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E_1931_Zeitung_Nr.073

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Ausgabe: Deutsche Schweiz BERN, Freitag, 4. September 1931 Nummer 20 Cts. 27. Jährgang. - N° 73 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint mibilhrHeh Fr. 5.-, jährlich Fr. 10.-. Im Ausland unter Fartomnehla«, REDAKTION Jeden DlemsUn n. ADMINISTRATION: and Fnitaf Breltenrainstr. Monatlich „Gelbe, 97, liste« Bern Mtern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag fttr postamtliche BMtellung 30 Rappen. PostchecU-Rechnung HI/414. Telephon Bollwerk SB.84 T«legrmmm-Adresse: Autorevue. Bern Der I. Internationale Autostrassen-Kongress Die Weltwirtschafskrise mit ihren katastrophalen Auswirkungen, deren eine der augenfälligsten die grosse Arbeitslosigkeit in fast allen europäischen Staaten ist, zwingt, Mittel und Wege zur Abhilfe zu suchen. An Stelle der vollständig unproduktiven Arbeitslosenunterstützung, die sowohl in finanzieller wie moralischer Hinsicht nur ein ungesunder Notbehelf ist, müssen andere Wege gesucht werden, weshalb jede Möglichkeit aufgegrif-' fen und geprüft zu werden verdient, die nur einen Schimmer für Verbesserung der Arbeitsbedingungen erkennen lässt. Es lag deshalb auf der Hand, die Probleme des reinen Autostrassenbaues, die in den letzten Jahren in verschiedenen Ländern aufgetaucht sind und zum Teil schon greifbare Formen angenommen haben, einmal auf internationaler Basis zu diskutieren und wenn möglich eine Zusammenarbeit anzustreben, um alle die bestehenden Projekte wenn möglich einander anzugleichen und vor allem auch zu fördern. Die Idee der Einberufung eines internationalen Kongresses zur gemeinsamen Besprechung der aktuellen Fragen war deshalb sehr zu begrüssen, und es entbehrte nicht des Interesses, einmal die verschiedenen Ansichten, Vorschläge und Erfahrungen von den verschiedenen Delegierten einer grossen Zahl Länder Europas vorgetragen zu hören. Wir haben schon in der letzten Nummer der « Automobil-Revua * auf das allgemein' Organisatorische des Kongresses hingewiesen. Es sei nur noch einmal wiederholt, dass Luden Laine, der nordfranzösische Qross- Hidustrielle, einstimmig zum Präsidenten des Kongresses gewählt wurde. Er hat denn auch mit viel Geschick den Kongress geleitet, und seine Sachkenntnis verbunden mit einer sympathischen präsidialen Amtsführung Hessen leicht erkennen, dass hier der richtige Mann am richtigen Platze stand. Ein besonderes Gewicht verlieh dem Kongresse das Auftreten von Albert Thomas, dem Direktor des Internationalen Arbeitsamtes. Er hatte auch den Kongress-Saal des Internationalen Arbeitsamtes für die Sitzungen zur Verfügung gestellt. In seinem vielbeachteten einleitenden Referat betonte er zwar den privaten Charakter des Kongresses, verhehlte aber nicht, dass er dem ganzen Fragenkomplex ein grosses Interesse entgegenbringe, da ihm scheine, dass der Bau von Aufostrassen ein Mittel sei, die Arbeitslosigkeit zu beheben und vor allem auch noch bessere Verbindungen zwischen den verschiedenen Ländern Europas zu verschaffen, die einen noch bessern Ausgleich zwischen den verschiedenen Ländern ermöglichten und somit wesentlich zur Behebung der Wirtschaftskrise beitragen könnten. Die Wahl des Senators Puricelli zum Ehrenpräsidenten war ein Akt der Dankbarkeit gegenüber dem Manne, der heute wohl die grössten Verdienste im Bau der Autostrassen hat. Schade dass er dem Kongress nicht persönlich beiwohnen konnte. Ein eingehender Bericht des Präsidenten, Herr Laine, orientierte über das Problemder Autostrassen wie es sich heute darstellt. Seine Ausführungen und seine Wünsche, die er dem Kongresse darlegte, gipfelten darin, dass die Ausführung der verschiedenen Autostrasse nprojekte nur dann Aussicht auf Erfolg hätten, wenn man zuerst einen allgemeinen europäischen Plan aufstelle, welcher die Notwendigkeiten und ,besonderen Wünsche der Länder berücksichtige. All die verschiedenen Fragen müssen zusammengefasst und auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden, um dann ein definitives Projekt für die europäischen Autostrassen aufzustellen. Es sei besonders auch auf einen ersten Entwurf einer Karte der europäischen Autostrassen hingewiesen, die jedem Teilnehmer überreicht wurde und die erstmalig.einen zusammenfassenden. Ueberblick ober die heute, bestehenden Projekte gibt. Die Karte mag« heute zum grossen Teil eine Utopie darstellen, die aber vielleicht im Laufe der nächsten Jahrzehnte doch zur Wirklichkeit werden kann. Die Verhandlungen. Die weitern Verhandlungen waren vorab den Rapporten der Delegierten der einzelnen Staaten gewidmet. In erster Linie sprach der Vertreter Polens, Herr Okecki, der einen Ueberblick über das Strassennetz seines Landes gab, wobei als Detail interessieren mag, dass in Polen das Eisenbahnnetz nur halb so lang ist, wie das Netz der Autobuslinien. Für die Schweiz sprach Dr. Marcel Nyffeler, der an Hand des Beispieles einer Autostrasse Bern-Thun das ganze Problem des Autostrassenbaues überhaupt in klarer und eingehender Weise beleuchtete. Er behandelte den Fragenkomplex sowohl von der sozialen, organisatorischen, juristischen, technischen wie ökonomischen Seite. Als Leiter schweizerischer Vertreter verbreitete sich Ing. Steiner ganz allgemein über den Automobilverkehr in der Schweiz, dann über die Finanzierungsmöglichkeiten des Autostrassenbaues und auch über die Erhebung von Gebühren. In gleicher Weise, vor allem die Gebührenfrage prüfend, referierte Dr. Zierau (Hafraba), dessen Ausführungen durch mehr technische Bemerkungen von Herrn Hof noch ergänzt wurden. Die italienische Delegation verzichtete auf ein eingehendes Referat und ihr Vertreter, Dr. Marcoli, der S. A. Puricelli, gab die Erklärung INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzelle oder deren Raum 45 Ctt. für die Schweiz; tur Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grössere Inserate nach Seitentaril. Inseralenschlnss 4 Tage vor Erseheinen der Nummern ab, dass sie der ganze Fragenkomplex ausserordentlich interessiere • und sie alle Auskünfte, die vom internationalen Standpunkt aus dank den schon bei ihnen gemachten Erfahrungen nützlich seien, geben werden. Am zweiten Kongresstag wurden auf Vorschlag des Präsidenten drei Kommissionen gewählt,- die durch eingehende Studien raschere Arbeit leisten sollten. Als erste wurde eine technische Kommission aufgestellt, mit Senator Puricelli als Präsidenten, und Ing. Steiner als schweizerischen Delegierten. Die Finanz- und juristische Kommission wird präsidiert durch Dr. Marcel Nyffeler (Schweiz), während die Arbeitskommission von Dr. Gulielminetti, der schweizerische «Vater der Teerstrasse», präsidiert wird, in welcher Kommission der schweizerische Automobil- und Touring-Club je einen Vertreter haben werden. Im weitern Verlauf der Verhandlungen ergriff dann im Namen der internationalen Transportvereinigung Herr Kündig (Genf) das Wort, um das Interesse, das ihre Vereinignug am Bau von Automobilstrassen; verbunden mit rascherem Verkehr und leichterem Grenzübertritt, Jiabe, zu betonen. Interessant Waren die Ausführungen des belgischen Delegierten, der darauf hinwies, dass für Belgien nicht nur der Ausbau seiner Autostrassen in vorderer Linie stehe, sondern vor allem der Ausbau und die Verbesserung des gesamten Strassennetzes. Also ein ähnlicher Gedankengang, wie ihn Albert Thomas schon einleitend ausgesprochen hatte, indem er vor allem hervorhob, dass in östlichen Gebieten Europas, wie Bulgarien etc., das Strassennetz überhaupt noch gewaltig zu verbessern sei, um die Verkehrsbedingungen zu erleichtern. Der französische Delegierte Jaques Thomas referierte über die Autostrasse auf den Puy-de-Döme und Mr. Pigelet über die Projekte der französischen Autostrassen wie Paris-Lille, etc. Aus den weitem Verhandlungen seien nur die Ausführungen des holländischen Delegierten über die Autostrassenprojekte in Holland, dann von Herrn Layotte über die Autostrassen in Südost-Frankreich, Herrn Dubois (Saurer A. G.) über das Interesse der Konstrukteure am Autostrassenbau ergänzend erwähnt. Sehr interessiert hat das Referat des Genfer Regierungsrates Bron, der wohl zum erstenmal öffentlich das Projekt eines Mont- Blanc-Strassentunnels diskutierte. Der Tunnel, der Genf mit Turin in kürzester Zeit verbinden würde, hätte nur die Länge von 12,905 Kilometer und würde von Bosson in der Höhe von 1100 Meter ausgehen und im Aostatal in der Höhe von 1250 Meter wieder austreten. Das Projekt scheint schon weiter gediehen zu sein als man vorher anzunehmen geneigt war, indem der französischen Regierung das Konzessionsbegehren bereits gestellt wurde. Die Kommissionsberichte. Nachdem am letzten Kongresstage ein Rapport der europäischen Zollunion, der sich auf die internationalen Autostrassen bezieht, durch den Präsidenten verlesen wurde, erfolgte eine ausgiebige Diskussion über die Berichte der Kommission für rechtliche und finanzielle Fragen. Daraus ergab sich der Wunsch einer Erweiterung der Statuten des bisherigen internationalen Bureaus für Autostrassen, und zwar in dem Sinne, dass sämtliche Staaten zur Mitarbeit herangezogen werden können, dazu alle Privatgesellschaften und Privatpersonen, die sich für Autostrassen interessieren, um das ganze Werk auf möglichst breite Basis zu stellen. Unterstützt von Marcoli und Dr. Henneberg in Genf wies Herr Empeyta darauf hin, dass einzelne Vorschläge der technischen Kommission als etwas verfrüht erschienen. Es wurde denn auch beschlossen, diese Fragen zu weiterem Studium auf einen spätem Zeitpunkt zurückzustellen. Die Kommissionen sollten ihre Ansichten schriftlich niederlegen, damit sie später den Kongressteilnehmern überreicht werden könnten. Ein später einzuberufender Kongress soll datin über das weitere Vorgehen entscheiden und definitive Beschlüsse fassen. Abschluss und Ausblick. In einem humoristisch gehaltenen Schlusswort verabschiedete sich Albert Thomas vom Kongress. Der eingeschlagene Weg scheint ihm der richtige zu sein und wenn auch jetzt ein Teil der Arbeit an Kommissionen überwiesen werden müsse, so sei dies eine unumgehbare Notwendigkeit, die sich bei allen internationalen Veranstaltungen und Kongressen ergeben habe. Seinem Wunsche entsprechend, wurde eine Delegation des Kongresses zur Leitung der Verkehrskommission des Völkerbundes gesandt, um sich die Unterstützung auch dieses wichtigen Bureaus zu sichern. Blicken wir zurück auf die Ergebnisse dieses Kongresses, so dürfen wir uns nicht wundem, wenn diese noch, nicht weltbewegender Natur sind. Aber aller Anfang ist FEUILLETON «Typ Evelin» Autosportroman von Karl Schmidt. (8. Fortsetzung) Evelin lächelte bitter. «Ich weiss, was Sie sagen wollen, Herr Möller. Papa hat keine zielbewusste Kraft in sich, er arbeitet unter dem Zwang von Launen und Stimmungen. Es ist natürlich, dieser Mangel an straffer Organisation überträgt sich aufs ganze Werk. Aber was dagegen tun? » «Säubern, Fräulein Evelin! Straffe Organisation, feinstorganisierte Ueberwachung, damit wir vor allem dem Werkspion auf die Spur kommen. Die Polizei hat nichts erreicht. Wir müssen uns selber helfen. Sehen Sie, da ist zum Beispiel dieser Older, ein Kerl, der Ihren Vater in wichtigsten Dingen beraten sollte. Und was tut — was leistet er? » « Older taugt nichts, » antwortete Evelin dumpf, «aber wen wollen Sie an dessen Platz stellen? » « Herrn Hörn! » Ueberrascht sah Evelin auf. Sie dachte einige Augenblicke nach. «Herr Hörn avanciert etwas sehr schnell!» «Er hat Verstand, Initiative, Energie und Lebensart. Das brauchen wir. Man muss die Leute nehmen, wie sie sich bieten. Sie werden sehen, Herr Hörn enttäuscht uns nicht. Soviel Menschenkenner bin ich.» « Meinetwegen. Herr Hörn ist mir nicht unsympathisch,» antwortete Evelin rasch entschlossen. Einesteils freute sie sich, dass Frank Hörn Erfolg hatte, andernteils fühlte sie sich etwas bedrückt bei dem Gedanken, dass ihr der junge Mann jetzt näher stehen würde. Direktor Möller unterbrach ihre Gedanken. « Darf ich Sie, Fräulein Evelin, also bitten, mein Bundesgenosse in der von mir gewünschten Reform des Werks zu sein und den Boden dafür bei HeTrn Maurus vorzubereiten? » «Ich stehe ganz auf Ihrer Seite, Herr Möller, und werde Sie in jeder Hinsicht unterstützen. » So kam es, dass einige Tage später Frank ganz unerwartet telephonisch zu Dr. Maurus gerufen wurde. Als er es Direktor Möller mitteilte, sagte dieser lächelnd zu ihm: «Tun Sie ein bisschen selbstverständlich und nicht so sehr überrascht, wenn Ihnen Herr Maurus eine Sache von Wichtigkeit mitteilt. » Frank sah ihn fragend an. Aber deT Direktor lachte nur: «Gehen Sie nur, mehr kann ich ihnen nicht sagen!» In, Gedanken versunken, schritt Frank die teppichbelegten Treppen zu Dr. Maurus' Privatgemächern hinauf, klopfte an seine Tür und öffnete gedankenlos, ohne auf das Herein zu warten. Ein leiser Aufschrei Hess ihn aufschauen. Um Gotteswillen, was war das? Er hatte die falsche Tür erwischt. Ein elegantes, in hellen Tönen gehaltenes Boudoir lag vor ihm und drinnen sass von einer Zofe bedient, Evelin vor einem hohen Spiegel. Ihre weissen Schultern leuchteten, erstaunt schaute sie auf den Eindringling, der Entschuldigungen stammelnd sich rasch zurückzog. Als er ratlos, wie er das Versehen einigermassen wieder gutmachen könnte, vor der Türe stand, hörte er drinnen das silberne Lachen zweier Frauenstimmen. Er raffte sich zusammen und seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Evelin nahm die Geschichte nicht weiter tragisch. Jetzt aber um Gotteswillen sich zusammenfeissen! Er war in tiefem Sinnen ein Stockwerk zu hoch gestiegen. Also wieder hinunter! Nachher konnte er sich ja immer noch in guter Form entschuldigen. Flammende Röte stieg ihm ins Gesicht, als er in das erste Stockwerk hinabstieg. Als er bei Dr. Maurus eintrat, blickte ihm dieser erwartungsvoll entgegen. «Nehmen Sie Platz, Herr Hörn! Ich habe mit Ihnen eine Sache von grosser Bedeutung ins Reine zu bringen. Ich habe da gestern meinen ersten Sekretär, diesen Older entlassen. Taugte nichts, der Mann. Was soll ich lange reden? Bin kein Freund davon. Kurzum, ich ernenne Sie zu meinem ersten Sekretär. Nehmen Sie die Sache ernst, man wird grosse Anforderungen an Sie stellen. Mein erster Sekretär ist mein erster Minister und wir haben grosse Aufgaben vor uns, vor allem eine gründliche innere Reform des ganzen Werks und dann Reklame...! Sie leiten als erster Sekretär auch das Reklame-Büro...» Als Frank nach ungefähr zwei Stunden wieder ins Hauptbüro zurückkehrte, in dem heute zum letztenmal sein Platz sein sollte, drückte er Möller die Hand und sagte nur: «Ich weiss, dass ich Ihnen dieses Glück verdanke, Herr Direktor...» «Und Fräulein Evelin, Herr Sekretär!» Frank Wurde rot. Er dachte an. sein Missgeschick, von vorhin. «Wie soll ich Ihnen dafür danken? » Möller atmete tief auf. «Herr Hörn, Sie können mir danken, wenn Sie mein Bundesgenosse sind in meinem Reformbestrebungen. Wenn Soerner und ich nicht gewesen wären, ich sage das ohne ein selbstgefälliges Eigenlob auszusprechen zu wollen, dann hätte das Werk schon längst Bankrott gemacht. Dr. Maurus hat