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E_1931_Zeitung_Nr.092

E_1931_Zeitung_Nr.092

Ausgabe: Deattch« Schwens BERN, Dienstag, 10. November 1931 Nummer 20 Cts. 27. Jahrgang. - N° 92 ERSTE Zentraüb'att für die ABONNEMENTS-PREISE! HMbJihrfleb FT. 5—, jahrlich Fr. 10.-. Im Ausland unter Pprto»i«ch1ag. •steril nicht postamtlich bestellt. Zuschlag ftir postamtliche Bwtellung 30 Rappen. Postchecfc-Rcchnung HI/414. Im Organ der schweizerischen Strassenfachmänner veröffentlicht der eidg. Oberbauinspektor, Herr A. von Steiger, seine Wahrnehmungen anlässlich des internationalen Strassenkongresses in Washington. Seine Ausführungen verdienen in mehrfacher Hinsicht Interesse, nicht etwa bloss von Seiten der Strassenfachleute. Wenn heute die U.S.A. die Hälfte aller Strassen der Welt besitzen, so wird man sich darüber nicht wundern, dass in dem zugleich automobildichtesten Lande die direkten Automobilsteuern als Geldquelle für die Strassenkosten angesehen werden. Wenn aber bei uns in letzter Zeit von Strassenfachleuten wiederholt festgestellt wurde, die weitere Ausgestaltung unseres Strassenwesens verlange einen mindestens doppelt so hohen Zuschuss aus dem Benzinzoll, so wird der jetzige unhaltbare Zustand grell beleuchtet durch die Tatsache, dass in der Finanzierung des amerikanischen Gesamtstrassenwesens die Betriebsstoff steuern nicht einmal 20 Prozent ausmachen (freilich beträgt nach der 1931 erschienenen Dissertation von A. R. Schmidt der amerikanische Steueransatz kaum-den vierten Teil des schweizerischen Benzinzolls), und ferner, dass in den gesamten Aufwendungen für den amerikanischen Strassenbau sich Automobil- und Brennstoffsteuern zusammen bloss auf 39 % belaufen, während der Rest durch die Mittel der Allgemeinheit aufgebracht wird, wobei 17 Prozent der Gesamtsumme durch Anleihe gedeckt wurden: es ist die Verwirklichung des lapidaren Satzes von Präsident Coolidge in seiner Botschaft an den Kongress «No expenditure of public money contributes so much to the national wealth as for building good roads». Im Bericht des Herrn Oberbauinspektors v. Steiger erfahren wir, dass es in den U.S.A. 90000 km Betonstrassen und 70 000 km Asphaltstrassen gibt. Ausführlich ergeht er sich über die geologischen Grundlagen und kojtnmt zum Schluss, dass wegen Durchnässung und Frost auf lehmigem Untergrund sich «die einigermassen elastischen Fahrbahnen aus bituminösem Material demnach CHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen Betonstrassenbau? ErschHnt Jeden Dienstag nnd Fr.lt«« Monatlich „Gelbe Uste« REDAKTION n. ADMINISTRATION* Breltenralnstr. 97, Bern Telephon Bollwerk 19.84 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern besser für eine allgemeine Anwendung eignen dürften, während der Automobilfahrer in Amerika eine Betondecke, wie wir sie dort gesehen haben, vorzieht». Die Feststellung betreffend die Vorliebe des Benutzers für Betonstrassen deckt sich denn auch mit den beständigen Aeusserungen in der amerikanischen Automobilpresse, wo die Automobilisten aus Gründen der Fahrsicherheit immer wieder nach weiteren Betonstrassen rufen. In ihrem Inhalt und Wesen deckt sie sich aber auch mit den Erfahrungen jedes schweizerischen Selbstfahrers, der einmal ein grösseres Stück moderner Betonstrasse genossen hat. Neben anderen Dingen beruht der Vorzug der Betonstrasse auf zwei Hauptfaktoren: Griffigkeit und Helligkeit. Ich habe bei Gelegenheit mit zwei Strassenfachmännern im Wagen auf der alten und nicht gerade einwandfreien Heidelberger Betonstrasse bei Regen im 95 km-Tempo mit hochgehobenen Händen brutal und brüsk die Vierradbremse betätigt, ohne von der Spur abzuweichen. Die viel zu schmale Unterführung bei Pratteln ist bloss deshalb bisher unfallfrei geblieben, weil die ganze Strecke — Zufahrt, Gefälle, Krümmung bei der Unterführung, Steigung, Auslauf — in Beton ausgeführt wurde. Die Griffigkeit des Betons ist aber nicht nur von der Nässe, sondern auch von der Geschwindigkeit unabhängig. Ich war Zeuge der Todesstürze im Grossen Preis von Deutschland auf der regenfeuchten Berliner Avus — «Todesbahn» sagte damals die Berliner Presse; nun hat die Avus-Leitung beschlossen, auf einem Sechstel der alten Strecke Beton aufzubringen. Für die neue kilometre Ianc6-Strecke am Nürburgring kommt, nach den Wünschen der Rennfahrer, auch Beton in Betracht. Nur der Selbstfahrer kann den Unterschied ermessen zwischen der nächtlichen Unsicherheit auf der dunkeln, alles Licht der Scheinwerfer fressenden Strosse und dem Gefühl völliger Sicherheit auf der hellen Betonstrasse, die auch bei Regen hell bleibt und jeden Gegenstand — Fahrzeuge, Radfahrer, Fussgänger — hell aufleuchten lässt. Es ist sogar gesagt worden, die Helligkeit der Betonstrasse sei ein Nachteil, weil sie bei Sonne den Fahrer blende. Den Selbstfahrer, der dem aus Erfahrung und Ueberzeugung beistimmt, muss man zwar mit der Laterne suchen. Wäre dem so, so Hesse sich übrigens der Beton bei der Herstellung leicht und sozusagen kostenlos dunkel färben, in allen Nuancen. Das aber hiesse einen Hauptvorzug der Betonstrasse freventlich vernichten. Unsere Strassenfachmänner haben natürlich insofern gebundene Hände, als sie sich ans Strassenbaubudget halten müssen. Bei dessen Aufstellung wird aber offenbar nicht genügend in Rechnung gezogen, dass die Betonstrasse in der Anlage zwar teurer ist als zahlreiche andere Beläge, in Hinsicht auf die Unterhaltungskosten jedoch einen der preiswertesten Beläge bildet. Vor allem aber sollten viel gewichtiger die Wünsche, die Bedürfnisse jener in die Waagschale fallen, für die man die Strassen baut und die die Kosten zum grossen Teil bezahlen: die Motorfahrer. Und da dürften auch bei uns die Verbände unmissverständlich Stellung beziehen. In Deutschland mehren sich — hauptsächlich gegen Unterlassungssünden im Strassenbau — die Publikationen in Wort und Bild unter dem Schlagworttitel «Was die mit unserem Geld machen!» Wie ein Automobilyerband gegen «allzu schöne», d.h. allzu glätte Strassen Stellung nimmt, das veranschaulicht die im Bilde beigegebene Warnungstafel. Sie stammt von der Strasse Basel—Freiburg, wo der Belag schon Hunderte von Unfällen veranlasst hat, wofür über eine Strecke von 15 km zahllose Bäume mit entrindeten Stellen in Chassishöhe oder in der Baumreihe fehlende (umgefahrene) Stämme zeugen, und das trotz der Warnung des A.D.A.C. («Vorsicht bei Nässe, Schleudergefahr, Strecke 15 km lang»). Unglaublich aber, dass man aus der einen Mordstrecke nicht die Konsequenzen zog: noch fünfmal bis Karlsruhe findet sich derselbe Belag mit den entsprechenden Warnungstafeln des A. D. A. C. Dass indessen die Betonstrasse in der Schweiz langsam an Boden gewinnt, darf immerhin doch festgestellt werden. Als Neubauten dieses Jahres fielen mir auf: 2,5 km zwischen Brunnen und Wach: zwischen EVSERTIONS-PREIS: Die aehtgespaltene 2 nun hohe Grundreile ode» deren Raum 45 Cts. ttlr die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 CU> Grössere Inserate nach Seitentarit. Inseratenscnlasa 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Reichenau und Ems (im Bau); Avenue de la Gare in Vevey; und schliesslich die schönste Strassenanlage der ganzen Schweiz zwischen Genf und Versoix, etwa 20 m breit, einschliesslich beidseitiger Fussgänger- und Radfahrerwege, in den Kurven überhöht (übrigens die verkehrsreichste Schweizer Strasse), wobei höchst angenehm empfunden wurde, dass keine Umleitung entstand. Vorsicht Ueber die Erfahrungen mit Betonstrassen im Kanton Thurgau, der heute mit über 22 km (126 881 Quadratmeter) in der Schweiz weit obenausschwingt, hat Herr Strasseninspektor L. Wild schon verschiedentlich berichtet. Man ersieht daraus, dass sich die technisch richtig angelegte Betonstrasse nicht bloss ausgezeichnet bewährt, sondern auch in der Erstellung nicht so teuer ist, wie man gewöhnlich annimmt. Wenn wir damit die eingangs erwähnte Tatsache zusammenbringen, dass der Automobilfahrer selber der Betonstrasse vor allen anderen den Vorzug gibt, so sind bei diesem Dienst am Kunden einmal beide Teile restlos befriedigt, und der allem fernstehende, aber volkswirtschaftlich interessierte Dritte wird dazu seinen Segen geben, da bei der Betonstrasse fast ausschliesslich einheimisches Material zur Verarbeitung kommt. 0 Die vorletzte Liebe der schönen Frau Erzsebet. Roman von Oskar Sonnlechner. (2. Fortsetzung) Bisher erschienener Inhalt: Der Erzähler der Geschichte trifft im Zuge •iner ungarischen Nebenbahn den «Herrn Vize- Gespan», einen ungarischen Adeligen. Die Beiden geraten miteinander ins Gespräch, bei dem es sich herausstellt, dass der Erzähler, der aus Oesterxeich kommt, in Ungarn als Verwalter ein Gut übernehmen will. «Wildschaden! Erstens macht das Wild keinen Schaden, der der Rede wert ist, und zweitens, wenn er schon einen hat? In jedem Beruf gibt es Schaden. Wenn der Kaufmann sein Geld verliert, vergütet das ihm jemand? Oder wenn man im trente et quarante umschmeisst, wenn man contre le coup des trois arbeitet und zweiundfünfzigmal hintereinander rouge kommt? Habe ich recht?» «Na ja, aber Sie müssen doch berücksichtigen, dass...» «Aber, Verehrtester,» unterbrach er mich temperamentvoll, «das ist eben Ihr Fehler, dass Sie von berücksichtigen sprechen. Sie sind kein moderner Nationalökonom, wie ich. :i Gesetzen kommt es überdies nicht daruf an, wie man sie dem Inhalt nach macht, sondern dass man die Macht hat, sich nicht darum zu kümmern. Das ist viel wichtiger. Darum ist es bei uns in Ungarn auch gleichgültig, was wir für Gesetze haben, denn, ob so oder so, gemacht wird, was wir wollen, wir, die wir seit Menschengedenken die Her- «Ich bin auf die jagdlichen Verhältnisse auf meinem Gut sehr neugierig,» unterbrach ich ihn absichtlich, «nach den Berichten des verstorbenen Verwalters sind sie erstklassig, vor allem der Hochwildstand. Es wurde seit Jahren nichts geschossen, denn der Verwalter war ein Arbeitsmensch durch und durch, dachte nicht im Traum daran, mit einem Gewehr hinauszugehen, wenn auch der Auwald vom Orgeln der Hirsche dröhnte, er...» «...er war ein vernünftiger Mann, denn ein Verwalter wird nicht aufgenommen zum jagen, sondern zum arbeiten. Zum Jagen sind wir da. Darf ich fragen, wo liegt Ihr Gut?» «Kissfalu.» Er lachte aus vollem Hals und trommelte mit seinem Reitstock auf den Stiefelschäften einen Wirbel, bis ein Hustenanfall seinem Heiterkeitsausbruch ein Ende bereitete. «Also Sie gehen nach Kissfalu?» Lachend und hustend streckte er mir seine Hand herüber. «Dann seien Sie als Nachbar herzlich begrüsst. Das heisst, das Wort Nachbar müssen Sie nach ungarischen Begriffen auffassen, denn von Ihrem Herrenhaus bis zu mir sind es gute 12 Kilometer, aber ich hoffe,» und er schüttelte mir immer wieder die Hand, «ich sehe Sie oft bei mir. Hoffentlich bleiben Sie lange bei uns?> «Ich habe wenigstens den guten Vorsatz, lange auszuhalten,» gab ich ihm freudig zurück, «jedenfalls betrachte ich es als gutes Omen, einen so angenehmen Nachbarn gefunden zu haben.» «Jetzt begreife ich auch Ihren Reisezweck. Sie sollen den früheren Verwalter ersetzen. War ein braver und anständiger Ker\. beliebt bei uns, denn mit seinem Standpunkt den slowakischen Bauern gegenüber hat er uns ziemliche Schwierigkeiten bereitet.» «Schwierigkeiten? Wieso?» «Er hatte ganz eigentümliche Anschauungen. Ich stehe als Kulturmensch natürlich auf dem Standpunkt, dass der Slowak gewissermassen auch ein bisschen Mensch ist, bis zu einer gewissen Grenze natürlich... aber damit ist noch nicht gesagt, dass man jedem dreckigen Bauernlümmel die Hand drückt, dass man bei einem Taglohn von drei Gulden... bitte! Drei Gulden!... vorne und hinten noch Menschenfreundlichkeit betreibt. Prämiengelder! Freiwilliger Wildschaden!» Ich nickte, wie zustimmend, mit dem Kopf. «Was hat er damit erreicht ? Gar nichts ! Nur dass die Kerle dachten, es müsse überall so sein.» «Mit einem Wort, ein Umstürzler,» warf ich lächelnd ein. Der Vizegespan klemmte das Monokel ein und bog sich mit krebsrotem Gesicht zu mir herüber. «Ein Umstürzler? Ein Anarchist! Ein blutrünstiger Anarchist! Sie glauben vielleicht, dass ich übertreibe. Also bitte! Ich war einmal bei ihm von wegen der Zuckerpreise. Wie ich in seiner Kanzlei stehe, kommt ein slowakischer Bauer herein. Ihr Verwalter streckt ihm sofort die Hand hin... merken Sie auf... streckt ihm die Hand hin, schiebt ihm einen Stuhl zwischen die Hammelbeine... bitte! schiebt ihm einen Stuh! zwischen die Beine... eigenhändig! hält ihm nach den ersten Worten seine Zigarrentasche unter die Nase, und der Bauernlümmel nimmt sich mit sich an, kurzum... ich traute meinen Augen nicht... er ging mit ihm um, wie wenn das seinesgleichen wäre. Aber das war noch nicht das ärgste.» Ich spitzte die Ohren, ob diese Ruchlosigkeiten wirklich noch zu überbieten wären. «Wissen Sie, wie er mit- ihm gesprochen hat? Slowakisch! Jawohl! Slowakisch! Wenn er wenigstens Deutsch mit ihm gesprochen hätte, wenn es schon sein muss. Und dabei sprach Ihr Kohlmeier ganz gut ungarisch, so ein schwabisch Ungarisch, aber gar nicht schlecht. No, habe ich recht, wenn ich sa,s:e ein Anarchist! Ein blutrünstiger Anarchist!» Ich zündete mir mit leichtem Kopfnicken eine Zigarette an. «Und als ich ihm damals, als wir unter uns waren, Vorstellungen machte, gab er mir zur Antwort, wenn er von Kunstdünger rede, sei ihm die Nationalität wurscht, die Hauptsache sei ihm der Stickstoffgehalt. Da war ich mir klar, dass mit so einem Dickschädel nichts anzufangen sei. Aber die Geschichte kostete ihn damals ein schönes Stück Geld, denn, als die Zuckerrübenkampagne kam, gingen wir alle ihm zum Trotz mit den Preisen hinunter. Mein Katzenstein schrie zwar Zeter und Mordio und rief alle hebräischen Heiligen an, aber wir waren fest entschlossen, ihm eine Lehre zu erteilen.» «Aber das kostete Sie doch auch ein schönes Geld,» warf ich ein. Er zuckte ironisch die Achseln. «Ein anständiger Mensch verliert lieber sein Geld, wie seine Prinzipien.» «Aber das Gut hat immer gut getragen,»