Aufrufe
vor 4 Monaten

E_1931_Zeitung_Nr.100

E_1931_Zeitung_Nr.100

Ausgabe: Deutsche Schweiz BERN, Dienstag, 8. Dezember 1931 Mit Autler-Weihnachten Nummer 20 Cts. 27. Jährgang. — N° 100 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint ieden Dlenstao und Frefttfl Monatlich „Gelbe liste" Halbjährlich Fr. 5.—. Jährlich Fr. 10.—. im Ausland unter Portosroschteg, REDAKTION n. ADMINISTRATION: Breltenralustr. 97, Bern Miern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung SO Rappen. Postcheck-Rcchnung II1/414. Telephon Bollwerk $9.84 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern INSERTIOXS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzelle ode* deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 00 Ct». Grfissere Inserate nach Seitentarlt. Inseintenschluss 4 Tan» vor Erscheinen der Nnmmern Die ünersätt chkeit des Fiskus Ein neuer Vorstoss gegen das Automobil. Vor wenigen Wochen haben wir auf Grund eines reichhaltigen und sorgfältig zusammengetragenen Zahlenmaterials festgestellt, dass die Motorfahrzeugbesitzer im Jahre 1930 an Steuern, Abgaben und Zöllen, welche ausschliesslich mit dem Betrieb von Automobilen und Motorrädern zusammenhängen, die gewaltige Summe von 82 Millionen Franken an den eidgenössischen und kantonalen Fiskus abgeliefert haben. Darunter figuriert als einer der fettesten Posten die Einnahme des Bundes aus dem Benzinzoll mit 35 Millionen Franken.. Angesichts der übrigen Steuerlast, welche die Motorfahrzeugbesitzer gleicherweise wie alle anderen Bürger und Einwohner der Eidgenossenschaft tragen, sollte man wirklich annehmen können, dass das Mass nun reichlich voll und die Steuerschraube scharf genug angezogen ist. Der eidgenössische Finanzminister Musy scheint diese Auffassung aber keineswegs zu teilen, denn in seinem Rapport an die Finanzdelegation der eidg. Räte fasste er eine weitere Erhöhung des Benzinzolles ins Auge. Obwohl das Gleichgewicht im Budget erzielt werden konnte und das Rechnungsjahr 1931 mit einem Ueberschuss abschliessen wird, so befürchtet Bundesrat • Musy angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Lage etwelche Rückschläge und will sich durch erhöhte Einnahmen den Rücken decken. Zu diesem Zweck hat er zwei Weiterungen in den Zollpositionen vorgesehen, nämlich eine Erhöhung auf Malz und auf Benzin. Zu diesem Entschluss führt aber ein eigenartiges Gedankenlabyrinth. In seinen Ausführungen an die Finanzdelegation unterstreicht er die schweren Folgen, welche eine weitere Belastung der steuerzahlenden Bevölkerung in diesen Zeitläufen haben könnte. Er fügt deshalb gleich bei, dass, nachdem dem Volke bereits eine Steuerleistung von einer Milliarde und hundert Millionen Franken zugemutet ist, es eine nationale Pflicht sei, jede Steuermassnahme zu vermeiden, welche die Lebenshaltung verteuern könnte. Ja er geht in seiner Erkenntnis sogar so weit, dass er zugibt, es wäre sehr notwendig, die Steuerlasten vermindern zu können, um die Krise etwas abschwächen und erleichtern zu helfen. Als Mittel, um die Lebenshaltung nicht zu erschweren, nennt er eine Zollerhöhung F E U I L L E T O N Die vorletzte Liebe der schönen Frau Erzsebet. Roman von Oskar Sonnlechner. (10. Fortsetzung) Im Hintergrund beim Fenster, halb abgewandt von mir, sass eine untersetzte, breitschulterige Gestalt, vor sich einen Notenständer, die Geige unter dem Kinn eingeklemmt, die nackten Beine in einem wassergefüllten Holzbottich. Unbekümmert um mich spielte er weiter. Ich stand still und lauschte. Endlich setzte er ab. Er legte sein Instrument auf das verschossene grüne Ripssofa neben sich, nahm meine Visitkarte, die dort lag, stülpte sich einen Kornkneifer auf die Nase und studierte sie. Langsam und bedächtig drehte er den Kopf zu mir und betrachtete mich prüfend über das Glas hinweg. «Sie wünschen?» «Ich nehme mir die Freiheit, dem Herrn Oberst meine Aufwartung zu machen. Ich ^pmme von Nagyfalva, bin also der Nachbar aes Herrn Oberst und ...» «Oh, oh, oh, entschuldigen Sie den Zustand, in dem Sie mich antreffen, wenn ich gewusst hätte ... nehmen Sie Platz ... Polifka! Polifka!» Mit Donnerstimme dröhnte es durch das Haus. auf Malz für die Bierzubereitung und auf das Benzin! Als ob Benzin und Malz in die nämliche Warenkategorie der entbehrlichen Genussmittel gehörten! Diese eigenartige Auffassung über die Rolle des motorischen Betriebsstoffes deckt- sich zwar mit der bisherigen Haltung unseres Finanzministers diesem Zollobjekt gegenüber. Ungeachtet eines Artikels 29 in der Bundesverfassung, welcher betr. der Erhebung von Zöllen vorschreibt, dass die für die inländische Industrie und Landwirtschaft erforderlichen Stoffe im Zolltarif möglichst gering zu taxieren seien, dagegen die Gegenstände des Luxus den höchsten Taxen unterliegen, ist unter seiner Aegide der Zoll für Benzin ungeheuer gesteigert worden. Ungeheuer sagen wir, nachdem heute, verglichen mit dem Einstandspreis auf dem Weltmarkt, der Zoll rund 200 Prozent ausmacht und sich, am zur Zeit auf dem schweizerischen Markt ausnahmsweise und unnatürlich billigen Preis gemessen, sogar einer dreihundertprozentigen Belastung nähert! Ungeheuer sagen wir, auch im Vergleiche mit allen übrigen europäischen Ländern, da wir neben Schweden weitaus den höchsten Tribut für den Benzinkonsum an den Staat abliefern. Wer aber anderseits so sehr über die wirt" schaftlichen Verhältnisse im Lande orientiert ist, wie dies wohl für Bundesrat Musy zutrifft, und so genau den Pulsschlag der schweizerischen Wirtschaft kennt und verfolgt, der weiss auch ganz genau, dass das Automobil kein Luxusfahrzeug und der Betriebsstoff kein Luxusartikel ist. Die 130 000 Motorfahrzeuge und die fast 160 Millionen Kilogramm Benzin, welche in einem Jahr benötigt wurden, reden eine allzu deutliche Sprache. Um sich aber doch noch Freunde für sein Projekt zu sichern, führt der Finanzminister die Konkurrenzierung der Bahnen durch das Auto ins Feld! Wir können aber kaum glauben, dass es ihm mit diesem Argument so richtig ernst sein kann. Einmal fehlt ihm jede gesetzliche Grundlage, um einen wichtigen Zweig der Verkehrswirtschaft schwer zu schädigen, um einem andern doch nicht die, in der Weltkrise verankerten Schwierigkeiten abnehmen zu können. Dann hätte er genügend Grund, um beim Budget der Bahnen Der Cellospieler sprang dienstbeflissen mit Tüchern in der Hand herein und begann die Beine seines Herrn trocken zu reiben. «Gleich bin ich zu Ihrer Verfügung. Einen Augenblick.» Ich hatte Müsse, meine Umgebung zu betrachten. Einfache, schlichte Möbel im Biedermeierstil, krumme, geschwungene Tischbeine, etwas verschossene Ripsbezüge, schmale, eingelegte Bilderrahmen, bauchige Kommoden, saubere, weissgefältelte Musselinvorhänge, Stutzuhren, altertümliche Kreuzstichkissen, an den Wänden Bild an Bild. Sichtlich alles Erinnerungen eines alten Reiteroffiziers. Pferde, Pferde und nochmals Pferde. Eine Steeplechase, Gruppen von Offizieren, zahlreiche einzelne Offiziersbilder, englische Sportstiche, eine Attacke, Diplome, gekreuzte Säbel, Stammbäume, Reitzeug... und über allem in prächtigem Goldrahmen das Bild Seiner Majestät des Kaisers in der Uniform seines Dragonerregimentes. In der einen Zimmerecke stand ein kurzer Spinettf'.ügel, und über demselben an der Wand eine gelbliche Beethoventotenmaske, darunter in schmalen, ovalen Rähmchen drei Köpfe in Scherenschnitten — Haydn, Mozart, Schubert. Der Herr des Hauses, eine mittelgrosse, ergraute, aber stattliche Erscheinung, jede Linie an ihm, jede Bewegung der gewesene Offizier. Scharfe, kantige Gesichtszüge, kurzgeschnittenes, ergrautes Haupthaar, ein selbst den Hobel anzusetzen und endlich... ist das Finanzdepartement unseres Wissens nicht für die Bahnen verantwortlich. Herr Musy will einfach seiner Massnahme ein Mäntelchen umhängen, um damit paradieren und sein Ziel leichter erreichen zu können. Ihm ist aber letzten Endes doch nur um die Füllung seiner Kasse und wenig um die Bahnen selbst zu tun. Er will die Pille aber, auch auf andere Weise versüssen, indem er die Zollerhöhung auf die leichte Schulter nehmen möchte. Er glaubt, dass diese Mehrbelastung das Automobil und den Lastwagen nur «teilweise berühren werde » und fügt gleichzeitig hinzu, dass der Mehrzoll auf Malz und Benzin eigentlich keine wichtige Neueinnahme bedeute und im günstigsten Fall so etwas um die- zehn Millionen Franken einbringen werde. Wenn der Aufwand, das heisst die zu erwartende Schädigung des Automobilverkehrs, dem Ergebnis, also der Mehreinnahme nicht annähernd entspricht, dann ist es vom finanziellen und wirtschaftlichen Standpunkt aus auch nicht gerechtfertigt, die Massnahme überhaupt zu wagen. Ist der Ertrag kein grösserer, dann wird damit auch die Eisenbahn nicht vor einer weiteren Automobilkonkurrenz gefeit und es müssten, um konsequent zu bleiben, weitere Erhöhungen folgen. Ob aber überhaupt eine Mehreinnahme erzielt wird, steht noch im weiten Feld. Das Beispiel Deutschlands ist in dieser Beziehung drastisch genug. Die dortige Automobilwirtscrratt ist innerhalb anderthalb Jahren mit verschiedenen Steuererhebungen belegt worden. Nicht genug, dass Automobilfabriken, Montage- und Reparaturwerkstätten wegen entsprechend geringerer Verwendung von Motorfahrzeugen die Zahl der Arbeiter stark einschränken mussten, so wird der Ausfall an Steuereinnahmen, den Reich und Länder als Folge zu tragen haben, auf 200 Mill. Mark geschätzt. Man hat den Bogen der fiskalischen Belastung überspannt und das Resultat ist, anstatt eine Mehreinnahme, ein unerwarteter und bedenklicher Rückgang. Dass ein verteuerter Automobilbetrieb die Lebenshaltung nicht beeinflussen werde, wird auch Herr Musy kaum annehmen. Schon die eidg. Betriebszählung vom Jahre 1929 zeigt, dass jeder fünfte schweizerische Betrieb ein Motorfahrzeug verwendete, dass im Dienste von 8500 Fabriken 7100 Kraftfahrzeuge standen. Seither haben sich diese Verhältnisse noch beträchtlich im Sinne einer stärkeren Motorisierung der Betriebe verändert. Da gerade in Betrieben mit beschränkter Zahl leicht hochgezogener, gestutzter Schnurrbart. Kurzer Lodenrock mit schmalem, dunkelgrünem Kragen, der so gar nicht in die Eintönigkeit der ungarischen Tiefebene hineinpasste. Der alte Herr hatte sich erhoben, trat mit jugendlicher Behendigkeit auf mich zu und reichte mir die Hand. «Behalten Sie Platz, ich setze mich zu Ihnen. Nur niedersetzen! Nach dem Klang Ihres Namens und nach Ihrem ganzen Aeusseren sind Sie kein Einheimischer. Also ein Mitteleuropäer. Also richtig geraten. Und nun erzählen Sie, was Sie hierher verschlug.» Die Beine übereinandergeschlagen, die gefalteten Hände im Schoss, nur hie und da mit dem Kopf nickend, hörte er mir schweigend zu. Nur als ich den Namen des verstorbenen, braven Verwalters erwähnte, wurde er mit wenigen Worten gesprächig. Er habe ihn gekannt und geschätzt. Ein alter Kavalleriewachtmeister. Da könne nichts Schlechtes herauskommen. «Und wenn ich mich dem Herrn Oberst noch im besonderen vorstellen dürfte.» Ich stand auf. «Ich bin Reserveoffizier im Dragonerregiment, das lange die Ehre hatte, vom Herrn Oberst geführt zu werden.» Mit freudiger, fast verklärter Miene erhob sich der alte Herr, mit beiden Händen ergriff er meine Rechte und schüttelte sie, dass mir fast der Atem verging. Die Augen wurden ihm feucht. von Angestellten das Motorfahrzeug eine wichtige Rolle spielt und die Transport- und Frachtspesen ein massgebender Posten in der Unkostenrechnung darstellen können, so wird doch niemand glauben, eine Mehrbelastung des Transportkontos habe keinerlei Beeinflussung der Preise zur Folge. Schon aus diesen wenigen Ueberlegungen heraus, die übrigens noch nach mancher Richtung zu ergänzen sind, müssen wir mit aller Entschiedenheit Front machen gegen das geplante Finanzmanöver. Es bleibt uns zwar gleichzeitig noch die tröstliche Qewissheit, dass Herr Musy auch in diesem Falle ausschliesslich seine höchstpersönliche Ansicht geäussert hat, ohne dass dies die Meinung des gesamten Bundesrates wäre. Da sich aber der Finanzminister in letzter Zeit sehr in Meinungsäusserungen gefällt, die im obersten Kollegium nicht beraten waren, oder gar dessen Zustimmung fanden, so ist auch von dieser Seite noch ein Korrektiv zu erwarten. Der Vorschlag ist aber ein erneutes Signal an alle Motorfahrzeugfahrer und -besitzer, sich einmütig zusammenzuscharen, um dieses und ähnliche Ansinnen mit entsprechender Kraft parieren zu können. b. Vom Autoverkehr Schweiz—Oesterreich. Die österreichische Kraftwagenabgabe fällt." Durch ein neues österreichisches Bundesgesetz vom 28. Januar 1931 wurden nlcbtösterreichische Kraftfahrzeuge, wenn ihr Aufenthalt in Oesterreich in einem Kalenderjahr 60 Tage überschritt, in gleicher fiöfc» wie die österreichischen Kraftfahrzeuge besteuert. Dem kleinen Grerizverkehr wurden dadurch Hindernisse in den Weg gesetzt, die man im schweizerischen Rheintal besonders empfand. Diese Erschwerung des Grenzverkehrs konnte nicht mit Gegenseitigkeit begründet werden. Die Sektion St. Gallen-Appenzell des A.C.S. gelangte mit Eingaben an die massgebenden Instanzen und auch direkt an das Bundesfinanzamt in Wien, um, gestützt auf Paragraph 36 des nämlichen Gesetzes, Abweichungen von diesen Bestimmungen zu erlangen. Nun kommt die amtliche Mitteilung aus Wien, dass bis auf weiteres mit der Bemessung der Kraftwagenabgabe von ausländischen Personenkraftfahrzeugen zugewartet werde. Der Eigentümer des Kraftwagens muss jedoch seinen Wohnsitz in der Schweiz oder in Liechtenstein haben, und der Standort des Wagens muss sich in einem der genannten Staaten befinden. Auf Grund dieser Entscheidung entfällt somit auch bei solchen «Jetzt sei mir doppelt und dreifach und hundertmal willkommen. Du kommst aus meiner Welt, aus meinem Leben in meine Einsamkeit. Setzen! Setzen!» Mit einem Ruck drehte er sich zur Türe um, und mit einer Stimme, die ein Regiment kommandiert hätte, schrie er es hinaus. «Polifka! Polifka!» In das Zimmer schnellte der Offiziersdiener und stand mit den Fingern an der Hosennaht. «Ein Herr vom Regiment! No, was sagst du jetzt, Polifka? Was sagst du jetzt?» «Zu Befehl, Herr Oberst,» grölte es zurück, während ein seliges Lächeln über das feiste, glattrasierte Gesicht des ergrauten Dieners ging, der steif wie eine Bildsäule stand. «Du wirst es erlauben,» kam es dem alten Soldaten freudig von den Lippen, «dass ich dich, wenn wir auch beide in Zivil, nach den Gebräuchen der Tradition mit Du anspreche.» Mit der Lebhaftigkeit eines Jünglings, mit freudestrahlender Miene, gab sich mir nun der alte Herr hin. In den verschnörkelten, altertümlichen Stühlen hockten wir beisammen. Ich musste immerfort erzählen, erzählen und erzählen. Die Sonne sank schon am Horizont. Durch das vergitterte Fenster sah ich unten mein schlafendes Gespann. Im Schatten des einzigen Baumes, der vor dem Tore stand, schlummerte auf dem Bock Jan Szivak, und neben ihm, auf einer Futterkrippe,, sass Pinkas Katzenstein, holte jeden Augen-