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E_1931_Zeitung_Nr.084

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Ausgabe: Deutsche Schweiz BERN, Dienstag» 13. Oktober 1931 Nummer 20 Cts. 27. Jährgang. - N° 84 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dlenstan und Freitag Monatlich „G«lbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portosnehlag, »olfcrn nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche BttteUung 30 REDAKTION u. ADMINISTRATION: BreitenraJnstr. 97, Bern Rappen. Posteheck-Reehnung III/414. Telephon Bollwerk 30.84 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern INSERTTONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzelle oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cts. Grossere Inserate nach Seitentarif. Inseratenschlus» 4 Taae vor Erscheinen der Nummern Ein Voranschlag Gut gerechnet ist schon viel verdient. Das müssen sich nicht nur unsere Vertreter aus Gewerbe, Handel und Industrie, sondern vor allem unsere grossen staatlichen Regiebetriebe täglich vor Augen halten. Ohne gewisse finanzielle Richtlinien geht es nicht. Einnahmen und Ausgaben müssen miteinander in Einklang stehen. Eine alltägliche Weisheit, die aber in den heutigen Tagen nur zu oft vergessen wird. Ganz besonders von Gemeinden und Kantonen, wo der Politiker das ausschlaggebende Wort führt, oder auch von staatlichen Unternehmen, die in ihren Entschlüssen nicht frei, sondern durch politische Beschlüsse, Verordnungen und Gesetze auch wirtschaftlich gebunden wurden. Der Voranschlag der Bundesbahnen pro 1932 liegt vor uns. Er ist jedenfalls mit aller Vorsicht aufgestellt worden. Viel neues bringt er nicht. Glücklicherweise weht ein gesunder Optimismus durch die Zahlen. Im Vergleich zu anderen Unternehmungen im Auslande mag er berechtigt sein. Immerhin ist für 1932 ein Defizit von rund 5 Millionen Franken vorgesehen. Eine Summe, die, je nach den kommenden wirtschaftlichen Verhältnissen, grösser oder kleiner ausfallen kann. In einem angesehenen Blatte konnte dieser Tage gelesen werden, dass das Gleichgewicht vorerst noch nicht gestört sei. Ob es sich auf die Dauer aufrechterhalten lasse, hänge jedoch in erster Linie von der künftigen Regelung der Beziehungen zwischen Bahn und Auto ab. Der alte Ladenhüter wird somit neu aufgetischt. Das Wohl und Wehe unserer Bahnen hängt nämlich nicht in «erster Linie» vom Automobil ab. Da müssen die Hebel ganz anderswo angesetzt werden. Leider bringt man mancherorts nicht mehr den Mut auf, wunde Stellen aufzudecken. Vielleicht wird die Not der Zeit einmal dazu zwingen. Selbstverständlich hat unser Volk das allergrösste Interesse daran, dass unsere Bundesbahnen nicht neuerdings in eine Defizitperiode hineinfahren, dass •wirtschaftlich gearbeitet und gehandelt wird. Das Automobil wird unsere Bahnen nicht Saus den Angeln heben. Die Beziehungen zwischen beiden Verkehrsmitteln könnten sogar sehr gute werden, nur soll man das freie Gewerbe nicht in Fesseln schlagen wollen. «Typ Evelin» Autosportroman von Karl Schmidl. (19. Fortsetzung) «Ihr Chef Sinnisfaere, meine Herren! Er Beauftragte mich mit dieser Aufgabe.» «Sinnisfaere?» Gritt traten fast die Augen aus dem Kopf. «Kennen Sie Sinnisfaere?» «Ja, meine Herren, ich habe das Rätsel um Sinnisfaere gelöst, das nur deshalb so schwierig war, weil es so einfach und kaum verborgen ist.» Nach einer Pause langen Schweigens sagte Sid Morton ruhig und fast freundlich: «Gritt und Holm, — bitte, keine Empörung — den Titel Herr verweigere ich Ihnen von jetzt ab, denn Sie sind Verbrecher. Die Hand vom Rad, Holm! Es nützt Ihnen nichts, ich will Sie endlich über Ihre gegenwärtige Lage aufklären. Kennen Sie im Sinnisfaerewerk den Geheimschrank im Bureau F 2? Seinen Inhalt sichtet gegenwärtig Dr. Löwenbrück in Berlin.» «Was verlangt man von uns?» fragte Gritt kurz. «Ich sehe, Sie sind vernünftig. Ihr Spiel ist nun einmal verloren. Hier, das habe ich Ihnen im Auftrag des Besitzers der Sinnisfaerewerke zu übergeben.» Er reichte ihnen zwei Kuverts. «Es sind Anweisungen auf 5000 Pfund Sterling für jeden von Ihnen. Und nun bitte ich Sie, den Wagen zu verlassen. Ich habe Diese Fesseln liegen bei unseren Bahnen nicht etwa beim Bauvoranschlag. Es ist erfreulich, wenn auch pro 1932 etwas geleistet werden soll, wenn Arbeitsgelegenheiten geschaffen werden. Man braucht dabei nicht unbedingt nur luxuriöse Bauten im Auge zu haben. Vielleicht ist da und dort etwas viel des Guten geschehen. Denke man dagegen noch an die vielen gefährlichen Niveauübergänge. Wie manches ruft auf diesem Gebiete nach dringender Verbesserung? Wie wären da verschiedene Millionen Franken auf die denkbar nützlichste Weise angebracht. Und wie leicht könnten Bund, Kantone und Gemeinden mithelfen. Es wird diesbezüglich einen Schritt vorwärts gehen müssen. Täglich kann man von grossen Unglücksereignissen an Niveauübergängen lesen, wenn sich auch glücklicherweise die Meldungen meist auf das Ausland beziehen. Aber einmal könnte es auch uns wieder treffen. Die Fesseln liegen anderswo. Nennen wir sie. Da erwähnen wir vorerst einmal den ausgedehnten Verwaltungsapparat. Wie manchmal wurde diesbezüglich gerechte Kritik geübt. Erwähnen wir die Arbeitszeit. Wehe daran zu rühren, um nicht den Zorn hoher Häupter zu wecken. Die acht Stunden sind sakrosant. Ob die Arbeit schwer, ob verantwortungsvoll oder nicht, ob ein Teil davon bloss Pr^senzzeit bedeutet, hat nichts zu sagen. Acnt-ßtünt den müssen es sein, auch dann, wenn damit der Betrieb gewaltig verteuert wird — das Gleichgewicht der Finanzen hängt ja nicht davon ab, sondern von der Regelung der Beziehungen zwischen Auto und Bahn! Ueber die Löhne wäre auch ein Liedlein zu singen. Wohlverstanden, wir vertreten die Ansicht, dass jede Arbeit ihres Lohnes wert ist. Es wäre sogar schön, wenn am Sonntag jeder Schweizerbürger sein Huhn im Topfe hätte. Unsere Staatsangestellten sollen den Verhältnissen entsprechend belöhnt werden. Sie kurz zu halten wäre ungerecht. Dabei darf aber vielleicht doch festgestellt werden, dass die Personalausgaben mit den Betriebseinnahmen in einem gewissen Verhältnis stehen sollten. Rechnet man übrigens die verschiedenen Zulagen (freie Uniform, Beamten- und Freibillets) mit und gedenkt man Auftrag, denselben zu übernehmen. Hier die Vollmacht!» Willenlos stiegen die beiden aus dem Wagen und Morton nahm Platz. Dann wandte er sich nochmals an sie. «Australien, das ist so ein Land, das eine Zukunft hat. Soviel ich weiss, werden dort Autofachleute gesucht. Gehen Sie dorthin und versuchen Sie, anständige Menschen zu werden. Sie haben viel gut zu machen. Sie tragen die moralische Mitschuld an dem Tode eines bedeutenden Mannes. Wenn Sie in zwei Monaten noch in Europa sind, so wird das nicht gut für Sie sein. Ich denke, Sie haben selber Interesse an einer Luftveränderung.» Der Motor sprang an. «Der Kerl ist der Teufel selber,» murmelte Holm, dem entschwindenden Wagen nachstarrend. «Er hat den Düpierten gespielt und uns selber düpiert. Er ist der geschickteste Detektiv, den ich kenne. Er hat uns gründlich ausspioniert in der Zeit, der kurzen Zeit, die er bei uns war. Ich wette, er hat damit gerechnet, dass wir ihn nach ein paar Monaten entlarven und hinauswerfen. 0 Sonja...!» «Sonja? — Ja... Wo ist Sonja? Was wird sie tun? Wozu wird sie dieser Teufel zwinr gen?» Mit einem Seufzer wandte sich Gritt. Holm folgte todmüde. Frank Hörn träumte einen unruhigen Traum. Plötzlich fühlte er warme Lippen auf seinem Mund und er schlug die Augen auf. «Evelin!» Verwirrt sprang Evelin auf. der aufzuwendenden Summen für alle sozialen Institutionen (Pensionskasse etc.), so wird man mit aller Offenheit feststellen dürfen, dass die gesamten Personalausgaben eine gewaltige Summe ausmachen, die für das Betriebsergebnis von entscheidender Bedeutung ist. Wir erwähnen dies, um insgesamt festzustellen, dass unsere Bahnen weniger vom Automobil, als von innern, mit der ganzen Art des Staatsbetriebes zusammenhängenden Faktoren abhängig sind. Dazu noch die wirtschaftliche Lage der Schweiz und des Auslandes. Noch der Abschluss 1930 hat gezeigt, dass bei aller Autokonkurrenz ein schönes Ergebnis erwirtschaftet werden kann, wenn die internationalen Durchgangstransporte, wenn die ausländischen Feriengäste nicht fehlen. Man fasse deshalb mit den Budgetzahlen möglichst gerecht auch alle Faktoren ins Auge, die auf dessen Verwirklichung Einfluss haben. Man benütze daher nicht schon wieder das Automobil als Sündenbock, um über das kommende Jahr zu jammern, bevor die Budgetzahlen überhaupt recht trocken sind. Mit diesem billigen Mittel stellt man das als gefährdet betrachtete Gleichgewicht bestimmt nicht wieder her. Aber das Auto kann diesen grossen Ausschlag gar nicht bewirken. Es wäre höchstens das Zünglein an der Waage. Dass es zuungunsten der Bahn ausschlagen könnte, ist vielmehr der heutigen Einstellung der Bahnkreise dem Auto gegenüber zuzuschreiben. D Verwirkungsklauseln in der Haftpflichtversicherung. MKS dem Bundesgericht) Die Autohaftpflichtversicherungs - Verträge pflegen eine Klausel zu enthalten, wonach die Gesellschaft Vergleichsunterhandlungen mit einem durch Autounfall geschädigten Dritten selber führen will und der gegen Haftpflicht versicherte Automobilist alle Ansprüche gegen die Versicherungsgesellschaft verliert, wenn er ohne ihre Zustimmung mit dem Geschädigten einen Vergleich schliesst und seine Schadenersatzpflicht anerkennt. Der Zweck dieser Verwirkungsklausel ist einleuchtend: die Versicherungsgesellschaft will dagegen geschützt sein, dass der Automobilist nach einem Unfall allzu bereitwillig seine Verantwortlichkeit für die Folgen zugibt und auf ihre Kosten Vergleiche schliesst. Nun tut •«Frank, ich wollte dich nicht wecken.» Rasch sprang Frank auf. Er fasste Evelins Kopf und küsste sie leidenschaftlich. «So schön bin ich noch nie geweckt worden, liebe, gute Evelin!» Er küsste sie aufs neue und sie duldete in heisser Freude seine stürmischen Liebkosungen. «Nanu!» Beide fuhren auseinander. Dr. Maurus stand unter der Tür. Frank lachte. «Wie sagten Sie, Herr Maurus?» «Nanu, ich habe es ja kommen sehen. Es freut mich, dass Sie wieder so gut in Form sind, Frank. Aber Evelin — leichtsinniges Kind, jetzt gib mal diesen jungen Mann ein bisschen frei. Unten warten die Zeitungsmenschen. Die Presse will bedient sein. Wir brauchen sie. Frank, erzählen Sie den Leuten etwas.» «Gut, Schwiegerpapa, du sollst mit mir ebenso zufrieden sein, wie die Herren von der Presse. Aber zuerst muss ich ein Glas Wein haben.» - * Er eilte davon. «Du — na das geht schnell,» sagte Maurus vor sich hin, indem er folgte. Während die ersten Abendblätter bereits den Sieg des «Typ Evelin» der gespannt harrenden Welt verkündeten, sassen Maurus und seine Tochter, Frank, Sealson und Direktor Möller, dem die Zufriedenheit aus dem Gesicht strahlte, in dem Garten der Villa. «Morgen siedeln wir auf vier Wochen nach Lugano über,» hatte Evelin vorgeschlagen und alles hatte begeistert zugestimmt. aber anderseits ein Autofahrer, der wegen eines Unfalles strafrechtlich verfolgt wird, erfahrungsgemäss gut, sich vor Abschluss des Strafprozesses mit den Geschädigten über die zivilrechtliche Schadenersatzpflicht zu verständigen, da er damit seine Stellung im Strafprozess verbessert. Läuft er dadurch jedesmal Gefahr, seine Ansprüche aus dem Haftpflichtversicherungsvertrag zu verlieren? Die deutsche und österreichische Versicherungsgesetzgebung hat die Wirkung der Verwirkungsklausel der Police für solche Fälle ausgeschlossen, wo der Automobilist die Anerkennung seiner Haftung nicht ohne offenbare Unbilligkeit verweigern könnte. Das schweizerische Versicherungsvertragsgesetz von 1908 kennt keine solche Vorschrift; dagegen ist ein bundesgerichtlicher Entscheid vom 1. Oktober aus allgemeinen Regeln des Vertragsrechts zu einer ähnlichen Einschränkung dieser Verwirkungsklauseln gelangt. Im Sommer 1928 wurde in Genf ein Motorradfahrer, der vorsichtig und den Verkehrsvorschriften gemäss gefahren war, von einem unvorsichtigen Autofahrer bei einer Strassenkreuzung überrannt, so dass er am folgenden Tage seinen Verletzungen erlag. Die Strafuntersuchung ergab ein fahrlässiges Verhalten des Autofahrers, der am Tage der Urteilsverhandlung, vor Fällung des Strafurteils, mit der Witwe einen Vergleich über den "Von ihm zu leistenden Schadenersatz schloss; die Witwe hatte anfangs ihre Ansprüche auf 63 000 Fr. beziffert, begnügte sich aber im Vergleich mit einer Gesamtentschädigung von 52 200 Fr. Die Versicherungsgesellschaft hatte den Autofahrer nach der Unfallanzeige ausdrücklich auf die Verwirkungsklausel aufmerksam gemacht, und als trotzdem ohne ihre Einwilligung ein Vergleich zwischen dem Haftpflichtversicherten und der Witwe zustande kam, verweigerte sie die Zahlung der Versicherungssumme von 30 000 Franken. Während das Genfer Gericht in oberer Instanz die Klage des Haftpflichtversicherten auf Zahlung der 30 000 Fr. gänzlich abwies, hat das Bundesgericht entschieden, dass der Anspruch des Klägers gegenüber der Versicherungsgesellschaft trotz des von ihm geschlossenen Vergleichs nicht verwirkt sei. Gemäss Art. 20 des Obligationenrechts ist ein Vertrag nichtig, der einen unmöglichen oder widerrechtlichen Inhalt hat oder gegen die guten Sitten verstösst. Dies trifft auch auf die Verwirkungsklausel der Hafpflicht- In der wunderweichen Nachtluft machten Evelin und Frank, während die drei Herren, angefacht durch die Glut des dunkelroten, funkelnden Veltliners, sich immer mehr in Gesprächen begeisterten, einen Spaziergang zum See hinab. Frank sprach leise und voll tiefer Bewegung. «Evelin, ohne, dich hätte sich mein Leben nie erfüllt. Du warst mein Ziel. Ich habe um dich gekämpft und um den Platz an der Sonne.» «Frank, was ist mit Sonja?» Evelin fragte dies leise. < «Seit ich dich sah, habe ich keine andere Frau mehr lieben können — und dass ich dich nicht früher sah, Kind — das ist nicht meine Schuld.» «Ich meinte es anders, Frank. Ich wollte fragen: Was wird aus Sonja? Wird man sie verhaften? Es ist furchtbar, Frank — sie ist eine Frau. Ihr Schicksal bedrückt mich.» «Ich muss mit Morton reden, Evelin. Er, ist hier.» XV. Wer ist Sinnisfaere? Dr. Maurus war mit den Seinen nach Lugano übergesiedelt. In einem der grossen Hotels am Ufer des Sees hatte er eine Reihe von Zimmern für längeren Aufenthalt belegt. Er wollte Ruhe nach den nervenzerrüttenden Kämpfen der letzten Jahre. Gegen Abend sass das glückliche Brautpaar mit Maurus und Möller in dem grossen Balkonzimmer. Plötzlich klopfte es. Morton trat ein, von Sealson gefolgt. (Partsetzung im «Autler-Feierabend».)