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E_1931_Zeitung_Nr.085

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Ausgabe: Deutsche Schweiz BERN, Freitag, 16. Oktober 1931 Nummer 20 Cts. 27. Jahrgang. - N° 85 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint Jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelbe Liste" HalbJSbriteb Fr. 5.-, jahrlich Fr. 10.-. Im Ausland unter Portoxnchtag, REDAKTION o. ADMINISTRATION: Brettenrainstr. 97, Bern •ofern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bartellung 30 Rappen. Postcheck-Rechnung 111/414. Telephon Bollwerk 39.84 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Das Nachtfahrverbot im Kanton Schwyz aufgehoben Ein diesbezüglicher Beschluss wurde bereits in der Sitzung des Regierungsrates vom 19. September gefasst, allein die Oeffentlichkeit hat erst in den letzten Tagen davon Kenntnis erhalten. Es hatte überhaupt seine eigene Bewandtnis mit diesem übereilten Verbot. Auf Mitte Juni dieses Jahres kam meuchlings und ohne irgendwelche Motivierung die Mitteilung, dass für Motorräder und Lastfahrzeuge ab 15. Juni ein Nachtfahrverbot in Kraft trete, das bis zum 31. Oktober Geltung habe und sich auf die Zeit zwischen 23 Uhr abends bis 4 Uhr morgens erstrecke. Ausgerechnet der Kanton mit wichtigen Durchgangsstrassen von internationaler Bedeutung, mit dem Schlüssel zu Verbindungen zwischen Ostschweiz und Tessin, zwischen Oesterreich und Frankreich, zwischen Frankreich und Italien, missbraucht seine Vorzugsstellung, um anstatt den Verkehr zu fördern, diesen beträchtlich zu schädigen. Und dabei hat der nämliche Kanton mit seinen bedenklichen Strassen und dem ausgekochten Kontrollund Bussenwesen schon vorher den Automobilisten hart zugesetzt und sie durch diese Autophobie schon möglichst von seinem Hoheitsgebiete abgehalten. Eigenmächtig, ohne Rücksicht auf die Nachbarkantone und die internationalen Beziehungen, hat Schwyz dem Motorfahrzeugverkehr einen harten Schlag versetzt, und als man sich nach den Gründen hierfür umzusehen begann, da wollte niemand mehr «in dem Ding syn». Es hiess, die Gemeinde Brunnen hätte ein solches Verbot veranlasst. Anderseits sollten nur die Motorräder mit dieser Vorschrift getroffen werden und wurde dann das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Die Verkehrsinteressenten, vorab die Aspa, die Strassenverkehrsliga und der Zentralschweizerische Motorfahrer-Verband haben immer wieder auf die zahlreichen Nachteile und die Ungerechtigkeit eines solchen Verbotes hingewiesen. Zu ihnen gesellten sich «Typ Evelin» Autosportroman von Karl Schmidl. (20. Fortsetzung und Schlusa) Fünf Augenpaare starrten in höchster Spannung auf die Türe, die sich langsam öffnete. Sealson Hess mit höflicher Verbeugung eine junge, dunkel gekleidete Dame eintreten. Ein Gesichtchen von madonnenhafter Sanftmut sah in ängstlicher Erwartung auf die Anwesenden, die sich rasch erhoben. Unter dem Schwarzen Hut quoll blondes Gelock hervor. Morton trat vor. «Gestatten Sie, meine Herrschaften, dass ich vorstelle: Fräulein Sigrid Sinnisfaere, die Besitzerin der Sinnisfaerewerke — Herr Dr. Maurus — Fräulein Maurus — Herr Hörn •— Herr Direktor Möller.» Am raschesten hatte Möller die Situation erfasst. Liebenswürdig lächelnd bot er Sigrid einen Sessel an. Leicht dankend nickte sie. Dr. Maurus war in grenzenloser Verwirrung. Dieser begann die Unterhaltung damit, dass er erklärte: «Fräulein Sinnisfaere war über das verbrecherische Treiben ihres Onkels und seiner Helfer nicht informiert und wünscht nichts sehnlicher, als gutzumachen, was jene gesündigt.» «Wie? — Fräulein Sinnisfaere gibt also zu, dass ihre Leute uns bestohlen haben?» fragte \ Maurus. «Ich muss es leider zugeben, da mir Herr Morton die untrüglichsten Beweise dafür vorgelegt hat,» sagte Sigrid. Maurus war durch die zarte Stimme so gefangen, dass er kein Wort mehr hervorbrachte. Möller sprach an seiner Stelle. gewerbliche Kreise und Vertreter des Gastwirt- und Hotelgewerbes. Gemeinsame Besprechungen trugen zur weiteren Abklärung der wirklich verworrenen Situation bei. Einmal hatten die von Brunnen in erster Linie gar kein allgemeines Nachtfahrverbot verlangt, sondern nur die Behörden ersucht, durch die Polizeiorgane für eine bessere Währung der Nachtruhe zu sorgen. Dabei hatte man vor allem die mit offenem Auspuff verkehrenden Motorräder im Auge und war der Auffassung, dass es neben einem Fahrverbot noch mancherlei andere Massnahmen gebe,, um den Lärmmachern das Handwerk zu" legen. Diese an und für sich berechtigte Forderung wurde dann von den eingefleischten Automobilgegnern- in der Behörde gerade dazu benutzt, um, sehr gegen den Willen des Departementchefs, ein allgemeines Nachtfahrverbot durchzustieren. Dass damit auch die Gesellschaftswagen- und der Fremdenverkehr beeinträchtigt würden, hat man im ersten Drang den Automobilisten eins auszuwischen gar nicht bedacht und war nachträglich selbst nicht sonderlich erfreut, als man bemerkte, dass die Omnibusse als Lastwagen zu behandeln seien und damit auch unter das Verbot fielen. So war denn bald die Unzufriedenheit im eigenen Kanton mit dem Verbot grösser als mit der vorherigen «Nachtruhestörung» und mancherorts sehnte man den 31. Oktober als Schlussdatum für diesen Ausnahmezustand herbei, um die ganze Angelegenheit ruhmlos und stille in die Versenkung fallen zu lassen. Nun hat man sich das unbequeme Verbot sogar schon vor der Zeit vom Halse geschafft, sich dabei aber einen möglichst glimpflichen Rückzug zu sichern versucht. Das Protokoll der niassgebenden Regierungsratsitzung berichtet in derart verschlungenen und verklausulierten Sätzen von der Aufhebung des Verbotes, dass ein ahnungsloser Leser eigentlich zum Schlüsse kommen müsste, es bleibe alles beim jetzigen Zustand. Und nur wer «Und wie denken Sie sich die Wiedergutmachung des uns zugefügten Schadens, gnädiges Fräulein?» «Ich wünschte am liebsten eine Fusion meiner Werke mit den Ihrigen. Ich selbst bin nicht imstande sie zu leiten und meine Leute haben mich betrogen und den guten Namen Sinnisfaere mit Schande bedeckt.» Jetzt sprang Dr. Maurus in jugendlicher Frische auf. Rasch ging er auf Sigrid zu, fasste ihre Hand und sagte: «Wie, das wollen Sie tun, gnädiges Fräulein? Das ist mehr als alles gut gemacht. Denken Sie, Möller, was das bedeutet: Sinnisfaere und Maurus vereinigt!» «Damit schlagen wir die ganze Welt!» rief der Direktor. «Wollen Sie das wirklich, gnädiges Fräulein?» «Es ist mein fester Wille,» sagte Sigrid. «Werden Sie mir verzeihen können?» «Ich habe Ihnen zu danken, nicht zu verzeihen. Meine lieben Freunde, dieses Ereignis muss festlich begangen werden. Morton, Sie sind ein Lump und werden zur Strafe für Ihre Hinterlist, und damit Ihr Genie als Regisseur leuchte, die Sache arrangieren. Heut' ist eine schöne Nacht. Darf ich Sie bitten, auf der Gartenterrasse einen besonders geeigneten Platz für uns reservieren zu lassen. Mit Palmen — Sie wissen schon — unter Palmen wohnt der Friede.» «Ich eile! Was sagte ich Ihnen, gnädiges Fräulein? Maurus ist ein Gentleman,» rief der Detektiv und eilte davon. Sigrid lächelte und als Maurus dieses Lächeln sah, fühlte er sich merkwürdig jung. Man nahm wieder Platz. «Das war eine Ueberraschung,» sagte Maurus, das Gespräch wieder aufnehmend, «ich dachte mir, da komme nun durch die Türe das Protokoll Wort für Wort seziert, wird daraus ableiten können, dass einmal das Verbot aufgehoben wird, und sofern die Wiedereinführung in Frage kommen sollte, «auf eine NichtWiederholung der einschneidenden Massnahmen Bedacht genommen werden» könne und weiterhin auch «den Interessenten zu gegebener Zeit Gelegentheit geboten werden solle, sich zur Sache zu äussern». Man scheint also auch in Schwyz aus dem Verbot unrühmlichen Angedenkens mancherlei gelernt zu haben. Wir halten vor allem die Zusicherung fest, dass bei späteren Gelegenheiten die Verkehrsinteressenten angehört werden sollen, und zwar bevor man sich wieder in ein ähnliches, unerfreuliches und wenig erfolgreiches Experiment einlässt. Nun wollen wir mit dem Dichterwort vorwärts schauen und nicht hinter uns. Die Episode mit dem Schwyzer Nachtfahrverbot sei also ad acta gelegt in der Erwartung, dass sich auch dieser Kanton nunmehr seiner Rolle als Strassenherr in etwas modernerem Sinne bewusst werde und auch die nötige Rücksicht auf die Interessen eines weit über die engen Kantonsgrenzen reichenden Verkehrs nehme. Mit Verboten wie sie Schwyz im Uebereifer dekretierte, lässt sich nicht viel erreichen, wohl aber manches verderben, und gerade die Gebirgs- und Innerkantone, die in vieler Beziehung auf das Verständnis der übrigen Eidgenossenschaft angewiesen sind, können sich heute den Luxus einer isolierenden Sglbstherrlichkeit nicht mehr leisten. Ob übrigens die Schwyzer nun die vergangenen drei Monate bedeutend besser und ungestörter geschlafen haben, bleibe dahingestellt. Mit der Befriedigung über die Beseitigung dieses Verbotes mochten wir freilich die Mahnung an die Motorfahrzeugbesitzer verbinden, den Reklamationen, welche den Stein mit ins Rollen brachten, Rechnung zu tragen und auch ihrerseits durch entsprechende Rücksichtsnahme den Entschluss des dortigen Regierungsrates zu quittieren. Hoffentlich wird dann auch die schwyzerische Obrigkeit künftig nicht mehr mit Kanonen auf die Fliegenjagd gehen, denn die verdiente Bestrafung von Strassenlümmeln hätte sich viel einfacher und wirksamer erreichen lassen. b. ein grauköpfiger, hagerer, alter Schwede und dann — Tableau — Sealson, ihr Vetter ist ein abgefeimter Lump. Darum hörte man also nie etwas von Sinnisfaere.» «Mein Vater ist vor zwei Jahren gestorben,» sagte Sigrid. «Ja, das weiss ich, doch ich glaubte, damals gelesen zu haben, dass sein Bruder das Werk übernommen habe.» «Nicht sein Bruder. Mein Onkel Gritt war der Bruder meiner Mutter,» antwortete Sigrid, «er leitete in meinem Auftrag das Werk — leider anders, als es mein Wille war.» Eine halbe Stunde später sassen sie beim funkelnden Weine unter den Palmen und Kankrösen der Gartenferrasse, und während eine Violine ein süsses Lied in die Nacht verstimmen Hess, erzählte Sigrid. Sie sass zwischen Maurus und Evelin. «Papa hat mich nie, wie Sie es durften, Evelin, Anteil an seiner Arbeit nehmen lassen. Ich kann heute noch kein Auto chauffieren. Mag sein, dass ich nie ein grosses Interesse dafür gezeigt habe. Meine Welt war unser schönes Heim...» «Der Graphologe hat doch recht gehabt?» rief Maurus dazwischen. «Wie? Welcher Graphologe?» fragte Evelin erstaunt. «Na, ich kann euch die Sache jetzt ja erzählen. Also, ich hatte da mal ihre Unterschrift in der Hand — Sie haben übrigens alle Schreiben unterzeichnet, gnädiges Fräulein?» «Alle nicht — nur was wichtig war, musste ich unterzeichnen. Mein Onkel wollte es so. Er sagte, das wirke ganz anders, als wenn ein Gritt oder sonst ein anderer die Unterschrift erteile. Ich habe mich ganz auf ihn verlassen.» INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzelle oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 80 Ctfc Grössere Inserate nach Seitentaril. fnseratensenlns» 4 Tnoe vor Erscheinen der Nummern Die Zeugenaussagen und Darstellung von Verkehrsunfällen durch Beteiligte. In einer sorgfältigen und eingehenden Studie über € Gerichtlich-Medizinische Erfahrungen und Probleme bei Autounfällen » *) fasst Dr. med. M. H. Remund seine zehnjährigen Erfahrungen bei Untersuchungen am Gerichtlich-medizinischen Institut Zürich zusammen. Der sehr wertvollen Arbeit, auf deren Schlussfolgerungen wir in einer nächsten Nummer hieweisen werden, entnehmen wir nachfolgende Ausführungen über die Zeugenaussagen: «Die meisten Motorfahrzeugunfälle wickeln sich in einer sehr kurzen Zeitspanne ab. Je grösser das Tempo der daran beteiligten Motorfahrzeuge, um so kürzer ist die zeitliche Dauer des Unfalles. Schon diese Rapidität und die mechanische Kompliziertheit des Motorfahrzeugunfalles erschweren den Anwesenden die Registrierung des Vorganges; sie sind gewissermassen physiologisch ausserstande, denselben lückenlos zu beobachten. Es werden Teilvorgänge, — vielleicht eine einzige Phase — ein Ausschnitt aus dem Ganzen gesehen; oft kann gerade das Unwesentliche bemerkt und das Wichtigere überdeckt werden. Dazu treten aber noch eine Reihe von psychologischen und anderen Besonderheiten, die zur Unvollständigkeit oder Deformierung in der Berichterstattung führen. Der einzelne Zeuge sieht in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle aus psychologischen, physiologischen und physikalischen Gründen nur Ausschnitte des Gesamtvorganges. Damit erklären sich die vielen Widersprüche in den Zeugenaussagen. Die Reihenfolge der Unfallphasen wird durcheinandergeschoben, es unterlaufen Täuschungen und direkt fälsche Beobachtungen. Der Zeuge selber befindet sich meistens im allgemeinen Verkehr in Bewegung, und ist dadurch zum Teil absorbiert. Er wird daher nur zufällig, sozusagen in der Nebenwirkung seiner Gesamtaufmerksamkeit den Unfall beobachten. Bevor er sich auf den Unfall konzentrieren könnte, hat sich dieser bereits abgespielt. Deshalb die fragmentarischen Berichte, die regelmässig von Zeugen — die •) Erscheinen bei Benno Schwabe