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E_1933_Zeitung_Nr.002

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Ausgabe: Deutsche Schweiz BERN, Freitag, 6. Januar 1933 Nummer 20 Cts. 29. Jahrgang — N° 2 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dlenstaa und Freltaa Monatlich „Gelbe Llsto" Halbjährlich FT. 5.—, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozuschlag, sofern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 REDAKTION u. ADMINISTRATION; Breitenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Hechnunz HI/414. Telephon 2S.222 Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern \ INSERTIONS-PREIS: Dt« achtgespaltene 2 mm hohe Grundzelle oder deren Raum 45 Cts. für die Schweiz; für Anzeigen aus dem Ausland SO Cts Grosse« Inserate nach Seitentaril. Inseratenscblnsg 4 Tage vor Rrschelnen der Nummern Das Nord - Süd - Alpenstrassen - Projekt Ein dringliches schweizerisches Verkehrs Problem. Man kommt nicht um die Feststellung der betrüblichen Tatsache herum, dass die Schweiz schon heute während des Winters vom internationalen autotouristischen Verkehr, der Nord-Süd verläuft, umfahren wird. Gerade der Nord-Süd-Verkehr ist aber im Winter bedeutungsvoll, denn die in erster Linie besuchten Fremdenorte liegen an der französischen und italienischen Riviera. Ein internationaler touristischer West-Ost-Verkehr im Winter existiert kaum. Sehen wir die vielen deutschen Wagen •z. B., die im Winter an der Riviera zirkulieren, so fragen wir uns, auf welchem Weg sie dorthin gekommen sind. Einmal sicherlich nicht durch die Schweiz, oder dann doch nur zum allerkleinsten Teil. Haupt-Nord-Süd-Verbindungsstrasse über die Alpen ist heute der Brenner, eine Tatsache, die sich nun einmal nicht bestreiten lässt. Diese bevorzugte Stellung im Reiseverkehr hat er sich durch seine ganzjährige Befahrbarkeit geschaffen. Es ist dies nur ein Beweis mehr für die ausserordentliche Weitsichtigkeit italienischer Verkehrspolitik, dass sie ohne lange Untersuchungen und Verhandlungen ganz einfach dafür sorgte, dass der Brenner das ganze Jahr für den Automobilyerkehr geöffnet blieb. Gegenüber dieser direkten Route, die von München nach Venedig oder Mailand—Genua ein schlankes Durchfahren ermöglicht, kann die Schweiz mit ihren reichlich komplizierten und teuren Tunneltransporten nicht aufkommen. Es scheint vorläufig noch ziemlich zwecklos zu sein, bei den S. B. B. vorstellig zu werden, um Vereinfachung, Verbilligung und grössere Raschheit bei den Tunneltransporten für Autos zu erreichen. Eine Aenderung der heute bestehenden Bestimmungen wird so lange als unmöglich hingestellt, bis der Durchgangsverkehr die Schweiz einmal gänzlich meidet. Dann vielleicht wird es möglich sein, unter viel schlechteren Bedingungen Erleichterungen für den Bahnverlad von Automobilen zu schaffen. Aber bis dahin fährt noch mancher Zug ohne Autos durch den Gotthardtunnel. Uebrigens sei der S. B. B. empfohlen, sich einmal in Oesterreich zu erkundigen, wie dort vorbildliche Erleichterungen für den Autotransport, z.B. durch den Tauerntunnel, geschaffen wurden. Vorläufig haben wir uns mit den heute bestehenden Verhältnissen abzufinden, und die zwingen uns, einen gangbaren Weg zu suchen, um den internationalen Nord-Süd-Autoverkehr durch unser Land zu ziehen. Wie schon eingangs erwähnt, werden wir im Osten via Brenner umfahren. Im Westen wird ebenfalls sehr viel der Weg um unser Land herum gewählt, um durch die burgundische Pforte und über Lyon die Riviera zu erreichen. Dabei ist unzweifelhaft, dass, wenn ein direkter, ganzjährig fahrbarer Strassenzug durch die Schweizer Alpen bestehen würde, diesem von Deutschland her, vor allem aus Gründen der Zeit- und Betriebsstoffersparnis (denn es wäre der kürzeste Weg von Deutschland nach Oberitalien), der Vorzug gegeben würde. Was heute fehlt, ist eine direkte, auch im Winter fahrbare Strassenverbindung von Stuttgart oder München nach Mailand und somit an die Riviera. Sicherlich würde ein Solcher direkter Strassenzug nicht nur als Zufahrtsstrasse für die italienische, sondern in gleichem Mass auch für die französische Riviera in Frage kommen. Sie würde auch gerade in Verbindung mit den schon bestehenden ausländischen Strassenzügen gerne im Wechsel benützt. Für die Schweiz stellt -sich nun die Frage, wo sich am leichtesten eine das ganze Jahr fahrbare Nord-Süd-Verbindungsstrasse durchführen Hesse. In der West- und Zentralschweiz besteht wohl kaum eine Möglichkeit dafür. Der Simplon käme eventuell noch in Frage, aber erstens wird dort die Lawinengefahr doch nie ganz vermieden werden können, und zweitens — was besonders ins Gewicht fällt — stellt er keine direkte Verbindung zur Nordschweiz dar, sondern es müsste immer der Umweg über Vevey oder Lausanne gesucht werden, wenigstens solange nicht eine" Rawil- oder Sanetschstrasse besteht. Auch der Gotthard eignet sich nicht für den Winterverkehr. Die Schneemassen, die dort fallen, und die Tremola, als ein nicht zu vermeidender Lawinenkessel, sind einem Winterverkehr ungünstig. Es bleibt also nichts anderes übrig, als den Verlauf einer Nord-Süd-Alpenstrasse im Bündnerlande zu suchen. Dass dort die Frage einer ganzjährig fahrbaren Transitstrasse nichts neues ist, sondern schon lebhaft diskutiert wird, haben uns die letzten Wochen gezeigt. Ein besonderes Verdienst, den ganzen Fragenkomplex aufgegriffen zu haben, hat Oberst von Gugelberg in Maienfeld, der im" bündnerischen Grossen Rat eine Motion einbrachte, die die Regierung einlädt, die Frage zu prüfen, ob es nicht die wirtschaftlichen und verkehrspolitischen Interessen des Kantons verlangen, dass die bald kommende internationale Alpenstrasse, die den Norden Europas mit dem Süden verbindet, durch die bündnerischen Alpen gebaut und eine Sonderaktion für den Ausbau einer erstklassigen Passstrasse unternommen werde. Die Strasse muss so gelegt werden, dass der ganze Kanton in ihrer Interessenzone liegt; die notwendigen Geldmittel sollten auf dem Anleihenswege beschafft werden. Mit dem Einbringen dieser Motion ist die Frage über den Ausbau einer Nord-Süd- Transitstrasse durch die Schweiz in den Bereich der offiziellen Diskussion getreten. Es musste sich die bündnerische Regierung damit befassen und ihre Stellung vom Regierungstisch aus präzisieren. Dabei war die Wichtigkeit einer solchen Transitstrasse unbestritten; die Motion wurde von der Regierung entgegengenommen mit dem Versprechen, die Vorarbeiten fortzusetzen und zu gegebener Zeit Bericht zu erstatten. Zu hoffen ist, dass diese Berichterstattung nicht zu lange auf sich warten lasse. Sicherlich bildet eine der Hauptschwierigkeiten für die Ausführung des Projektes die Finanzierung. Aus den normalen Krediten für den Strassenbau in Graubünden kann dafür nicht geschöpft werden. Deshalb schlägt der Motionär auch gleich den Anleihensweg für die Geldbeschaffung vor. Es scheint uns dies auch tatsächlich die einzige Möglichkeit zu sein, um in absehbarer Zeit zum Ziel gelangen zu können. Nicht einfach zu lösen ist auch die Frage, wo diese Transitstrasse durchgeführt werden soll. Es besteht die nicht unbedenkliche Gefahr, dass sich im Kanton Graubünden selber verschiedene Interessengruppen mit divergierenden Projektvorschlägen bilden könnten. Dies würde selbstverständlich einer baldigen Lösung der Frage äusserst hinderlich sein, und es ist nur zu hoffen, dass alle lokalen Interessen in diesem Falle zurücktreten, im Hinblick auf die Grosse des Werkes und seiner Auswirkung auf die gesamte bündnerische Volkswirtschaft. Als feststehender Programmpunkt dürfte gelten, dass die Transitstrassenführung ein möglichst grosses Einzugsgebiet haben muss, und zwar so, dass alle Haupttäler und Hauptfremdengebiete möglichst direkten Anschluss bekommen. Dass dabei nicht alle Orte unmittelbar an einer solchen Durchgangsstrasse liegen können, ist klar, und es wird sich der eine oder andere bescheiden müssen, im Hinblick auf die doch allgemein sich auswirkende Nützlichkeit des Werkes. Es stehen heute zwei Projekte im Vordergrund: Einmal der Ausbau des Strassenzuges Sargans, Chur, Lenzerheide, Julier, Malöja und dann derjenige des Strassenzuges Chur, Thusis, San Bernardino, Bellinzona. Für das erstere Projekt mag geltend gemacht werden, die im Bereiche der Möglichkeit liegende Offenhaltung des Juliers im Winter, und dann die bereits durchgeführte ganzjährige Oeffnung des Maloja. Für das zweite Projekt spricht eine direktere Linienführung ohne Gegensteigungen (wie z. B. über die Lenzerheide) und dann die Möglichkeit, den San Bernardino zu untertunneln, um damit eine maximale Verkehrssicherheit zu erlangen. Dazu käme noch die ganzjährige direkte Verbindung des Misox mit dem übrigen Graubünden. Die Kosten für einen San Bernardino-Tunnel dürften ca. 10 Mill. Fr. U I L L E T O N Herrn Collins Abenteuer. Roman von Frank Heller. (5. Fortsetzung) Am 15. April enthielten sämtliche Morgenzeitungen die Mitteilung, dass es am Tage vorher gelungen war, nicht weniger als 118 falsche Sovereigns in verschiedenen Teilen der City anzubringen. Das Geld, das ausgezeichnet nachgeahmt war, war in den verschiedenen Geschäften, wo es ausgegeben wurde, gar nicht beargwöhnt worden, erst in den Kontors der Bank hatte man den Betrug entdeckt. Grosse Bestürzung herrschte, aber man hoffte, dass die Polizei den Verbrechern bald auf der Spur sein würde. Man glaubte, Anhaltspunkte zu haben. Die Zeitungen bedauerten allgemein das Vorgefallene, aber stimmten den Hoffnungen der Geschäftsleute zu, die Schuldigen bald hinter Schloss und Riegel zu sehen. «Hier im Lande», schrieb der «Morning Leader», «haben solche Herren selten lange einen Markt für ihre Waren gehabt.» Und die «Times», das ehrwürdigste der Pfessorgane, schloss ihren Artikel über die Sache mit folgenden Worten: «Wir bedauern ebenso wie unsere Kollegen die Opfer des Geschehenen; aber gleichzeitig müssen wir unsere Verwunderung über die Leichtigkeit aussprechen, mit der man sich düpieren Hess. Wenn es einen Laut auf der Welt gibt, der noch wohlbekannter ist als die englische Sprache, ist es sicherlich der Klang des englischen Goldes.» Das venerable Blatt hatte recht. Und doch sprach es, mit Verlaub gesagt, aus dem hohlen Fasse. Denn der Klang des englischen Goldes, den es in so beredten Worten rühmte, war so geschickt nachgeäfft, dass es am nächsten Tage, dem 16., gelang, nicht weniger als vierzehn falsche Pfund im Bureau der Zeitung selbst anzubringen. Derselbe Tag brachte noch eine Menge anderer Hiobsbotschaften. Weit davon entfernt, nach ihrem ersten Erfolg zu ermüden, schienen die Verbrecher im.Gegenteil dadurch zu neuen Taten angefeuert zu sein. Im ganzen östlichen London und -in der City hatte «man» die Leistungen des Montags, nur in viel grösserem Massstabe, wiederholt. In Tabaktrafiken, Bars, Juweliergeschäften und Restaurants war falsches Gold im Betrage von ungefähr 250 Pfund placiert worden, alle von derselben guten Marke wie die Münze des Montags. Ganz wie da hatten die Betrüger in dem Grade die Aufmerksamkeit zu vermeiden gewusst, dass die Betreffenden immer erst im Bankkonto den Verlust merkten, den sie erlitten hatten. Kein Signalement von Wert konnte gegeben werden, nur eine Unmasse von Verdachtsmomenten war der Polizei mitgeteilt worden, und die Detektivs arbeiteten im Schweisse ihres Angesichtes. Wenn man am Donnerstag, 17., noch auf Besserung zu hoffen gewagt hatte, auf irgendeine Zaghaftigkeit bei der Verbrecherbande, so erwiesen sich alle derartigen Hoffnungen als fehlgeschlagen. Nicht genug damit, dass die — entdeckten — Placierungen falscher Sovereigns für den Tag die Ziffer von fast 300 erreichten und das Tätigkeitsfeld der Verbrecher sich jetzt schon von South Kensington bis London E. C. erstreckte, trafen aus den Gegenden um Fenchurch im Osten und Kensington südlich vom Flusse die ersten Nachrichten über falsche Silbermünzen in allen Werten von zwei Schilling an ein, und eine Schneiderfirma in Holborn rapportierte laut klagend die ersten falschen Fünfpfundnoten. Die Zeitungen, die die Sache am Anfang mehr en passant behandelt hatten, begannen die Ohren zu spitzen; die Nervosität des Publikums war im Steigen begriffen, was man an den vielen «Eingesandt» sah, und die Polizei, Scotland Yard, in die man unerschütterliches Vertrauen setzte, hatte noch nichts mitzuteilen. Wie operierten die Verbrecher? Man wusste es nicht. Wie konnte es ihnen gelingen, Gewicht, Prägung und Klang der Münze so gut nachzuäffen? Man wusste es nicht. Wo hatten sie ihre Zentrale, in London, im Ausland oder in der Provinz? Man wusste nichts darüber. Verwirrung und Staunen, so kann man die Tage, die folgten, zusammenfassen, den 18., 19. und 20. April. Der 18. war durch den ersten Raubzug der Verbrecher in der Provinz markiert; der 19. durch ihre Plünderungen in Schottland, der 20., der ein Sonntag war, brachte eine kurze Ruhepause. Eine Menge Verhaftungen wurden auf die Anzeigen der erschrockenen Ladenbesitzer hin vorgenommen, einige wenige davon führten zur Festnahme alter bekannter Gewohnheitsverbrecher, die doch vermutlich nicht das geringste mit der Sache zu tun hatten, und das Resultat der übrigen war die Freigabe mit oder auch ohne Entschuldigungen. Waren die Schuldigen unter diesen Arretierten, so mussten sie im Besitze ausserordentlicher Schutzmittel sein. Die «Times», die sich seit ihrem Missgeschick vom 16. ziemlich still verhalten hatte, brachte am Montag einen Artikel, betitelt: videant consules, in dem das ehrwürdige Blatt mit der Polizei scharf ins Gericht ging. «Wie lange», fragte die Zeitung, «wird die Sicherheit der Geschäftsleute einer Baude Verbrecher, deren einziges Verdienst vermutlich nur in ihrer Frechheit liegt, als Beute preisgegeben werden? Mag sein, dass ihre «Ware» vortrefflich und der Klang (sie) und das Gewicht unserer Münze recht geschickt nachgeahmt sind — was wir sagen wollen, ist dies: hat die Polizei nicht die genügende Kompetenz, dieser Bande habhaft zu werden und das geschäftliche Leben vor ihren Plünderungen zu beschützen, dann steht es schlecht um Recht und Gesetz hier im Lande. Die Verhütung, respektive Bestrafung solcher verbrecherischer Taten ist die Aufgabe von Scotland Yard, sie muss erfüllt .werden. Noch einmal: videant consules...» Dieser Artikel war vom 21. April datiert. Zwei Tage darauf ereignete sich die Episode mit Herrn Werffei aus Schlesien. Herr Werffei wurde zuerst in Oxford gesehen, wo es ihm gelang, eine Hotelrechnung mit einer Handvoll falscher Goldmünzen zu bezahlen; bevor die Sache entdeckt wurde, war er in seinem Auto aus der Stadt verschwunden. Diesmal war jedoch die Spur so deutlich, als man nur wünschen konnte, und wenn es Herrn Werffei auch auf seinem Wege gelang, noch weitere fünf oder sechs Pfund anzubringen, wurde er doch, wie es zu erwarten war, bald festgenommen. Es war die Polizei in Arminster, der die Ehre dafür gebührt. Bei der Anhaltun? zeigte es sich, dass er nicht weniger als fünf kleine Stoffsäckchen von der bei den Banken üblichen Sorte voll falscher Sovereigns bei sich trug im Gesamtbetrage von etwa 300 Pfund. Endlich schien man also einen der Führer der Bande gefangen zu haben, der Jubel in der Presse war gross, um so mehr, als der Angehaltene ein Deutscher war — aber von kurzer Dauer. Denn in Uebereinstimmung mit Herrn Werffels hohnvoll aufgenommenen Versicherungen zeigte es sich, dass er ein