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E_1931_Zeitung_Nr.094

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10 AUTOMOBIL-REVUE

10 AUTOMOBIL-REVUE 1931 — N° 94 unteren Hirnteil, von wo die unbewussten Lebensäusserungen, wie Herztätigkeit oder Zusammenziehung der Schlagadern, ihre Kontrolle erhalten. Schon ganz leichte Fälle von Kohlenoxyd- Vergiftungen, die sich nur in Kopfschmerzen aussein und vielfach als Kleinigkeit beurteilt werden, können im Qrunde genommen recht schwer© Schädigungen des Körpers darstellen. £s handelt sich nler zu mindest um eine teilweise Zerstörung der roten Blutkörper und eine entsprechende Verminderung 'der Eigenschaften der Lunge zur Aufnahme von Sauerstoff. Personen, die derart teilweise vergiftet sind, zeigen ein blasses bis gelbliches Aussehen und sind in der Arbeitskraft stark geschädigt. Bei Garage-Arbeitern sind solche Symptome nicht selten anzutreffen. Da aber gerade Mechaniker und anderes Ga- Tagepersonal häufig aus einem gewissen Kraftmeiertum heraus über die Gasvergiftungsgefahr lächeln zu können glauben, kann die Aufklärung gar nicht weit genug getrieben werden. Sie hat erst dann ihr Ziel er- •reicht, wenn sich alle Beteiligten der Gefahr vollkommen bewusst sind und Unfälle überhaupt nicht mehr auftreten. m. Garagleren am laufenden Band. Der sogenannte Parkturm, eine Garage, in der die Wagen vertikal übereinander anstatt nebeneinander untergebracht werden, ist in Amerika schon seit Jahren bekannt. Während er aber bis jetzt mehr als ein Kuriosum betrachtet wurde, scheint er nun in der letzten Zeit zu steigender praktischer Bedeutung zu gelangen. Die Wagen werden in einer Art von Käfigen befördert, die wie die Schaufeln einer Baggerkette aneinandergereiht sind. Diese endlose Kette mit den Wagenbehältern führt oben und unten über grosse Rollen, wie man dies in analoger Weise etwa an einem Ziegelaufzug auf jedem Bauplatz sehen kann. Alles, was der Fahrer braucht, um seinen Wagen aus dem Parkturm — wenn man so sagen will — herauszubekommen, ist ein Schlüssel. Jede Fördermaschineneinheit besteht also aus einer endlosen Kette mit den darangehängten Plattformen für je einen Wagen. Naturgemäss können ohne jede weitere Schwierigkeiten nebeneinander auch mehrere solcher Aufzüge angeordnet werden. Ein Aufzug, der zwei Dutzend Wagen beherbergt, braucht nur 16 zu 24 Fuss (5 zu 8 m) Grundfläche; er ist aber 100 Fuss (etwa 30 m) hoch, so dass man also wohl von einem Parkturm sprechen kann. . Die Fördermaschine arbeitet vollkommen automatisch. Man bringt sie in Gang wie etwa einen Wägeautomaten; entweder durch Münzeneinwurf, durch Druckkontakt oder mittelst eines Schlüssels. Jeder Wagen bleibt in seinem Behältnis, bis er wieder vom Besitzer geholt wird. Will man seinen Wagen aus der «luftigen Höhe» herunterholen, so sucht sich die Maschine selbst den kürzesten Weg, und gleich steht der gewünschte Wagen, der mit einer Geschwindigkeit von 100 Fuss (30 m) pro Minute «aus den Wolken» gekommen ist, vor dem Besitzer. Man kann also rechnen, dass man seinen Wagen innerhalb von etwa einer Minute aus der Box zurück hat. Schnitte durch einen ausgeführten Garageturm. Beim «Schlüsselsystem» erhält jeder Teilhaber einen Schlüssel für seine Wagenbox. Mit diesem Schlüssel löst er an einem Tableau, das für sämtliche Teilhaber die entsprechenden Schlösser trägt, die Aufzugbewegung aus, und der Wagen kommt automatisch zum Strassenniveau herab. Das erwähnte Schlüsseltableau befindet sich ausserhalb des Schachtes, beim Tor. Derselbe Schlüssel sperrt auch die Abschlusstür der Garage, richtiger der Fördermaschine, und wenn der Schlüssel abgezogen wird, so schliessen sich die Tore, und der nächste Wagenbesitzer kann auf die gleiche Weise sein Fahrzeug herausholen. Mit dem Druckknopf verhält es sich ganz ähnlich; bei allen diesen, übrigens untereinander verwandten Systemen wurde danach gestrebt, jedes persönliche Gefahrmoment auszuschalten. Ausserdem wurde der Lüftung und natürlich besonders der Feuersgefahr das grösste Augenmerk zugewendet. Hiezu trägt auch der Umstand wesentlich bei, dass der Wagen, sobald er die Schwelle der Turmgarage überfährt, nicht mehr mit eigener Kraft sich bewegt, sondern automatisch durch die Fördermaschine mit ihren Hilfseinrichtungen bewegt wird. Zu dem Kapitel Diebstahlschutz ist zu bemerken, dass niemand anderes mit dem Wagen zu tun haben kann als der Besitzer. Die Förderanlage arbeitet ja ganz automatisch. Da ferner jeder Wagen seine eigene, ständige «Wohnung» hat, wird vermieden, dass die Wagen sich untereinander etwa beschädigen, zusammenstossen, wenn die Fördermaschine in Betrieb ist, usw. Wenn auch der Weg zur idealen Lösung des Garagierungsproblems damit vielleicht noch weit ist, so kann doch nicht bestritten werden, dass mit der beschriebenen Einrichtung der vertikalen Einlagerung durch das laufende Band viel zur Lösung beigetragen wurde. Ted. «•» Frage 8128. « Atlantic » - Oel. Kann mir ein Leser den Lieferanten des Atlantic-Oelüs mitteilen? D. A. in B. Frage 8129. Gang springt heraus. Bei meinem neuen, noch in Garantie laufenden. 8100 km gefahrenen Wagen, springt bei Bergfahrten der zweite Gang in den Leerlauf zurück. 4 Gänge. "Was ist dagegen zu machen? F. J. in G. Antwort: Da es sich tan einen neueren Wagen handelt, scheidet Abnützung der Zahnräder als Ursache für das Herausspringen des Ganges wohl aus. Möglicherweise ist jedoch die Arretierung der Sbhaltgabel in der Schaltstellung des zweiten Ganges lahm oder sonstwie zu wenig angespannt. Diese Arretierung geschieht gewöhnlich durch eine Kugel oder einen Keil, die durch eine gespannte Feder in eine Kerbe der Schaltstange hineingedrückt werden. Durch stärkeres Spannen der Feder lässt sich dann die Arretierung verstärken. Vielleicht ist die Störung aber auch darauf zurückzuführen, dass infolge einer Montage-Ungenauigkeit die Arretierung gar nicht einschnappen kann. Beim versuchsweisen Ein- und Ausschalten der vier Gänge wäre dann auch ein verschieden starker Widerstand zu spüren. Schliesslich ist nicht ausgeschlossen, dass aus irgend einem Grund die Nuten auf der Getriebewelle, die zur Mitnahme der verschiebbaren Zahnräder dienen, an einer Stelle nicht genau achsial verlaufen, so dass sie dann wie ein sehr steilgängiges Gewinde wirken und das Zahnrad auf dem Eingriff heraus drücken. -s. Frage 8130. Biegen von Kupferrohr. Wie geht man am besten vor, um Benzinleituneen aus Kupferrohr m biegen, ohne dass das Rohr an den geborgenen Stellen plattgedrückt wird oder bricht? B. L. in G. Antwort: Wenn das Kupferrohr um enge« Kurvenradien gebogen oder zu Spiralen gewunden werden soll, muss es vor allem zuerst in weichen Zustand versetzt -werden. Kupfer wird im Gegensatz zu Stahl weich, wenn man es zuerst erhitzt und dann plötzlich in kaltem Wasser abkühlt Damit beim Biegen eine Tegelmässige Krümmung entsteht und eine Deformation des Querschnittes vermieden wird, wendet man vorteilhafterweis« Schablonen an, wie Bie beistehend skizziert sind Die drei Schablonen links dienen zur Herstellung von Krümmungen verschiedener Radien, währenc die Schablonen rechts die Bindung einer Rohrspira:le gestattet. Möglicherweise zeigt es siel während des Arbeitsvorganges, dass eine noch malige Erweichung des Materials notwendig ist da dieses bei jeder Deformation wieder an Härti zunimmt. Sollen ganz enge Krümmungen hergestellt wer den, so ist eine Deformation des Querschnittes eventuell nur zu vermeiden, wenn man das Rohr zu erst mit Sandstramm auffüllt oder mit Kolophonium oder Blei ausgiesst. Diese Füllstoffe sin< dann natürlich am Schluss wieder zu entfernen. Frage 8131. Bremsen mit Schüttelfrost-Anfällen. Seitdem mein Wagen aus der Revision gekommei ist, fangen die Vorderradbremsen bei ieder starken Bremsbetätigung an zu vibrieren und zt « Schändern », als ob sie von Schüttelfrost befallet wären. Da bei der Revision die Bremsen neu be legt wurden, nahm ich zuerst an, dass eventuel ein Montage-Fehler unterlaufen sei und bracht den Wagen wieder zur Garage. Nach einer noch maligen Prüfung suchte man mich dann aber mi der Auskunft abzuspeisen, dieses Vibrieren de Bremsen komme häufig nach dem Neubelegen de Autokühler auf Wunsch m\t Motorhauben-Decken. Tel.Bw. 2106 BERN Eigerplarz 13 Bei Antragen bitten wir um Angabe der Wagentype Warum Draht oder veraltete Systeme Ton KJemmringen gebrauchen, welche gerade an wichtigsten Stellen bei angünstigsten Zeiten undicht Verdenf Mit dem patentierten >eclcen AUTO - SATTLEREI MUILER&MARTI Klemmring „Jubilee

Bern, Dienstag, 17. Nov. 1931 III. Blatt der „Automobil-Revue" No. 94 Abschied Von Jakob Hantiger. Noch blick ich Dein blaues Kleid, das kalt wie der Himmel. Man müsst Geduld haben wie meine alte Mutter mit ihrem Rosenstrauch. Wieder seufzt das Herz unter abendlichen Sternen. Noch wart ich auf einen kleinen, lieben, dummen Mädchenbrief von Dir. Er wird bestimmt nicht kommen. So müd und traurig bin ich wie der kleine Rummelplatz dieses Städtchens. Nur den schönsten Tango leiert ein einsames Karussel. Denkst Du noch an mich? Ich sitz noch in Deiner Bude. Morgens erst kamen wir nach Haus. Du kochtest noch Kaffee, hast meine Lieblingswurst gekauft und Camenbert. Der Himmel guckt zum Dach herein. Wir deklamierten gerad Eichendorff statt uns zu küssen und schwätzten von Chaplin, von Menschenleid, Träumen, Reisen und unsern unglücklichen Liebschaften. Bei Dir, süsser Lausbub, wusste ich erst, wie schön das Leben hätte sein können. Dem, den Du liebtest, bist Du ein Paradies! Ich wundre mich selbst, wie man ohne Dich leben kann... na ja, man muss es! Es schwand so manche Sonne hinter Wolken. Es gingen ja alle Nächte voll Sternen dahin. Verblüht und ;welk und dorr ist die Welt und unser Leben. Anni... liebes, armes Mädchen _ mit den grossen Gesten einer Göttin — wirst wohl auch verirrn, wirst wohl auch nie heimfinden wie ich, wirst wohl auch immer draussen stehn bleiben vorm Juwelierladen des Schicksals, des Glücks in Sehnen und Weh. Wirst wohl auch keine Kapelle mehr finden, drin Du beten darfst. Allein bist Du in der Welt, ganz allein, und wenn Du mal nicht allein bist, nimmst Du Abschied. Wir standen vorm Kasperltheater, hockten fn Varietes, lauschten den Zigeunern. Oder kitschigen Liedern von Untreu und unglücklicher Liebe. Aber mit mir sahst Du doch zum erstenmal «Die Fledermaus». — Weisst Dn noch den komischen Buckligen mit dem Zylinder? «Alles verspottet mich, verhöhnt mich, lacht mich aus!> — sprach er zu der Kellnerin. Als ob's nicht allen so ging. Dann fuhren wir so nach Mitternacht auf 'dem Fluss spazieren, und der Wind nahm Deinen Hut. Du sprichst leis von der boshaften Freundin, Deinen schlichten, gütigen Eltern. Und bist begeistert vom geliebten Brüderlein. Und wie alles Quatsch und alles egal. Und hast doch das Leben, von dem Du |a nichts weisst, so lieb, möchtest nach Afrika. Die schönsten Affenphotos hängen schon bei Dir. Wir waren boshaft, wie nur kleine Kinder sein können. Du hast mir's ja auch nicht leicht gemacht. Vergiss das nicht, Anni! Ich habe in Dir meine letzte Jugend, meinen letzten Sommer, meine letzte Sonne geliebt. 1 Ich weiss, dass Du mein Glück warst. Aber Du liebst natürlich wieder einen andern. Und der Idiot... na, — — meine Veilchen und Vergissmeinnicht liegen längst im Kehrricht. Aber vielleicht hast Du doch eins in Deinen Rilke gelegt, den Du liebst. Mir hast Du nie ein gutes Wort geschenkt! 0, wie allein tl • JL Die vorletzte Liebe der schönen Frau Erzsebet. Roman von Oskar Sonnlechner. (Fortsetzung aus dein Hairotblatt.) Sich in mich einhängend, führte er mich in sein Heim, und ob ich wollte oder nicht, zuerst musste ich einen kleinen Imbiss nehmen, der an Reichhaltigkeit alle drei Hauptmahlzeiten eines Tages übertraf. Ob ich das Kastell sehen wolle? Viel sei freilich nicht daran, aber wenn man seinen lieben Nachbar als Gast bei sich sehe, dann müsse er doch wenigstens wissen, wo er sei. Er hatte recht. Viel zu sehen gab es nicht. Niedrige, finstere, unfreundliche Räume, freilich ich dürfe nicht vergessen: 1628 erbaut. Die Einrichtung zusammengewürfelt aus allen Zeitaltern. Plumpe, altungarische Bauernmöbel aus Olims Zeiten, gezierte Biedermeierkonsolen, daneben vornehme englische Klubfauteuils. Ziselierte osmanische Dolche und Raucherbässe, wahrscheinlich Beutestücke aus alter z-eit, prunkvolle Empireuhren, Qirandolen aus der Barockzeit neben modernen Nippes. Ein wirres Durcheinander aller Zeiten und jeden Geschmackes. Jedes stilgerechte Zusammenpassen fehlte. war ich mit Dir. Ganz allein war ich nicht so allein gewesen. Und doch hatt ich oft Herzklopfen, als war ich noch zwanzig Jahr. Warum müssen wir immer getrennt sein, um zu wissen, was wir aneinander haben! Freilich, manchmal nähern uns Abschiede. Vielleicht spielen sie Dir wieder mal in unserm Kaffee Verdi oder den alten Gassenhauer. Dann denk daran! Wie klug Du bist! Mit Dir möcht ich in den Himmel oder nach Südfrankreich auswandern. Vielleicht bin ich doch Dein anderes Herz, Du Oase meines Schicksals... ach ja, es gibt wohl noch andere Mädchen... ich werde wieder diesen schönsten Tango hören. Wer weiss, wo? Ich werde wieder in der grossen Stadt sein. Am Fluss hängen rote, grüne, blaue Lampions. Die Musik wird wieder Strauss spielen. Ich werde meine Heimat verlassen. Nichts ist bei mir. Vielleicht blick ich Dich in einem orangnen Auto, vielleicht am Tennisplatz, vielleicht hörst Du am Telephon das letzte Lebewohl eines Unbekannten, ich nehm nichts mit, ich hab keine Postkarte von Dir, kein drolliges Jahrmarktsphoto. Ich hab nur Deine Schwermut, Deine Trauer, meine Erinnerung an Dich — und es ist genug, dass ein Herz darüber zerbrechen könnt. Immer, ach, steh ich allein, draussen, immer blick ich nur hinein, immer nur ein Strahl, ein Schimmer. Nie eine Bleibe, eine Rast, ein heimatlicher Schlaf. Bald spielt mir die Musik den schönsten Tango. Er wird verklingen wie Deine Sehnsucht, Dein junges Leben, Dein müdes Mädchenlächeln — oder vielleicht grüsst er Dich, Du mein entschwundenes Glück. Vielleicht auch schiebst Du bald den Kinderwagen, und wenn Du Deinem Kindlein ein Märchen erzählst und ein Lied singst, dann 'meinst Du mich. Freilich, Du hasst ja alles Bürgerliche. — In meiner kleinen Wohnung über den Bergen steht ein uralter, geschnitzter Engel. Er blickt genau so rührend lieb wie Du. Und wenn ich an Deine wunderdunklen Kinderaugen denk, dann möcht ich weinen, dass ich nicht der Dichter geworden bin, der ich hätte werden mögen. — Du bist die Nachtigall in Andersens Märchen, Du erstes und letztes Weihnachtsgeschenk meines bittren Schicksals! Nie wirst Du wissen, wie ich Dich gern hab, so wie ich es weiss, dass alles Unsinn, egal, vorbei, verweht wie dieser schöne Tango, den ich mir todtraurig pfeif. Und mir ist bang, weil ich der Tränen gedenke, die Du nie ausweinen darfst. Warum schreibst Du nicht: Komm zurück und beim Heimgehen erschüttert mich wieder aus einem alten Balkon voll Lampions: Glücklich ist, wer vergisst... ich zünde die Kerzen an, kein Brief von Dir ist da am Anzug noch ein Haar, ein letzter Duft von Dir... ich pfeif die schönsten traurigsten Klänge auf unsre entschwundene Liebe... leb wohl, Anni, adieu... Du mein verlornes Knabenland, Du Paradies eines ärmsten Heiligen, Du meine letzte ewige Station des Harrens, eh der Hafen des Alterns uns ganz absterben lässt — adieu, Anni, Du mein letztes Heimweh, Du mein letzter Abschied.... «Nun aber wollen wir gemütlich plaudern.» In seinem Herrenzimmer drückte er mich vor einem mächtigen, geradelinigen, englischen Schreibtisch in einen altmodischen Lehnstuhl. «Kommen Sie, ich will Ihnen noch etwas zeigen, falls es Sie interessiert.» Er wies auf die Wände, die ringsum, von oben bis unten, Versuchungen am Steuer Es mag ja sein, dass es Fahrer gibt, an die sie noch nie herangetreten sind und die für immer jener sekundenschnellen Gewissenskämpfe enthoben bleiben. Allerdings hält es schwer, sich solche Leute anders vorzustellen, als mit einem Kilometerzähler an Stelle des Herzens und mit Hochsommeröl statt Blut in den Adern. Selbstredend ist es Temperamentssache, inwiefern und wie stark die Lockungen des grossen Versuchers an uns herantreten. Und je nach Veranlagung und Erfahrung wird sich ihrer der eine mit ruhiger Ueberlegenheit erwehren, während der andere unter Zuhilfenahme aller Reserven seiner Charakterkräfte ihnen dann und wann dennoch erliegt. Versuchungen am Steuer gibt es ohne Zahl — sie lauern uns überall und in verschiedenartigsten Varianten auf. Sie arbeiten mit den bezauberndsten Tricks und Kombinationen und sind den besonderen Schwächen jedes einzelnen geschickt angepasst. Nicht immer nur entspringen sie dem beliebten Flirt mit der Gefahr, sie wenden sich ebenso oft an das verspielte Kind in uns, an unsere Eitelkeit oder an das Bedürfnis, anderen imponieren zu müssen. Gefährlich sind diese Versuchungen am Steuer dennoch fast immer. Die Art und Weise aber, wie sie im besonderen den Neuling anspringen, ist nicht ganz fair. Kaum hat solch ein automobilistisches Kind den Fesseln der Fahrschule entronnen, wird es von ihnen in Legionen überfallen, und nicht genug damit, Haben sie für das arme Opfer meist Situationen im Gefolge, die voll abscheulichster Pein sind. Ich will das schnell zeigen. Da ist nun beispielsweise endlich jener langersehnte Augenblick gekommen, wo einer mit der noch feuchten Führerbewilligung in der Tasche am Steuer seines glitzerneuen Wagens sitzt. Selbstredend hat man sich zur ersten Ausfahrt die Prinzessin eingeladen und bei knallblauem Himmel und offenen Coupefenstern senkt sich die Kreppsohle tief und das 'Gaspedal. In diesem Falle nun arbeitet der Versucher mit einem blonden Profil. Ein Seitenblick auf die in erwartungsvollem Lächeln gekräuselten Lippen — und nun tnuss man ja schliesslich zeigen, was eigentlich los ist. Das erste Dutzend überholt man •auch wie geschmiert und beim Dreizehnten 'beguckt man sich dann den zerknitterten •Kotflügel möglichst lange und so intensiv, dass die Ohren blaurot anlaufen. Denn man möchte um alles in der Welt die Blicke der Prinzessin meiden... Oder aber — irgend ein lieber Freund und missgünstiger Lump hat beim Kaffeejass vor der ganzen Runde mit impertinentem Lächeln erklärt, es sei wohl eine Kleinigkeit übertrieben, wenn man behaupte, dass der neue Wagen glatt mit 80 in die Kurven gehe. Bleibt somit selbstredend nichts anderes, als Rehabilitierung durch den Beweis. Man lädt sich also Zeugen auf und fährt dem schnöden Zweifler den Wagen vor. Hinein in die Kurve geht er ja dann auch ohne Zweifel mit mit zahllosen Bildern bedeckt waren. Im düsteren Licht des niedrigen Raumes, in dem ich bei meiner Länge fast bis an die Decke reichte, sah ich unbestimmt und undeutlich altertümliche Porträts, Kopf an Kopf. «Gewissermassen meine Ahnengalerie.» Steife, alte, ehrwürdige Herren in bepuderten Allongeperücken, jugendliche Draufgängergesichter mit aufgezwirbelten Schnurrbärten und an den Ohren baumelnden Husarenzöpfen, vereinzelt ehrwürdige Matronen und jugendliche Frauen, die Männer fast ausnahmslos in ungarischer Nationaltracht, selten im Soldatenrock ihrer damaligen Zeit, samtene Dolmane, pelzverbrämte Attilas, verschnürte Röcke, Kaipaks, Harnische, Eisenhauben, edelsteingeschmückte Krummsäbel, türkische Dolche, Streitäxte, tatarische Bogen und Pfeilköcher, langrohrige Feuersteingewehre, eingelegte Schilde, bei den Frauen seidenschimmernde Reifröcke, aufgebauscht unter dem hohen Steifmieder, spitzenbesetzte Halskrausen, Goldflitterhauben... jedes Alter und jede Tracht war auf Jahrhunderte zurück vertreten. Steif und hölzern, wie bemalte Puppenköpfe, sahen sie aus der dunklen, erblindenden Leinwand mit ausdruckslosen Kugelaugen und zinnoberroten Bäckchen auf den Eindringling. Mit einer Würde, wie wenn er einem Lebenden gegenüberstünde, stellte mich der Vizegespan seinem Ahnherren vor. Ein hageres, finsteres Tatarengesicht starrte mich an. Mit Arpad, so erklärte er mir, seien sie ins Land gekommen, und mit Stolz wies er auf die verschnörkelte lateinische Inschrift in der Ecke Zu haben Ml allen guten Uhrmachern Von Walther Ackermann. 80. Aber während die Pneus unter der Vergewaltigung durch die Zentrifugalkraft gequält aufjammern, hat man plötzlich das schauderhafte Gefühl, als kringle sich^ die Kurve heimtückischerweise zu einer Spirale zusammen und dann... ja — nicht wahr? Wollen wir hoffen, die Leutchen haben Glück gehabt! Aber nicht nur im automobilistischen Pubertätsalter überkommen uns derartige Versuchungen am Steuer. Freilich treten sie später nicht mehr in solch primitiven Formen an uns heran — die Versuchungen geben sich ein raffinierteres Aussehen und suchen sich unserer wachsenden Erfahrung und Gewitztheit geschickt anzupassen. Sie locken nicht immer nur mit dem Rausch der Geschwindigkeit, sondern ebenso oft auch mit den gewagtesten Ueberholungs-Manövern, mit messerscharf berechneten Kurven und ähnlichen sinnlos-reizvollen Kunststückchen. Denn man möchte nicht immer nur vorwärtskommen, sondern hie und da auch wieder einmal «fahren >, nicht wahr? Man möchte den Wagen spüren, sich freuen an seiner Wendigkeit und Rasse durch eine schneidige Bejahung der blitzschnell auftauchenden Frage, ob's noch « langt >. Je besser man einen Wagen in der Hand hat, um so grösser ist die Versuchung, sich dem bezaubernden Spiel mit dem Haar hinzugeben und Geschmack zu bekommen an der gefährlichen Kalkulation mit dessen Breite. Es gibt verschiedene Haaresbreiten — sie können sehr gross sein — manchmal sind sie bis zu einem Meter dick. Oft aber auch verchmälert sich das Glückshaar des Automobilisten wider Erwarten bis auf eine Handbreite und in jenen Fällen, wo wir sehr, aber wirklich sehr erstaunt sind, dass es nicht gekracht und gesplittert hat — da müssen es wohl Zentimeter gewesen sein! Was im besonderen die Versuchungen auf dem Motorrad anbelangt, so möchte ich mich darauf beschränken, festzustellen, dass ich während einer zweijährigen Praxis im Sattel zur felsenfesten Ueberzeugung gekommen bin, dass Motorfahrer so um zwanzig Jahre herum genau wie die kleinen Kinder einen ganz besonderen Schutzengel haben. Noch heute überläuft es mich heiss und kalt, wenn ich an jene goldenen Zeiten zurückdenke! Das magnetische Feld dieser Versuchungen beschränkt sich nicht nur auf die erdgebundenen Maschinen. Auch am Steuer eines Flugzeuges ist man ihren Lockungen ausgesetzt, und sie sind-hier nicht minder verführerisch. So ziemlich alles, was da auf dem Index steht, ist voll verbotener Reize. Es ist nun nicht mehr das Spiel mit der Haaresbreite, sondern meistens das Liebäugeln mit der Grenze, das « Ausfliegen » der Maschine, was so mannigfaltige Verlockungen birgt. Da ist beispielsweise die prickelnde Sensation des « Kavalier-Starts», der darin besteht, in einer Kerze, einer Steilkurve oder einer Bodenkurve wegzugehen, nur nicht in der normalen und langweilig vernünftigen des Bildes, den Wahlspruch der Szöky: « Suum cuique. » , «Freilich,» meinte er, «damals hatte unser Wappenspruch — Jedem das Seine — noch einen stolzen Sinn, denn das ganze Land von den Weissen Karpathen bis an die Theiss war unser Gut und Eigen, aber nun...» er blies den Rauch seiner Zigarette vor sich, «nun ist es etwas weniger. Unter jedem etwas. Nur der Sinn ist geblieben, und darauf kommt es endlich und schliesslich an. Denn in dem Gedanken des «suum cuique» erhalten wir uns wenigstens den innerlichen Glauben, die Herren des Landes zu sein.» (Fortsetzung folgt)