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E_1933_Zeitung_Nr.003

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Ansg&be: Deutsche Schweiz Nummer 20 Cts. BERN, Dienstag, 10. Januar 1933 29. Jahrgang - N° 3 ERSTE SCHWEIZERISCHE AUTOMOBIL-ZEITUNG Zentralblatt für die schweizerischen Automobil- und Verkehrsinteressen ABONNEMENTS-PREISE: Erscheint jeden Dienstag und Freltan Monatlich „Gelbe Liste" Halbjährlich Fr. 5.—, jährlich Fr. 10.—. Im Ausland unter Portozuschlag, soiern nicht postamtlich bestellt. Zuschlag für postamtliche Bestellung 30 REUAKTION tu ADMINISTRATION: Breltenrainstr. 97, Bern Rappen. Postcheck-Rechnuns HI/414. Telephon 2S.222 • Telegramm-Adresse: Autorevue, Bern INSERTIONS-PREIS: Die achtgespaltene 2 mm hohe Grundzeile oder deren Baum 45 Cts. für die Schweiz; lur Anzeigen aus dem Ausland 60 Ctl Grossen Inserate nach Seitentarif. Inseratenschhus 4 Tag« vor Erscheinen der Nummern Theorie und Praxis Zu einem weiteren Vorschlag der Verkehrs Sanierung. bevor die Broschüre von Unmittelbar Dr. Saitzew im Auftrag der Generaldirektion der S. B. B. erschien, in welcher generelle Vorschläge zur Lösung des Wettbewerbproblems zwischen Eisenbahn und Automobil gemacht werden, wandte sich ein im Eisenbahnfach erfahrener Praktiker mit weiteren Rezepten an die Oeffentlichkeit. Unter dem Titel « Rail et Route » schlug Dr. R. Zehnder, Direktor der Montreux-Oberland-Bahn, einen neuen Weg ein, der übrigens zu einem den Vorschlägen von Dr. Saitzew gerade entgegengesetzten Ziel führt. Der letztere will nämlich nicht etwa «die Eisenbahn von den ihr übertragenen gemeinwirtschaftlichen Aufgaben und wesensfremden Lasten entbinden, um sie, ohne Rücksicht auf ihre volkswirtschaftliche Bedeutung, nach rein eigenwirtschaftlichen E rwägungen betreiben zu können », sondern möchte eher « das Automobil in den durch den Staat im volkswirtschaftlichen Interesse zu regulierenden Gesamtverkehrs-Apparat eingliedern», d. h. seinen Aktionsradius und seine weitere Entwicklungsmöglichkeit hemmen, indem die Arbeitsbedingungen und vieles andere mehr der jetzt geltenden starren Regelung bei der Eisenbahn angepasst würden. Dr. Zehnder dagegen schreibt, er gäbe viel eher einer anderen Lösung den Vorzug, durch welche die Eisenbahn von verschiedenen ihrer Lasten befreit und dadurch eher auf ähnliche Existenzbedingungen und -Voraussetzungen wie das Automobil komme. In anderen Worten: «man wird die Eisenbahn verschiedener Verpflichtungen entheben müssen, die ihr Konkurrent nicht kennt und ihr anderseits die finanzielle Unterstützung der Allgemeinheit, vertreten durch den Staat, angedeihen lassen, und zwar in einem Masse, wie sie heute schon dem Automobil zugute kommt.» so weltfremd ist, wie nur eine Theorie überhaupt sein kann. Herr Zehnder rechnet uns nämlich . vor, dass der Kapitalwert des schweizerischen Strassennetzes 3,6 Milliarden Franken beträgt, was zu 4 Prozent einen Jahreszins von 145 Mill. Fr. ergibt. Dazu kommen 80 Mill. Fr. Ausgaben der Kantone für den Unterhalt und Ausbau der Strassen. Demgegenüber stehen zwar 71 Mill. Fr. Einnahmen aus dem Motorfahrzeugwesen, allein, da es sich größtenteils um Einnahmen aus Zöllen handelt, haben nach Ansicht des Rechenkünstlers die Automobilisten gar keinen Anspruch darauf, dass diese Millionen etwa für das Strassenwesen Verwendung fänden. Diese 225 Mill. Fr. an jährlichen Zinsen und Aufwendungen für die Strassen sollten zu vier Fünftel durch die Motorfahrzeugbenützer aufgebracht werden. Zu* dieser Proportion kommt der Verfasser unter Hinweis auf das Ergebnis der englischen Untersuchungskommission, die bekanntlich von den Verkehrsverbänden wegen ihrer Zusammensetzung und ihren Vorschlägen rundweg abgelehnt worden ist. (Sonderbar, dass für diesen Zweck das englische Beispiel herhalten muss, während man dann anderseits ganz vergisst, dass gerade in England die Einnahmen aus dem Automobilverkehr restlos in den Strassenfonds fliessen und zum grössten Teil zweckgebunden sind!) Vier Fünftel dieser Jahresausgabe, so wird weitergerechnet, sind 180 Mill. Franken. Das sollten die Motorfahrzeugbesitzer bezahlen. Sie tun es nicht (!), also schenkt man ihnen diese Summe, welche rund 80 Prozent der Gesamtausgabe darstellen. Nun hat aber die Eisenbahn genau das gleiche Recht wie das Automobil. Also darf auch sie 80 Prozent ihrer ursprünglichen Ausgaben für den Linienbau, sowie für den Unterhalt vom Staat zurück- F E U I L L E T O N Herrn Collins Abenteuer. Roman von Frank Heller. (6. Fortsetzung) Draussen in Southampton Road blieb er stehen und überdachte die Sachlage. Natürlich war bei M. Lavertisse nichts zu finden gewesen, das war ja klar, bei dieser verdammten Affäre war ja überhaupt nirgends etwas zu finden. Was sollte er jetzt tun ? Antwort auf die Telegramme, die er zur Prüfung seiner letzten Theorie abgesandt hatte, konnte er nicht vor Nachmittag erwarten. .. Während er noch so nachdachte, sah er plötzlich zwei Personen, deren Anblick ihm zu einem raschen Entschluss verhalf. Der eine war der schwarzhaarige Herr, den er eben erst im Laden gesehen hatte, und der nun in seinem Auto um die Ecke von Holborn bog und wieder vor dem Geschäft vorfuhr; der andere war einer seiner eigenen Helfer, Blair, der sich an der Ecke der Sicilian Avenue eben die Schuhe bürsten Hess. Kenyon ging rasch über die Strasse auf den letzteren zu. < Blair >, sagte er, «behalten Sie diesen französischen Kuriositätenladen eine Stunde lang im Auge und kommen Sie dann ins Holbornrestaurant und legen Sie mir Rapport ab. Ich gehe hin und nehme meinen Lunch. Wahrscheinlich werden Sie mir nichts Wichtiges mitzuteilen haben, aber immerhin ... Und ja, richtig, bringen Sie heraus, wem das Auto gehört, das dort vor dem Laden steht.» Kenyon ass seinen Lunch, während er die «Pall Mall» und die «Westminster Gazette» las, ein Studium, das keineswegs danach angetan war, seinen Appetit anzuregen. Beide behandelten die Falschmünzeraffäre in einem kurzen Artikel. « Noch ». schrieb die » Pall Mall», «haben wir nichts von der Arretierung der frechsten, am hellichten Tag operierenden Verbrecherbande gehört die wir seit fünfzig Jahren in England gehabt haben. Sie begann am 14. April, heute haben wir den 1. Mai. Schläft die Polizei? Schläft Mr. James Kenyon ? > Und die Witzbeilage der «Westminster Gazette» zeigte die Falschmünzerbande mit schweren Beuteln voll falschen Goldes nach dem Preis der Lorbeeren von Scotland Yard fragen. Kenyon schleuderte die Zeitungen mit einem Fluche weg, und sah Blair zur Türe hereinkomemn. «Ich habe Ihre Order ausgeführt, Sir», sagte dieser. « Bevor Sie noch um die Ecke waren, kam ein schwarzhaariger Herr aus dem Geschäft und fuhr in dem Auto, das Sie erwähnt haben, fort. Dann kamen drei junge Männer, die wie Kontoristen aussahen, über die Strasse und gingen ebenfalls in den Laden. Sie vergassen die Tür zu schliessen, und ich schlich hinter ihnen hinein, ohne dass sie es merkten. Sie gingen direkt in das rückwärtige Zimmer, ich guckte durch die Draperie und sah, wie sie Gold und Silber vor einem rothaarigen Mann ausleerten, den ich für den Ladenbesitzer halte; sie lachten alle vier, aber ich konnte nicht hören, was sie sagten. Der Ladenbesitzer trug die Posten in ein Buch ein, das er dann in einem Geheimschrank in der linken Ecke des Zimmers aufhob. Ich schlüpfte wieder hinaus, bevor sie mich bemerkten. Sonst ist men, was zusammen 127 Mill. Fr. ergibt, welche der Staat eigentlich der Bahn schuldet! Dagegen soll die Bundesbahn verpflichtet werden, ihre Tarife um 30 Prozent zu reduzieren, was dem Volke und der Wirtschaft wiederum 150 Mill. Franken einbringe. Dieses Exempel gefällt Herr Zehnder so gut, dass er es auch für die Privatbahnen wiederholt und dort zum Schlüsse kommt, dass der Staat diesen Unternehmungen eigentlich 28 Mill. Fr. pro Jahr schuldet, während durch Tarifreduktionen 27 Mill. Fr. wieder eingeholt werden können. Da staunt der Laie! Das eigentliche Ei des Kolumbus ist endlich gefunden worden! Auf der einen Seite gibt der Staat 127 resp. 28 Mill. Fr. zugunsten der Eisenbahnen aus, auf der anderen Seite profitiert das Volk durch die Taxreduktion eine Summe von 150 resp. 27 Mill. Fr. Nun wäre das Rechenexempel wirklich zu schön, wenn es nicht einen Riesenfehler von Haus aus mit sich brächte, nämlich den, dass Staat und Volk hier eben nicht zwei verschiedene Finanzeinheiten sind, sondern das Volk als Steuerzahler den Staat verkörpert, also der Betrag aus einer Hosentasche einfach in die andere verschoben wird, so dass im Endeffekt sowohl Staat als Volk gleichviel oder gleichwenig haben! Dies ist aber nicht der einzige Schönheitsfehler des Vorschlages von Dr. Zehnder. Wenn die Untersuchung nicht der Oeffentlichkeit übergeben worden wäre und sich bereits ein ; Teil der Tagespresse mit Feuereifer auf diese «Lösung» gestürzt hätte, könnte man über diese Erörterungen mit kaum mehr als theoretischem Wert ohne weiteres zur Tagesordnung schreiten. Nachdem aber die Broschüre vielerorts bereits eine eingehende Würdigung erfahren hat, sehen wir uns veranlasst, auch unserseits etwas den Deckel vom Topfe abzuheben. In der Einleitung wird von der Ueberproduktion auf dem Gebiete des Verkehrswesens und dem wilden Kampf zwischen Bahn und Auto gesprochen, der natürlich vom Auto, als dem später auf den Plan getretenen Fahrzeug, veranlasst worden war. Es kann nicht bestritten werden, dass wir nichts vorgefallen, aber über das Auto weiss ich Bescheid. Es gehört Professor Pelotard, Gothenburg Road 49.» « Danke, Blair, es ist gut», sagte Kenyon, « Sie können gehen. Pelotard». wiederholte er halblaut für sich selbst, «wo zum Teufel habe ich diesen Namen doch schon gehört ? » Er streckte die Hand nach Zucker zu seinem Kaffee aus und warf dabei zufällig einen Blick auf die Zeitungen vor sich. Auf der nach oben gekehrten Seite der « Pall Mall Gazette» erblickte er eine Annonce, die er nun schon seit zwei Jahren an derselben Stelle gesehen hatte. «Psychische Forschung» und die zerstreut blickende Gestalt darauf mit ihrem Shakespearefolio. Er lachte und las die wohlbekannten Phrasen durch: «Professor Pelotard sucht für eine grosse wissenschaftliche Arbeit.. mit hochgradiger Zerstreutheit, seelischer Unruhe und Gedächtnisschwäche zusammenhängend ... die unangenehmen Folgerscheinungen, die die Zerstreutheit zu einer wahren Geissei ... » und so weiter. Aha. da hatte er den Namen des Professors gesehen. Wie war es doch ? Hatte nicht der schwarzhaarige Herr im Laden den rothaarigen Professor angeredet ? Es hätte doch umgekehrt sein sollen. Tja. Kenyon raffte sich aus seinen Grübelelen auf. Man miisste an die Arbeit gehen, wenn auch ohne Hoffnung! Schläft Mr. Kenyon? zitierte er ironisch und ging. Um sechs Uhr desselben Abends kam Kenyon mit nicht, viel freudigerer Mine als am Morgen aus seinem Kontor. Auf seine Telegramme war eine Antwort eingelaufen, aber nicht die wichtigste, und die Situation war noch immer hoffnungslos. Verdammte Damit berührt er das Kernproblem seiner Untersuchung und gleichzeitig die von ihm verlangen. Das ergibt nach Schema Zehnder: vorgetragene Lösung. Die Grundlage hierzu für die vierprozentige Verzinsung des Baubildet ein kleines Rechenexempel, das sich Kapitals 56 Mill. Fr., wozu noch 71 Millionen auf dem Papier sehr schön ausnimmt, aber für Unterhalt und Streckenbewachung komin der Schweiz gegenwärtig und vielleicht noch für lange Zeit an einem Uebermass von Verkehrseinrichtungen verfügen. Dies liegt aber nicht am Aufkommen des Automobils allein. Wir haben auch viel zu viel Bahnen. Der blinde Glaube, dass jede Bahn Beschäftigungsmöglichkeit, Verkehr und Verdienst bringe, hat sich als verhängnisvoller Irrtum erwiesen. Viele Bahnen in der Schweiz wurden nicht aus Notwendigkeit gebaut, sondern aus politischen und spekulativen Gründen. Wir haben wohl keine Bahn in der Schweiz, bei der nicht bei der Gründung mit einem sicheren Gewinn gerechnet wurde. Man lese die Gründungsakten und Prospekte nach und wird dann erkennen, dass uns ein übertriebener Optimismus in die heutige Lage gebracht hat. Viele unserer Bahnen konnten auch in den besten Zeiten keinen Gewinn abwerfen. Die Bundesbahnen verzeichneten z. B. in den Jahren 1903—1909, als es noch keine Autokonkurrenz ab, fünf Jahresabschlüsse mit einem Gesamtverlust von 18 674 582 Fr. und nur zwei Jahresabschlüsse mit einem Gewinn von 4 767 789 Franken. Wenn von einer Hypertrophie des Verkehrs geredet wird, so muss man sich auch fragen, warum in diesem Falle ausgerechnet die Montreux-Oberland-Bahn, deren Direktor Herr Zehnder ist, einen Automobilbetrieb unterhält und mit grossen und kleinen Fahrzeugen Fahrten nach dem Grossen St. Bernhard, nach der Gruyere, nach Lausanne usw. ausführt und dabei die S. B. B. und andere Bahnen konkurrenziert. Herr Zehnder wird antworten, dieser Autobetrieb sei eine Notwendigkeit. In gleicher Weise sind aber auch die anderen Autobetriebe notwendig und wenn sie den Bahnen Konkurrenz bereiten, so tun sie lediglich dasselbe wie die Montreux-Excursions S.A. und wie die Autobetriebe anderer Bahnen und der Postverwaltung. Ein weiterer Abschnitt befasst sich mit den fesselnden Lasten, welche « eine Lawine von Gesetzen, Verordnungen und Vorschriften aller Art» den Bahnen aufbürden und sie an einem nach kaufmännischen Grundsätzen zu betreibenden Geschäft hindern und ihre Initiative unterbinden. Die gesetzliche Grundlage und die Verpflichtungen der beiden Kerle, fluchte er, und ging in ein Zigarrengeschäft, um sich eine Schachtel «State Express» zu kaufen. Er schleuderte eine Goldmünze auf den Tisch und bekam sie augenblicklich vom Ladenbesitzer zurück. «Versuchen Sie das bei einem andern, Herr», knurrte dieser aus seinem dicken Schnurrbart heraus. «Ich habe schon zu viele von der Sorte bekommen.» « Sie meinen doch nicht, dass er falsch ist ? » sagte Kenyon bestürzt und betrachtete den zurückgewiesenen Sovereign. « Und ob ich das glaube ». brüllte der gereizte Ladenbesitzer. «Sieht der Herr dieses Stück Kreide? Weiss der Herr was darin ist? Quecksilber! Versteht der Herr? Damit probiere ich die Ware. Die Echten greift es an, aber die Falschen nicht.» Kenyon stiess einen Pfiff aus; warum war noch niemand anders auf eine so einfache Probe gekommen? Dann wäre vielleicht die Hälfte der Fälle ungeschehen und die Verbrecher hinter Schloss und Riegel. Er zog einen andern Sovereign aus der Tasche; der Ladenbesitzer untersuchte ihn wie den vorigen und stürzte dann aus dem Geschäft. «Das gebt, hol' mich der Teufel, zu weit!» grölte er aus seinem Schnurrbart heraus. «Hier haben wir meiner Seel einen der Falschmünzerherren in eigener Person, das ist so, sicher wie das Evangelium. Sie kommen auf die Polizeistube, und zwar sofort!» Er hatte eine Stimme wie ein gereizter Stier. Die Zuhörerscharen strömten von allen Seiten herbei, und Kenyon musste, rot vor Wut, seine Polizeikarte herausziehen, die er aus Anlass der Falschmünzersache bei sich trug, bevor der gereizte Mann von ihm abtessen wollte. Er pfiff einem Taxi und musst»