touch. Man bringt uns Mäntel — halb Cape, halb Schärpe — die, von einer temperamentvollen Hand über die Schulter geschleudert, der Toilette ein spanisches Gepräge geben und dann wieder graziös um die Taille geschlungen, die tugendhafte Form einer Mantille annehmen. Moderne Blusen, Kleider und selbst Jacken lehnen die Eintönigkeit der regelrechten Krä- .getKund.. Revers entschieden ab. Dafür wird jeder Halsausschnitt mit einem Stoffvorrat versehen, dem erst die Dame den Lebensfunken einzublasen hat. Und erst unsere Hüte! Armselige Samtund Brokathäufchen in der Hand und auf dem Hutstock, verwandelt sie eine kühne Kurve in türkische Turbans, melodische Wagner- Baretts und stilvolle Dreispitze. Alles bestimmt Stimmung, Glück und Erfolg! In unseren vielseitigen Kostümen und Complets führt man uns ganze Farbenskalen, zum mindest die verschiedensten Schattierungen einer Farbe vor; wie leicht von nun an, unser Dasein etwas phantastischer zu gestalten! Die grüne Jacke, vermählt mit einem schottischen Wollrock, weist in die Natur, zum Footing oder Golf; dieselbe Jacke, in freier Verbindung mit einem beige Tussorrock lässt Meeresrauschen an blauen Küsten ahnen. Die Umrahmung einer kupferbraunen Redingote gestattet uns auch, in einem maisgelben Georgetteabendkleid an einem kleinen Diner im Restaurant teilzunehmen, während nachher in der Theaterloge die Hülle fallt und die festliche Situation durch entblösste Arme, durch ein von grünen Jadeketten unterbrochenes Dekollete auf ihre Rechnung kommt. Um Einblick in die Frauenseelen zu gewinnen, wird man es künftighin lernen müssen, das Drape gekreuzter Taillen, die Raffung diogonaler Jacken, den Faltenwurf der neuen mönchischen Aermei zu enträtseln. X. Y. 2. Gute Schriften Abonnement r verein für Verbreitung guter Schriften In Bern offeriert seinen Mitgliedern, die mindestens Fr. 8.— Jahresbeitrag zahlen, die portofreie Zusendung der 12 Monatshefte eweilen sofort nach trscheinen Anmeldungen nimmt entgegen der Geschäftsführer des Vereins Fr. Mühlheim, Lehrer in Bern. Distelweg 15. Ein neuer Frauenberuf .Ein neuer Frauenberuf in U. S. A.: Gesellschaftern» für Flugzeupassagiere. Eine amerikanische Luftfahrtgesellschaft hat junge Damen angestellt, die einzig dafür zu sorgen haben, dass die Passagiere sich.im Flugzeug « ganz wie zu Hause » fühlen. Sie sollen die Fluggäste anregend unterhalten, mit ihnen Skat oder Whist spielen oder es ihnen aonst gemütlich machen. Parole: Blass! Einmal — es ist, unter uns gesagt, noch nicht lange her — war das höchste Bestreben der Frau, eine echte Negerfarbe zu besitzen. Und nun ist mit den langen Röcken schon wieder die Rückkehr zum Bleichgesicht gekommen. Viele Frauen versuchen künstlich den Teint zu bleichen. Es heisst oft, dass Chlor zur Bleichung des Teints herangezogen werden könne. Davor jedoch können die Damen nicht nachdrücklich genug gewarnt werden. Chlor ätzt; gute Hausfrauen scheuen, daher die Anwendung dieses Bleichmittels auch bei der Wäsche, da nicht wieder gutzumachende Schäden unter seiner Einwirkung auftreten. Was jedoch Leinengewebe nicht aushalten, verträgt die zarte Gesichtshaut erst recht nicht und eine jammervoll zerfressene Visage könnte die böse Wirkung dieser verkehrten Teintpflege sein. Kopfwehpulver Dr. Bruckner, Apotb Spiei, hilft sicher gcg Kopfweh. Fieber, Neuralgien, Migräne. Schachtel Fr. 2.—. — Erhaltlich in allen Apotheken. Glückl. 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FT.: Sa ZÜRICH: abends.S 1 /, Uhr: Roxv. abonri« V' i'hr: Tempo Ober 100. -o na