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E_1931_Zeitung_Nr.040

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18 AUTOMöBILiREVUE

18 AUTOMöBILiREVUE 1931 ~ N° 40 nen, schäbigen Mantel. In den zittrigen Händen hielt er Postkarten, kleine Bücher. Zaghaft sprach er die Herren an: «Postkarten, Reiseandenken, Erinnerungen, Glückwunschkarten gefällig? Bitte, kaufen Sie mir etwas ab!» Slavart betrachtete ihn prüfend. Dann lachte er auf. «Nee, Lasar, auf die Art legen Sie mich nicht rein! > Der junge Mann war wirklich Lasar. Er fiel zusammen und war gar nicht so gross, wie er sich gemacht hatte und sagte: « Also das erstemal verloren!» Aber fabelhaft gemacht!» rief David Krug. «Ich hätte dich nicht erkannt, Lasar! Wenigstens mit Anstand rinjeschliddert!» « Na adieu », lachte Lasar und 1 verschwand. Die Uhr rückte vor. Nicht nur dem Bier, auch dem Kognak sprach man in dieser Ecknische gut zu. Anekdoten flogen von Mund zu Mund, es herrschte eine fröhliche Stimmung. Ein dicker verfetteter Chauffeur trat in das Gastzimmer, Hess sich einen Korn geben und noch ein Bier und fragte nach einem Herrn Professor Dünkelmann. Der Wirt sah sich im Gastzimmer um, er kannte keinen dieses Namens. Der in eine nicht gerade saubere und besonders schöne Lederjoppe gekleidete Chauffeur fragte an jedem Tische nach Professor Dünkelmann. Auch am Tische der Schauspieler liess er seine knarrende Stimme ertönen: «Ist hier vielleicht Herr Professor Dünkelmann?» «Nee», antwortete man ihm und fuhr in der Unterhaltung fort. Der Chauffeur wandte sich zum Gehen, 'da sprang Slavart auf, packte ihn am Arme und fragte: «Sie sind doch Lasar, wie?» Der Chauffeur knurrte, dämlich glotzend: Hä? «Also doch Lasar!» rief Slavart und riss Anfang an beobachtet und meinte: «Dieses funden, Wir wollten diesen Mann nicht be- AU J "l%o riorv* ^oo Kostüm ist doch zu plump, der gute Lasar leidigen. Ich schlage vor, dass wir ihm JWBTlu 1XO&Y uGtn. Oco scheint am Ende seines Könnens zu sein.» fünfzig Franken geben, wenn er die Sache Ww dteser Abend vo11 von mldem Glanz ' Man pflichtete ihm bei. Natürlich war das auf sich beruhen lässt» Lasar, sein Gang — und da — er schielte Der Jude war einverstanden, er strahlte, voll lichtem Purpur über See und Stadt. sogar nach dem Schauspielertisch herüber. aj s man j n m das Geld in die Hand drückte. Der Hügelketten sanft gehobener Kranz Als der Hausierer an den Ecktisch trat, Eilends verschwand er mit vielen Bücklin- trägt Mond, der Traum und Duft and Ferne fragte einer der Tafelrunde: «Wo haben gen hat. Sie denn diesen Bauchladen aufgetrieben, Der Polizist steckte sein Buch ein und ,„ i eicntem Bogen hält sich, was sich findet. Der 8 lud« hot .eine Waren an- hielt Pa l* 2 * 6 -1" i? aV u/V DaS n * C J Ste ^l*!? Das Gestern ist dem Morgen nah verwandt. Uer Jude bot seine waren an,- meit Ka- gie sich Ihre Wettgenossen besser an, vertentknöpfe, Schuhlöffel empor, pries ihre stehen Sie? So glimpflich kommen Sie nicht Was sich an Leid, was sich an Schmerzen Qualität und schwur tausend Eide, dass er wieder davon! » bindet, nur ganz gute Ware führe, keinen Schund, Slavart bot ihm zerknirschten Gesichtes hat sich dem Heute lächelnd abgewandt. kein Talmi, kein Nebbich. ej ne Zigarre. Der Wachtmeister ging. Als Ein Segel schwillt im Blau der Dämmer- Slavart sagte verdrossen: «Schade, La- die Tür hinter ihm zufiel, atmeten alle er- stunde. sar, Sie enttäuschen mich doch! Vorhin wa- leichtert auf! Das soll Lasar alles bezah- ei nsamer Nachen geht, wer weiss, wohin. ren Sie besser. Aber diese unoriginelle I en !» schrie Slavart wütend. Gesrhreckier Stern entfällt der srossen btern mtmu der Staffage macht es nicht mehr!»_ Da ging die Tür wieder auf, der Schutz- Gesc]veck^ gT0$S^nde> standen, wos hobn gesagt, eier Gnaden?» ^Nun "haben SteTb'er doch verloren,» md Wölken friedevoU den Raum, durchzieh* «Quatsch!» sagte Slavart, «setz' dich sagt e er und nahm die Kopfbedeckung und Gertrud BürgL her, pack aus, du hast verloren! » den falschen Bart ab. «Ich bin Lasar! » —__—_—_—___________ «Hob ich verloren? Werd' ich verlieren, . Slavart fuhr auf. Die Gesellschaft lachte. ••^•^^^^^^^•^"^^^^^^^^ wenn ich mach' Geschäfte!» sagte der bär- Selbst der Wirt lachte mit , ^ . , ., ... tige Alte, der nichts von Slavarts Reden zu , Nun, rie Lasar in feines Abend- ihren 20 «wunderschönen» Tanzgirls «nd ihverstehen schien. brot Herr Wirt kann kosten was es will, rem Schimmel Waco ein, auf dem sie ritt- Slavart packte ihn am Barte und riss dS HerTda zahlidte!. lings sitzend mit Sombrero und gefransten kräftig daran. «Ja» nickte Slavart, der wie ein begos- Le?erhosen durch die europäisch« Städte Der Jude schrie gellend auf, die Gäste er- sener Pudel dasass, «ich zahle!» reiten will, um uns Europäern zu zeigen, dass das hoben sich. Der Wirt stürzte herbei. Sla- modern angekränkelte Amerika die vart hielt eine dünne Haarsträhne in der ^ute alte Zeit der Abenteurer noch nicht ganz Hand Rtmf-o Chvnnih ver< frängt hat. Den Hauptteil desSom- David Krug riss dem Händler das Käppi BUTlie KsfironiK m€rs wi]] sie in Paris verbringen, wo sie vom Kopfe: «Na, alter Jud\ uns haste nicht Ein romantisches Cow-Girl. in den Trubel der Kolonialausstellung recht reingelegt!» Die Wild-West-Romantik im Sinne Buf- 8* hineinpasst. Von dort begibt sie sich Erst als der Wirt sich ins Mittel legte und falo Bills ist nicht ausgestorben. Ihre neueste dann m .^mi °\ J* 11 de . n dortigen Snobs den schreienden Juden zu beruhigen suchte, Vertreterin ist ein unternehmungslustiges ?, twas , WildwestkuUur beizubringen durch merkten Slavart und seine Kollegen, dass Frauenzimmer, das, auf einem Ranch inTe- Veranstaltung von Cowboys- und Cowgirlssie sich getäuscht hatten, dass der Jude xas geboren und unter Cow Boys aufge- l?n, an denen es sehr wild zugeheni sofl. tatsächlich echt war. Und während Slavart wachsen, sich in jungen Jahren von einem Hoffentlich wird auch der Schimmel Waco Entschuldigungen murmelte, lief der alte Wanderzirkus als Kunstreiterin anwerben zu d l esen f !! nen > erzieherischen Ballen sei* ihm den borstigen Schnurrbart von derHausierer murmelnd und grollend hinaus. liess. Von der staubigen Arena gelangt das " er Herrin Texas Guinan .Zutritt haben und Oberlippe. David Krug setzte dem erstaunten Wirt Cow Girl ins Rampenlicht der Bühnen und fur dle "ehtige Stimmung sorgen, Alle staunten. So eine ausgezeichnete Verkleidung hatte sie alle getäuscht, nur die Geschichte mit der Wette auseinander, versuchte es sogar mit der Heirat. Aber es uas Slavart war wachsam genug gewesen, dieals der Jude, weniger aufgeregt als vorher, Hess sich nicht bändigen und freute sich wei- Katl10 a |s ocniairamei. Maskerade zu durchschauen. Lasar gab sich mit einem Polizisten wiederkehrte. ter seiner Unabhängigkeit. Mit der Zelt Die amerikanischen Radio-Gesellschaften zu erkennen, trank ein Glas Bier, das man Die beiden traten an den Tisch der wurde Texas Guinan zum Mittelpunkt der werden ihren Hörern das Radio jetzt auch ihm anbot und ging wieder. Schauspieler. « Der Mann hat mich zu Hilfe New Yorker Nachtclubs Silver Slipper Club, als hygienisches Schlafmittel anpreisen köngerufen», sagte der Beamte stirnrunzelnd. Knickerbocker, El Fey und wie sie alle heis- nen. Dieser Tage wurde ein Einbrecher in Die Erregung stieg allmählich. Man war«Sie haben ihn grundlos tätlich angegriffen, sen. Die Prohibitionsagenten setzten ihr zu, einem New Yorker Vorort dadurch überauf eine dritte Ueberraschung gefasst. Haare ausgerissen, die Kopfbedeckung weg- konnten ihr aber nicht beikommen, und nun rascht, dass er in der Wohnung, in die er Kurz darauf, es waren nur wenige Minuten vergangen, trat ein alter jüdischer Hau- «Ja», sagte Slavart befangen, «das ist gegen die Prohibition in Amerika*gerichtete stellt hatte, um die Anwesenheit der Inhaber genommen, stimmt das?» holt sie zum Gegenangriff aus, indem sie eine eingebrochen war, den Lautsprecher eingesierer in die Gaststube. Er trug lange schon richtig, aber — ». Propagandareise nach Europa unternehmen vorzutäuschen, schliesslich aber unglück- Schläfenlocken, einen grauweissen Vollbart Der Polizist zückte sein Buch und fragte wird. Wenigstens sieht es so aus, obschon licherweise darüber eingeschlafen war. Den und einen langen kaftanartigen Mantel. Umgehängt trug er einen Kasten, in dem Zwirn, «Ich bin der bekannte Schauspieler Sla- in ihrem Leben einen Tropfen Alkohol ge- rausch auf und sie benachrichtigten die Poli- barsch: «Ihr Name?» Texas Guinan versichert, sie habe noch nie. Nachbarn fiel das stundenlange Radioge- Schuhbänder, Nadeln und ähnliche Dinge vart.» - ;• ;- ^ trunken; und im Nachtleben, in dessen För- zei, die den schlafenden Einbrecher in Emlagen. Er trat von Tisch zu Tisch, fast überall kaufte man dem würdigen Alten eine «Alfred». «Wohnung?» Hier mengte spiele es gar keine Rolle, ob man Alkohol ter Radiomechaniker, der vor Gericht er- « Wer Lala? Kenne ich nicht. Vorname?* 5 "? derung sie ihre Lebensaufgabe erbückt, pfang nahm. Der Einbrecher war ein gelern- Kleinigkeit ab. Slavart hatte den Juden von sieh David Krug dazwischen: «Herr Wacht- trinke oder nicht. Also Texas Guinan kommt klärte, dass der Radio und das Lautsprechermeister, es handelt sich um eine eigenartige nach Europa. Am 22. Mai schifft sie sich geräusch bei ihm ein unwiderstehliches Wette. Wir haben uns in einem Irrtum be- auf dem französischen Dampfer «Paris» mit Schlafbedürfnis auslöse. *.K:»if!?5ftt3 &p*P^®nz^l£ei»iainicl ehrlich die Geschäftsführung. In fleissigei; unermüdlicher Arbeit achten wir darauf, unseren Kunden nicht nur gute and schöne, sondern •uch im Preis vorteilharte Kleidung za bieten. Sorgfältige* Einkauf ist dabei von wesentlicher Bedeutung, denn da» gibt eine günstige Preisgestaltung. Und ob Sie vorteilhaft gelrauft haben, sehen Sie erst während de* Tragens des Kleides. Da erweist sidb die gute Qualität der Bovet- Kleidung restlos, da» brauchen wir nichts zu fürchten; was wir Ihnen verkaufen, können wir jede» zdt verantworten. Verlangen Sie anaeroi ülustc Früh* iahrsprospektJ^erAnp' zuzu. Ihr Geld". Löwenitr.&^V W & PZQrich Ecke Schweizeroosse beim Löwenplat» Die Zufahrteatrassen aus der ganzen Schweiz sind ersichtlich in O. R. 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io - 1931 AUTOMOBIL-REVUE EDEEEP BDBGt Es gab Zeitalter, wo die Frau als übermenschliches Wesen verherrlicht oder als . untermenschliches Wesen gescholten wurde. Im alten Griechenland wurde die Frau sogar wie eine Sache ge- und verkauft. Die Germanen sahen in der Frau die Seherin und Prophetin und im Mittelalter stund die Herrin sozial höher als der Mann: er wurde in Tat und Wort von ihr geleitet. In dieser mittelalterlichen Zeit liegt der Beginn der Galanterie und der Ritterlichkeit. Die galante Tugend wurde aus dem Gefühl der männlichen Stärke geboren, die der weiblichen Schwäche beizustehen hat. Erst allmählich •wurden diese engen Grenzen verschoben und erweitert und heute geschieht die Ritterlichkeit nicht mehr allein aus dem Schutzbedürfnis, sondern es handelt sich oft einzig nm den Zauber der we.hlichen Reize, dem der Mann wehrlos verfällt und der ihn zur Ritterlichkeit zwingt. Zuweilen hört man, dass es heute um die Galanterie der Männer schlimm stünde. Es tibt eine Menge Männer, die in allen Künsten und Wissenschaften sattelfest sind und dennoch von Ritterlichkeit und gesellschaftr liehen Formen keine blasse Ahnung haben. Inmitten ihres uferlosen Wisses sind ihnen die Manieren, diese ungeschriebenen Spielregeln der menschlichen Geselligkeit, unbekannt Anderseits gibt es Menschen, deren Bildnngsschicht beängstigend dünn ist, aber sie sind vertraut mit allen manierlichen Formen. Und viele Frauen haben grössere Sympathie zu diesen Salonlöwen, die oft nur Frack, Krawatte, Lackschuhe und pikante Geste sind. In diesem Sinn sind dann Manieren und Formgefühl nie aufschlussreich über die inneren Werte und deren seelische Karathaltigkeit, wie, umgekehrt, ein seelischer, geistiger Reichtum nie ein Massstab für äusseres Stilgefühl ist. Man kann Geschmack haben ohne Geist und man kann Geist ohne Geschmack haben. Nur ist dem Mann mit Geist besser Geschmack, als dem Hann mit Geschmack Geist beizubringen! Doch m Frauengesellschaft wiegt Geschmack oft mehr als Geist. Ritterlichkeit und Frauenemanzipation. Indes ist es einzig und allein die Haltung Öer Frau, die den Mann ritterlich oder unlitterlich stimmt. Oit erinnert man sich an die gute alte Zeit, an das galante Rokokonnd Biedermeiertum, in denen die Kavaliere 'dienstbeflissen jeden Wunsch ihren Damen ffFEQ/^ Galanterie und Koketterie Von unserer Mode-Mitarbeiterin. von Mund und Augen lasen. Doch vergisst man allzu leicht darüber, dass inzwischen eine Welle der Frauenbewegung in unser Zeitalter hereingebrochen ist und dass die Frauen zu einem grossen Teil begannen, sich in körperlichen und geistigen Kräften den Männern gleichzusetzen. Was Wunder, wenn somit jedes ritterliche Gefühl, nämlich das Schutzbedürfnis, unter den Tisch fiel? Die emanzipierte Frau verbat sich ja füglich jede Zuvorkommenheit, jede ritterliche Hilfsbereitschaft. Sie setzte an Stelle der Eitelkeit den männlichen Ehrgeiz, wuchs zum Kameraden des Mannes heran und spielte in den öffentlichen Berufen eine belangvolle Rolle. Ueberall, in der ganzen Skala, die von der Arbeitgeberin bis zur Unternehmerin führt, war sie zahlreich vertreten und hat sie sich bis zum heutigen Tag erfolgreich behauptet. In diesem Sinn konnte und kann natürlich die Galanterie nicht mehr in dem huldvollen Mass bewahrt werden. Zudem legten viele Frauen keinen Wert mehr auf die Gefallsucht, ein primäres Element, das zur Ritterlichkeit aufreizt! Denn man hat ohne Zweifel zuweilen bemerkt, dass Männer einer reizvollen, eleganten Frau schnell und unmittelbar jede denkbare Ritterlichkeit abträgt, während die Galanterie bei einer nicht so hübschen und modisch vielleicht vernachlässigten Frau die Galanterie wie ein Gummiband zurückschnellt. Sagen wir es hier nur unverblümt und ehrlich: Ritterlichkeit reagiert auf echt weibliche Reize, die modisch verbrämt sind, so schnell wie ein Seismograph auf ein Erdbeben. Und je grösser die Fülle solcher blendender weiblicher Vorzüge ist, um so zuvorkommender und dienstbeflissener sind die Männer. Allerdings wäre hier hinzuzufügen, dass hart neben der ritterlichen Tugend auch die Menschenfreundlichkeit liegen sollte, der zufolge man den weniger hübschen Frauen zumindest Höflichkeit entgegenbringt. Aber heute ist auch die Höflichkeit sehr minim ausgebildet, zumal jeder bekanntlich sich selbst der Nächste ist. Allein, es fällt jeder Frau sehr leicht, die Männer zur ritterlichen Tugend zurückzuführen. Denn die Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen, besitzt in kleinerem oder grösserem Grad jede Frau. Stil und Geschmack in Haltung, Geste und modischen Dingen sind immer noch altbewährte Mittel, um die galante Tugend der Männer anzutippen und herauszuzupfen. Man versuche es einmal mit der Koketterie, dieser elementaren Erscheinungsform, mittelst der sich beinah jede Frau in den Brennpunkt des Interesses rücken kann. Bei der Koketterie handelt es sich um den rhythmischen Wechsel von Abwehr und Entgegenkommen; dieser Wechsel kann sich sowohl geistig (im Gespräch) wie auch körperlich (modisch verbrämt) austragen. Wir brauchen bei der koketten Frau nicht nur an ein Blinzeln mit den Augen, an ein Wiegen und Drehen der Hüfte zu denken, obwohl eigentlich hierin das Wesen der Koketterie am sinnfälligsten zum Ausdruck gerät. Das kokette Wesen hat etwas von einem unaufgeschlossenen Reiz, von einem Geheimnis, das verspricht, ohne zu offenbaren. Es ist eingelagert in ein unaufhörliches Hin und Her zwischen leidenschaftlichem Gefühl und eisiger Betrachtung, zwischen straffer Begier und schlaffem Verzicht, zwichen Abwehr und Hingabe, ein jäher Wechsel zwischen Entzückung und Frost. Psychologie der Koketterie. Leider wird das Kokette oft mit dem Banalen verwechselt und unsauber vermischt. Die Koketterie indes ist nur das unverbindliche Spiel einer Laune, Arabesken von Anspielungen, eine mimische Improvisation für seelisch unsichtbare Valeurs. Sie ist sowohl ein Spreng- wie auch ein Reizmittel. Kokett ist sowohl ein frommer Augenaufschlag, eine edle, mimosenhafte Scheu, als auch ein faszinierender Blickreiz, Raffinement. Die Frau als Gretchen, wie die Frau als Lulu hat ihre koketten, bezwingbaren Reize. Nur hat die Koketterie dauernd die Aufgabe, weibliche Eigenreize seltener zu machen, damit sie um so begehrter werden. Was man jeden Tag geniessen und sehen kann, erschlafft an Reiz. In diesem Sinn gibt es dann auch bei Eheleuten keine Koketterie mehr. Hier wird das kokette Element durch Freundschaft und Kameradschaft ersetzt. Nur was immer neu erobert werden kann, was sich immer wieder entzieht und sich nähert, hat für den Mann Interesse. Deshalb bewährt sich auch zumeist in der Ehe die Erweckung der Eifersucht als ein untrügerisches Mittel, den Bruch wieder zu kitten und zu leimen. Die Koketterie indes spielt im Flirt eine grössere Rolle als in der Ehe. Der Flirt ist ein Aufschub des Entscheids, ein Vorbehalt des Erfolges, ein Sichnähern und Sichentfernen. Man will nie mehr als den Duft und das Aroma einatmen, nie die Früchte essen. Hier liegt viel Abenteuerliches, Unberechenbares, Zufälliges und man liebt den ganzen Eudomänismus, all die zarten Umschweife, ohne ein- Ziel in den Augen zu haben. Ein wirksames Hilfsmittel der Koketterie ist die Mode, weil sie oft sehr weit geht und wieder bis zur gediegenen Vornehmheit verhüllt. Was sich heute besonders wirksam zuträgt, steht im Zeichen des Sex appeal. Rascher als je ein Modewort hat sich der Alte Weisheit Sie: «Ich hin neugierig, was für Hüte in diesem Jahr modern sein -werden.» Er: «Liebes Kind, genau wie in jedem Jahr werden zwei Arten Hüte modern sein: die. die dir nicht gefallen — und die, die ich nicht bezahlen kann !> Begriff in den Wortbestand des täglichen Lebens eingefügt. Man weiss nun, dass es sich nicht mehr um Schönheit handelt, sondern um irgend ein individuelles, reizbares Signal, um ein «gewisses Etwas», sei es eine raffinierte Körperlinie, die durch eine modische Extravaganz stark herausmödelliert wird. Die sex appeale Frau ist ein Rätsel, hat etwas Geheinmnisvolles, was sich mit dem Wesen der Koketterie deckt, indes die schöne Frau alle ihre Werte an der Oberfläche trägt und nichts mehr verschweigt. Dagegen gelangen beim sex appealen Frauentyp die verborgenen Reize erst durch eine bestimmte Haltung oder Geste zum Ausdruck. Die schönen Frauen werden bewundert, aber die sex appealen Frauen werden begehrt, was sich ungefähr so verhält, wie wenn Blondinen bevorzugt, aber Brünetten geheiratet werden. Alle Frauen, die in der Geschichte der Liebe ein Denkmal haben, sind nie ausgesprochene Schönheiten gewesen. Immer waren es individuelle Reize, die sie zu Repräsentanten der Bizarrerie emporhoben. — Das Sex appeal ist ohne Zweifel eine modische Erscheinung und eine Reaktion auf den sachlichen, unerotischen Girltyp, der kühl, mit unbeweglichem Sirin, als sportliche und berufliche Kämeradin des Mannes jede raffinierte Bizarrerie zerstörfe;. Seit Beginn der Frauenbewegung sank' von Jahr zu Jahr der modische Geschmack, weil man ihm keine pikante Pflege an- Pointill