Aufrufe
vor 4 Monaten

E_1931_Zeitung_Nr.076

E_1931_Zeitung_Nr.076

Ausgabe: Deutsche Schweiz BERN, Dienstag, 15. September 1931 Nummer 20 Cts. 27. Jährgang. — N° 76 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelb* Uste" Halbjährlich Fr. 5.-, Jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portoztttchlag, sofern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 REDAKTION u. ADMINISTRATION! Breitenralnstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Hechnung IJI/414. Telephon Bollwerk 39.84 Telegramm-Adresse i Autorevue, Bern Aus der Tageschronik Die demokratischen Mühlen mahlen langsam. Die Gedanken haben Mühe, greifbare Gestalt anzunehmen, auch dann, wenn sie Jahre lang erdauert worden sind. Wie manches Jahr ist unermüdlich in der «Automobil- Revue» auf die Dringlichkeit und Nützlichkeit des Ausbaues unserer Älpenstrassen hingewiesen worden. Es schien lange Zeit, als ob alle guten Worte in die Luft gesprochen worden seien. Nach langen, langen Jahren vergeblichen Wartens rührt sich nun etwas. Sollen Projekte, die seit Jahren gewälzt werden, in nächster Zeit der Verwirklichung entgegengeführt werden? Da haben wir vorerst die Realisierung des Pragelstrassen-Projektes. Kantonsregierung und Bund haben sich gefunden, der Ausbau soll an die Hand genommen werden. Zu einer ausgesprochenen Automobil- und Heeresstrasse reicht es freilich noch nicht, aber immerhin, man hat sich auf einen gemeinsamen Nenner geeinigt und das will schon viel bedeuten. Eine Prageistrasse ist nicht nur wegen des Touristenverkehrs zu begrüssen, sie liegt im Interesse, vorab unserer Landesverteidigung und der Einwohner der beiden betreffenden Kantone. Um das Sustenstrassen-Projekt beginnt das Eis ebenfalls zu tauen. Die Oeffentlichkeit hat sich bereits der Sache angenommen. Im Berner Oberland und im Kanton Uri sieht man die Wichtigkeit dieser Strasse ein. Ein Initiativ-Komitee ist tüchtig an der Arbeit. Eine aufklärende Broschüre soll in Vorbereitung sein. Dies freut uns und wir wollen nun hoffen, dass die Arbeit weitblickender Männer in kurzer Zeit ihre Früchte tragen wird. Arbeitsbeschaffung, das ist der Ruf unserer Wirtschaft. Weniger Wunden heilen und dafür mehr Wunden vorbeugen, rät eine einsichtige Volkswirtschaft. Grosse Teile unseres Volkes warten mit Sehnsucht auf Arbeit. Die Gelegenheit bietet sich. Das Geld ist heute vorhanden. Es liegt brach in den Banken, wo es niemandem nützt. Wir glauben denn auch, dass das Projekt der Sustenstrasse heute soweit gediehen ist, dass einer Erfüllung nichts mehr entgegenstehen sollte. «Typ Evelin» Autosportroman von Karl Schmidl. (11. Fortsetzung) IX. Der neue Kurs. Tm Hauptbüro hatte Dr. Maurus seine Mitarbeiter zu einer Sitzung versammelt. Ausser ihm and seiner Tochter waren Frank Hörn, Direktor Möller und Sealson, der seit Soelners Tod Chefingenieur war, anwesend. Direktor Möller hatte mit tiefem Ernst und eindringlichen Worten die gefahrvolle, finanzielle Lage des Werks geschildert. «Seit einem halben Jahre befindet sich also, wie Sie sehen, der Absatz in stetigem Sinken, der letzte Monat grenzte geradezu an eine Katastrophe. Dagegen sind unsere Verpflichtungen beängstigend gestiegen. Bei oberflächlicher Betrachtung wird man vielleicht den Zahlen, die ich Ihnen mitgeteilt habe, nicht die grosse Bedeutung beimessen, die sie tatsächlich haben. Der Sinn dieser Zahlen offenbart sich nur dem Kaufmann, der mit ihnen vorausschauend operiert — und ich muss die Lage auf Grund dieser Zahlen bereits als gefährlich bezeichnen. Nach ein solches Halbjahr und wir stehen unmittelbar vor der Krise ... Dazu kommt der schlechte Eindruck, den die Tatsache, dass wir hinter Sinnisfaere geblieben sind, auf jeden Käufer von Sport- und Tourenwagen macht.» «Eine Aktiengesellschaft...» wagte Möller zu sagen. Maurus aber fiel ihm rasch ins Wort. Von Projekten und Verbänden. Die Tessiner ihrerseits greifen zielbewusst an. Die Gemeinde Mendrisio, eine verhältnismässig kleine Gemeinde mit einigen tausend Einwohnern, hat den Bau einer Automobilstrasse auf den Monte Generoso beschlossen. Das nennen wir Tatkraft und Weitsicht. Wir gratulieren jeder Gemeinde in unserem Schweizerland, die über derartigen Weitblick verfügt. Die Baukosten der Strasse sollen sich auf 300 000 Fr. belaufen, eine Summe, die sich jedenfalls reichlich bezahlt machen wird. Die Strasse, die vom bisherigen Endpunkt Somazzo mit 8—10 % Steigerung zum Gipfel führen wird, kann von Anfang an jedenfalls auf eine sehr starke Frequenz rechnen. Sie wird dazu beitragen, den Automobilistenverkehr von allen Seiten stark ins schöne Tessin zu ziehen und damit der dortigen Bevölkerung gewiss auch einen finanziellen Erfolg sicher zu stellen. Zudem ist hervorzuheben, dass es unsern Tessiner Miteidgenossen nicht hoch genug angerechnet werden kann, dass sie durch dieses Werk einen der schönsten Aussichtspunkte der Schweiz erschliessen. • * * Die Organisation spielt in Wirtschaft und Verkehr eine ziemlich entscheidende *Rolle. Unsere Automobil-Verbände haben hinsichtlich Ausbau unserer Verkehrsordnung, einheitliche Signalgebung und moderner Verkehrsgesetzgebung tatsächlich schon viel geleistet und manches erreicht. Die Lösung von Verkehrsproblemen wäre ohne ihre Mitarbeit kaum mehr denkbar. Unsere Behörden machen gerne von ihrer Mitarbeit Gebrauch. Dank ihrer zielbewussten Arbeit zählen diese Verbände bereits eine grosse Mitgliedschaft. Anders verhält es sich wohl mit der pompös sich nennenden « schweizerischen «= Fussgängerliga, die glaubt, heute an der werdenden schweizerischen Verkehrsgesetzgebung herumflicken zu müssen. Wir halten es nicht für notwendig, neuerdings auf die Organisation dieser Liga eintreten zu sollen. Wer noch nichts von diesem « Sturmtrupp » der Fussgänger gehört haften sollte, der blättere in unserer Nr. 46 der « A.-R.» und führe sich den Artikel «Sieben Vorstandsmitglieder «Das Mauruswerk wird auf eigenen Füssen stehen bleiben, solange es geht!» Möller wandte sich an Evelin. «Dafür, Fräulein Maurus, dass alles beim alten bleibt, kann ich die Verantwortung nicht übernehmen. Alles auf eine Karte setzen, das ist nicht kaufmännischer Brauch, das verantwortet kein Kaufmann, der es mit dem anvertrauten Gut redlich meint. Ich stehe nicht vor Ihnen als Rennfahrer, der seine und seines Hauses Ehre zu verteidigen hat, sondern eben als Kaufmann, dessen Pflicht es ist, sein Haus vor dem Ruin zu schützen. In dem Falle, dass auf der bisherigen Grundlage weiter gearbeitet wird, muss ich jede Verantwortung von dieser Stunde an ablehnen.» Er hatte zuletzt in ziemlich scharfem Tone gesprochen. Evelin rief ihm kalt zu: «Ist das der Weg zu neuer Energie, von dem Sie mir erzählt haben, Herr Direktor?» «Es ist der Weg zu Geld!» antwortete der Gefragte kühl und gelassen. Dr. Maurus winkte müde und abwehrend mit der Hand. Da begann Frank zu sprechen, ruhig, langsam und klar, während seine Hand mit einem Bleistift spielte. «Ich sehe' die Dinge wie sie Herr Direktor Möller sieht. Zu meinem tiefen Bedauern kann ich sie nicht anders sehen. Es nützt kein Sträuben gegen das Unvermeidliche. Wir müssen das zurzeit aussichtslose Ringen um den Weltrekord als eine Sache minderer Bedeutung betrachten und vor allen Dingen dem Werk wieder eine gute Grundlage geben. Wie glauben Sie, dass unser Gegner seinen Erfolg ausnützen wird? Er wird Autos bauen und verkaufen. Gut, wir kommen ihnen zuvor, stellen die Produktion auf zwei verkaufbare suchen ein Auditorium » zu Gemüte, in welchem über die mehr als bescheidene Gründungsversammlung der Liga in Zürich berichtet wurde. Obwohl sie kaum ein halbes Hundert Getreuer aus der Limmatstadt unter ihr Banner scharen konnte, beansprucht sie doch für sich die Bezeichnung « schweizerische » Liga! Sie scheint zudem ihrer Sache herzlich wenig sicher ZAI sein, denn auf wiederholte Anfragen von Verkehrsinteressenten über ihre Eingabe an den Nationalrat, hüllte sie sich fortgesetzt in Schweigen und auch ihre weitere Vernehmlassung an den Ständerat wurde quasi in aller Heimlichkeit den Herren Ständeräten zugesandt. Im Bureau der Bundesversammlung und anderswo hat man keinerlei offizielle Kenntnis von dieser Petition. Wenn man eine gute Sache zu vertreten hat, soll man die Oeffentlichkeit nicht scheuen, im Gegenteil ein möglichst weites Publikum mit seinen Ansichten bekannt machen. Diese Heimlichtuerei passt aber ganz zur zahlenmässigen Bedeutung dieser sich so sektenmässig gebärdenden « Liga ». Wir glauben auch, dass im Parlament ohne diese sogenannte Liga für die Interessen der Fussgänger genügend gesorgt werden wird. Wir halten dafür, dass die in zwei kurzen Absätzen gehaltenen knappen Vorschriften für das Verhalten des Fussgängers im Strassenverkehr unbedingt beibehalten werden müssen, sind es doch Vorschriften, die jeder vernünftige Fussgänger heute schon als selbstverständlich betrachtet. Wir geben zu, dass die Erfüllung der Vorschriften allerdings Picht immer bequem ist, zudem fehlt es noch 'mancherorts an Trottoirs- und Fussgängerstreifen oder dann befinden sie sich in einem Zustande, dass leicht der Strasse der Vorzug gegeben werden muss. Diese leicht zu behebenden Mängel sollen aber nicht verhindern, den Fussgänjrer gesetzlich ebenfalls an ein Pflichtenminimum binden zu können, denn tatsächlich braucht es heute nur zu oft der Geisteskonzentration des Automobilisten und des Verkehrspolizisten, um sich der Gedankenlosigkeit der Fussgänger erwehren zu können. Es ist auch zu erwarten, dass der Ständerat im Interesse eines geordneten Verkehrs sich ebenfalls zum Inhalte des Artikels 34, bekennen wird, umso mehr als der Motorfahrzeugführer ein vollgerüttelt Mass an Verpflichtungen über- Wagentyps, solche Typs, die Massenabsatz garantieren, um — einen kleinen Wagen zu billigem Preis und einen eleganten, preiswerten Grosswagen. Der Preis, verbunden mit geschickter Reklame, muss wirken, der Name «Maurus» wird ohne dies anziehen. Ich wette, Sinnisfaere plant eine ähnliche Umstellung. Er hat gegenwärtig 6 Typs laufen und wird also einige Zeit zu dieser Umwälzung brauchen, was es uns wiederum leicht macht, ihm INSERTIONS-FREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeit« oder deren Baum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cth Grössere Inserate nach Seitentarit. Inseratenschluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern nehmen soll und bei der gewaltig gesteigerten Haftpflicht doch eine, wenn auch bescheidene, Gewähr haben muss, dass er nicht allein auf Ordnung im Verkehr zu halten hat. Das Auto als Bahnersatz. Die Schweizerischen Bundesbahnen betreiben eine Anzahl von Nebenlinien, die zu ihren ständigen Sorgenkindern gehören. Die Frequenz derselben ist so ungenügend, dass ihr Betrieb finanziell nie auf einen grünen Zweig kommen kann, und die Bahnverwaltung die Bedienung lieber schon heute als erst morgen einstellen möchte, wenn dies zulässig wäre. Im Ausland, so in Amerika, in England und Frankreich hat man sich das Automobil zunutze gemacht und den Defizit-Eisenbahnbetrieb auf Nebenlinien durch Omnibusverbindungen ersetzt, deren Betriebsergebnisse durchwegs befriedigt haben. Es heisst dies keineswes, dass sich das frühere Defizit mit einem Schlag in einen Netto - Einnahmenüberschuss verwandelt hätte. Tatsache aber bleibt nichts destoweniger, dass sich die Betriebsrechnung günstiger gestaltete, indem durchwegs die Ausgaben wesentlich zurückgingen und sich teilweise sogar auch die Einnahmen erhöhten. Die Bundesbahn hat sich in erfreulicher Weise das ausländische Beispiel dienen lassen und entschloss sich im vergangenen Jahre, auf der Strecke Payerne-Palezieux der Broyetal-Linie für das Winter-Halbjahr 1930/31 einen nämlichen Versuch durchzuführen. Zu diesem Zwecke wurden der Bahn von der Postverwaltung zwei 17plätzige Omnibusse zur Verfügung gestellt. Ueber die genauen Betriebsergebnisse dieses Versuches hat man bis dato an massgebender Stelle nichts Näheres erfahren können, bis dieser Tage eine Meldung durch die Tagespresse die Runde machte, nach welcher die Kreis-Eisenbahndirektion ein monatliches Defizit von rund 4000 Fr. festgestellt habe. In dieser Form beweist die Meldung natürlich noch gar nichts, dagegen lässt sie unbedingt den Verdacht aufkommen, dass sie dazu bestimmt ist, dem Publikum Sand in die Augen zu streuen, zu welcher Annahme der vielsagende Titel: «Ein fehlge- zuvorzukommen. Diesmal müssen wir ihm zuvorkommen. Er hat seine gestohlene Ehre, die ihm auch nicht ewig bleiben wird und wir das Geschäft.» Evelins Augen hafteten fest auf Frank. Er sah nicht von der Tischplatte auf und spielte ruhig mit seinem Bleistift. Maurus überlegte. «Und wie ist Ihre Meinung, Sealson?« «Meine persönlichen Wünsche,» antwortete der Ingenieur, «treten vor der Notwendigkeit zurück. Es wäre mein heisser Wunsch gewesen, Sinnisfaere das nächstemal auf der Rennbahn zu schlagen. Doch ich sehe ein, wie sehr Herr. Möller und Herr Frank recht haben. Bei unseren Erfahrungen wird es uns leicht sein, zwei gangbare Typs herzustellen. Ich glaube auch, dass wir mit der Umstellung eher fertig sind als Sinnisfaere.» Evelin ging hinaus, ohne auf einen der Anwesenden einen Blick zu werfen. Ihr Vater sah ihr verärgert nach. Eine masslose Wut erfüllte sie und als sie Dunker vor dem Hause traf, fiel ihr ein, dass dessen Versagen eigentlich an allem schuld war, und sie wollte ohne Gruss an ihm vorübereilen. «Hallo, warum so eilig?» fragte Dunker. «Gehen Sie nur hinein zu diesen erbärmlichen Krämerseelen und lassen Sie sich aufklären, was uns bevorsteht. Sie werden das nächstemal mit einem Serienwagn den Bernardino hinaufkriechen, geben Sie nur acht! Geschieht Ihnen aber auch recht!» Plötzlich kehrte sie um und eilte wieder durch die Türe zurück, durch die sie gekommen war. Mit vor Zorn funkelnden Augen trat sie vor die Versammelten. «Dass mein Name auf dem Wagen steht und mit ihm dem Spott preisgegeben ist, rührt euch nicht. Wollt Ihr nun auch noch den Namen Maurus mit der Beifügung «Ramsch» verbinden?» «Wir müssen die Vernunft behalten. Auch Sie, Fräulein Maurus, haben keinen Grund uns zu beschimpfen. Oder wollen Sie in einem halben Jahre die Schande eines Bankrotts verantworten und betteln gehen?» Evelin zuckte zusammen. Hart und fest hatte Möller gesprochen. Ein Gespenst stand vor ihren Augen: «Betteln — Bankrott!» Möller fuhr fort: «Ich denke, Sie haben uns jetzt verstanden. Wir wollen den Namen Maurus mit dem Motto: «Gut und billig» und dem Adjektiv «solvent» verbinden. Erst wenn wir so weit sind, können wir an andere Aufgaben denken.» Geschlagen, doch vor innerer Erregung zitternd, verliess Evelin den Raum, als die Männer in die Beratung der Einzelheiten eintraten. In ihrem Zimmer angekommen, warf sie sich in einen weichen Posterstuhl und starrte zornig vor sich hin. Sie begann die nach ihrer Ansicht an diesem unwürdigen Rückzug Schuldigen zu hassen, Möller und Frank Hörn. Die Sympathie, die ihr Frank zuerst eingeflösst hatte, schlug jetzt