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E_1931_Zeitung_Nr.056

E_1931_Zeitung_Nr.056

Ausgabe: Deutsche Schweiz BERN, Dienstag, 7. Juli 1931 Nummer 20 Cts. 27. Jährgang. — N° 56 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PBEISE: Erscheint Jeden Dlenstao .und Freitag Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.—, Jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portoroschlag, REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breltenralnstr. 97, Bern •aieru nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtltcbe Bestellung 30 Rappen. Postcheck-Reehnung 111/414. Telephon Bollwerk 39.84 Telegramm-Adresse: .Autorevue, Bern Die Toleranzfrist zu Ende.. herrschte Toleranz nicht mehr gewährt werden könne und die Verkehrspolizei angewiesen worden sei, Personen, die sich nicht an die Vorschriften der neuen bernischen Ver- Zur kantonal-bernischen Verkehrsordnung. kehrsordnung zu halten gedenken, unter Unsere Leser haben gewiss alle von deT15. September 1930 genehmigt und sie am Strafanzeige zu stellen. schweizerischen Fussgängerliga gehört oder Wir können diesen Schritt nur begrüssen, gelesen. Im Zeitalter der Organisation, stehen Gründungen beruflicher oder gesell- Strassenbenützer. Er ist verankert im Be- denn er liegt tatsächlich im Interesse aller schaftlicher Art an der Tagesordnung. Eine streben, einen geordneten, modernen Strassenverkehr zu erreichen, der sich auf der Grund- Fussgängerliga ist allerdings etwas unerwartet gekommen, denn Fussgänger sind lage gegenseitigen Entgegenkommens abspielen muss. Der Automobilist wird seiner- wir ja schliesslieh alle. Sogar die eifrigsten Automobilisten können nicht beständig am Volant sitzen. Umgekehrt gibt es heutzutage nur noch wenige Fusgänger, die nicht eine Automobilfahrt genossen hätten. Ist doch das Automobil heute bereits zum allgemeinen Gut geworden. V Kurz und gut, die Fussgängerliga besteht und macht sich bemerkbar. Sie will den Kampf gegen das Automobil aufnehmen und wie das schöne Sätzlein ganz allgemein heisst: die Interessen ihrer Mitglieder wahren. Sie hat denn auch bei der Beratung des Automobilgesetzes im Nationalrat ihre Stimme kundgetan, — mit welchem Erfolge bleibt sohlussendlich abzuwarten. Offen gestanden, vermögen wir den Wert eines solchen Zusammenschlusses nicht einzusehen, da die Trennung unseres Volkes in Automobilisten und Fussgänger eine unnatürliche isf, und wir übrigens sogenannte Kampforganisationen genug besitzen, welche die Zusammenarbeit des Volkes beständig in Frage stellen. Es wird niemand behaupten wollen, dass die Fussgänger in unserem heutigen Verkehrsleben nicht geschützt werden sollten. Mehr und mehr sind solche Schutzmassnah-, men von dem Automobilisten befürwortet und bei den Behörden gefördert worden. Dies nicht nur aus rein sachlichen Motiven bezüglich der Verkehrssicherheit, sondern auch aus menschlichen Gründen, weil Jedem Automobilisten ein Verkehrsunfall, wobei er und seine event. Mitfahrer, nicht nur der Fussgänger, in Gefahr stehen, nicht gleichgültig sein kann. Auch die Behörden haben keineswegs auf die Tätigkeit der Fussgängerliga gewartet. Sie sind aus eigener Initiative in verkehrsgesetzgeberischer Weise vorgegangen und haben darnach getrachtet, die Strassenpolizei-Vorschriften in Einklang mit den heutigen modernen Verkehrsmethoden zu bringen. So hat beispielsweise der bernische Grossrat die neue bernische Verkehrsordnung am F E U I L L E T O N ' Blitz: Der Roman eines Wolfshundes. Von H. G. Evarts. (Verlag Georg Müller, München.) (21. Fortsetzung} 1. Januar 1931 in Kraft gesetzt. In dieser Verkehrsordnung ist in weitgehendem Masse auf den Schutz der Fussgänger Bedacht genommen worden. Man hat gewiss die Verkehrspolizei nicht nur wegen den Automobilisten geschaffen, sondern man wollte zugleich den Fussgänfer durch sie auf die Gefahren der Strassen aufmerksam machen, ihm zeigen, wann und wo er die Strassen zu passieren hätte und seine Aufmerksamkeit auf die Signale der Fahrzeuge hinlenken. Zum Schütze der Fussgänger schuf man nicht nur in Bern, sondern auch andernorts Verkehrsinseln oder Schutzzonen, damit der Passant mit aller Sicherheit die Strasse überqueren, oder auch mitten in der Fahrbahn auf das Tram warten könne. An besonders verkehrsreichen Strassen und Plätzen wurden zur Erleichterung des Verkehrs besondere Fussgänger-Gehstreifen vorgesehen und zu deren Kenntlichmachung kostspielige Strassenmarkierungen angebracht, die durch Tafeln mit entsprechenden Aufschriften noch gekennzeichnet wurden. Durch diese reservierten Uebergangsstellen wollte man den Fussgänger bei der Ueberquerung der Fahrbahn besonders schützen. Man wollte ihn auch zur Vermeidung von Unglücksfällen dazu erziehen, die Fahrbahn auf dem kürzesten Weg'zu überqueren. Kurz, und gut, man versuchte auf alle erdenkbare Weise den Fussgänger zu schützen. Und der Erfolg? Er ist, was Schutzinseln und Fussgängerstreifen anbetrifft, noch sehr bescheiden. Viele empfinden den Tritt auf die erhöhte Insel als unbequem, oder sie liegt nicht gerade « auf dem Wege » und so werden sie wirklich wie Inseln « umfahren ». Auf die Gehstreifen achten nur die wenigsten und vielfach erst dann, wenn sie zufällig über die Um Blitz wäre es jetzt sicher geschehen gewesen, hätte nicht der zweite Mann ebenso plötzlich in den Kampf eingegriffen wie Harte selbst. Er hatte den Angriff des Hundes auf den Mann, der sich am Abhang erhob, gesehen und sprang im gleichen Augenblick sechs Fuss von dem Mädchen fort. Mit der Hand fuhr er in die Innenseite seines Rockes, wo er die Pistole verborgen hatte. Auch jetzt, angesichts dieser verzweifelten Situation, verlor Harte seine Ruhe nicht. Anstatt auf Blitz zu schiessen, richtete er die Pistole, die er mit der heilen, linken Hand ergriffen hatte, auf den Mann unten, seinen verletzten rechten Arm bog er ein, um seine Kehle vor einem neuen Angriff des Wolfes zu schützen. Zwei Schüsse knallten gleichzeitig und kaum hatte Blitz seine Zähne in Hartes Schultern geschlagen, so stürzte sein Opfer hinter der Deckung zusammen. Wie ein Pfeil schnellte Blitz hinweg und schon sah er den zweiten Mann schlaff niedersinken und auf dem Pfad zusammenbrechen. Blitz suchte Schutz hinter einem Baumstamm. Beide Männer lagen stumm und reglos auf dem Boden. Er hörte Betty aufschluchzen, während sie neben dem älteren Mann niederkniete, dann erblickte er Moran, der in langen Sätzen herbeieilte, durch das krachende Unterholz brach und über Baumstämme sprang, die ihm den Weg versperrten. Blitz zog sich noch weiter zurück. Er spürte, dass zwei Menschen im Sterben lagen, ahnte auch, dass hier nicht alles in Ordnung sei und er selbst vielleicht für das Geschehene verantwortlich gemacht werden könnte. Der Menschen Denkungsweise war manchmal recht merkwürdig. Blitz hielt sich versteckt. Moran fand Betty neben dem Unbekannten kniend. «Wo ist der Zweite?» fragte er. «Dort oben,» antwortete sie, den Abhang hinaufzeigend. «Aber er ist tot, geh' nicht hin — ich brauche dich hier — hilf meinem Vater!» Moran kniete neben ihr nieder und begann das Flanellhemd des Verwundeten aufzuknöpfen. «Ich will tun, was ich kann,» sagte er. Der Sterbende öffnete die Augen und schüttelte den Kopf. «Zu spät, mein Sohn,» sagte er, «es ist gut, dass es so gekommen ist. Kümmere dich nur um Betty und rette sie vor Nash!» Er lächelte seiner Tochter zu und schloss die Augen. Markierungsknöpfe stolpern. Die Versuchung, die Strasse dort zu überqueren, wo es sich eben gibt und wo man gerade steht, ist viel zu gross und solange kein Geländer den Weg versperrt oder die Polizei für Aufsicht und Beachtung des besonderen Weges sorgt, wird auch der Fussgänger-Streifen seinen Zweck nie ganz erfüllen. Nun hat aber auch die Geduld, der bernischen Polizeidirektion einmal ein Ende. Sie gebietet dem gedankenlosen Bummeln auf der Strasse ein entschiedenes Halt und erklärt, dass ab 1. Juli 1931 die bis heute ge- seits alle V.orsichtsmassnahmen treffen, um das Begehen der Fussgängerzonen möglichst sicher und bequem zu gestalten. Er wird gerne alles überflüssige Hupen und Signalgeben unterlassen, um den Lärm der Städte eindämmen zu helfen. Der Fussgänger aber muss sich nun endlich auf den neuen Verkehr umstellen und das Seinige dazu beitragen, damit die Gefahrenquellen der Strasse auf ein Minimum herabgesetzt werden können. Nachdem ihm während 6 Monaten Zeit eingeräumt war, sich ohne weiteres Zutun an die wenigen und einfachen Neuerungen zu gewöhnen, sollte der sanfte Druck, den die Polizei nun anzuwenden gedenkt, ihm eigentlich gar nicht zum Bewusstsein kommen. • Alkohol und Reaktionszeit. (Aus dem Burtdesgericht.) Am 6. November 1927 ereignete sich in 'Rdrschach ein Zusammenstoss zwischen einem Auto und einem Motorrad, der zwar keine besonders schweren Folgen hatte, aber doch zu einem Schadenersatzprozess führte, der am 1. Juli vor Bundesgericht seinen Abschluss gefunden hat. Der Automobilist wollte des Nachts und auf einem unbeleuchteten Platze seinen Wagen wenden, hatte daher die Fahrt verlangsamt und ein Hupensignal abgegeben. Als er jedoch mit seinem Wagen eine Schwenkung nach links machte, stiess er mit einem in gleicher Richtung fahrenden Motorrad zusammen, dessen Lenker sein Signal nicht beachtet hatte und ohne rechtzeitige Abgabe eines Hupensignals vorfahren wollte. Der Motorradfahrer, der am Nachmittag mit seinem Fahrzeug einen Pintenkehr unternommen hatte und sich immer noch in angeheitertem Zustande befand, klemmte seinen rechten Fuss zwischen dem Fussraster des Rades und dem Trittbrett des Wagens ein, so dass er eine längere Spitalbehandlung nötig hatte und als bleibenden Nachteil 15 Prozent seiner Erwerbsfähigkeit einbüsste. Eine Schadenersatzklage des Motorradfahrers gegen den Autofahrer wurde zunächst vom Bezirksgericht Ror- INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundteile ode* deren Raum 45 Cts. tür die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentaril. Inserntenschluss 4 Tage vor Erscheinen der Nnmmern schach für 12,500 Franken gutgeheissen, da dieses Gericht zwar ein Verschulden beider Teile am Unfall annahm, aber dem Automobilisten zwei Drittel, dem Motorradfahrer bloss' ein Drittel des Verschuldens zuwies und deshalb den Beklagten verpflichtete, zwei Drittel des Schadens zu ersetzen. Dagegen hat das St. Galler Kantonsgericht das beidseitige Verschulden gerade umgekehrt eingeschätzt, also das Verschulden des Motorradfahrers auf zwei Drittel, dasjenige des Autofahrers auf ein Drittel bemessen und demgemäss die Klage bloss für 6740 Fr. geschützt. Dieses Urteil ist vom Bundesgericht am 1. Juli mit 4 gegen 3 Stimmen bestätigt worden. Die Meinungsverschiedenheit in der obersten Instanz drehte sich dahei hauptsächlich darum, wie weit in dem Zustand des Motorradfahrers, der bei dem Unfall den gerichtlichen Feststellungen zufolge nicht schwer betrunken, sondern nur leicht angeheitert war, ein Verschulden erblickt werden müsse. Die Mehrheit betrachtete dieses Verschulden als ein recht erhebliches, da auch eine kleinere Dosis Alkohol die Reaktionszeit des Führers eines Motorfahrzeuges verlangsame und seine Aufmerksamkeit beeinträchtige, also eine Gefährdung des Verkehrs bewirke. Im vorliegenden Falle muss es dem Alkoholgenuss zuzuschreiben sein, dass der Kläger das Hupensignal des vor ihm in verlangsamter Fahrt sich bewegenden Wagens nicht beachtete; andernfalls hätte er sich auch ohnedies einer schwerwiegenden Unaufmerksamkeit schuldig gemacht. Der Motorradfahrer konnte sich nicht darauf verlassen, dass der Wagen anhalten wolle und er hätte, namentlich zur Nachtzeit und mit einem ungenügend beleuchteten Motorrade, nicht vorfahren sollen, ohne den Automobilisten rechtzeitig durch ein Hupensignal zu warnen, Indem er die gegebenen Vorsichtsmassnahmen beim Vorfahren unterliess, hat er das Hauptverschulden am Unfall auf sich geladen. Was das Verschulden des beklagten Autofahrers betrifft, so durfte er freilich mit seinem Wagen nach links ausbiegen, nachdem er auf sein Hupensignal keine Antwort erhalten hatte. Dagegen hätte er vor dem Manöver rückwärtsschauen oder sich aus dem Wagen beugen sollen, um vor allfällig von hinten kommenden Fahrzeugen sicher zu sein. Dass er kein Handzeichen abgab, ist ihm nicht als kausales Verschulden anzurechnen, weil ein solches Zeichen in der dunklen Nacht auf dem unbeleuchteten Platze nicht wahrgenommen worden wäre. Wp. Im Gehölz draussen erhob Blitz ein Ge-solcheheul — es klang nicht wie sonst, sondern wie langen!» Dienst dürfen sie von mir nicht ver- das Klagen eines Hundes; nie vorher hatte er Nach einem kurzen Schweigen kam er auf einen solchen Ton gefunden. seine ursprüngliche Frage zurück. Moran sprang plötzlich auf. Aus dem Dickicht, wenige Fuss über ihm auf dem Abhang ward eine Stimme hörbar: «Wie kommt es nur, dass ein Hund es fühlt, wenn ein Mensch im Sterben liegt?» Moran fand Harte ausgestreckt hinter einem Baumstamm liegen. «Sie kennen mich nicht, Moran?» sagte er. «Ich bin Calvin Harte; es ist zu sonderbar, wie's manchmal .im Leben zugeht. Kein Mensch konnte mich unterkriegen, solange ich meiner Sinne mächtig war. Ein einziges Mal in meinem Leben habe ich den Kopf verloren und da liege ich nun. Ich hatte das Mädchen schon früher einmal gesehen, da hat man mich hergeschickt, um mit Ihnen abzurechnen. Ich bekam das Mädchen zum zweitenmal vor die Augen, und ihr Anblick stieg mir derart zu Kopf, dass ich hier herumlümmelte und mich nicht sattsehen konnte. Ich wollte das Mädchen für mich nehmen, sobald ich mit Ihnen fertig geworden wäre. Dieses verdammte Zaudern habe ich jetzt zu büssen. Ja, so geht es immer: einmal den Verstand verloren, und schon ist auch das Leben hin.» «Wer hat Sie hergeschickt?» fragte Moran. Harte schüttelte lächelnd den Kopf. «Wenn's auch mit mir zu Ende geht, einen «Wie ist es nur zu erklären, dass ein Hund zu melden vermag, wenn ein Mensch im Sterben liegt?» fragte er. «Sie sind doch Naturforscher, erzählt man mir, da müssten Sie doch Bescheid wissen!» Moran glaubte zu träumen, so unwirklich erschien ihm diese Szene. Dort kniete Betty neben ihrem Toten, und dieser Mann hier, der mit dem Tode rang, quälte sich mit einem Naturrätsel ab und stellte seine Frage mit einer Ruhe, als ob er noch hundert Jahre zu leben hätte, nicht aber bloss wenige Sekunden. Harte erriet diese Gedanken. «Ich will das Weilchen, das ich noch Zeit habe, doch lieber verplaudern, als dummen Gedanken nachgehen,» sagte er. «Und dieser Gegenstand ist passend wie kaum ein anderer. Sagen Sie mir doch endlich, wie ist das zu erklären?» «Der Hund riecht es,» sagte Moran,. der Laune des Sterbenden willfahrend. «Ein Geflügelhund erkennt sofort, ob er ein totes oder wundes Tier vor sich hat. Vor einer verwundeten Wachtel macht er halt und erst in dem Augenblick, da sie verendet, apportiert er sie. Das macht der Unterschied im Geruch. Darin liegt wahrscheinlich auch die Erklärung