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E_1931_Zeitung_Nr.091

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Ausgabe: Deutsche Schweiz BERN, Freitag, 6. November 1931 Nummer 20 Cts. 27. Jahrgang. _ N° 91 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentraibiatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen Das Leben eines einzelnen Menschen ist ein hohes Gut, das des Schutzes und der Sicherung durch die Mitmenschen bedarf. Wir wollen hier nicht von der besondern Wertschätzung sprechen, die ein Mensch seiner Umgebung durch das gesprochene Wort, durch seine Vorstellungen und Handlungen schuldig ist, es soll nur von den Nachteilen die Rede sein, die beliebige Mitmenschen erleiden, wenn der Lenker eines Motorfahrzeuges einen Unfall verursacht und so das Leben eines andern Menschen missachtet, ihm körperliche oder geistige Nachteile «beibringt » und dessen Angehörige in Mitleidenschaft zieht. Die Stunde ist wiederum gekommen, in der wir mit aller Deutlichkeit auf dieses zu sichernde und zu achtende Out hinweisen müssen, das jeder Mensch in seiner körperlichen und geistigen Gesundheit besitzt. Der in den letzten Jahren stark gestiegene Verkehr auf den Strassen, die beträchtliche Zunahme der Motorfahrzeuge, vor allem aber deren gesteigerte Benützung, haben die Sicherungen des menschlichen Lebensgutes in einiges Wanken versetzt. Wir haben geholfen, dem Automobil den Weg zu bereiten und wollen daher nicht nur zeitern und jammern oder gar den Kopf in den Sand stecken, wie dies in gewissen, tendenziös orientierten Zeitungen zu geschehen pflegt, sondern aktiv Wege zur Beschwörung der Unfallgefahr mitsuchen. Persönliche und ausserpersönllche Unfälle. Wenn man als Motorfahrzeugunfall (Autounfall) ein plötzliches, mit dem Betrieb eines Motorfahrzeuges zusammenhängendes Ereignis, das einen Nachteil für einen Menschen oder eine Sachbeschädigung zur Folge hat, bezeichnet, so kann dieses Ereignis persönliche oder ausserpersönliche Ursachen haben. Zu den persönlichen Ursachen rechnen wir alle jene Ursachen, die aus der körperlichen Veranlagung (körperliche Gebrechen, ungenügende Sehkraft, mangelndes Hörvermögen, Krankheiten des Körpers usw.) oder seelischen Veranlagung (Unvorsichtigkeit, Zerstreutheit, Leichtsinn, geistige Mängel aller Art, Krankheiten) stammen. Die ausserpersöTilicben Ursachen, die nach Schätzungen der Fachleute nur etwa 10—20 Prozent der Gesamtunfallzahl eines Gebietes (inklusive NichtVerkehrsunfälle) ausmachen, halten den sozusagen vermeidbaren Ursachen, Die vorletzte Liebe der schönen Frau Erzsebet. Roman von Oskar Sonnlechner. (1. Fortsetzung) Bisher erschienener Inhalt: Der Erzähler der Geschichte befindet sich im Zug einer ungarischen Nebenbahn, als auf einer Station plötzlich Aufruhr und Lärm entstehen ond der bereits angefahrene Zusr wieder kreischend stillhält. Der «Herr Vizegespan», ein ungarischer Adeliger, hat zu spät den Zutr erreicht lind betritt nun fluchend sein Albteil. Zwischen dem Erzähler der Geschichte und dem Vizegespan entwickelt sich nun ein Gespräch. Ich sah ihn herausfordernd an, um ihm mein Missfallen für sein Benehmen zu bezeugen, allein er sah, anscheinend mit seinen Gedanken beschäftigt, an mir vorüber zum Fenster hinaus. Plötzlich drehte er sich mit einem Ruck zu mir. «Also, bitte, so ein Schwein war noch nicht da.» Ich sah ihn verständnislos an. «Wie meinen Sie?» «Also, bitte, so ein Schwein war noch nicht da.» Ich sah noch immer mit ziemlich geistloser Miene zu ihm hinüber, da mir unerfindlich war, wen er eigentlich meinte, als er sich plötzlich mit zornseröteter Miene zu mir hinüberbeuffte. die in der Person des Führers ihren Ausgangspunkt haben, die Wagschale. Man zählt zu den ausserpersönlichen Ursachen das falsche Verhalten anderer Strassenbenützer, Naturereignisse, innere Materialschäden am Fahrzeug (die der Fahrer nicht erkennen konnte), Beschaffenheit der Strassen, Schaden durch Brandfälle. Bedeutung der Ursachenermittlung. Die Ermittlung der Ursachen ist die vornehme Aufgabe der medizinischen und technischen Experten, denn darauf stützt sich die Feststellung der Haftung, die erst dem Rechtskampf, der hinter jedem Unfallereignis nachfolgt, wie die Wasserwellen hinter dem Heck eines Dampfers, ein versöhnendes Ende setzt. Der Geschädigte darf, wenn er selbst nicht erheblich am Unfälle mitschuldig ist, den Anspruch erheben, dass er in seiner wirtschaftlichen Stellung keine Einbusse erleidet und ihm Schadenersatz geboten wird. Bei Todesfällen fallen diese Ansprüche den Angehörigen zu. Die technische und die medizinische Wissenschaft haben in den letzten Jahren in gemeinsamer Arbeit Verfahren zur Ermittlung der Ursachen ausgearbeitet» die dem Richter, der die Verantwortlichkeiten feststellen w!U, sehr gute, ja unentbehrliche Dienste leisten. Diese Expertisen sind in allen Fällen eine strikte Notwendigkeit, bei denen aus der Rekonstruktion des Tatbestandes das Herausfinden der Ursache Schwieritriceiten bestreitet. ,. Die Gerichtsexperten, zu deren Tätigkeit selbstredend starke Nerven, ein raffiniertes Denk- und Vorstellungsvermögen, sowie jahrelange Erfahrungen notwendig sind, haben in der Ursachenfrage Aufklärungen zutage gefördert, die betont werden müssen. Das Problem der Ursachen der Autounfälle ist medizinisch und technisch so bedeutungsvoll, dass die Tagespresse, die Verkehrs-und Fachpresse und die Verkehrsverbände nie müde werden sollten, diese Erkenntnisse in die Köpfe der Fahrzeuglenker und' Strassenbenützer einzuhämmern. Die Mahnung der Statistik! Die Statistik der Verkehrsunfälle der Schweiz zählte im Jahre 1921 123 tödliche Unfälle, im Jahre 1930 schon 460. Diese absolute Zahl allein nimmt noch jedes Jahr zu und mahnt eindringlich zum Aufsehen. «Also, bitte, das Schwein sagt mir, dass der Zug laut Fahrplan um 5 Uhr 45 Minuten abfährt.» Er bohrte sein Monokel ins Auge, lehnte sich zurück und sah mich forschend an. «Ich glaube aber,» warf ich ein, «der Mann hat nicht unrecht. Nach meinem Fahrplan...» ich langte suchend in die Brusttasche... aber da schnellte mein Gegenüber mit jugendlicher Behendigkeit die Beine von den Sitzkissen und ruckte sich mit dem Oberkörper kerzengerade auf. «Bitte, Verehrtester, bitte! Wozu sagt mir das das Schwein? Das weiss ich auch ohne ihn. Aber, bitte, nicht zu übersehen, heute vormittag Hess ich ihm sagen,» und bei jedem Wort klatschte er, um seiner Rede den nötigen Nachdruck zu verleihen, mit dem Reitstock auf die Stiefelschäfte, «dass... ich ... heute...- nachmittag... mit dem Zug... um fünf Uhr... fünfundvierzig... nach Nagy Almas fahre.» Er sah mich triumphierend an, um die niederschmetternde Wirkung seiner Worte an mir zu beobachten. «Also, bitte, hat das Schwein eine Entschuldigung? Was hat er zu tun, wenn ich nicht da bin? Was?» Krebsrot vor Zorn bog er sich zu mir hinüber. «Was?» «Selbstverständlich warten,» warf ich geistesgegenwärtig mit einem Lächeln ein, denn sein Reitstock pendelte vielverheissend vor meiner Nase. &s ABONNEMENTS-PREIS Et Braenelnt Jeden Dienstag and Prettaa Monatlich „Ctolbe UsU" BMbJlhriteb Ft. !>.-, jahrlich Fr. 10.-. Im Ausland unter PortonneMag, Mlam nicht postamttich bestellt. Zuschlag für postarntliche Bartellung 30 REUAKTION o. ADMINISTRATION: Brehenralnstr. 97, Bern Rappen. Postcheek-Rechnuna 111/414. Telephon Bollwerk 39.84 TMegramm-Adresse: Autorevue. Ben Bedeutung und Ursachen des Verkehrsunfalles F E U I L L E T O N Wohl hat sich der.Bestand der Motorfahrzeuge in 10 Jahren verfünffacht und gleichzeitig die Zahl der tötlichen Unfälle nur vervierfacht, womit bewiesen wäre, dass die Zahl der Todesfälle, die mit dem Autobetrieb zusammenhängen, nicht mit der Zahl der Motorfahrzeuge proportional gestiegen ist Einen Grund zur Beruhigung daraus abzuleiten, sind wir nicht berechtigt, denn auch die Auszahlungen der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt für Nichtbetriebsunfälle mit dem Motorfahrzeug mahnen in ihrer Höhe (2,16 Mill. Fr.) auf eine aussergewöhnliche Häufigkeit von Unfällen im Strassenverkehr. Und die Mahnung des Mediziners ! In einem bedeutungsvollen Vortrag über « Autounfälle und ihre Ursachen •»,den Professor Dettling, der Vorsteher des Gerichtlich-medizinischen Institutes der Universität Bern am 3. November im Grossratssaal, auf Einladung der Guttempler-Loge Berna, hielt, stellte, der Referent als wichtigste Ursachen der Autounfälle fest: Die Nichtbeherrschung der Geschwindigkeit undisziplinierter Autolenker (angepasst der Verkehrssituation), neben der Undiszipliniertheit der andern Strassenbenützer, den übertriebenen Alkoholgenuss und das Fahren auf der falschen Strassenseite und betonte dabei den Mangel einer genauen, für alle Kantone der Schweiz nach einheitlichen Gesichtspunkten ausgearbeiteten Ursachenstatistik, die,ein Bild über die Ursachen geben und den Strassenbenützern die \ugen öffnen würde. Die Massnahmen zur Unfallbekämpfung erreichen ja nur dann ihren Zweck, wenn sie auf die wichtigsten Ursachen der zunehmenden Unfälle zugerichtet sind und da einsetzen, wo Hilfe am meisten not tut. Ursachen-Ermittlung und -Behebung. Die Abklärung der Ursachen eines Unfalles erfordert eine sorgfältige Untersuchung der Opfer, der Fahrzeugführer, der Verkehrssituation im Moment des Unfalles, sowie des Verkehrsweges und der beteiligten Verkehrsmittel durch die medizinischen bzw. technischen Experten. Die Untersuchung der Führer und der Opfer ergibt nicht nur Tatsachen zur Erhellung der Unfallursachen, sondern vermittelt auch Hinweise darauf, welche Anforderungen an zukünftige Führer zu stellen und welcher Ergänzungen die Fahrschule gegenwärtiger Lenker bedarf. Aus den Untersuchungsergebnissen lassen sich ferner Grundlinien für die Verkehrserziehung der Erwachsenen und der Kinder ableiten. Merken wir uns ein für allemal den Ausspruch eines Praktikers und Wissenschafters, der in sei- INSERTIOXS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzelle odet deren Baum 45 Cts. für dia Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Cti. GrAuere Inserate nach Seltentarit. Inserntenseblas« 4 Tage vor Erscheinen der Nnmmern schnüren wirkt sehr stark auf das weibliche Gemüt. Sehr stark! Bei so einer Ausstattung hört die Tugendhaftigkeit von selbst auf. Geld... Nebensache! Gelebt wie ein Fürst... natürlich von den Zinsen meiner Schulden... aber,» wie ein Aufleuchten zuckte es über sein Gesicht, «wenn wir damals oft auch nichts hatten, eines war unser, was uns niemand nehmen konnte — jung waren wir! Und ich,» er schnitt eine Grimasse, «ich war viel zu jung! Bei mir war die Jugend ein kostspieliges Vergnügen, und es hat meinen Herrn Vater manches Joch guten Weizenboden gekostet, aber ich weiss wenigstens, dass ich auf der Welt war und gehöre nicht zu den Dummköpfen, denen das erst dann einfällt, wenn es zu spät ist. Mir ist das rechtzeitig eingefallen.» Er blickte nachdenklich vor sich hin, als ob er Bilder der Vergangenheit an sich vorüberziehen Hesse. Ich fand nun Gelegenheit, einen Blick auf seine Visitenkarte zu werfen: «György Szoky de Szokyfalva et Andrashaz de eadem et genere Jalovsky.» Ich buchstabierte mir nochmals und nochmals die unentzifferbaren, fremd klingenden Worte. Der Klang seiner Stimme rief mich in die Wirklichkeit zurück. «Wenn ich fragen darf, Verehrtester, was führt Sie in unsere schöne Gegend?» «Ich gehe in die Verbannung.» Er klemmte sein Monokel ins Auge und sah mich forschend an. «Sie haben richtig gehört. In die Verbannung.» Er schüttelte verständner beruflichen Tätigkeit die rabenschwarzen Schattenseiten des heutigen Strassenverkehrs Tag für Tag mit seinen prüfenden Augen sehen muss: Es kann nicht genug geleistet werden in der Erziehung der Jugend durch Verkehrsunterricht in der Schule, Instruktion auf der Strasse, Beteiligung an der Verkehrsregelung und durch die Einführung einer unaufdringlichen Ueberwachung des gesamten Strassenverkehrs durch die Verkehrspolizei. Prof. Dettling unterstreicht im weitern die Wünschbarkeit einer Aufklärung des Volkes über das Wesen der Verkehrsunfälle und speziell die Bedeutung der Energiemenge, die einem Autolenker in die Hände gegeben wird, wenn er am Lenkrad seines Wagens sitzt. Bekanntlich berechnet sich die Wucht eines Anpralles aus dem Produkt der Masse des Fahrzeuges und dem Quadrat der Geschwindigkeit, geteilt durch zwei. Die Geschwindigkeit dominiert als Faktor der Wucht. Die Masse spielt bei grösserer Schnelligkeit eine geringe Rolle. Die Forderung schärferer Führerauslese. Gerade diese Tatsache lenkt uns auf das Problem der Führerauslese hin, ohne dabei zu vergessen, dass auch das Schutzproblem nach der technischen Seite hin (Bau des Fahrzeuges, Anlage der Strassen) noch nicht gelöst ist. Ziehen wir noch in Erwägung, welche ausserordentliche Bedeutung der alkoholischen Trunkenheit und dem chronischen Alkoholismus — nach den Erfahrungen des Gerichtsmediziners — zukommt und welche unverantwortlich hohe Zahl von Unfällen alljährlich auf dieses Konto gebucht werden muss, dann wird man verstehen, dass gerade der Gerichtsmediziner eine unmissverständliche Mahnung an den Gesetzgeber zur Vornahme einer schärfern Auslese der Motorfahrzeugführer erhebt. Er weist mit Recht •auf die Gesetze anderer Staaten hin, die in erster Linie der Trunkenheit der Lenker zu Leibe rücken, aber auch anderen Unfallursachen, die in der Person des Führers liegen (körperliche und seelische Gebrechen, von denen der Mediziner noch mehr als zwei Dutzend nennt, die gefährdend auf die Verkehrstüchtigkeit des Führers einwirken), in den Kreis der Auslesevorschriften einbeziehen. Der Alkohol als Unfallursache verschlechtert vor allem die Reaktionszeit. Die grössere Gefahr liegt indessen nicht, wie zu erwarten wäre, beim schwerbetrunkenen Lenker, da sich dessen «grobe Fahrkunst »• sofort zeigt, sondern bei den leichtern Graden Mit dem Ausdruck tiefster Befriedigung sank er auf seinen Sitz zurück. «Bitte, natürlich warten.» Ich nickte vorsichtshalber nochmals. «Was muss ich machen,» fuhr er fort, «wenn sein Zug noch nicht da ist? Auch warten! Na, bitte, ist das ein Schwein?» Ich nickte während seiner überzeugenden Rede ununterbrochen zustimmend. «Und dann, Verehrtester, bitte nicht zu übersehen, wenn ich so ein ganz gewöhnlicher Mensch wäre... Pardon!» Er nestelte seine Brieftasche hervor und reichte mir seine Visitkarte. «Ich hätte beinahe ganz übersehen, aber...» Ich verbeugte mich und nannte meinen Namen. «Wie, bitte?» Ich stellte mich abermals vor. «Danke gehorsamst. Aus Wien wahrscheinlich?» Ich bejahte. «Sehr schöne Mädels bei Ihnen. Alles, was wahr ist. Sehr schöne Mädels!» In der Erinnerung vergangener Zeiten strich er sich wohlgefällig den ergrauten Schnurrbart. «Aber für mich schon ein bisschen lange her.» Und mit verklärten Augen, mehr, wie wenn er zu sich selbst, wie zu mir spräche, kramte er Jugenderinnerungen aus, aus der Zeit, als er noch als junger Reserveoffizier bei seinem Husarenregiment in Wien stand. «Freilich, damals sah ich anders aus wie jetzt. So eine dunkelblaue Attila mit Gold-