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E_1931_Zeitung_Nr.047

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Ausgabe: Deutsche Schweiz BERN, Freitag, 5. Juni 1931 Nummer 20 Cts. 27. Jährgang. — N° 47 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag und Freitag Monatlich -Gelb* Liste" Ha!t>JlhrIIeh Fr. 5.-, jährlich Ft. 10.—. Im Ausland unter Portomtchlag, REDAKTION u. ADMINISTRATION: Breitenralastr. 97, Bern •otern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtlicbe Bantellung 30 Rappen. Postcheck-Rechnung HI/414. Telephon Bollwerk 19.84 T«legr»mm-Adresse: Autorevue, Bern INSERTIOXS-PREIS: Die achtgespattene 2 mm hohe Grundzelle oder deren Raun 45 Cts. tur die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 00 Cts. Grössere Inserate nach Seitentarit. Inseratcnscblusg 4 Tage vor Erseheinen der Nnmmern Bessere Reklame, bitte! Es ist offenbar das gute Recht jedes Unternehmens, für seine Sache Reklame zu machen. Von diesem Gesichtspunkte lässt sich gewiss nichts dagegen einwenden, wenn sich die Schweizerischen Bundesbahnen eine eigene Revue halten, um ihre Leistungen selber in ein besseres Licht zu stellen. Es ist dies eine positive Art Reklame, die im modernen Geschäftsleben durchaus anerkannt ist. Weniger Verßtändnis könnte man allerdings dafür aufbringen, wenn die S. B. B. etwa in Zukunft jene schon ziemlich veraltete und wenig angesehene negative Methode anwenden wollten, die in der Hauptsache darin besteht, durch systematisches Abschätzen der Konkurrenz die eigene Stellung zu verbessern. Die letzte Nummer der S. B. B.-Revue mahnt in dieser Beziehung zum Aufsehen. Zunächst wird an Hand einer an sich zuverlässigen aber irreführend angewendeten Statistik in tendenziöser Weise auf die grosse Zahl der Strassen-Verkehrsunfälle im Gegensatz zu dem sichern Verkehr der Bahnen hingewiesen. Es wird die Zahl der Strassenverkehrsunfälle, nicht etwa mit der Gesamtzahl der Eisenbahnunfälle und der Zahl der gefahrenen Kilometer verglichen, sondern nur mit der Zahl der Unfälle an Niveauübergängen. Dabei wird dieser wundeste Punkt des Eisenbahnverkehrs in einer Art und Weise gegen das Automobil ausgemünzt, die entschieden zurückgewiesen werden muss. In einer Bilderserie, die an die Sensation von Boulevardblättern erinnert, wird der Automobilist mit der Eisenbahn in Zusammenhang gebracht, die an seiner Fahrkunst kein gutes Haar übrig und das Reisen im Automobil überhaupt als eine sehr bedenkliche Sache erscheinen lässt. Abwechslungsweise wird der Fahrer am Lenkrad als völlig sorgenloser Hans guck in die Luft, als naiver Naturschwärmer, der mit abgewandtem Kopf am hellstrahlenden Signal vorbeisteuert, oder als blindwütiger Draufgänger hingestellt, für den es keine Rücksicht und keine Schranke gibt. Auf dem gleichen hohen Niveau bewegt sich der begleitende Text. Auf der einen Seite des Rühmens kein Ende über die aufopfernde Gewissenhaftigkeit der Personals, die unermüdlichen Ermahnungen der Verwaltung, die ihrerseits auch immer nur das Beste will, die wohlüberdachten Sicherungsmassnahmen, die klugen Vorschriften, die weisen Verbote allenthalben. Aber was hilft das alles, ruft der S. B. B.-Journalist mit der tragischen Gebärde eines Operettentenors: «Was nutzen gut beleuchtete, deutlich gekennzeichnete und gewissenhaft bediente Barrieren, •wenn sie zufolge ungenügender Aufmerksamkeit-von Motorfahrzeugführern eingefahren oder gar gewaltsam geöffnet werden?» «Was nützt die Kennzeichnung der unbewachten Niveauübergänge, wenn sich die Fahrzeuglenker •über alle Warnsignale hinwegsetzen und vor dem Befahren der Gefahrstelle weder die" Geschwindigkeit ermässigen noch genaue Umschau halten, ob ein Zu? herannahe?» Soweit die betreffende Eisenbahnpropaganda, die offenbar den Klienten das Gruseln vor dem Automobil beibringen soll. Wir könnten von automobilistischer Seite einige Gegenfragen stellen. Wie funktioniert «die gewissenhaft bediente Barriere», wenn der Wärter schläft, oder in seine Privatlektüre vertieft ist, wenn er die Bahnsignale überhört, im kritischen Moment die Barriere vergisst, oder wenn veraltete Läute- und Signaleinrichtungen nicht funktionieren? Was geschah in Pratteln? in Murten! in MeyriezT in Saiht-Leonard? in Gonelle? Eine blutige Reihe anklagender Todesopfer; die jedes Jahr im Zunehmen begriffen ist. Das ist ja das Traurige, dass der «bewachte» Uebergang beim Automobilisten bald mehr gefürchtet ist als der unbewachte, weil er nach all den vorgekommenen Fällen wenig Gewähr dafür bietet, ob der betreffende Funktionär seine Pflicht tun wird oder nicht, ob überhaupt der richtige Mann am richtigen Posten steht. Dass punkto Organisation des Barrierendienstes nicht alles so glänzend dasteht, wie es die S. B. B.-Revue darzustellen beliebt, geht aus dem Jahresbericht des Eisenbahnerverbandes hervor. Wir lesen dort: «Das Kapitel «Bewachung der Niveauübergänge» hat im Laufe der letzten Jahre infolge einer Anzahl schwerer Unfälle Verwaltungen, Personal ,r.nd Oeffentlichkeit stark beschäftigt. Besonders waren es das gTOsse Unglück bei, St. Leonard und die wiederholten Unfäle auf der Basler Linie, die zu sehr ernsten Ueberlegimgen Anlass geben mussten. Die Generaldirektion hat sich veranlagst gesehen, eine Kommission einzusetzen, die die Verhältnisse bei allen Uebergängen prüft. Wir sind der Ansicht, dass dabei folgende Grundsätze-beobachtet werden sollten: 1. Entweder ist der Uebergansr mit Schranken auszustatten, die konsequent zu bedienen sind, oder er soll überhaupt nicht bewacht und nur mit Signalen ausgestattet werden. 2. Personal, das andere Hauptaufgaben hat als die Bedienung der Schranken, sollte nur ganz ausnahmsweise zu dieser Arbeit herangezogen werden. Besser wäre, wenn überhaupt ganz darauf verzichtet würde. Ganz besondere Aufmerksamkeit sollte dem zu stark ausgedehnten System der Privatabi ös er geschenkt werden. Die schwersten Unfall« fallen ihm zur Last.» Nun sollte man glauben, dass die Eisenbahner es mindestens so gut wissen, wie die Redaktion der Revue, wie es um die Uebergangsbewachung bestellt ist! Was die Signalisierung der Niveaukreuzungen anbetrifft, so war es mit der «deutlichen Kennzeichnung» derselben ebenfalls nicht derart vorzüglich und durchgehend bestellt; Nur sehr allmählich sind die Bahnen den vom Eisenbahndepartement erlassenen Vorschriften über die Signalisierung nachgekommen, und wir haben keinerlei Bedenken, zu behaupten, dass wir bei einer näheren Prüfung der heute noch verbleibenden 4642 Niveau-Kreuzungen noch ein gutes Tausend finden werden, welche den modernen Anforderungen einer klagen, übersichtlichen und einwandfreien Kennzeichnung durch Vorsignale irgend welcher Art nicht entsprechen. Es wird der S.B.B.-Revue schwer fallen, den Gegenbeweis anzutreten!. Aber die Eisenbahn-Propaganda nimmt den Mund noch viel voller, wenn sie ausxuft: „ «Die Verbesserung der vorstehend angedeuteten Verhältnisse soll und muss zur Gewissenssache aller Beteiligten werden.» Man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Das gilt auch hier, obgleich es weder Festreden, Bankette noch besondere Lobeshymnen absetzen wird, weil ausgerechnet am 1 .Juni 1931 das Postautomobil in der Schweiz seinen fünfundzwanzigjährigen Geburtstag feierte. Es hat, wie gesagt, keine «Feiern» abgesetzt, die amtliche Nüchternheit und Zweckmässigkeit hat aus dieser Sache kein besonderes Aufhebens gemacht. Immerhin darf man schon mit einigen Worten darauf hinweisen, besonders an denjenigen Stellen, denen für diese Sache gewissermassen aus Gründen der beruflichen Zugehörigkeit die Berichterstattungspflicht zukommt, nämlich die Postfachpresse und die Automobilfachpresse. Wir warten nur schon allzulange, bis die Angelegenheit zu einer Gewissenssache der Bahnen wird. Die Verhandlungen in den tragischsten Fällen der letzten Jahre haben technische und organisatorische Mängel in der Sicherung der Uebergänge gezeigt, die sich mit einem guten Gewissen kaum vereinbaren lassen. Dabei haben wir in diesem Blatte seit seinem Bestehen bei jeder Gelegenheit unermüdlich immer und immer wieder die einzig zuverlässige Remedur empfohlen und nach allen Seiten verfochten. Abschaffung der Niveau-Uebergänge, gleichgültig ob bewacht oder unbewacht, und Umwandlung in Unter- bzw. Ueberführungen. Wir haben auch den Weg gezeigt zur Finanzierung eines deartigen Werkes von wahrhaft nationaler Bedeutung, aber speziell bei den Bundesbehörden immer nur taube Ohren gefunden. Die Automobilisten würden dabei indirekt die nötigen Mittel zur Verfügung stellen. Es brauchte nur ein Teil des dem Bunde verbleibenden Benzinzolls, der im Begriffe ist, auf 40 Millionen jährlich zu steigen, seiner sinngemässen Bestimmung richtig zugeführt zu werden. Es Hesse sich damit jeder auch noch so hohe erforderliche Betrag verzinsen und amortisieren. Dann wäre die Schweiz tatsächlich' das reisesicherste Land. Gleichzeitig würde der Arbeitslosigkeit in grosszügigster Weise in allen Landesteilen gesteuert. " * Den verantwortlichen Leitern der S.B.B, im allgemeinen und der S. B. B.-Röv5ie im speziellen möchten wir den freundschaftlichen Rat geben: Machen Sie bessere Reklamel 4» Fünfundzwanzig Jahre Postauto Das ausgeschwiegene Ereignis. Die Tagespresse hat vor 25 Jahren das « Ereignis » ohne weiteres übergangen und totgeschwiegen. Aber auch diese Tatsache ist überaus bezeichnend. Bezeichnend für die Einstellung zum Automobil überhaupt. Dieser 1. Juni 1906 war ein bewegtes Datum, denn man feierte ja, und da wurde nun wirklich gefeiert, man feierte die Eröffnung des Simplontunnels, und jnänniglich wurde in den Strassen und Gassen der ehrenwerten Stadt Lausanne mit einem Freitrunk versehen. Dazu gesellte sich der bereits auftauchende Lötschbergkomplex, und so war für die Tagespresse wie auch für die Bevölkerung genügend Stoff vorhanden, ohne dass man auf bescheidene Anlässe, wie der Geburtstag des Postauto- F E U I L L E T O N Blitz Der Roman eines Wolfshundes. Von H. G. Evarts. (Verlag Georg Müller, Mönchen.) (14. Fortsetzung) Blitz lief voraus und kratzte an der Türe, sie öffnete sich — und mit einem Schlag hatte sich das ganze Bild geändert. Auf keinen Mann hätte die ausserordentliche Schönheit des Mädchens ihre Wirkung verfehlen können. Hier jedoch verstärkte sie sich noch durch die Ueberraschung, in einer solchen Umgebung ein so wunderbares Geschöpf zu finden. Als das Mädchen ihn erblickte, schwand alle Farbe aus ihrem Antlitz, bleich und verstört stand sie in der Türe. «Ich habe Sie erschreckt!» sagte Moran. «Verzeihen Sie!» Sie staunte ihn an, ohne ein Wort über die Lippen zu bringen. Blitz drückte sich stolz und schweifwedelnd eng an Moran, der seine Hand auf des Hundes Kopf legte. Diese Bewegung verriet dem Mädchen, wen sie vor sich hatte. «Sie sind Clark Moran,» sagte sie. Er nickte, überrascht, dass sie seinen Namen kannte. «So hat man Sie also nicht umgebracht?» * Nein,» lächelte er, «ich bin wohl und munter.» «Blitz hat Sie hiehergeführt?» Er nickte abermals. «Haben diese Leute Vater Kinney in ihre Gewalt bekommen — ist das der Grund, warum er ausgeblieben ist?» «Vor wenigen Tagen erst habe ich ihn gesprochen, als ich den Shoshone aufwärts zog, habe mit ihm eine Nacht verbracht,» erwiderte Moran. «Auch er ist wohlauf.» «So hat er meinen Brief nicht erhalten,» stellte das Mädchen fest. «Wahrscheinlich nicht,» sagte Moran. Er fühlte, dass irgendein ihm unbekanntes Gedankenglied alle diese abgerissenen Worte verband, und er bemühte sich, das Rätsel zu lösen. «Ich kann ihn holen,» bot er sich an. «In drei Tagen bin ich bei ihm —in zwei Tagen, wenn ich sehr eile — und am fünften Tage kann er hier sein. Verfügen Sie über mich, ich helfe Ihnen gerne in jeder Beziehung.» Die Wirkung seiner ruhigen Worte stellte sich sofort ein. Die Selbstbeherrschung dieses Mannes war ausserordentlich«- In dieser ungewöhnlichen Situation benahm er sich so, als wenn es für ihn etwas Alltägliches wäre, in einer einsamen Hütte, fünfzig Meilen von jeder menschlichen Ansiedlung entfernt, ein Mädchen zu finden. Ihre Bemerkungen, das wusste sie, hatten sehr unzusammenhängend geklungen, sie hatte von Dingen gesprochen, die ihm ganz fremd waren, und doch zeigte er keinerlei Erregung oder Neugierde. Ihr gefiel sein gerader, aufrichtiger Blick — von diesem Manne hatte sie nichts zu befürchten! «Ich bin allein hier und warte auf Vater Kinney. Bitte, treten Sie doch ein. Ich bin gerade beim Kochen und will inzwischen darüber nachdenken, ob und wie ich von Ihrem Anerbieten Gebrauch machen kann.» Blitz fühlte die Befangenheit und Fremdheit, die zwischen den beiden lag, aber er war zu glücklich, die zwei zusammengeführt zu haben, als dass er einer solchen Kleinigkeit eine besondere Bedeutung beigelegt hätte. Moran nahm seine Axt und Blitz folgte ihm vor die Türe. Draussen wählte er eine schlanke, abgestorbene Fichte, mass sie mit einem schätzenden Blick und ging daran, sie zu fällen. «Wir wollen ein wenig Holz machen, alter Bursche,» sagte er. «Sie heizt ja mit Ast-1 werk und nichtsnutzigen Abfällen. Wenn du nur sprechen und mir erzählen könntest, was da eigentlich los ist. Sie muss etwas erlebt haben, was ihre ganze kleine Welt von Grund auf umgestürzt hat — und deshalb ist sie entflohen. Ihre Pläne sind fehlgeschlagen und sie hat es schwer büssen müssen. Wer ist das Mädchen, Blitz? Und wie hat sie von diesem Ort erfahren?» Moran hatte bereits eine tüchtige Menge Holz in die Hütte geschafft, als er zum Essen gerufen wurde. Er Hess sich's gut schmecken, dann erhob er sich und nahm seine Decken auf. «Ich will hier in der Nähe einen Schlafplatz suchen,» sagte er. «Ich werde es hören, wenn Sie mich rufen. Morgen früh werden Sie sich wohl schon entschieden haben, ob ich Ihnen helfen darf.» «Ach, bleiben Sie noch ein Weilchen! Ich möchte so gern mit Ihnen plaudern. Bin zuviel allein gewesen. Ein schreckliches Raubtier treibt sich da herum; fast jede Nacht hört man es in der Schlucht heulen. Wenn ich nur wüsste, was es ist?» Ihre Unterhaltung war bisher ein wenig gezwungen gewesen und hatte sich hauptsächlich auf Förmlichkeiten beschränkt; jetzt begrüsste Moran die Gelegenheit, das Eis zu brechen. (Fortsetzung folgt.)