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E_1931_Zeitung_Nr.095

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Ausgabe: Deutsche Schweiz BERN, Freitag, 20. November 1931 Unsere Wintemummer Nummer 20 Cts. 27, Jährgang. _ N° 95 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint ]*den Dienstag tmd FnitM Monatlich „CtonM UrU« Harbjihrllch Pf. 5.-. jährlich Fr. 10.-. Im Auiland unter fwiewneMag. •ufern nicht postamtlich bestellt. Zusehlag für postamtliche BMtellung SO REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breltenralnstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung HI/414. Telephon Bollwerk 8934 TaUframm-Admwi Autorevu«, Bern EVSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile ode» deren Raum 45 Cti. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 CU. GrOssere Inserate nach Seitentarif, taseratensehluss 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Öffentliches Interesse und Unfa bekämpfung Der Fährverkehr der kalten Jahreszeit. Wir gehen mit raschen Schritten dem Winter entgegen. Die überwiegende Mehrzahl unserer Alpenpässe liegt bereits unter einer hohen Decke von Neuschnee, die dem Fahrverkehr ein gebieterisches Ende gesetzt hat. Wo vor wenigen Wochen die letzten kühnen Passfahrer ihre starken Wagen durch unliebsame Schneeverwehungen zwängten, herrscht Schneefall und Nebel. Bald werden die ersten Skifahrer ihre schmalen Spuren in die allzuweichen Schneeflächen ziehen. Hier unten im Mittelland haben wir bis jetzt vom Reich des Winters nur die zunehmende Kälte und einige kalte Regenschauer zu verspüren bekommen. Unsere Wagen zirkulieren auf den novemberlichen und nassen Strassen, auf denen der unverminderte Fahrverkehr kaum das Herannahen der Winterszeit vermuten lässt. Die Führung des Wagens ist schwieriger geworden und jene Tükken, die so rasch kleinere und grössere Zusammenstösse nach sich ziehen, lauem zahlreicher auf und an den Strassen. Die Tageszeitungen verkünden in jeder Ausgabe von neuen Vor- und Unfällen in den Verkehrsadern der Städte und auf den belebten Ueberlandstrassen. Sie kommen nur in die Lage, einen Bruchteil jener Ereignisse zu schildern, die speziell in den nassen und kalten Monaten des Jahres von sich reden machen. Nach unserem Ermessen ist es auch nicht notwendig, dass alle Welt und jeder die ewig sich wiederholenden und lakonisch gleichen Unfallmeldungen in iener fraglichen Form, in F E U I L L Die vorletzte Liebe der schönen Frau Erzsebet. (5. Fortsetzung) T O N Roman von Oskar Sonnlechner. Bisher erschienener Inhalt: Der Erzähler*der Geschichte hat sich seit einigen Tagen auf einem ungarischen Landgut als Verwalter niedergelassen. Er ist als Landesfremder noch völlig Neuling in Ungarn. Sein erster, bedeutsamer Bekannter ist der «Herr Vizegespan», ein ungarischer Adeliger. Soeben befindet sich der Fremde bei ihm auf Visite. Er führte mich von Bild zu Bild und machte mich mit jedem einzelnen bekannt. Von jedem gab er mir etwas aus seinem Leben, und so zog ein ahnenstolzes, krigerisches Geschlecht an mir vorüber. Staatsmänner aus der Zeit Stefans des Heiligen, jener dort war mit vier Szökys in der Schlacht bei Mohacs geblieben, dieser da ein vielgenannter Heerführer unter dem Rebellen Rakoczy — er lächelte bei diesem Ausdruck —, der dort mit dem schweren Brustpanzer fiel gegen die Türken, dieser verscholl im Kreuzzug, der sie in der Tagespresse auftauchen, durchliest, um schliesslich einem sinnlosen Konto-Pessimismus zu huldigen. Der täglichen Unfallchronik in der Presse landauf und landab eine weittragende Bedeutung beizumessen verbietet uns das Verantwortungsgefühl gegenüber der Wahrheit, weil eine lakonische Meldung an und für sich entweder zu wenig oder zu viel besagt — zu wenig, um einer exakten Bearbeitung der Unfallursachen als Grundlage dienen zu können, zu viel, da eine Unfallursache sich nicht als nackte Beschuldigung in einem einzigen Satze umschreiben lässt und daher stets ein falsches Licht auf das Ereignis und die Verursacher wirft — Wir lehnen deshalb die übliche Berichterstattung über Verkehrsunfälle ab, wir wehren uns gegen jede seichte und charakterlose Folgerung aus den zahlreichen Unfällen, wir sperren uns gegen den kontomässig entwickelten Pessimismus, versuchen aber die schwere Verantwortung, die im Unfallproblem des Strassenverkehrs innewohnt, auf besondere Weise zu tragen und zu erwecken. Warum Unfallverhütungspropaganda ? Unfälle verhindern kann man durch Anbringen von Schutzvorrichtungen an den Strassenfahrzeugen selbst. Die Sichefuhgsmittel des Verkehrs — angefangen bei den Verkehrsinseln, weitergefahren bei den mannigfaltigen Verkehrssignalen, um schliesslich noch die verkehrsordnende Tätigkeit des Verkehrspolizisten zu nennen — stellen ebenfalls nur einen Teil der Unfallbekämpfung dar. Ueberragend erscheint uns gegenwärtig die Rolle der Verkehrserziehung, diemenschliche Gewohnheiten im Bereich der belebten Strasse und ihrer Unfallgefahren formen will. Wenigstens bei den vernunftbegabten Menschen. Eine intensive Unfallverhütungspropaganda existiert in der Schweiz noch nicht. Ansätze sind da und dort- in Erscheinung getreten — hoffnungsvolle und bescheidene. Wir haben diese stets gebührend gewürdigt. Uebei" den Winterlandsohaft bei St. Moritz. auf drei wies er hin, die als Empörer wider den Kaiser auf dem Schafott endeten, weil sie das « suutn cuique» anders deuteten wie ihr kaiserlicher Herr. Der Pausbäckige oben in der Ecke, mit den hängenden Husarenzöpfen an den Ohren, führte ein reich bewegtes Leben. Zuerst focht er als kaiserlicher Reiterführer unter General Laudon, dann kommandierte er die freiwilligen, unga' rischen Reiter, die auf der Seite Friedrichs des Grossen kämpften, um schliesslich wieder in kaiserliche Dienste zu treten und als kaiserlicher Reitergeneral zu sterben. Jener da mit dem gekrausten, schwarzen Vollbart und der energischen Hakennase fiel gegen Napoleon bei Aspern, und wenige Tage später sein fünfzehnjähriger Sohn bei Wagram. Dort sein Grossvater! Im Revolutionsjahre von russischen Truppen gefangen, wurde er von diesen kurzerhand standrechtlich erschossen. Und nun wies er auf ein prächtiges, modernes Porträt in schwerem GoldTahmen, dem man die Meisterhand ansah. Ein edler, vornehmer Kopf. «Mein Vater.» Nachdenklich blickte mein Hausherr auf das Gemälde. «Er verunglückte auf der Bärenjagd, in der Marniaros. Wert einer Unfallverhütungspropaganda gehen die Ansichten im Volke weit auseinander, nicht aber in der Wissenschaft, die erkannt hat, dass die psychologische Unfallbekämpfung tiefer ins Wesen der Sache greift, als jede andere Methode. Schutzvorrichtungen sind gut, Verkehrssicherungen zweckmässig, Gesetze und Strafen nützlich, aber eine grosszügige Propaganda (im weitesten Sinne des Begriffes) ergänzt und übertrifft alle diese Bemühungen. Den richtigen Wert psychischer Beeinflussung zu richtigem Verhalten im Strassenverkehr kennen wir noch nicht. Wir glauben, etwas Amerikanisches, Allzuamerikanisches vor uns zu haben. Unser Augenmerk richtet sich ja allzusehr auf die Polizeivorschriften und Gesetze zur Verhütung von Unfällen, wir bemühen uns allzunachdrücklich um rechtliche Fragen, die mit den Unfällen in Zusammenhang stehen, obschon wir letzten Endes die Kernfragen doch dem beschlagenen Juristen zur Beantwortung überlassen müssen. Unser öffentliches Interesse ist in die Welt der Gesetze und Vorschriften eingezwängt und vergisst darob das Naheliegendere, das Einfachere und rascher zum Ziele führende. Auch wir dürfen dem Rufe beistimmen: Zurück zur Einfachheit — zurück zum Wesentlichen. Vorbeugen muss unsere primäre Devise sein -r das Heilen hat in den zweiten Rang zu treten, ohne dass dadurch seiner Wichtigkeit Abbruch getan werden soll. (Photo A. Steiner, St. Moritz.) Ueberhaupt,» er wandte sich lebhaft nach mir urn, « selten sterben Szökys eines natürlichen Todes. Soweit ich mich zurückerinnere, war es nur mein Grossonkel Tibor. Infolge seiner Verheiratung trat er in Staatsdienste und starb an Verblödung. > Der Vizegespan stiess die Tür zum Nebengemach auf. «Und nun», er fasste mich unter, «wollen wir zu Tisch gehen. Ich freue mich, einen so lieben Gast und Nachbar bei mir zu sehen, es kommt selten genug vor, dass ich in meiner ländlichen Abgeschiedenheit jemand an meinem Tisch begrüsse.» Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne fielen durch die vergitterten, niedrigen Fenster, als ich ihm gegenüber Platz nahm. Der Tisch, mit fast überladener Eleganz gedeckt, zeigte das Bestreben, mich festlich zu empfangen, und die Speisenfolge war von einer Unerschöpflichkeit, die selbst die Genüsse der Hochzeit zu Kana beschämt hätte. Jedesmal, wenn ich beteuerte, am Ende meiner Kräfte und meiner Leistungsfähigkeit zu sein, schüttelte er den Kopf, immer wieder versichernd, es sei ein Nationalgericht, das ich. noch kennenlernen müsse. Ergebnisse In andern Ländern. Unfallverhütungspropaganda wirbt für sinnvolle Mitarbeit des einzelnen Strassenbenützers an der gemeinsamen Pflicht zur Vermeidung von Unfällen. Die Ergebnisse dieser Propaganda in andern Ländern, deren aktive Bevölkerungskreise den unermesslichen Wert, der in der Methode der psychischen Beeinflussung der Strassenbenützer liegt, zu eigen gemacht haben, sprechen deutlich genug. In den Vereinigten Staaten errechnete man nach einer zwölfjährigen Propaganda eine Verminderung der Unfälle um 75 Prozent. Nach wenigen Propagandajahren stellte man in London eine Abnahme der Unfälle um 24 bis 36 Prozent fest. Die Omnibusgesellschaft der Stadt London weist anhand ihrer Statistiken für die Jahre 1913 bis 1917, d. h. mit dem Einsetzen der Unfallpropaganda durch die Organe der Gesellschaft, eine um 50 Prozent geringere, relativ bemessene Unfallzahl nach. Wie soll die Propaganda durchgeführt werden ? Der Durchführung der Unfallpropaganda stehen eine Anzahl von Methoden zur Verfügung, die sowohl im einzelnen als in einer Kombination ihre volle Berechtigung haben. Wir betonen, dass auch in der Schweiz viele Ansätze zu erfolgreicher Propaganda bestehen, die wir zu schätzen wissen. Propaganda in Wort, Schrift und Bild zur Verhütung von Unfällen soll in erster Linie m der Schule von der untersten Elementarstufe an getrieben werden (Einprägen der Verkehrsregeln, Aufsatz- und Zeichenwettbewerbe, Lichtbilder- und Filmvorführungen). Der gute Wille zu vorsichtigem Verhalten hn Verkehr ist bei den Schülern leicht zu wecken. Nichtmehrschulpflichtige und Erwachsene sind durch Lichbilder- und Filmvorträge erreichbar, wenn die Belehrung mit spannenden und unterhaltenden Elementen gewürzt ist. In Amerika, in England und Deutschland^ ist das Unfallverhütungsbild in den Dienst jener Propaganda getreten, die sich an die grosse Masse der Strassenbenützer richtet. Das deutsche Reichsarbeitsblatt enthält beinahe in jeder Nummer farbige Unfallverhütungsbilder zur Anregung und als Muster zur Verhütung. In Berlin ist eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung zur Herstellung und zum Vertriebe von Unfallverhütungsbildern ins Leben gerufen worden. Auch die englische Plakatpropaganda ist hochentwickelt und appelliert stets mit Erfolg an die primären Gefühle (Hinweis auf Familienglück, auf gesunde und unverletzte Kinder). Sie ist damit besser gefahren als mit Anspielungen auf die Vernunft des Einzelnen. Der Verkehrsfilm ist ein Neuland, weist aber in mehreren Nachbarstaaten und in der Wenigstens kosten! Mit jeder Bewegung, jedem Blick war er der besorgte Hausherr, er legte mir von jedem einzelnen Gericht vor, füllte eigenhändig mein Glas, und bei allem sah man ihm an, dass seine Gastfreundschaft ungekünstelt und aufrichtig war. Zwanglos und ungebunden, ohne jede steife Zurückhaltung und Förmlichkeit, sass er in den unvermeidlichen Reitstiefeln mit übergeschlagenen Beinen in seinem altertümlichen Lehnstuhl mir gegenüber. Sein sonst farbloses Gesicht war durch den Weingenuss und die anregende Unterhaltung leicht gerötet, das Monokel sass im ins Auge geklemmt, wie wenn es ihm ins Gesicht gewachsen wäre, und sich unablässig den Mongolenschnurrbart streichelnd prasselten seine Worte wie Regenschauer auf mich herab. Jedoch in seinem unermüdlichen Redeschwall achtete er peinlich darauf, dass mein Glas nicht leer werde. Die Dunkelheit kroch durch das niedrige Zimmer, so dass ich das Bild meines redseligen Hausherrn in seinem hohen Lehnstuhl kaum mehr ausnehmen konnte; nur hie und da glühte das Feuer seiner Zigarette, wenn er daran sog. Ich stiess nach einer Zi-