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E_1931_Zeitung_Nr.103

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Ausgabe: Deutsche Schweiz BERN, Freitag. 18. Dezember 1931 Gelbe Lnsis Nummer 20 Cts. 27» Jahrgang. - N° 103 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Enchetnt Jeden Dienstag und Freitag Monatlich „Gelb» Liste" HMbJihrllen Fr. 5.—, Jährlich Fr. 10.-. Im Ausland unter Portowschlag, Mtarn nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 REDAKTION n. ADMINISTRATION: Drcitcnrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnung HI/414. Telephon Bollwerk S9.S4 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern Wirtschaftlichere Steuerpraxis, bitte! Es ist eine internationale Erscheinung, dass das Automobil von den Steuerbehörden aller Länder als ein besonders interessantes und einträgliches Objekt betrachtet und dementsprechend in das Steuersystem eingestellt worden ist. Es mag für unsere Automobilisten ein allerdings recht schwacher Trost sein, dass man nicht nur bei uns das Motorfahrzeug als eine unversiegliche Einnahmequelle taxierte und demzufolge die Steuerschraube auf Kosten des Automobilbesitzers und -fahrers ständig mehr anzog, bis sie mit dem heutigen Stand eine Beanspruchung ergibt, wie sie kaum einem anderen Steuerobjekt zugedacht worden ist. Ebenso universell ist nun aber als Folge der gespannten wirtschaftlichen Lage eine Reihe von Krisenerscheinungen, welche deutlich darauf hinweisen, dass die Belastung, welche dem Fahrzeuginhaber zugemutet wird, tatsächlich ihre äusserste tragbare Grenze erreicht oder gar überschritten hat. Die verlangsamte Motorisierung in den meisten europäischen Ländern ist hierfür ein untrügliches Zeichen, da in Ländern wie Deutschland, England und der Schweiz noch lange nicht von einer Sättigung des Marktes gesprochen werden kann, welche eine weitere Aufnahmefähigkeit ausschliessen würde. Die steuerliche Belastung aber, welche zusammen mit den Versicherungen das Betriebskonto zum vorneherein mit einer erklecklichen Summe belasten, lässt Tausende von Interessenten in den jetzigen Zeiten die Anschaffung eines Wagens immer wieder hinausschieben. Die vorzeitige, d. h. vor Ende des Jahres einsetzende Abmeldung von verkehrsberechtigten Wagen, welche gerade in Deutschland in den vergangenen Monaten nahezu katastrophale Dimensionen angenommen hat, ist ein weiterer Beweis. Sobald das Fahrzeug der Witterung oder ruhigerem Geschäftsgang wegen nicht mehr voll ausgenützt werden kann, bedeutet die Steuer eine zu schwere Belastung und der Wagen wird vorzeitig in die Remise gestellt. Das Ergebnis? Ein volkswirtschaftlicher Ve-lust, indem das Motorfahrzeuggewerbe und der Handel durch verminderten Verbrauch einen Einnahmeausfall erleiden und dazu eine ganz empfindliche Senkung der staatlichen Einnahmen aus Motorfahrzeugsteuern. Deutschland hat beiipielsweise allein im Monat Oktober einen Jteuerausfall von 2 Mill. Mark gegenüber dem Vorjahr erlitten und für die beiden restlichen Monate des Jahres wird dieser als noch viel grösser vorausgesagt. Die Reaktion auf diese vielfältigen Erscheinungen blieben im Auslande nicht aus. Von überall her werden Eingaben und Vorschläge gemeldet, welche eine gerechtere und leichtere Steuerpraxis fordern. In Frankreich wurde in der Kammer ein Vorschlag deponiert, um die Steuer in eine ausgesprochene Verbrauchssteuer umzuwandeln. In Italien hat man eine Steuerreduktion für ältere Wagen gutgeheissen. In England und Deutschland trat man mit aller Energie für die Einführung der monatlich zu entrichtenden Steuer ein. Wie wir in letzter Ausgabe noch mitteilen konnten, hat der deutsche Verkehrsminister seinem Kollegen vom Finanzdepartement den Vorschlag zur monatlichen Ratenzahlung der Automobilsteuern unterbreitet und hat dieser sein prinzipielles Einverständnis bereits abgegeben. Es ist somit auf Neujahr mit der Einführung des neuen Zahlungsmodus zu rechnen. Bemerkenswert sind die in beiden Ländern zugunsten einer monatlichen Auflage der Steuer ins Feld geführten Argumente, welche sich durchwegs decken: Es werden bereits auf 1. Oktober massenhaft Fahrzeuge abgemeldet, um der Zahlung der Steuer für die restlichen drei Monate des Jahres öder sogar die folgenden sechs Monate zu entgehen, weil entweder die Möglichkeit oderdie Absicht nicht vorhanden sind, das Fahrzeug durchgehend zu benützen. Da es nicht möglich ist, einfach auf Ende irgend eines Monats den Betrieb ohne Steuerverlust einzustellen, richtet man sich nicht nach den eigenen Bedürfnissen, sondern nach dem Steuertermin. Es werden darum Tausende von Fahrzeugen schon am 1. Oktober aus dem Betrieb genommen, welche je nach Witterungs- und Geschäftsverhältnissen bis Ende November und bereits im kommenden Februar wieder benützt wü-den. Damit geht allein schon dem Fiskus eine Summe verloren, die zahlenmässis: ziemlich genau festgestellt werden kann. Im weiteren emp'indet es der Automobilist als ungerechtfertigte Härte, dass er ausgerechnet für das Fahrzeug und sonst für nichts anderes die Steuer für zwölf oder sechs Monate zum voraus entrichten muss. Fernerhin ist bekanntlich auch die finanzielle Belastung jedes Familienvaters und der meisten Geschäftsleute auf Ende oder Beginn eines Jahres die grösste, weil Zahlungen aller Art sich häufen. Es fällt deshalb vielen schwer oder ist ihnen gar unmöglich auch noch die Steuer und Versicherung für das Auto im gleichen Zeitpunkt voll zu entrichten. Der Staat hat sich bis jetzt der Einführung der monatlichen Steuer einfach aus Bequemlichkeitsgründen verschlossen, ohne auch nur ein triftiges Argument dagegen anführen zu können, da auch die Steuertechnik und -admihistration eine monatliche Erhebung zu bewältigen vermag. Durch diese Bequemlichkeit und das Beharrungsvermögen der Staatsmäschinerie sind dem Fiskus in den letzten Jahren Beträge entgangen, welche sich im Laufe der Zeit auf Millionen beziffern. Die heutige Zeit fordert grösste Sparsamkeit und beste Ausnützung der Einnahmequellen auch durch den Staat, weshalb kein günstigerer Zeitpunkt für die Neuerung gewählt werden könnte. Alle diese Argumente könnten die schweizerischen Motorfahrzeugbesitzer Wort für Wort mitunterzeichnen. Typisch und für uns bedenklich ist nur, dass es im Ausland mit der Steuerpraxis noch nicht einmal so schlimm bestellt ist wie bei uns. Es besteht nämlich in den beiden vorgenannten Staaten, wie übrigens in manchen weiteren Ländern, bereits das System der vierteljährlichen Ratenzahlung. Weder der deutsche noch der englische Fahrer ist also genötigt, am Neujahr für die ganzen folgenden zwölf Monate die Steuer zum voraus zu entrichten, sondern es ^rmcht nur für drei Monate zu berappen und kann immer wieder vierteljährlich seine Verkehrsbewilligung erneuern. In England kann man ^ sogar bereits seit längerer Zeit auch eine monatliche Lizenz erhalten, wenn das Fahrzeug jeweilen im letzten Monat eines Quartals in Betrieb genommen wird. EVSERTFIOVS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Raunt 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland 60 Ctfc Grössere Inserate nach Seitcntarit. InseiAtcnsebiusg 4 Tage vor Erscheinen der Nummern Wie steht es dagegen bei uns? Ganz im Argen! Eine vierteljährliche Steuer kennen einzelne Kantone nur dann, wenn das Fahrzeug nach dem 1. Oktober in; den Verkehr kommt. Wer aber auf Neujahr oder innerhalb des ersten halben Jahres den Wagen benützen will, der zahlt bei Heller und Pfennig die Steuer für das ganze Jahr zum voraus. Für die Staats- und Gemeindesteuern ist die Abzahlung pro Quartal möglich. Bei sofortiger Entrichtung gewähren einzelne Stadtverwaltungen sogar noch einen Diskont. Bei der Automobilsteuer findet man die durch nichts gerechtfertigte Härte der ganzjärrlich zum voraus zu entrichtenden Steuer als in Ordnung. Wir haben schon Dutzende von Malen auf die besonderen Verhältnisse in unseren Bergkantonen hingewiesen, wo wegen den gewaltigen Schneemassen und der ungenügenden Pfadung an eine Verwendung des Motorfahrzeuges gewöhnlich während Monaten nicht zu denken ist. Das berührt aber unseren Fiskus nicht und er streicht seelenruhig und mit der grössten Selbstverständlichkeit die Steuer ein, ob das Auto in der Garage stehen muss, oder verwendet werden kann. Wäre es nicht auch in der Schweiz an der Zeit, sich die wirtschaftlich nur allzuwahren Ueberlegungen zunutze zu machen, welche das Ausland im Interesse seiner Staatskasse und der steuerzahlenden Bürger macht? Wir könnten eine gegenteilige Stellungnahme unserer kantonalen Behörden verstehen, wenn ihnen mit der Aenderung im Steuereinzug ein Einnahmeverlust entstehen könnte. Dabei ist dies gar nicht der Fall, sondern es besteht nicht nur die Möglichkeit, sondern die absolute Gewissheit, dass viele Automobilisten einige Monate im Jahr länger ihren Wagen benützen, weil sie sich nicht an Semesteroder Quartalstermine halten müssen. Damit ist auch dem Staate eine vermehrte Einnahme gesichert. Es müsste dabei gar nicht so «revolutionär» vorgegangen werden, dass man nun von der jährlichen auf die monatliche Zahlung umstellt, sondern es würde schon als wesentlicher Fortschritt von den Motorfahrzeugbesitzern empfunden, wenn wenigstens das englische System eingeführt werden könnte, wonach die Verkehrsbewilligung vierteljährlich und bei Anmeldung im letzten Monat des Quartals für vier Monate (den letzten im laufenden Quartal und die drei folgenden des neuen Quartals) bezogen werden kann. Die Forderung ist also keineswegs zu weitgehend. Es braucht nur etwas guten. .Willen .und, auch nur einigermassen Verständnis der Behörden für die jetzige schwierige Lage, welche die Automobilfahrer durch die Härten der Motorfahrzeugsteuer doppelt trifft. B. Erscheinungsweise während der Festtage: Wegen der Weihnachts- und Neujahrs» feiertage erscheint die «Automobil-Revue» in den beiden letzten Dezemberwochen nur einmal wöchentlich, und zwar Je Dienstag den 22. und 29. Dezember. Wir bitten Korrespondenten und Inserenten diese Aenderung berücksichtigen zu wollen. Die vorletzte Liebe der schönen Frau Erzsebet. Roman von Oskar Sonnlechner. (13. Fortsetzung) «Du hast mir Glück gebracht.» Sein Gesicht leuchtete. «Vierzehn Tage haben sie geb aucht, bis sie mich umlegten. So lange hielt ich es noch nie aus. Nur war ich diesmal schlauer wie sonst. Die ersten Tage war ich der grosse Herr im Bac und habe einen nach dem anderen auf den Bauch gelegt, und da habe ich für Frau von Tolnay etwas gekauft.» Er klopfte mit der Hand auf seine Brusttasche. «Denke dir nichts Schlechtes, denn Frau von Tolnay ist eine unnahbare Göttin. Aber ich will ihr eine Freude machen. Na! Und wie sie mich nachher abgesotten haben, da blieb mir ausser ein paar fälligen Bons doch wenigstens etwas für die Erzsebet übrig. Aber noch eines brachte ich dieses Mal ausser den Bons und meinem Geschenk mit. Einen Katzenjammer. Keinen grossen, einen kleinen. Das erstemal in mei- |nem Leben. Weisst du, ich glaube, das ist eine Alterserscheinung.» Der Vizegespan rieb sich nachdenklich das Kinn. «Freilich, wenn Ich bedenke...» «Wieso hast du mich überhaupt gefunden?» lenkte ich das Selbstgespräch meines Gegenübers ab. «Weisst du, Bruderherz, ich ritt zu dir hinüber, um zu sehen, was du eigentlich machst, und dann ritt ich dir nach. Also, wie geht's? Sage einmal, hat der Oberst zu dir etwas über mich gesprochen?» «Kein Wort, Gyuri bäesi,» log ich, um mir zu helfen. «Na! Und sagte er etwas von Frau von Tolnay?» Mir schien es, der Gyuri bäesi sähe lauernd zu mir herüber. «Er fragte mich nur, ob ich dort schon Besuch machte.» «Sonst nichts?» «Sonst nichts.» Unklare Gedanken huschten mir durch den Kopf. Was ging zwischen den beiden Männern vor? Der Vizegespan winkte Jan Szivak heran, schwang mit jugendlicher Gewandtheit ein Bein über den Kopf seines Pferdes und glitt aus dem Sattel. Der Slowak übernahm verständnisvoll die Zügel und führte den schwitzenden Gaul zur Seite. «Gyuri bäesi,» unterbrach ich das Stillschweigen, «du hast mir den Goldfuchs geschickt. Den «Attila». Ich weiss gar nicht, wie...» Er hob mit gravitätischer Gebärde abwehrend die Hand. «Ich habe bereits nach Wien geschrieben, um mich bei Ihnen zu revanchieren, soweit das bei einem so füfst- Iichen Geschenk überhaupt möglich ist.» «Erstens, lieber Freund, bist du mit mir per Du und nicht per Sie, zweitens, lieber Freund, ist das vielleicht in eurer Heimat so Sitte, bei uns nicht, und drittens, lieber Freund, schaue dir mein Pferd an, das der Szivak da herumführt. Das ist der Bruder von deinem «Attila». Du erkennst ihn an den weissen Strümpfen. Heute früh habe ich ihn dem Katzenstein verkauft, denn ich kam ein bisschen geschwächt aus Budapest zurück. Schau', Bruderherz, da ist es doch gescheiter, du hast den «Attila», ehe der Jud den auch noch bekommt.» Unwillkürlich zuckte ich bedauernd die Schultern. «Darf ich neugierig sein, Gyuri bäesi, und fragen, was er für den Gaul zahlte?» Er schüttelte lachend den Kopf. «Sage ich dir nicht. Ich weiss, du hättest mir mehr gegeben, aber mit Freunden mache ich keine Geschäfte. Und dann.... der, Jud will auch leben bei der Gelegenheit. Du bist doch nicht beleidigt, wenn ich Schwab, zu dir sage? Weisst du, das sagt man in Ungarn zu einem, der deutscher Abstammung ist. Scherzhaft, drollig, aber keineswegs herabsetzend oder gar beleidigend.» Der Vizegespan zog seine goldene Zigarettentasche und reichte sie mir herüber. Dann hockten wir uns beide in dem kleinen Schattenkreis, Seite an Seite, nieder und bliesen schweigend den Rauch vor uns, während der Slowak unermüdlich in der Sonnenglut den Gaul hin und her führte und ihm dabei mit einem abgebrochenen Zweig die Fliesen abstreifte. «Hast du alle deine Besuche bereits erledigt,» wandte sich der Vizegespan plötzlich an mich. «Alle, Gyuri bäesi.» Er nickte befriedigt, als ich ihm von der Aufnahme erzählte, die ich -überall gefunden hatte. «Alle, bis auf den Besuch bei meinem nächsten Nachbar, bei Tolnay. Denn dort wolltest du mich selbst einführen. Hoffentlich wird man dort meine Versäumnis entschuldigen.» «Da kannst du ganz beruhigt sein, Schwab. Denn weisst du... denn weisst du, Schwab,» er rieb sich nachdenklich das Kinn, «ich muss ohnehin,» ich sah, er wusste nicht recht, wie er sich ausdrücken solle, «weisst du was, am besten, ich nehme dich morgen mit. Ich komme mit meinem Wagen zu dir, und wir fahren zusammen zu Tolnays. Ich komme um 4 Uhr. Einverstanden? — Also abgemacht. Aber weil wir gerade davon reden, amice, wie gefallen dir die Frauen bei uns? Gibt's so etwas bei euch?» Ich verneinte natürlich. So viel Lebenserfahrungen hatte ich schon gesammelt, und wenn 1 ich dem Gyuri bäesi versichert hätte, meines Wissens sei die Venus von Milo eine geborene Szentivany, er hätte es wörtlich genommen. «Aber, was du bis jetzt gesehen hast, das ist gar nichts. Warte bis morgen.» «Herr Vizegespan, du meinst wahrscheinlich Frau von Tolnay?»